Fukushima-Opfer kämpfen gegen das Vergessen

24. Februar 2014

Mit Teilnehmern aus fünf Ländern, Deutschland, Frankreich, Indien, Polen und Südkorea bin ich durch die stark verschneite Region Fukushima gereist und habe mit Opfern der Atomkatastrophe gesprochen. Sie klagen, die japanische Regierung versuche alles um vorzugaukeln, die Katastrophe sei unter Kontrolle und man könne wieder ein normales Leben führen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die erschütternden Schicksale zeigen, die Menschen werden mit ihren Problemen allein gelassen.

Herr Kenichi Hasegawa. Er war früher Milchbauer in Iitate. Er hatte 50 Kühe und lebte gemeinsam mit vier Generationen in seinem großen Haus. Als die radioaktive Wolke kam, musste er seine gesamte Milch wegschütten. Als er evakuiert wurde, musste er alle seine Kühe schlachten. Seine Familie ist jetzt zerrissen. Seine Söhne mit ihren Kindern leben in anderen Städten.

Sein Land ist zerstört, er ist ein Bauer und kann nicht ernten. Er ist wütend. Bevor er evakuiert wurde sendete die Regierung “Propaganda Professoren”, um die Bevölkerung zu beschwichtigen. Z.B. Prof. Yamashita von der Nagasaki Universität, er hielt Vorträge über Strahlung und sagte, man soll lächeln und kann sein Leben weiter leben wie bisher. Nur wenn man sich Sorgen macht, bekommt man Strahlenschäden. Herr Hasegawa ist wütend, wenn er daran denkt.

Katsutaka Idogawa, ehemals Bürgermeister von Futaba - (c) Axel Yallop / Greenpeace

Katsutaka Idogawa, ehemals Bürgermeister von Futaba - (c) Axel Yallop / Greenpeace

Herr Katsutaka Idogawa. Er ist ehemaliger Bürgermeister von Futaba, in seiner Gemeinde liegt das havarierte Atomkraftwerk Fukushima. Immer wurde versichert, die Atomanlage sei sicher. Er hat das geglaubt und sich keine Gedanken gemacht. Heute sagt er, wir hätten aus Tschernobyl lernen sollen, wir dachten aber, dass ist ein anderes Kraftwerk. Ein solches Schicksal kann uns nicht treffen. Als Futaba evakuiert werden musste, wollte er, dass das komplette Dorf evakuiert wird, damit die Leute zusammen bleiben können. Das war jedoch nicht möglich.

Herr Hiroshi Kanno, ein Gemüsebauer aus Itate, Auch er musste sein Land verlassen. Er hat seinen Boden immer sehr gepflegt, jetzt hat er seine Wurzeln verloren und lebt jetzt im Ungewissen. Er weiß nicht, ob er je zurückkehren wird. Jetzt ist er 66 Jahre alt, echte Hoffnung auf eine Rückkehr hat er nicht.

Frau Tatsuko Okawara ist eine Biobäuerin und lebt jetzt in Tamura. Sie besitzt ein Stück Land, das kaum radioaktiv belastet wurde. Sie hat neu angefangen mit einem Bioladen, der übersetzt “Hoffnung” heißt. Sie sagt, selbst wenn es so aussieht, als sei alles wieder in Ordnung, dann ist das nur die Oberfläche. Jeder hier leidet, sagt sie. Neben dem Bioladen unterhält sie auch ein Puppenspiel. Sie spielt die glückliche Zeit vor der Katastrophe und dann die Zeit danach. Sie benutzt Puppen mit weißem Haar, die sich Jahrzehnte später nach einem Leben ohne verstrahlten Boden sehnen.

Minako Sugano, Mutter von drei Kindern - (c) Alex Yallop / Greenpeace

Minako Sugano, Mutter von drei Kindern - (c) Alex Yallop / Greenpeace

Frau Minako Sugano, eine Mutter von drei Kindern und Erzieherin. Als die Familie erfahren hat, dass ihr Haus zur Evakuierung empfohlen wird, sind sie gleich weggefahren. Das war eine sehr schwere Entscheidung für sie, die Kinder wollten nicht weg und haben geschrien. Ende 2012 haben sie erfahren, dass der Evakuierungsstatus wieder aufgehoben wurde. Das bedeutet, keine weitere finanzielle Unterstützung. Doch Kontrollmessungen in ihrem Garten ergaben, dass die Dekontaminierung nicht erfolgreich war. Teile des Gartens sind so stark belastet, dass sie als Atommüll gelten können. Eine Rückkehr mit ihren kleinen Kindern kommt für die Mutter nicht in Frage. Sie müssen sich eine neue Existenz aufbauen, ganz ohne Unterstützung. Sie klagt: „Der Regierung ist die Atomindustrie wichtiger. Sie will die Atomreaktoren wieder hochfahren. Da soll um jeden Preis der Eindruck erweckt werden, die Katastrophe ist vorbei.“

Während die Opfer der Atomkatastrophe weiter leiden, steigt der Druck der Atomindustrie, die japanischen Reaktoren wieder zu starten. Japan sollte lieber mit Hochdruck daran arbeiten, die gefährlichsten Reaktoren endgültig stillzulegen und ganz aus der gefährlichen Atomkraft auszusteigen.

Foodwatch und IPPNW: “Kalkulierter Strahlentod”

21. September 2011

Die aktuelle Studie von Foodwatch und IPPNW (Internationale Ärzte gegen den Atomkrieg) “Kalkulierter Strahlentod” legt den Finger in eine offene Wunde: Die offiziellen Strahlenschutzgrenzwerte für Nahrungsmittel sind widersprüchlich und viel zu hoch festgelegt. Grundsätzlich gilt: Es gibt keine sicheren Radioaktivitätsgrenzwerte, sondern jede Strahlung ist möglichst zu vermeiden. Bei den derzeit geltenden Grenzwerten regiert nicht das Vorsorgeprinzip, sondern das bange Hoffen, dass Nahrungsmittel immer weit unterhalb der geltenden Grenzwerte belastet sind.

Christian Aslund/Greenpeace - Greenpeace-Strahlenexpertin Rianne Teule misst die Strahlenbelastung in einem Gemüsegarten in Fukushima CityFoodwatch und IPPNW weisen durch ihre Rechnung nach, dass Kleinkinder alleine durch Nahrungsaufnahme eine Strahlendosis von mehr als 80 Millisievert und Erwachsene bis zu 33 Millisievert pro Jahr erhalten können, bei ausschließlichem Verzehr von Nahrungsmitteln und Getränken, die mit Radionukliden in Höhe der geltenden EU-Grenzwerte belastet sind.

Die EU-weit uneinheitlichen Grenzwerte sorgen dafür, dass viele Nahrungsmittel, die in der Ukraine und Belarus nicht in den Verkauf kommen dürfen, in Deutschland problemlos abgesetzt werden können. In den genannten Ländern hat der Super-GAU von Tschernobyl dazu geführt, dass die geltenden Grenzwerte strenger gefasst wurden. Eine Konsequenz daraus, dass die dort lebenden Menschen oft nicht anders konnten als kontaminierte Lebensmittel zu essen.

Die Studie legt nahe, dass die geltenden Nahrungsmittel-Strahlenschutzgrenzwerte deutlich herabgesetzt werden müssten. Eine Verpflichtung zur Absenkung kann aus dem Lissabon-Vertrag  Art. 191 über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV)  abgeleitet werden. Da ausreichend Lebensmittel mit erheblich geringerer radioaktiver Belastung verfügbar sind, besteht keine Notwendigkeit, den Menschen so hochbelastete Produkte zuzumuten. Foodwatch und IPPNW fordern daher eine drastische Absenkung der Grenzwerte: Von bisher 370 (für Japan-Importe derzeit 200) auf 8 Becquerel Cäsium pro Kilogramm für Säuglingsnahrung und Milchprodukte sowie von 600 (für Japan-Importe derzeit 500) auf 16 Becquerel Cäsium pro Kilogramm für alle anderen Nahrungsmittel.

Greenpeace fordert:

  • Grenzwerte müssen sich am Gesundheitsschutz der Bevölkerung orientieren.
  • Wir brauchen eine Debatte um Grenzwerte. Warum darf radioaktive Nahrung, die in der Ukraine und Weißrussland nicht mehr gegessen wird, aufgrund unserer hohen Grenzwerte noch in den Handel kommen?

Die Wahrheit hinter dem ZEIT-Artikel “Fukushima – Stress und Strahlung”

16. September 2011

Der ZEIT-Artikel “Fukushima – Stress und Strahlung” von Hans Schuh (12.9.2011) steht in der Tradition der Berichterstattung nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986: Er verdreht Tatsachen und er verharmlost. Man kann viele Aspekte des Artikels kritisieren. Hier stellvertretend nur einige der Nebelpfade, Halbwahrheiten oder Täuschungsversuche.

Es beginnt gleich beim ersten und einleitenden Satz:

“Zuerst die guten Nachrichten: Ein halbes Jahr nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima ist die Strahlenbelastung im Umfeld der Reaktoren kontinuierlich gesunken. …”

Ex-Ministerpräsident Naoto Kan sieht das anders. Süddeutsche Zeitung, 28. August 2011:

“Zugleich überbrachte er die schlechte Nachricht, wegen hoher Strahlung würden viele Evakuierte über Jahre oder Jahrzehnte nicht in ihre Heimatorte zurückkehren können.”

Ein Satellitenbild des Atomkraftwerks Fukushima.

Ein Satellitenbild des Atomkraftwerks Fukushima.

Tatsache ist: Dass Strahlungswerte nach der Freisetzung kontinuierlich sinken, entspricht den physikalischen Gesetzen. Es traf auch für Tschernobyl zu. In Japan tritt aber eher die Ernüchterung ein, dass die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Fukushima viel länger andauern werden als ursprünglich erwartet. Als gute Nachricht kann man das nicht bezeichnen.

Der Artikel behauptet ferner, dass radiaktives Jod wegen seiner kurzen Halbwertzeit schon weitestgehend zerfallen ist und dass “die gefährlichen Abfallprodukte” Strontium und Plutonium nicht so weit verbreitet wurden. Dies ist in doppelter Hinsicht subtil:

Erstens haben kurz nach dem Reaktorunfall viele tausend Menschen radioaktives Jod inhaliert und wurden so kontaminiert. Die Universität Hiroshima unter der Leitung von Dr. Satoshi Tashiro hat die Schilddrüsen von 1149 Kinder der Präfektur Fukushima analysiert, mit einem erschreckenden Befund: Bei über 47 Prozent der Kinder wurde radioaktives Jod in der Schilddrüse gefunden, mit Werten von bis zu 35 Millisievert. Dass Jod mit einer kurzen Halbwertzeit von 8 Tagen langfristig das Hauptproblem sein würde, hat niemand erwartet.

Zweitens geht das nachhaltige Problem in der Region Fukushima (nicht nur in der 20-Kilometer-Zone) von den langlebigen Cäsium-Isotopen 137 und 134 aus. Cäsium reichert sich im Boden an und macht etwa 80 Prozent der Kontamination aus. Das eigentliche Problem wird im Artikel also einfach verschwiegen.

Probenahme aus dem Meer und Strahlenmessung südlich von Fukushima.

Probenahme aus dem Meer und Strahlenmessung südlich von Fukushima.

Bei der Belastung der Lebensmittel wird darauf hingewiesen, eine Übersicht der deutschen Botschaft komme zu dem Ergebnis, dass im August nur noch zwei Prozent (Mai 5,3; Juli 3,2 Prozent) aller Lebensmittel über den Grenzwerten lagen. Da bleiben Fragen offen: Wie viele Lebensmittel sind unterhalb der Grenzwerte kontaminiert? Handelt es sich hier überhaupt um eine repräsentative Erhebung? Lapidar hängt Hans Schuh an, dass es “nur bei Fisch und Rindfleisch noch Probleme gibt.” Rindfleisch spielt eine wichtige Rolle in der Ernährung und dass Fisch und Meeresfrüchte eines der Hauptnahrungsmittel in Japan sind, wird an dieser Stelle verschwiegen. Vor allem das Meer ist extrem hoch kontaminiert – wie auch im Artikel erwähnt – und damit auch die Meeresfrüchte. Dies konnte Greenpeace mit eigenen Messungen nachweisen.

Absurd wird es, wenn sogenannte Strahlenschützer über Grenzwerte zwischen 1 und 20 Millisievert schwadronieren und das einzige deutsche Mitglied der Internationalen Strahlenschutzkommission meint, man sollte eher über 20 bis 100 Millisievert Grenzwerte nachdenken, um die Menschen nicht so viel Stress auszusetzen. Er redet von zusätzlicher Strahlung – zur sogenannten natürlichen Strahlung.

Tatsache ist, dass in Deutschland die allgemeine Bevölkerung nicht mehr als einem Millisivert zusätzlicher Strahlung ausgesetzt werden darf. Mit gutem Grund. Das ist die Vorgabe der EU-Richtlinie 96/29/Eurotom (die auch im atomfreundlichen Frankreich gilt) und die Empfehlung der ICRP und der IAEA. Für ArbeiterInnen in Atomanlagen, die freiwillig höhere Strahlenbelastungen in Kauf nehmen, gelten auch höhere Werte, außer wenn sie in Ausbildung und noch unter 16 Jahre alt sind.

Grenzwerte von 20 bis 100 Millisievert anzusetzen, wäre gerade für Kinder menschenverachtend. Wissenschaftlicher Konsens ist auch, dass Strahlung (auch innerhalb von Grenzwerten) so niedrig wie möglich gehalten werden soll. Dieser Tatsache trägt die Deutsche Strahlenschutzverordnung in §6 (Minimierungsgebot) Rechnung. Für Menschen, die in belasteten Regionen wohnen, müssten die Grenzwerte schärfer sein, weil sie kontinuierlich radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind. Beispiele dafür gibt es aus Weißrussland, wo die Grenzwerte für viele Nahrungsmittel deutlich niedriger liegen. Die Behörden gehen davon aus, dass die Bevölkerung keine andere Wahl hat, als kontinuierlich kontaminierte Lebensmittel zu sich zu nehmen (die Regierung unternimmt auch nichts dagegen).

Zu den zitierten Personen:

Herwig Paretzke ist Mitglied des (atomfreundlichen) Helmholtz Zentrum München und Professor an der Technischen Universität München. Paretzkes Einschätzung am 14. März zur mehrfachen Reaktorkatastrophe in Fukushima braucht keine Kommentierung: “Der Münchner Strahlenschützer Herwig Paretzke hält die befürchtete Verstrahlung großer Regionen inzwischen für unwahrscheinlich. Selbst wenn es jetzt noch zu einer großen Explosion und Freisetzung von Nukliden kommen sollte, wären die Folgen nicht so schlimm wie damals in Tschernobyl”, sagt der Forscher vom Helmholtz-Zentrum München. “Die Kernreaktion wurde schon vor Tagen gestoppt. Die dabei entstehenden gefährlichen Nuklide haben kurze Halbwertzeiten und sind kaum noch vorhanden. Inzwischen würden in den Meilern, nach allem was man wisse, keine gefährlichen Nuklide mehr produziert.” Hier nachzulesen: Spiegel “Experten glauben nicht an Tschernobyl-Neuauflage”

Christian Streffer (77), der den StrahlenSCHUTZ zwischen 20 und 100 Millisievert verortet, war von 1993 bis 2007 Mitglied der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP). Schuh behauptet, dass Streffer aktuelles Mitglied des ICRP sei. Das ist falsch. Die ICRP hat vier deutsche Mitglieder (Stand 2010), zu denen Streffer nicht gehört. Der ebenfalls interviewte Wolfgang Weiss ist beispielsweise eines der deutschen Mitglieder, was Schuh aber unterschlägt.