Die jüngste Greenpeace-Veröffentlichung zu den gesundheitlichen Schäden der Kohleverstromung hat viel Wirbel verursacht. Die Universität Stuttgart hat für Greenpeace ermittelt, dass die Emissionen von 67 großen deutschen Kohlekraftwerken aus dem Jahr 2010 rechnerisch zum Verlust von 33.000 Lebensjahren führten. Dies entspricht dem vorzeitigen Tod von 3.100 Menschen – in ganz Deutschland und Europa. Der VGB Powertech, ein Fachverband von Kraftwerksbetreibern, kritisierte Greenpeace und stellte eine eigene Studie vor, der zufolge “die Luftqualität durch zusätzliche Immissionen aus Kohlekraftwerken praktisch nicht oder nur unwesentlich beeinflusst” werde.
Mit dieser Feststellung übergeht der VGB Powertech zentrale Erkenntnisse der Studie der Universität Stuttgart. So schreibt der VGB Powertech:
“Der Anteil von Feinstaub aus allen europäischen Kohlekraftwerken beträgt nur wenige Prozent der vom Menschen hervorgerufenen Feinstaubemissionen (Staub < 4 % und Feinstaub < 6 %)”
Diese Aussage bezieht sich allerdings nur auf die primären Feinstaubemissionen, also Feinstaub, der direkt aus dem Kraftwerk ausgestoßen wird. Die von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie der Universität Stuttgart hat jedoch gezeigt, dass die Gesundheitsrisiken der Kohleverstromung überwiegend durch sekundären Feinstaub verursacht werden. Das ist Feinstaub, der sich in der Atmosphäre aus Schwefeldioxid und Stickoxid bildet, die ebenfalls aus Kohlekraftwerken stammen. Deutsche Kohlekraftwerke verursachten 2010 37 Prozent der gesamten Schwefeldioxidemissionen in Deutschland und 15 Prozent der Stickoxidemissionen. Diese Emissionen reagieren in der Atmosphäre mit Ammoniak und bilden gesundheitsschädliche sekundäre Feinstäube.
Außerdem geht der VGB Powertech fälschlicherweise davon aus, dass Gesundheitsschäden nur in unmittelbarer Umgebung der Kraftwerke zu erwarten sind:
“Für gesundheitliche Risiken sind nicht die Emissionen, sondern die vom Menschen eingeatmete Schadstoffmenge und ihr Gefahrenpotenzial entscheidend. Dabei spielen die unmittelbare Nähe zur Quelle sowie die Art der Feinstaubpartikel eine wesentliche Rolle.”
Die Atmosphärenmodellierung durch das “EcoSenseWeb” der Universität Stuttgart zeigt, dass die Schadstoffemissionen der Kohlekraftwerke auch noch hunderte Kilometer entfernt eine Zunahme der Feinstaubkonzentration bewirken. Durch epidemiologische Studien ist erwiesen, dass durch eine Erhöhung der Feinstaubkonzentration Gesundheitsrisiken entstehen und dass die Risiken linear mit der Feinstaubkonzentration zunehmen. Daraus lässt sich eine Konzentrations-Wirkungs-Beziehung ableiten, die auch bei kleinen Konzentrationsänderungen entsprechende Änderungen der Gesundheitsrisiken berechnet. So ergeben sich über die Fläche von Deutschland und Resteuropa die ausgewiesenen Zahlen.
Der VGB Powertech spielt die gesundheitlichen Risiken der Kohleverstromung systematisch herunter – indem er die Bildung sekundärer Feinstäube und gesundheitliche Risiken weit ab vom Kraftwerk unterschlägt.
Ontario steigt aus der Kohle aus – die Feinstaubbelastung sinkt um vierzig Prozent
Dass der Kohleausstieg einen bedeutenden Beitrag zur Feinstaubreduktion leisten kann, zeigt eine aktuelle Meldung aus Kanada: Der Bundesstaat Ontario hat vor zehn Jahren beschlossen, aus der Kohleverstromung auszusteigen. Innerhalb dieser zehn Jahre gelang es im bevölkerungsreichsten kanadischen Bundesstaat, den Kohleanteil an der Stromproduktion von ca. 25 Prozent auf nahezu null herunterzufahren. Das Umweltministerium meldete für den gleichen Zeitraum eine Reduktion der Feinstaubbelastung um 40 Prozent. Die Feinstaubkonzentration sank von 8,1 Mikrogramm pro Kubikmeter in 2003 auf 4,8 Mikrogramm pro Kubikmeter in 2010. Ein wesentlicher Grund dafür waren – neben Reduktionen im Transportsektor und der Metallindustrie – die gesunkenen Emissionen aus Kohlekraftwerken. Ontario zeigt auf: der Kohleausstieg kann erheblich dabei helfen, gefährliche Luftverschmutzung zu reduzieren.












