Der ZEIT-Artikel “Fukushima – Stress und Strahlung” von Hans Schuh (12.9.2011) steht in der Tradition der Berichterstattung nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986: Er verdreht Tatsachen und er verharmlost. Man kann viele Aspekte des Artikels kritisieren. Hier stellvertretend nur einige der Nebelpfade, Halbwahrheiten oder Täuschungsversuche.
Es beginnt gleich beim ersten und einleitenden Satz:
“Zuerst die guten Nachrichten: Ein halbes Jahr nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima ist die Strahlenbelastung im Umfeld der Reaktoren kontinuierlich gesunken. …”
Ex-Ministerpräsident Naoto Kan sieht das anders. Süddeutsche Zeitung, 28. August 2011:
“Zugleich überbrachte er die schlechte Nachricht, wegen hoher Strahlung würden viele Evakuierte über Jahre oder Jahrzehnte nicht in ihre Heimatorte zurückkehren können.”

Ein Satellitenbild des Atomkraftwerks Fukushima.
Tatsache ist: Dass Strahlungswerte nach der Freisetzung kontinuierlich sinken, entspricht den physikalischen Gesetzen. Es traf auch für Tschernobyl zu. In Japan tritt aber eher die Ernüchterung ein, dass die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Fukushima viel länger andauern werden als ursprünglich erwartet. Als gute Nachricht kann man das nicht bezeichnen.
Der Artikel behauptet ferner, dass radiaktives Jod wegen seiner kurzen Halbwertzeit schon weitestgehend zerfallen ist und dass “die gefährlichen Abfallprodukte” Strontium und Plutonium nicht so weit verbreitet wurden. Dies ist in doppelter Hinsicht subtil:
Erstens haben kurz nach dem Reaktorunfall viele tausend Menschen radioaktives Jod inhaliert und wurden so kontaminiert. Die Universität Hiroshima unter der Leitung von Dr. Satoshi Tashiro hat die Schilddrüsen von 1149 Kinder der Präfektur Fukushima analysiert, mit einem erschreckenden Befund: Bei über 47 Prozent der Kinder wurde radioaktives Jod in der Schilddrüse gefunden, mit Werten von bis zu 35 Millisievert. Dass Jod mit einer kurzen Halbwertzeit von 8 Tagen langfristig das Hauptproblem sein würde, hat niemand erwartet.
Zweitens geht das nachhaltige Problem in der Region Fukushima (nicht nur in der 20-Kilometer-Zone) von den langlebigen Cäsium-Isotopen 137 und 134 aus. Cäsium reichert sich im Boden an und macht etwa 80 Prozent der Kontamination aus. Das eigentliche Problem wird im Artikel also einfach verschwiegen.

Probenahme aus dem Meer und Strahlenmessung südlich von Fukushima.
Bei der Belastung der Lebensmittel wird darauf hingewiesen, eine Übersicht der deutschen Botschaft komme zu dem Ergebnis, dass im August nur noch zwei Prozent (Mai 5,3; Juli 3,2 Prozent) aller Lebensmittel über den Grenzwerten lagen. Da bleiben Fragen offen: Wie viele Lebensmittel sind unterhalb der Grenzwerte kontaminiert? Handelt es sich hier überhaupt um eine repräsentative Erhebung? Lapidar hängt Hans Schuh an, dass es “nur bei Fisch und Rindfleisch noch Probleme gibt.” Rindfleisch spielt eine wichtige Rolle in der Ernährung und dass Fisch und Meeresfrüchte eines der Hauptnahrungsmittel in Japan sind, wird an dieser Stelle verschwiegen. Vor allem das Meer ist extrem hoch kontaminiert – wie auch im Artikel erwähnt – und damit auch die Meeresfrüchte. Dies konnte Greenpeace mit eigenen Messungen nachweisen.
Absurd wird es, wenn sogenannte Strahlenschützer über Grenzwerte zwischen 1 und 20 Millisievert schwadronieren und das einzige deutsche Mitglied der Internationalen Strahlenschutzkommission meint, man sollte eher über 20 bis 100 Millisievert Grenzwerte nachdenken, um die Menschen nicht so viel Stress auszusetzen. Er redet von zusätzlicher Strahlung – zur sogenannten natürlichen Strahlung.
Tatsache ist, dass in Deutschland die allgemeine Bevölkerung nicht mehr als einem Millisivert zusätzlicher Strahlung ausgesetzt werden darf. Mit gutem Grund. Das ist die Vorgabe der EU-Richtlinie 96/29/Eurotom (die auch im atomfreundlichen Frankreich gilt) und die Empfehlung der ICRP und der IAEA. Für ArbeiterInnen in Atomanlagen, die freiwillig höhere Strahlenbelastungen in Kauf nehmen, gelten auch höhere Werte, außer wenn sie in Ausbildung und noch unter 16 Jahre alt sind.
Grenzwerte von 20 bis 100 Millisievert anzusetzen, wäre gerade für Kinder menschenverachtend. Wissenschaftlicher Konsens ist auch, dass Strahlung (auch innerhalb von Grenzwerten) so niedrig wie möglich gehalten werden soll. Dieser Tatsache trägt die Deutsche Strahlenschutzverordnung in §6 (Minimierungsgebot) Rechnung. Für Menschen, die in belasteten Regionen wohnen, müssten die Grenzwerte schärfer sein, weil sie kontinuierlich radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind. Beispiele dafür gibt es aus Weißrussland, wo die Grenzwerte für viele Nahrungsmittel deutlich niedriger liegen. Die Behörden gehen davon aus, dass die Bevölkerung keine andere Wahl hat, als kontinuierlich kontaminierte Lebensmittel zu sich zu nehmen (die Regierung unternimmt auch nichts dagegen).
Zu den zitierten Personen:
Herwig Paretzke ist Mitglied des (atomfreundlichen) Helmholtz Zentrum München und Professor an der Technischen Universität München. Paretzkes Einschätzung am 14. März zur mehrfachen Reaktorkatastrophe in Fukushima braucht keine Kommentierung: “Der Münchner Strahlenschützer Herwig Paretzke hält die befürchtete Verstrahlung großer Regionen inzwischen für unwahrscheinlich. Selbst wenn es jetzt noch zu einer großen Explosion und Freisetzung von Nukliden kommen sollte, wären die Folgen nicht so schlimm wie damals in Tschernobyl”, sagt der Forscher vom Helmholtz-Zentrum München. “Die Kernreaktion wurde schon vor Tagen gestoppt. Die dabei entstehenden gefährlichen Nuklide haben kurze Halbwertzeiten und sind kaum noch vorhanden. Inzwischen würden in den Meilern, nach allem was man wisse, keine gefährlichen Nuklide mehr produziert.” Hier nachzulesen: Spiegel “Experten glauben nicht an Tschernobyl-Neuauflage”
Christian Streffer (77), der den StrahlenSCHUTZ zwischen 20 und 100 Millisievert verortet, war von 1993 bis 2007 Mitglied der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP). Schuh behauptet, dass Streffer aktuelles Mitglied des ICRP sei. Das ist falsch. Die ICRP hat vier deutsche Mitglieder (Stand 2010), zu denen Streffer nicht gehört. Der ebenfalls interviewte Wolfgang Weiss ist beispielsweise eines der deutschen Mitglieder, was Schuh aber unterschlägt.