Nach Jahrzehnten im Einsatz gegen die Atomenergie führt die letzte Reise der Beluga nun an jenen Ort, der symbolisch für den Kampf um ein sicheres Endlager steht. Greenpeace-Atomexpertin Susanne Neubronner berichtet aus Gorleben:
Gorlebener Forst: Freitag 17.Mai. – Jetzt ist es auch offiziell – Die Beluga zeigt ihren neuen Heimathafen mit gewissem Stolz. Aktivisten überstrichen den Schriftzug „Hamburg“ und nun prangt am Heck der Schriftzug: BELUGA Gorleben.
Es ist heiß: Die Sonne strahlt und alles ist in Bewegung. Wenn Gräfin und Graf von Bernstorff heute kommen, um das Mahnmal einzuweihen wird alles stehen. Und hoffentlich ist auch das Wendland in Bewegung und erscheint mit zahlreichen Bewohnern. Gestern wurde uns berichtet, dass die Bauern eine Anzeige in der Zeitung schalten wollen: „Wir kommen mit Treckern“… und wenn das passiert, dann kommen die Bauern auch mit ihren Treckern, sagt man hier. Die Landmaschinen sind aber mittlerweile so groß, dass wir schon ein wenig um den Platz bangen. Ein schönes Bild würde es dennoch abgeben, denn was wäre das Wendland, was wäre der Gorleben-Protest ohne Traktoren?
Und heute ist ein deutliches Zeichen bitter nötig: Das schlampig und übereilt ausgearbeitete „Endlagersuchgesetz“, wie es der Volksmund nennt, wird heute in den Bundestag eingebracht. Doch weder ist die Frage geklärt, wohin die nächsten Castoren rollen werden, noch haben sich die AKW-Betreiber für weitere Zahlungen für die Endlagersuche bereiterklärt. Nichts ist also in trockenen Tüchern, trotzdem will Herr Minister Altmaier das Gesetz durchpeitschen.
Hier rund um Gorleben ist keiner begeistert von dem Gesetzentwurf: umso mehr freut die Menschen das Schiff. „Das kann hier von uns aus für eine Million Jahre lagern, statt Atommüll. Macht einfach die Schotten dicht in Gorleben, dann klappt es auch mit der ergebnisoffenen Suche!“
Gorlebener Forst: Donnerstag 16. Mai – Celloklänge, Saftkisten und ein Streuselkuchen
Wir und die Beluga fühlen uns hier schon sehr heimisch. Mittlerweile schwimmt die alte Lady auf einem Bett aus Kies und wird für morgen, die feierliche Einweihung des Mahnmals, herausgeputzt. Um die zehn Greenpeace-Aktivisten sind im Einsatz mit Flex und Lackrolle um alles aus dem alten Schiff herauszuholen für den großen Tag. Ein Cellospieler sitzt in ihrem Bug und probt gegen die kreischenden Schleifgeräte an. Immer wieder wirbelt der staubige und trockene wendische Boden auf und droht das helle Weiß vergrauen zu lassen. Aber alles besser als Dauerregen, denn die kleine Freiluftwerft liegt völlig ungeschützt.
Aber auch die Wendländer haben uns als neue Nachbarn voll und ganz akzeptiert. Erst gibt es selbstgebackenen Streuselkuchen, dann kommt Helmuth Peters auf dem Weg vom Getränkeholen vorbei. Da ließe sich doch bestimmt was einrichten, sagt er, als er unsere Kisten mit aufgefülltem Leitungswasser begutachtet hat. Wenig später kommt er mit mehreren Kisten Saft zurück. Ein Getränkeproduzent aus der Gegend hat ihm kurzerhand ein paar Kisten mitgegeben: damit wir den Gästen der Beluga auch was anbieten können. Nun muss noch ordentlich gekräuselt und gestutzt werden, damit morgen alles vorbereitet ist und hoffentlich von vielen Gästen das neue Mahnmal vor den Toren des Erkundungsbergwerks eingeweiht werden kann.
Gorlebener Forst: Mittwoch, 15.Mai - Sie steht!
Gestern Abend wuchtete der Kran das Führerhaus als letztes Teilstück auf die Beluga. Nun sind es nur noch Kleinigkeiten, die fehlen – oder besser gesagt: Die wichtigsten Details. Stabilisierungsmaßnahmen, Schweißnähte, Lackarbeiten.

Heute leuchten die Regenbogen auf dem Schiffsrumpf in gleißendem Sonnenlicht. Unser Lackierer ist angekommen und endlich werden die schwarzen Buchstaben an den Seiten wieder angebracht. Die Beluga hat ihren Namen wieder, dafür aber jetzt einen neuen Heimathafen. Hoffentlich können wir bald den wuchtigen schwarzen Fender am Bug anbringen, der der Beluga ihr charakteristisches Äußeres wieder gibt.

Gerade als das Schiff seinen Namenszug wieder trägt, bekommen wir Besuch: Günter Hermeyer, Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Wendländer seit über 20 Jahren steht mit leuchtenden Augen vor dem Schiff: „Ich stehe hier vor dem Beginn meines Jahrelangen Kampfes gegen Atomenergie, die Castortransporte und gegen das Endlager. Hier schließt sich ein Kreis für mich!“ Günter war einer der Ersten, der die Beluga bei Greenpeace in Empfang genommen hat, erzählt er uns. Als gelernter Schlosser war er einen Monat beim Umbau des Schiffs vom Feuerlöschboot zum Aktionsschiff dabei, hat die Rohre für die Löschvorrichtung abgeflext. Mit der Arbeit an der Beluga begann seine politische Aktivität, gegen Gorleben ist er heute noch mit Herzblut dabei. Dass nun beide Symbole zusammenkommen ist für ihn ein ganz persönliches besonderes Erlebnis: Er wird wieder vorbeikommen, dann mit Fotos von seinen ersten Tagen mit der Beluga Anfang der 1980er Jahre im Gepäck.
Gorlebener Forst: Dienstag, 14. Mai
Heute der erste Polizeikontakt – Aus der Zeitung hätten sie erfahren, was wir da direkt am Erkundungsbergwerk in Gorleben so treiben. Da dachten sie, man solle doch mal vorbei gucken. Nach ein paar interessierten Blicken auf die Werftarbeiter, die mit Schweißwerkzeug mit der Verbindung der Einzelteile beschäftigt sind und ein paar der üblichen Fragen verabschieden sie sich wieder.

Immer wieder kommen dafür Nachbarn und Spaziergänger mit ihren Kindern und Hunden vorbei, um das Schiff beim Entstehen zu begutachten. Eine Künstlerin von der Kulturellen Landpartie ist extra hergekommen, um uns die Regionalzeitung zu überreichen: Auf der ersten Seite ein großes Bild unserer Beluga in Einzelteilen, also tatsächlich auch für die Polizei nicht mehr zu übersehen.
Wer aber glaubt, der Forst rund um Gorleben wäre sonst weitestgehend unbelebt, der irrt. Es herrscht ein reger Verkehr in Richtung Erkundungsbergwerk. Zu glauben, dass wieder alle Hebel auf null stünden und ganz ergebnisoffen neu mit einer Endlagersuche begonnen werde, fällt in Anbetracht dieser Betriebsamkeit schwer. Umso klarer wird dafür aber, warum allein die Offenhaltung des Erkundungsbergwerks in Gorleben jährlich 30 Millionen Euro kosten soll – solange bis ein Endlager gefunden ist. Hier werden nämlich täglich weitere Fakten geschaffen, dass Gorleben zur Lagerstätte für hochradioaktiven Atommüll werden soll. Jahrzehntelang Millionen von Euro in ein gescheitertes Projekt zu investieren, wäre geradezu absurd. Es glauben noch zu viele Politiker an die Eignung von Gorleben, deshalb wird hier munter weiter gearbeitet. Jetzt bald auch mit gesetzlicher Grundlage. Es wird also noch lange nicht ruhig rund um Gorleben, nur kurzeitig auf unserer Baustelle - denn jetzt ist erst einmal Mittagspause auf unserer Werft im Wald.
Trebel/Wendland: Montag, 13.Mai, 6.45 Uhr
Es ist ein bizarres Bild: Ein verschlafenes Dorf am Montagmorgen. Am Feldrand parkt in der Morgensonne eine lange LKW-Schlange, beladen mit riesigen lackierten Stahlteilen.
Beim Näherkommen kann man den Schriftzug „Beluga Hamburg“ auf einem der Stücke entziffern, ein anderes Stahlteil ziert ein großer Regenbogen. Und auch der verwunderte Landwirt an dessen Ackerrand die Transporter parken, erkennt sofort, dass es sich um Teile eines zerlegten Schiffrumpfes handeln. „Was hat denn hier ein Schiff verloren, mitten im Wendland am Waldrand, hier geht’s nicht zum Wasser“, sag er. Wir versuchen dem verunsicherten Ackerbesitzer zu erklären, dass die LKW sich verfahren hätten und gleichzeitig, die Frühankömmlinge mit ihren Schiffsteilen noch einmal an einen unauffälligeren Ort zu navigieren. Denn erst eine Stunde später sollen 19 Großfahrzeuge mit dem zerlegten Greenpeace-Aktionsschiff Beluga I auf dem Trebeler Mastenweg in Richtung Erkundungsbergwerk Gorleben in Reihenfolge Stellung beziehen. Angeführt von einem riesigen Kran nimmt die Beluga, in Form ihrer Einzelteile Kurs auf eine gerodete Fläche an der Sichtachse Atommüll-Zwischenlager und Endlager-Erkundungsbergwerk im Gorlebener Forst. Die Besitzer der Fläche, die Familie von Bernstorff, unterstützen uns bei unserem Vorhaben, hier ein Zeichen gegen ein mögliches Endlager im unterirdischen Salzstock Gorleben zu setzen.
Heute aber können wir ungestört unsere Fracht anliefern. Greenpeace-Aktivisten sperren die Baustelle ab, mehrere Banner werden aufgebaut und eine kleine Demonstration formiert sich. “Gorleben unsicher weil undicht“ prangt schnell auf dem großen Dreiecksbanner, dass die Kletterer in den Bäumen befestigt haben. Währenddessen stellt sich der Kran in Position und beginnt, der Reihe die Schiffsteile abzuladen. Die ersten interessierten Wendländer treffen ein, zusammen mit einer kleinen Gruppe von Arbeitern aus dem Erkundungsbergwerk. Das sei nicht gerade motivierend, dass sie jetzt jeden Tag an unserem Protest auf dem Weg zur Arbeit vorbei müssen, beschwert sich einer. Den anderen Besuchern unserer Baustelle gefällt das entstehende Mahnmal ganz gut. „Es ist gut, immer mal wieder mit dem Finger auf Gorleben zu zeigen. Gerade jetzt, wo alle meinen, unseren Politiker stünden mit dem angeblichen Neuanfang in der Endlagersuche vor dem ganz großen Wurf. Von Wegen!“, kommentiert einer der Passanten.
Am Nachmittag nimmt das Schiff bereits Formen an. Die ersten Stücke sind verschweißt und auf einem Fundament baut sich Puzzelteil für Puzzelteil das ausgediente Greenpeace-Schiff wieder auf. Ehemalige Aktivisten sind angereist, um der Beluga an ihrem letzten Bestimmungsort beim Wiederaufbau zuzuschauen. Sie waren bei vielen Aktionen auf dem Schiff dabei, auch bei seinem erfolgreichen Kampf gegen die Atomkraft. Vor den so genannten „Wiederaufarbeitungsanlagen“ in Sellafield und La Hague konnten mit Hilfe der Beluga Proben genommen werden, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass seit 2005 kein deutscher Atommüll mehr in die Wiederaufarbeitungsanlagen verbracht werden darf. Gorleben hat die Beluga dadurch einige zusätzliche Castoren erspart. Nun macht sie als Mahnmal im Gorlebener Forst fest – kein sicherer Hafen für Atommüll, aber der letzte für die Beluga. (Autorin: Susanne Neubronner)