Ja zum Waldschutz!

22. Mai 2013

Bundeskanzlerin Merkel bekennt sich nun öffentlich dazu, fünf Prozent der Waldfläche Deutschlands zu schützen und aus der forstlichen Nutzung zu nehmen.

Am vergangenen Samstag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel Folgendes bekanntgegeben:

Die Bundesregierung unterstützt, dass wir fünf Prozent unserer Wälder bis zum Jahre 2020 sich völlig frei entwickeln lassen, das heißt, dass daraus wieder Wildnis wird.

Dies ist endlich ein öffentliches Bekenntnis zu der bereits von der Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel 2007 verabschiedeten Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt (NBS), mit der der Schwund der Artenvielfalt in Deutschland aufgehalten werden soll. Die NBS sieht unter anderem vor, bis 2020 fünf Prozent der deutschen Waldfläche aus der forstlichen Nutzung zu nehmen. Da sich der Wald in Deutschland etwa zur Hälfte in Privatbesitz befindet, soll dieses Ziel damit erreicht werden, dass zehn Prozent der öffentlichen Waldflächen aus der forstlichen Nutzung genommen und der natürlichen Entwicklung überlassen werden.

Wie wichtig dieses Bekenntnis von Kanzlerin Merkel ist, zeigen folgende Fakten:

Erstens: Seit Verabschiedung der NBS ist noch nicht allzu viel passiert in Sachen Waldschutz, für den vor allem die Bundesländer als größte öffentliche Waldbesitzer eine besondere Verantwortung tragen. Obwohl die Umsetzung der NBS 2010 von allen Fraktionen des Bundestages gefordert wurde, lehnen CDU/CSU geführte Länder wie das waldreiche Hessen oder Bayern derzeit insbesondere die Waldschutzziele der NBS strikt ab. Die Aussage von Kanzlerin Merkel ist vor den anstehenden Landtagswahlen ein wichtiges Signal nicht nur an ihre Partei, sondern auch an diese beiden Länder, sich nicht länger ihrer internationalen Verantwortung zu verweigern und den Waldschutz in den Landeswäldern voranzutreiben. Denn die rot-grünen Landesregierungen bekennen sich klar zur NBS und treiben eine Umsetzung aktiv voran, so wie derzeit insbesondere in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Auch auf Bundesebene haben beide Parteien die Umsetzung der NBS in ihren Wahlprogrammen bereits verankert. Cornelia Behm von Bündnis 90/Die Grünen begrüßte heute in einer Pressemitteilung ebenfalls das klare Bekenntnis der Kanzlerin zur NBS.

Zweitens: Zum heutigen Tag der Artenvielfalt gibt es weder international noch deutschlandweit gute Nachrichten:

Die biologische Vielfalt in Deutschland ist – wie die Vielfalt weltweit – bedroht. So sind z.B. gemäß der Roten Liste für Wirbeltiere von 2009 in Deutschland 28 Prozent der hier bewerteten Wirbeltiere in ihrem Bestand gefährdet und 7 Prozent ausgestorben oder verschollen. Von den Biotoptypen gelten nach der im Jahr 2006 veröffentlichten Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen 72,5 Prozent als bestandsgefährdet.

Dies geht aus dem kürzlich veröffentlichen Rechenschaftsbericht zur „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ (NBS) hervor.

Drittens: Auch an Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner geht das Signal von Kanzlerin Merkel, die mit Aussagen wie der folgenden dem Waldschutz mehr oder weniger subtil die Notwendigkeit abspricht:

Die deutsche Forstwirtschaft hat in Jahrhunderte langer Bewirtschaftung bewiesen, dass sich Nutzung und Schutz nicht ausschließen. Vielmehr ist klar, dass Schutz und Nutzung immer im Einklang miteinander stehen müssen.

Ganz im Sinne Aigners gibt der Rechenschaftsbericht zur NBS Entwarnung beim Thema Wald und führt aus, dass „wir uns bei der nachhaltigen Forstwirtschaft in die richtige Richtung bewegen“. So heißt es ganz im Sinne der guten, alten (und überholten) Kielwassertheorie: „In der deutschen Forstwirtschaft gibt es, insbesondere wenn nach den Prinzipien der naturnahen Forstwirtschaft gewirtschaftet wird, bei der Erhaltung und Entwicklung von Wäldern als Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten viele Synergien mit den Zielen des Naturschutzes.“ Aber machen wir uns doch nichts vor: So schonend und naturnah die Waldnutzung auch sein mag (was bei vielen Wäldern in Deutschland leider bezweifelt werden muss), sie bedeutet immer einen Eingriff in die natürlichen Prozesse.

Die Kanzlerin sendet daher nicht nur ein politisches Signal, sondern macht deutlich: Wilde Wälder und Wirtschaftswälder sind schlicht und einfach zwei unterschiedliche Zielsetzungen. Diese kann man nicht auf einer Fläche erreichen, so wie Ministerin Aigner es weismachen will. Nur auf Flächen, aus denen der Mensch seine gestaltende Hand zurückzieht, kann die Natur ihren eigenen Regeln folgen.

Wer, wenn nicht ein reiches und von Kulturlandschaften – nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch im Wald – geprägtes Industrieland wie Deutschland, kann und muss sich wieder mehr ursprüngliche und wilde Natur leisten?

Hintergrund: Wie die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt (NBS) zustande kam

Auf dem Erdgipfel in Rio 1992 wurde der Erhalt der biologischen Vielfalt weltweit zu einer der zentralen Aufgaben für die Weltgemeinschaft gemacht. Wälder als besonders artenreiche Lebensräume spielen dabei eine zentrale Rolle. Auch Deutschland hat sich mit der „Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt“ (NBS) den Kampf gegen den Artenschwund auf die Fahne geschrieben. Die Strategie wurde auf der Grundlage der in Rio ausgehandelten CBD (Convention on Biological Diversity) entwickelt. Ende 2007 wurde sie vom Kabinett der Regierung Merkel beschlossen und ihre Umsetzung 2010 von allen Fraktionen des Bundestags gefordert.

Bilder sagen mehr als Worte: Eine gemischte Bilanz zum Tag des Baumes

30. April 2013

Zum Tag des Baumes am 25. April vermeldete der niedersächsische Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie die frohe Botschaft, dass sich die Wälder in Niedersachsen in den letzten Jahrzehnten wieder ausgebreitet haben. Sie nehmen aktuell 21,8 Prozent der Landesfläche ein. Vor dem Hintergrund, dass Niedersachsen von Natur aus zu einem Großteil mit Wäldern bedeckt wäre, die durch Rodungen in den letzten Jahrhunderten zerstört wurden, ist dies natürlich eine positive Entwicklung. Doch sagt die reine Fläche noch nichts über die ökologische Qualität der Wälder aus: In vielen Waldgebieten Niedersachsens finden sich derzeit statt naturnahen, ökologisch wertvollen Laubwäldern maschinengerechte Nadelforste.

Aus der Luft lässt sich dies besonders gut erkennen:

In diesen Gebieten ist der Waldumbau hin zu Laubwäldern der natürlichen Waldgesellschaften das Gebot der Stunde. Dies trifft zum Beispiel auf den nördlichen Teil des Solling zu, dem zweitgrößten Waldgebiet Niedersachsens. Doch auch zusammenhängende Laubwälder kennzeichnen das Gebiet, insbesondere im südlichen Teil. Dort haben Greenpeace Aktivisten den Charakter von 305 Waldbeständen, vorrangig alte Laubwälder, auf 3.770 Hektar erfasst.

Doch auch in Waldgebieten, die sich noch durch eine naturnahe Zusammensetzung der Baumarten mit einem hohen Buchenanteil auszeichnen, hinterlässt die Forstwirtschaft ihre Spuren und lichtet die Wälder oft unnatürlich stark auf. Auch dies trifft leider auf viele Laubwaldbestände in Niedersachsen zu. Förster Peter Wohlleben erklärt anschaulich, warum durch die intensiven Eingriffe das natürliche Gleichgewicht durcheinander gerät:

Wenn man in einem Altbestand viele Buchen fällt, geht es den verbleibenden anschließend schlecht (je mehr gefällt wurde, desto schlechter). Das Waldklima ändert sich durch die enstandenen Lücken, die Wurzelverbindungen zu den Nachbarn, durch die die Bäume Zuckerlösung und Informationen tauschten, zerreißen, es ist ein richtiger Schock.
In der Folge stirbt die vitalste Zone, die jüngsten Triebe oben in der Krone, ab. Der nächste Sturm reißt diese trockenen Zweige herunter, sodass der Baum etwas kürzer, aber wieder gesund aussieht. Natürlich sterben die Zweige weiter ab, und die Buche schrumpft allmählich immer weiter, bis die Krone irgendwann zu klein ist und den Stamm nicht mehr versorgen kann – die Buche stirbt. “Waldsterben” nennen das Forstexperten und schieben die Schuld auf Klimawandel und Luftschadstoffe. “Forstwirtschaft” sage ich und plädiere für schonende Holznutzung in Kombination mit Reservaten für solch alte Bäume.

Dazu passt die dpa-Meldung zur Warnung von NatureLife, dass ältere Bäume in Deutschland immer seltener werden. Nicht nur der Klimawandel setze ihnen zu, auch die Forstwirtschaft, so Präsident Claus-Peter Hutter. „Viel zu früh würden die betont wirtschaftlich denkenden Forstleute die Säge ansetzen lassen. (…) Eine Buche oder eine Eiche hat heute nicht mehr die Chance, wie einst 400, 500 Jahre und älter zu werden.»

Auch aus der Vogelforschung kommen erschreckende Nachrichten. Einzelnen Positiventwicklungen steht ein dramatischer Trend entgegen: Fast die Hälfte der 115 häufigsten deutschen Brutvogelarten befinden sich laut Ornithologe Dr. Martin Flade im Rückgang. Bei den Waldvögeln spiegelt sich diese negative Entwicklung ebenfalls wider. Bis vor einigen Jahren befanden sich die Bestände im Großen und Ganzen im Gleichgewicht, mittlerweile nimmt der Bestand von 21 Arten ab. Bei 13 Arten nehmen die Bestände zu, bei 20 Arten stagniert der Bestand. Als eine Ursache für die Artenabnahme wird auch die Intensivierung der Forstwirtschaft mit zunehmender Energieholznutzung genannt.

Projekte wie das kürzlich gestartete Totholz-Projekt im Saarland zeigen ebenfalls die Grenzen der Forstwirtschaft beim Erhalt der natürlichen Artenvielfalt auf. In der gemeinsamen Presseerklärung von BMU und BfN heisst es dazu: „Der natürliche Alterungs- und Zerfallsprozess des Waldes wird in der modernen Forstwirtschaft kaum berücksichtigt, weil die Bäume dann geerntet werden, wenn sie gut zu vermarkten sind. Das ist der Grund, weshalb alte und totholzreiche Wälder mit ihren Lebensgemeinschaften heute kaum noch anzutreffen sind.“

Es gibt viel zu tun….

Vor diesem Hintergrund sind auch die Aufgaben für die neue niedersächsische Landesregierung vielfältig. Zunächst einmal muss Transparenz über öffentliche Walddaten geschaffen werden. Dann muss sich endlich der Schutz der Wälder verbessern. So müssen die Ziele der Nationalen Biodiversitätsstrategie, nämlich zehn Prozent der öffentlichen Wälder der natürlichen Entwicklung zu überlassen, konsequent und prioritär umgesetzt werden. Derzeit sind in Niedersachsen erst etwa vier Prozent geschützt, vorrangig im fichtendominierten Nationalpark Harz. Damit die ökologisch besonders wertvollen Waldlebensräume nicht geschädigt oder zerstört werden, ist es notwendig, zur nächsten Einschlagsaison für Laubholz einen befristeten Einschlagsstopp für die über 140jährigen Laubwaldbestände in Landesbesitz anweisen. Die 90 Prozent genutzter Wälder müssen konsequent ökologisch und schonend bewirtschaftet werden. Dazu ist in Niedersachsen eine Überarbeitung des derzeitigen Waldbauprogramms LÖWE dringend notwendig.

Auch im Spessart ist nicht alles so nachhaltig, wie es immer verkauft wird: Spannende Informationen und Luftbilder zum Spessart findet ihr hier: Spessart-Wald.de.

Wald in Hessen – “Verpflichtung für Generationen?”

04. April 2013

Hessen ist eines der waldreichsten Bundesländer und besitzt viele Rotbuchenwälder. Doch nimmt die Landesregierung ihre Verantwortung für diese Wälder, insbesondere die alten und ökologisch besonders wertvollen Buchenwälder, wahr? Glaubt man dem hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, scheint alles paletti: „Hessen ist mit einem Anteil von 42 % an der Landesfläche eines der waldreichsten Bundesländer Deutschlands. Besonders bemerkenswert ist der hohe Laubwaldanteil. Der Wald hat für seine Eigentümer (Landeswald 40 %, Körperschaftswald 35 % und Privatwald 25 %) und die holzverarbeitende Industrie einen hohen wirtschaftlichen Wert. Seine Bewirtschaftung erfolgt unter Beachtung der vielfältigen Nutz-, Schutz- und Erholungsleistungen nachhaltig und naturnah. Der größte Teil der Waldfläche ist zertifiziert. Das Gütesiegel garantiert eine nachhaltige und umweltverträgliche Waldbewirtschaftung“, schreibt das Ministerium auf seiner Webseite.

Auch der Landesbetrieb Hessen-Forst, Bewirtschafter des Landeswalds, richtet sein Handeln nach der „Verantwortung für Generationen“. Doch erfüllt die derzeitige Waldbewirtschaftung diese Verantwortung für zukünftige Generationen? Ist sie wirklich nachhaltig, naturnah und umweltverträglich? Die Begriffe sind ohnehin äußert dehnbar. Schaut man sich die Wälder einmal aus der Luft an, stellt sich die Frage, inwiefern maschinengerecht erschlossene Nadelforste und stark aufgelichtete Laubwälder das Kriterium „naturnah“ erfüllen sollen. Die Natur würde solche „Wälder“ jedenfalls nicht hervorbringen.

Slideshow: Buchenwälder in Hessen (alle Bilder Michael Löwa)

Auch die Einhaltung der besonders in diesem Jahr viel gepriesenen Nachhaltigkeit, die sich ohnehin in der Regel auf eine reine Mengennachhaltigkeit bezieht, muss kritisch hinterfragt werden.

Im Jahr 2010 lag der gesamte Holzeinschlag laut Hessen-Forst etwa 420.000 Festmeter über dem jährlichen Zuwachs. Begründet wird dies mit Kalamitäten, also Krankheiten und Missständen im Fichtenwald.  Doch damit nicht genug. Auf eine Anfrage der hessischen SPD antwortete die hessische Forstministerin Lucia Puttrich, dass auch in den ökologisch besonders bedeutsamen alten Buchenwäldern deutlich über dem Zuwachs eingeschlagen wird. Und zwar um ganze 135.740 Vorratsfestmeter. Dies ist nicht nachhaltig – trotz „Gütesiegel“ PEFC. Wo bleibt dabei die Verantwortung für zukünftige Generationen?

Die hohen Einschläge und damit verbundenen starken Auflichtungen der Wälder gefährden nicht nur die Biotopkontinuität dieser alten Wälder, sie tragen auch dazu bei, dass Erholungssuchende beim Waldspaziergang den Wald vermissen. Nach der Definition nach Bundeswaldgesetz § 2 ist Wald „jede mit Forstpflanzen bestockte Grundfläche. Als Wald gelten auch kahlgeschlagene oder verlichtete Grundflächen, Waldwege, Waldeinteilungs- und Sicherungsstreifen, Waldblößen und Lichtungen, Waldwiesen, Wildäsungsplätze, Holzlagerplätze sowie weitere mit dem Wald verbundene und ihm dienende Flächen.“

Dem Spaziergänger, der sich an alten Baumriesen und dem besonderen Waldklima erfreuen möchte, ist damit jedoch wenig geholfen. Genauso wenig der auf intakte Waldstrukturen angewiesenen Flora und Fauna, der mit solchen massiven Eingriffen vielfach die Lebensgrundlage entzogen wird. Nun wird neben dem Holzeinschlag auch noch geplant, Windkraftanlagen im Wald zu installieren. Klar, bei einem waldreichen Land wie Hessen liegt dies nahe – doch nicht um jeden Preis! Vor allem ökologische Vorrangflächen wie alte Laubwälder und Schutzgebiete wie das Natura 2000-Netz sollten für Windenergieanlagen tabu sein.

Der aktuelle Novellierungsprozess des hessischen Waldgesetzes böte eine Möglichkeit, die zukünftige Nutzung sowie den Schutz der hessischen Wälder an ökologischen und sozialen Kriterien auszurichten und die besondere Gemeinwohlbedeutung des öffentlichen Waldes gesetzlich zu verankern. Doch diesem wird der aktuelle Regierungsentwurf bei weitem nicht gerecht.

Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass es auch um die Transparenz im hessischen Bürgerwald nicht weit bestellt ist. Hessen ist eins der Bundesländer, das sich weigert, nach Umweltinformationsgesetz offen zu legen, wie zukünftig mit den alten Buchenwäldern umgegangen werden soll. Greenpeace hat daher gegen Hessen-Forst im März 2012 Klage eingereicht. Für erste Transparenz sorgen nun immerhin die Luftbilder.