US-Innenministerium überprüft Shells Arktis-Projekt

09. Januar 2013 · von Benjamin Borgerding

Das war knapp. Wohl nur haarscharf ist Shell zum Jahreswechsel an einem Ölunfall vorbeigeschlittert. Die Bohrinsel Kulluk war am Silvesterabend während der Überfahrt nach Seattle auf Grund gelaufen, nachdem sie sich bei schwerer See von ihrem Schlepper losgerissen hatte. Die Kulluk ist einer von zwei Ölbohrern, mit denen Shell im arktischen Meeresgrund vermutete Ölvorkommen anzapfen will. Die rund 600.000 Liter Diesel und Schmier- und Hydrauliköle an Bord der Plattform hätten in der Region Schlimmes anrichten können. Das Kodiak-Archipel ist Heimat von Bären, Seevögeln und einer vom Aussterben bedrohten Seelöwen-Art.

Die gestrandete Ölbohrinsel Kulluk - (c) US-Küstenwache

Die gestrandete Ölbohrinsel Kulluk - (c) US-Küstenwache

Die Plattform ist mittlerweile in der fünfzig Kilometer entfernten Kiliuda-Bucht in Sicherheit gebracht werden. Beinahe hätte Shell das Kunststück fertiggebracht, mit einer Bohrinsel einen Ölunfall zu verursachen, ohne nach Öl gebohrt zu haben (die Kulluk hatte an ihrer Bohrstelle in der Beaufortsee nur Oberflächenbohrungen durchführen dürfen). Häme wäre angesichts dieser Stümperei allerdings fehl am Platz. Dafür ist die Gefahr zu real, dass Shell das nächste Mal nicht so glimpflich davonkommt – von der Umwelt ganz zu schweigen. “Et hätt noch immer jut jejange” mag ein taugliches Credo für Wagenlenker beim Rosenmontagsumzug sein, ist aber ein bedenkliches Motto für Ölbohrungen in der Arktis. Man sollte einem Konzern mit rheinischer Karnevalisten-Mentalität nicht gestatten, in einem der sensibelsten Ökosystemen der Welt extrem risikoreiche Operationen durchzuführen.

Das US-Innenministerium scheint nun zu ahnen, dass mit Scherben rechnen muss, wer dem Elefanten den Porzellanladen aufschließt. Am Dienstag kündigte Innenminister Ken Salazar an, dass Shells Arktis-Projekt nochmals genauer unter die Lupe genommen werden soll. Die Sicherheitssysteme, die Übersicht über Verträge mit Dienstleistern und die Wahrung behördlicher Standards für Öl- und Gasbohrungen in der Arktis sollen nochmals auf den Prüfstand. Die Untersuchung, die innerhalb der nächsten sechzig Tage abgeschlossen werden soll, sei notwendig geworden aufgrund der vielen Zwischenfälle an Bord der Kulluk und des Bohrschiffes Noble Discoverer, mit dem Shell im Sommer die Arktis ebenfalls unsicher machen will. Auch die Noble Discoverer war übrigens schon außerplanmäßig gestrandet – im Juli 2012 im Hafen von Durch Harbour in Alaska. Im November fing dann – ebenfalls in Dutch Harbour – die Maschine des betagten Schiffes Feuer.

Der zerquetschte "containment dome"

Der zerquetschte "containment dome" - (c) BSEE

Gemessen an den Aufgaben sind sechzig Tage für die Prüfung nicht gerade großzügig bemessen. Die Prüfer werden sich auch mit dem Fall jener Notfallkuppel auseinandersetzen müssen, die bei einer behördlichen Überprüfung im September schwer demoliert worden war. Shell hat das Gerät mittlerweile erneuert. Bleibt zu hoffen, dass die neue Version etwas stabiler ist als die vorige, die nach den Tests den traurigen Anblick einer “zerquetschten Bierdose” bot (O-Ton eines US-Beamten). Klar ist: Shell hat jeglichen Kredit längst verspielt (sodenn ihn dieser Konzern jemals besessen hätte). Ölbohrungen in der Arktis sind angesichts der enorm hohen Risiken, denen kein auch nur halbwegs operabler Notfallplan gegenübersteht, ohnehin eine Dummheit sondergleichen. Shells üppige Pannengala lässt ein Ölunfall in der Region da als geradezu unvermeidlich erscheinen.

Die US-Regierung hat allen Grund beunruhigt zu sein. Präsident Obama muss jetzt ein Machtwort sprechen und dem Konzern die Erlaubnis für Ölbohrungen in dieser sensiblen Region wieder entziehen. Genau dazu fordert Greenpeace den Präsidenten auf – unterstützt die Petition!

Kommentare

Kommentar schreiben

Pflichtfeld

Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht

optional

Trackbacks

Permalink

Dieser Blogbeitrag ist unter folgender Adresse dauerhaft erreichbar:
http://blog.greenpeace.de/blog/2013/01/09/us-innenministerium-uberpruft-shells-arktis-projekt/trackback/