Bordgespräch mit Journalisten

03. April 2012

Greenpeace-Pressesprecher Björn Jettka berichtet von Bord des Forschungsschiffes “Königin Juliana” im Rahmen der Blogreihe zur havarierten Gas-Plattform Elgin in der Nordsee. Die derzeitige Position des Schiffes wird auf dieser Karte angezeigt.
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Greenpeace Pressesprecher Björn Jettka (l) im Gespräch mit dem Meeresbiologen Dr. Christian Bussau.

Der Moderator im ZDF-Morgenmagazin vergleicht die Webseiten von Greenpeace und Total. Eben sind die Bilder unserer Expedition in einem längeren Beitrag gelaufen. Nun geht es um Reaktionen im Internet zum Unfall auf der Gasplattform “Elgin”. Ich sitze in der Messe der “Köningin Juliana” und frühstücke. Die frischen Spiegeleier auf meinem Teller hat George unser Smutje gemacht. Er kommt aus Bukarest. An der Wand der Messe hängt der Flachbildschirm über den uns per Satellit das Programm aus Berlin erreicht.

Zwei Treppen höher ist die Brücke. Dort treffe ich auf zwei der mitreisenden Journalisten. Es ist früh am Morgen, wir sind auf der Rückfahrt nach Cuxhaven, es ist etwas Zeit für ein erstes Zwischenfazit zur Fahrt. Die Laborergebnisse für unsere Proben werden in circa zehn Tagen vorliegen, aber darum geht es eigentlich weniger. Schnell sind wir auf einer Metaebene. Ich finde es gut, dass sie mich durchaus kritisch nach dem Sinn und Zweck der Reise fragen. Klar, dass aus der Plattform Gas ausströmt und Öl ausgelaufen ist. Das wurde auch schon vor unserer Abfahrt berichtet. Dass es sich vermutlich um größere Mengen Gas handelt, konnten wir bereits während unseres Überflugs feststellen. “Warum also der Aufwand einer Expedition?”, steht nun als Frage im Raum. Da wir Zeit haben, hole ich weiter aus.

Vor zehn Jahren habe ich meine Stelle als Redakteur und Moderator bei einem Hörfunksender der ARD aufgegeben, um bei Greenpeace anfangen zu können. Und nach wie vor finde ich es spannend mit ehemaligen Kollegen – sprich Journalisten – über meine Arbeit als Pressesprecher bei einer der größten unabhängigen Umweltschutzorganisationen diskutieren zu können.

Dabei ist der Begriff “Pressesprecher” bei Greenpeace eigentlich etwas irreführend. Mit der Presse sprechen meine Kollegen. Biologen, Chemiker oder Ingenieure stehen dann vor der Kamera / dem Mikrofon und beantworten Fragen zu Klimawandel, Pestiziduntersuchungen oder wie jetzt einem Gasunfall. Meine Arbeit ist es, Strategien für unsere Kommunikation zu entwickeln, Presseerklärungen zu redigieren oder als eine Art von Reporter vor Ort für unsere eigenen Medien Beiträge zu produzieren. Ich bringe Fakten in Form, versuche Expertensprache allgemein verständlich zugänglich zu machen.

Fakt ist, dass wir an der Elgin-Plattform nicht nur Proben gezogen und uns ein Bild von der Lage gemacht, sondern auch Signale gesetzt haben. Es gibt eine Organisation, die in der Lage ist, unabhängig, überparteilich und jederzeit große Konzerne oder Regierungen zu kontrollieren. Vielleicht nicht in allen Belangen, aber immerhin wenn es um Umweltschutz geht. Insofern sehe ich auch immer noch eine Parallele zu meiner Zeit als Journalist bei einem Massenmedium. Auch Medien melden Unfälle, recherchieren Skandale, berichten unabhängig und haben eine Kontrollfunktion.

Dass Greenpeace seine Arbeit machen kann, verdanken wir mehreren hunderttausend Fördermitgliedern deren Spenden uns groß machen. Einer der Förderer hat uns übrigens durch Wellen und Wind sicher zur Elgin und zurück gesteuert. Unser Kapitän hat mir erzählt, dass er seit Anfang der Achtziger Jahre für Greenpeace spendet. Für beides an dieser Stelle: Danke!

Elgin-Unfall: Feiner Ölfilm auf dem Wasser

02. April 2012

Greenpeace-Chemieexperte Manfred Santen nimmt Luftproben - (c) Jörg Modrow

Blogreihe zur havarierten Gas-Plattform in der Nordsee. Die derzeitige Position des Schiffes wird auf dieser Karte angezeigt.
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“Wenn diese Sauerei im Hamburger Hafen passiert wäre, dann säße der Kapitän bereits im Knast!” Flo, Ben und Michi sind sich sofort einig, als sie den großen Ölteppich sehen, der von der Elgin-Plattform langsam zu uns herübertreibt. Ben, der Bootsmann, fügt hinzu: “Soviel Geld kannst Du im Jahr gar nicht verdienen, wie du dafür an Strafe zahlen müsstest.” Michi, der erste Offizier der “Koningin Juliana” und Flo nicken und machen sich wieder an die Arbeit. Wir sind buchstäblich mitten in den Folgen des Gasunfalls der Elgin-Plattform angekommen und sehen das Desaster mit eigenen Augen.

Bei der Entnahme der Wasserproben an der Sperrzone der Gasplattform Elgin - (c) Jörg Modrow / Greenpeace

Das Öl treibt an der Oberfläche der Nordsee. Es ist ein feiner Ölfilm, der mit gelben butterartigen Flocken durchsetzt ist. Von diesen Flocken war in den Mitteilungen des Ölkonzerns Total bisher keine Rede und ich bin gespannt, was die Analysen an Land ergeben werden. Das Labor wird außerdem fünf Säcke mit Luft bekommen, die wir am Morgen im Lee der Plattform gefüllt haben. Jeder Sack ist mit Uhrzeit und genauer Position der Probenahme beschriftet, so dass sich anschließend hoffentlich Rückschlüsse auf die Größe der Gaswolke ziehen lassen, die von der Plattform zu uns herüberweht.

Der Ölteppich, in dem wir liegen, ist wirklich eklig. Es ist von See aus nur schwer möglich, die genaue Größe zu schätzen. Da wir uns auf der windabgewandten Seite der Plattform außerhalb der Sicherheitszone befinden, muss der Teppich aber mindestens drei Seemeilen lang sein. Seit einer halben Stunde ist jetzt auch eines unserer Schlauchboote im Wasser, um weitere Proben einzusammeln. Sobald das Boot wieder an Deck ist, werden wir der Sicherheitszone entlang die Plattform umrunden. Dabei wollen wir weitere Aufnahmen mit der Infrarotkamera machen. Von der Seite lässt sich dann vielleicht auch sehen, wie weit die Gaswolke reicht. Noch haben wir einen halben Tag, um uns hier vor Ort einen Überblick zu verschaffen. Zeit, die wir bestmöglich nutzen wollen.

Ach, eins noch, entweder ist das Wetter besser geworden, oder wir haben uns allmählich an das Rollen und Stampfen des Schiffes gewöhnt. So oder so haben sich die meisten Journalisten und Kampaigner wieder einigermaßen erholt. Ganz sicher liegt dies aber nicht an dem leichten Ölgeruch, der hier über allem schwebt. Darauf könnten wir gut verzichten.

Die See zeigt sich störrisch

01. April 2012

Blogreihe zur havarierten Gas-Plattform in der Nordsee. Die derzeitige Position des Schiffes wird auf dieser Karte angezeigt.
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Starker Seegang auf dem Weg zur Unglücksplattform Elgin in der Nordsee. - (c) Jörg Modrow / Greenpeace

Tüten, Tüten immer wieder diese Tüten. Ich habe keine Ahnung warum die Crew Spuckbeutel aus Klarsichtfolie austeilt, aber der Effekt ist enorm. Jeder weiß von jedem, was er ein paar Minuten vorher gegessen hat. Unser Fotograf scheint eine Vorliebe für Karottensaft zu haben, seine vollen Beutel sind immer orange.

Die „Königin Juliana“ verträgt den Seegang von uns allen am besten. Das jetzige Expeditionsschiff ist vor 40 Jahren als Fischtrawler in Holland gebaut worden. Danach wurde es als Schulungsschiff für angehende Fischer genutzt und schließlich vor zwei Jahren in Cuxhaven zum Forschungs- und Expeditionsschiff umgebaut. Ihre Majestät scheint das Wetter regelrecht zu genießen und wir müssen wohl oder übel nach ihrer Nase tanzen. Wir sind acht Mann Besatzung sowie neun Journalisten und 13 Greenpeace-Aktivisten. Morgen früh werden wir die Elgin-Plattform erreichen.

Einige trotzen dem Seegang. - (c) Jörg Modrow / Greenpeace

An Bord haben wir zwei Schlauchboote. Ein 4,65 Meter langes und ein 7,5 Meter langes Boot jeweils mit Dieselmotor. Mit den Booten wollen wir Proben des Oberflächenwassers rund um die Sicherheitszone der Elgin-Plattform nehmen. Dazu kommt die Mittelwelleninfrarotkamera, die Gase sichtbar macht und ein System für Luftprobenahmen. Über eine Pumpe lassen sich damit Säcke mit Luft füllen, die wir anschließend zur Analyse mit Gaschromatograph und Massenspektrometer in ein Labor geben.

Wirkliche Sorgen bereitet uns heute aber die Satellitenanlage. Immer wieder fällt sie aus und unser Funker meint, dass es irgendwo einen Kurzschluss im Kabel geben muss. Wenn wir keine Lösung finden, wird es schwierig die Kommunikation mit dem Festland aufrecht zu erhalten. Klar, es gibt mehr als eine Anlage an Bord, aber nur mit dieser einen lassen sich größere Datenmengen wie Bilder und Videos versenden.

Gerade höre ich, dass Funker und Fotograf die ersten Bilder gesendet haben. Improvisiert mit Kabel von der Brücke auf das Achterschiff und per Auge ausgerichteter BGAN-Antenne auf einen Satelliten über dem Horizont. Ich nutze die Gunst der Stunde und schicke meinen Blog-Beitrag den Bildern hinterher bevor die Verbindung wieder abbricht. Elgin