Im Rahmen unserer Arbeit zum 25. Jahrestages des Super-GAUs in Tschernobyl haben wir mit den Mitmacher/inne/n unserer Online-Community GreenAction eine Weiterschreib- und Erinnerungsgeschichte initiiert. Sie soll die Verantwortlichen mahnen, endlich zu den Erneuerbaren Energien zu wechseln. Nun ist die Geschichte fertig geschrieben und Anike Hage hat die sechs Kapitel mit sehr schönen Zeichnungen abgerundet. Weil uns die Geschichte so gut gefällt, wollen wir sie euch hier im Blog vorstellen.

Zeichnung von Anike Hage zu Kapitel 6: Die verbotene Rückkehr
Ich schluckte, nahm mir dennoch schnell ein Herz und platzte heraus: “Wann kann ich zurück nach Hause? Wann kann ich zurück nach Bartolomäi? Wann kann ich zurück in meine Heimat? Können Sie mir helfen?” Der Mann betrachtet mich verwundert. Er hat sicher nicht mit einem solchen Überfall gerechnet. Ich sah ihn um eine Antwort bittend an und legte dabei meine Hände auf mein Herz. Brummig raunte mir der Uniformierte zu: “Nie wieder. Du kannst nie wieder zurück! Deine Heimat ist verloren.”
Ich wurde weiß wie Schnee im Gesicht und taumelte. Der Fremde schaute mich mitleidig aus seiner Gasmaske an und stützte mich kurz. “Brauchst du einen Arzt?” Ich schüttelte nur leicht den Kopf und lehnte mich an die Flurwand im Krankenhaus. Dabei drückte ich Vladi so fest an mich, so dass er anfing sich zu wehren und leicht zu fiepen. Schnell nahm ich ihn sanfter und er kuschelte sich wohlig an mich. Ich sah den Mann mit der Gasmaske nocheinmal an, drehte mich dann um und ging hoffnunglos zurück in die neue, kalt wirkende Wohnung.
Dort angekommen, musste ich heftig weinen. Unter Tränen gab ich Vladi etwas zu essen. Ich weiß nicht wie lange ich dann in der Küche gesessen habe und weinte. Alles war verloren. Alles! Aber ich sehnte mich so sehr nach der Wärme des kleinen Dorfes, der Schönheit der Natur und nach meinem Haus, meinem Wohnzimmer, meinem Garten und meinen Freunden. Ich weinte solange bis ich keine Tränen mehr hatte.
Vladi versuchte mich zu trösten und umspielte ständig meine Beine. Schließlich sprang er auf meinen Schoss und leckte mir die Tränen vom Gesicht. Darüber musste ich dann doch lächeln. So ein lieber Zwerg, dachte ich. Spät am Abend ging ich Schlafen und nahm mir vor meine ehemaligen Nachbarn zu suchen. Ich wollte in dieser kalten Stadt nicht allein sein. Nein, ganz bestimmt nicht. Lieber ginge ich zurück nach Bartolomäi!
In der Nacht träumte ich unruhig und wachte am nächsten Morgen zerschlagen auf. Dennoch machte ich mich nach einem Tee mit Vladi auf den Weg zu den Behörden. Sie mussten wissen wo ich meine Nachbarn finden kann. Dort angekommen traf ich nur auf wenig hilfreiche Beamte. Unfreundlich wurde ich abgewiesen mit dem Hinweis, ich solle mich um meine neuen Nachbarn kümmern.
Aber so schnell gab ich nicht auf. Ich setzte mich in den Bus und fuhr in andere Stadtrandsiedlungen. Ich hoffte so sehr, andere Dorfbewohner zu finden. Jeden Tag schnappte ich mir Vladi, setzte mich in den Bus und fuhr in eine andere Ecke der Stadt. Nach einer Woche wollte ich schon aufgeben, als ich traurig durch eine Grünanlage eines Vorstadtviertels ging. “Faina, Faina bist du das?” Es dauerte etwas bis die Worte mich erreichten. “Faina!” Ich schaute auf und sah Eva vor mir. “Eva”, stammelte ich.
Ich muss sie wie einen Geist angeschaut haben. Sie lachte und hakte sich unter. Eva war eine fröhliche, junge Frau, die einige Häuser weiter gewohnt hat. Sie plapperte gleich los: “Faina, mein Mann und ich gehen zurück nach Bartolomäi. Wir halten es in der Stadt nicht aus. In spätestens drei Monaten sind wir wieder zu Hause!” Als sie das sagte, strahlten ihre Augen voller Glück. “Nehmt ihr mich mit? Ich will auch Heim, bitte!” “Hast du keine Angst?” “Doch,” sagte ich ihr etwas bedrückt, “aber ich kann hier nicht leben.” “Dann kommst du mit uns!” Ihr Strahlen wurde noch schöner und steckte mich an.
Wir blieben in engem Kontakt und planten unsere Reise zurück nach Hause. Wir trafen uns fast täglich, fassten Hoffung und freuten uns jeden Tag mehr. Doch wir wussten, es würde nicht einfach werden. Aber das war uns egal und nach nicht allzulanger Zeit waren wir schon zu siebt. Wir hatten weitere Dorfbewohner getroffen und ihnen von unserem Entschluß erzählt. Alle wollte mit uns kommen. Wir träumten gemeinsam von unserem Dorf. Das gab uns jeden Tag neue Kraft.
Mit der Zeit schafften wir es sogar in Gomel im gleichen Stadtviertel zu wohnen. So hatten wir uns eine neue kleine Dorfnachbarschaft geschaffen. Es tat gut und brachte etwas Wärme in die Stadt. Aber aus den drei Monaten war schon fast ein Jahr geworden. Täglich trafen wir uns nach der Arbeit zum Tee, redeten und träumten von unserem Dorf. Überlegten was wir machen würden, wenn wir wieder zu Hause wären.
So ging es Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr. Nie gaben wir unsere Träume auf und trafen uns täglich. Doch unser Dorf lag in der verbotenen Zone. Wir durften nicht zurück, noch kontrollierte die Regierung streng. Aber wir warten auf den Moment, wo sie unaufmerksam wird. Dann gehen wir gemeinsam zurück. Und der Tag kam, als wir alles packten und die Stadt verließen.
Heute bin ich 86 Jahre alt. Und ich bin wieder zu Hause, zu Hause in Bartolomäi. Manch einer fragt sich, wie es denn sein kann, dass ich so alt geworden bin. Ich muss sagen, ich weiß es wirklich nicht. Wahrscheinlich wollte es der liebe Gott so oder es liegt daran, dass ich es einfach nicht einsehe, aufzugeben. Ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben und kann es, wenn der Tag kommt, voller Freude verlassen. Wer kann das schon von sich sagen.
(Autorin: Pixelmaid)