Bundeskanzlerin Merkel bekennt sich nun öffentlich dazu, fünf Prozent der Waldfläche Deutschlands zu schützen und aus der forstlichen Nutzung zu nehmen.
Am vergangenen Samstag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel Folgendes bekanntgegeben:
Dies ist endlich ein öffentliches Bekenntnis zu der bereits von der Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel 2007 verabschiedeten Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt (NBS), mit der der Schwund der Artenvielfalt in Deutschland aufgehalten werden soll. Die NBS sieht unter anderem vor, bis 2020 fünf Prozent der deutschen Waldfläche aus der forstlichen Nutzung zu nehmen. Da sich der Wald in Deutschland etwa zur Hälfte in Privatbesitz befindet, soll dieses Ziel damit erreicht werden, dass zehn Prozent der öffentlichen Waldflächen aus der forstlichen Nutzung genommen und der natürlichen Entwicklung überlassen werden.
Wie wichtig dieses Bekenntnis von Kanzlerin Merkel ist, zeigen folgende Fakten:
Erstens: Seit Verabschiedung der NBS ist noch nicht allzu viel passiert in Sachen Waldschutz, für den vor allem die Bundesländer als größte öffentliche Waldbesitzer eine besondere Verantwortung tragen. Obwohl die Umsetzung der NBS 2010 von allen Fraktionen des Bundestages gefordert wurde, lehnen CDU/CSU geführte Länder wie das waldreiche Hessen oder Bayern derzeit insbesondere die Waldschutzziele der NBS strikt ab. Die Aussage von Kanzlerin Merkel ist vor den anstehenden Landtagswahlen ein wichtiges Signal nicht nur an ihre Partei, sondern auch an diese beiden Länder, sich nicht länger ihrer internationalen Verantwortung zu verweigern und den Waldschutz in den Landeswäldern voranzutreiben. Denn die rot-grünen Landesregierungen bekennen sich klar zur NBS und treiben eine Umsetzung aktiv voran, so wie derzeit insbesondere in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Auch auf Bundesebene haben beide Parteien die Umsetzung der NBS in ihren Wahlprogrammen bereits verankert. Cornelia Behm von Bündnis 90/Die Grünen begrüßte heute in einer Pressemitteilung ebenfalls das klare Bekenntnis der Kanzlerin zur NBS.
Zweitens: Zum heutigen Tag der Artenvielfalt gibt es weder international noch deutschlandweit gute Nachrichten:
Die biologische Vielfalt in Deutschland ist – wie die Vielfalt weltweit – bedroht. So sind z.B. gemäß der Roten Liste für Wirbeltiere von 2009 in Deutschland 28 Prozent der hier bewerteten Wirbeltiere in ihrem Bestand gefährdet und 7 Prozent ausgestorben oder verschollen. Von den Biotoptypen gelten nach der im Jahr 2006 veröffentlichten Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen 72,5 Prozent als bestandsgefährdet.
Dies geht aus dem kürzlich veröffentlichen Rechenschaftsbericht zur „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ (NBS) hervor.
Drittens: Auch an Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner geht das Signal von Kanzlerin Merkel, die mit Aussagen wie der folgenden dem Waldschutz mehr oder weniger subtil die Notwendigkeit abspricht:
Ganz im Sinne Aigners gibt der Rechenschaftsbericht zur NBS Entwarnung beim Thema Wald und führt aus, dass „wir uns bei der nachhaltigen Forstwirtschaft in die richtige Richtung bewegen“. So heißt es ganz im Sinne der guten, alten (und überholten) Kielwassertheorie: „In der deutschen Forstwirtschaft gibt es, insbesondere wenn nach den Prinzipien der naturnahen Forstwirtschaft gewirtschaftet wird, bei der Erhaltung und Entwicklung von Wäldern als Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten viele Synergien mit den Zielen des Naturschutzes.“ Aber machen wir uns doch nichts vor: So schonend und naturnah die Waldnutzung auch sein mag (was bei vielen Wäldern in Deutschland leider bezweifelt werden muss), sie bedeutet immer einen Eingriff in die natürlichen Prozesse.
Die Kanzlerin sendet daher nicht nur ein politisches Signal, sondern macht deutlich: Wilde Wälder und Wirtschaftswälder sind schlicht und einfach zwei unterschiedliche Zielsetzungen. Diese kann man nicht auf einer Fläche erreichen, so wie Ministerin Aigner es weismachen will. Nur auf Flächen, aus denen der Mensch seine gestaltende Hand zurückzieht, kann die Natur ihren eigenen Regeln folgen.
Wer, wenn nicht ein reiches und von Kulturlandschaften – nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch im Wald – geprägtes Industrieland wie Deutschland, kann und muss sich wieder mehr ursprüngliche und wilde Natur leisten?
Hintergrund: Wie die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt (NBS) zustande kam
Auf dem Erdgipfel in Rio 1992 wurde der Erhalt der biologischen Vielfalt weltweit zu einer der zentralen Aufgaben für die Weltgemeinschaft gemacht. Wälder als besonders artenreiche Lebensräume spielen dabei eine zentrale Rolle. Auch Deutschland hat sich mit der „Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt“ (NBS) den Kampf gegen den Artenschwund auf die Fahne geschrieben. Die Strategie wurde auf der Grundlage der in Rio ausgehandelten CBD (Convention on Biological Diversity) entwickelt. Ende 2007 wurde sie vom Kabinett der Regierung Merkel beschlossen und ihre Umsetzung 2010 von allen Fraktionen des Bundestags gefordert.










