Foodwatch und IPPNW: “Kalkulierter Strahlentod”

21. September 2011

Die aktuelle Studie von Foodwatch und IPPNW (Internationale Ärzte gegen den Atomkrieg) “Kalkulierter Strahlentod” legt den Finger in eine offene Wunde: Die offiziellen Strahlenschutzgrenzwerte für Nahrungsmittel sind widersprüchlich und viel zu hoch festgelegt. Grundsätzlich gilt: Es gibt keine sicheren Radioaktivitätsgrenzwerte, sondern jede Strahlung ist möglichst zu vermeiden. Bei den derzeit geltenden Grenzwerten regiert nicht das Vorsorgeprinzip, sondern das bange Hoffen, dass Nahrungsmittel immer weit unterhalb der geltenden Grenzwerte belastet sind.

Christian Aslund/Greenpeace - Greenpeace-Strahlenexpertin Rianne Teule misst die Strahlenbelastung in einem Gemüsegarten in Fukushima CityFoodwatch und IPPNW weisen durch ihre Rechnung nach, dass Kleinkinder alleine durch Nahrungsaufnahme eine Strahlendosis von mehr als 80 Millisievert und Erwachsene bis zu 33 Millisievert pro Jahr erhalten können, bei ausschließlichem Verzehr von Nahrungsmitteln und Getränken, die mit Radionukliden in Höhe der geltenden EU-Grenzwerte belastet sind.

Die EU-weit uneinheitlichen Grenzwerte sorgen dafür, dass viele Nahrungsmittel, die in der Ukraine und Belarus nicht in den Verkauf kommen dürfen, in Deutschland problemlos abgesetzt werden können. In den genannten Ländern hat der Super-GAU von Tschernobyl dazu geführt, dass die geltenden Grenzwerte strenger gefasst wurden. Eine Konsequenz daraus, dass die dort lebenden Menschen oft nicht anders konnten als kontaminierte Lebensmittel zu essen.

Die Studie legt nahe, dass die geltenden Nahrungsmittel-Strahlenschutzgrenzwerte deutlich herabgesetzt werden müssten. Eine Verpflichtung zur Absenkung kann aus dem Lissabon-Vertrag  Art. 191 über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV)  abgeleitet werden. Da ausreichend Lebensmittel mit erheblich geringerer radioaktiver Belastung verfügbar sind, besteht keine Notwendigkeit, den Menschen so hochbelastete Produkte zuzumuten. Foodwatch und IPPNW fordern daher eine drastische Absenkung der Grenzwerte: Von bisher 370 (für Japan-Importe derzeit 200) auf 8 Becquerel Cäsium pro Kilogramm für Säuglingsnahrung und Milchprodukte sowie von 600 (für Japan-Importe derzeit 500) auf 16 Becquerel Cäsium pro Kilogramm für alle anderen Nahrungsmittel.

Greenpeace fordert:

  • Grenzwerte müssen sich am Gesundheitsschutz der Bevölkerung orientieren.
  • Wir brauchen eine Debatte um Grenzwerte. Warum darf radioaktive Nahrung, die in der Ukraine und Weißrussland nicht mehr gegessen wird, aufgrund unserer hohen Grenzwerte noch in den Handel kommen?

Die Wahrheit hinter dem ZEIT-Artikel “Fukushima – Stress und Strahlung”

16. September 2011

Der ZEIT-Artikel “Fukushima – Stress und Strahlung” von Hans Schuh (12.9.2011) steht in der Tradition der Berichterstattung nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986: Er verdreht Tatsachen und er verharmlost. Man kann viele Aspekte des Artikels kritisieren. Hier stellvertretend nur einige der Nebelpfade, Halbwahrheiten oder Täuschungsversuche.

Es beginnt gleich beim ersten und einleitenden Satz:

“Zuerst die guten Nachrichten: Ein halbes Jahr nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima ist die Strahlenbelastung im Umfeld der Reaktoren kontinuierlich gesunken. …”

Ex-Ministerpräsident Naoto Kan sieht das anders. Süddeutsche Zeitung, 28. August 2011:

“Zugleich überbrachte er die schlechte Nachricht, wegen hoher Strahlung würden viele Evakuierte über Jahre oder Jahrzehnte nicht in ihre Heimatorte zurückkehren können.”

Ein Satellitenbild des Atomkraftwerks Fukushima.

Ein Satellitenbild des Atomkraftwerks Fukushima.

Tatsache ist: Dass Strahlungswerte nach der Freisetzung kontinuierlich sinken, entspricht den physikalischen Gesetzen. Es traf auch für Tschernobyl zu. In Japan tritt aber eher die Ernüchterung ein, dass die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Fukushima viel länger andauern werden als ursprünglich erwartet. Als gute Nachricht kann man das nicht bezeichnen.

Der Artikel behauptet ferner, dass radiaktives Jod wegen seiner kurzen Halbwertzeit schon weitestgehend zerfallen ist und dass “die gefährlichen Abfallprodukte” Strontium und Plutonium nicht so weit verbreitet wurden. Dies ist in doppelter Hinsicht subtil:

Erstens haben kurz nach dem Reaktorunfall viele tausend Menschen radioaktives Jod inhaliert und wurden so kontaminiert. Die Universität Hiroshima unter der Leitung von Dr. Satoshi Tashiro hat die Schilddrüsen von 1149 Kinder der Präfektur Fukushima analysiert, mit einem erschreckenden Befund: Bei über 47 Prozent der Kinder wurde radioaktives Jod in der Schilddrüse gefunden, mit Werten von bis zu 35 Millisievert. Dass Jod mit einer kurzen Halbwertzeit von 8 Tagen langfristig das Hauptproblem sein würde, hat niemand erwartet.

Zweitens geht das nachhaltige Problem in der Region Fukushima (nicht nur in der 20-Kilometer-Zone) von den langlebigen Cäsium-Isotopen 137 und 134 aus. Cäsium reichert sich im Boden an und macht etwa 80 Prozent der Kontamination aus. Das eigentliche Problem wird im Artikel also einfach verschwiegen.

Probenahme aus dem Meer und Strahlenmessung südlich von Fukushima.

Probenahme aus dem Meer und Strahlenmessung südlich von Fukushima.

Bei der Belastung der Lebensmittel wird darauf hingewiesen, eine Übersicht der deutschen Botschaft komme zu dem Ergebnis, dass im August nur noch zwei Prozent (Mai 5,3; Juli 3,2 Prozent) aller Lebensmittel über den Grenzwerten lagen. Da bleiben Fragen offen: Wie viele Lebensmittel sind unterhalb der Grenzwerte kontaminiert? Handelt es sich hier überhaupt um eine repräsentative Erhebung? Lapidar hängt Hans Schuh an, dass es “nur bei Fisch und Rindfleisch noch Probleme gibt.” Rindfleisch spielt eine wichtige Rolle in der Ernährung und dass Fisch und Meeresfrüchte eines der Hauptnahrungsmittel in Japan sind, wird an dieser Stelle verschwiegen. Vor allem das Meer ist extrem hoch kontaminiert – wie auch im Artikel erwähnt – und damit auch die Meeresfrüchte. Dies konnte Greenpeace mit eigenen Messungen nachweisen.

Absurd wird es, wenn sogenannte Strahlenschützer über Grenzwerte zwischen 1 und 20 Millisievert schwadronieren und das einzige deutsche Mitglied der Internationalen Strahlenschutzkommission meint, man sollte eher über 20 bis 100 Millisievert Grenzwerte nachdenken, um die Menschen nicht so viel Stress auszusetzen. Er redet von zusätzlicher Strahlung – zur sogenannten natürlichen Strahlung.

Tatsache ist, dass in Deutschland die allgemeine Bevölkerung nicht mehr als einem Millisivert zusätzlicher Strahlung ausgesetzt werden darf. Mit gutem Grund. Das ist die Vorgabe der EU-Richtlinie 96/29/Eurotom (die auch im atomfreundlichen Frankreich gilt) und die Empfehlung der ICRP und der IAEA. Für ArbeiterInnen in Atomanlagen, die freiwillig höhere Strahlenbelastungen in Kauf nehmen, gelten auch höhere Werte, außer wenn sie in Ausbildung und noch unter 16 Jahre alt sind.

Grenzwerte von 20 bis 100 Millisievert anzusetzen, wäre gerade für Kinder menschenverachtend. Wissenschaftlicher Konsens ist auch, dass Strahlung (auch innerhalb von Grenzwerten) so niedrig wie möglich gehalten werden soll. Dieser Tatsache trägt die Deutsche Strahlenschutzverordnung in §6 (Minimierungsgebot) Rechnung. Für Menschen, die in belasteten Regionen wohnen, müssten die Grenzwerte schärfer sein, weil sie kontinuierlich radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind. Beispiele dafür gibt es aus Weißrussland, wo die Grenzwerte für viele Nahrungsmittel deutlich niedriger liegen. Die Behörden gehen davon aus, dass die Bevölkerung keine andere Wahl hat, als kontinuierlich kontaminierte Lebensmittel zu sich zu nehmen (die Regierung unternimmt auch nichts dagegen).

Zu den zitierten Personen:

Herwig Paretzke ist Mitglied des (atomfreundlichen) Helmholtz Zentrum München und Professor an der Technischen Universität München. Paretzkes Einschätzung am 14. März zur mehrfachen Reaktorkatastrophe in Fukushima braucht keine Kommentierung: “Der Münchner Strahlenschützer Herwig Paretzke hält die befürchtete Verstrahlung großer Regionen inzwischen für unwahrscheinlich. Selbst wenn es jetzt noch zu einer großen Explosion und Freisetzung von Nukliden kommen sollte, wären die Folgen nicht so schlimm wie damals in Tschernobyl”, sagt der Forscher vom Helmholtz-Zentrum München. “Die Kernreaktion wurde schon vor Tagen gestoppt. Die dabei entstehenden gefährlichen Nuklide haben kurze Halbwertzeiten und sind kaum noch vorhanden. Inzwischen würden in den Meilern, nach allem was man wisse, keine gefährlichen Nuklide mehr produziert.” Hier nachzulesen: Spiegel “Experten glauben nicht an Tschernobyl-Neuauflage”

Christian Streffer (77), der den StrahlenSCHUTZ zwischen 20 und 100 Millisievert verortet, war von 1993 bis 2007 Mitglied der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP). Schuh behauptet, dass Streffer aktuelles Mitglied des ICRP sei. Das ist falsch. Die ICRP hat vier deutsche Mitglieder (Stand 2010), zu denen Streffer nicht gehört. Der ebenfalls interviewte Wolfgang Weiss ist beispielsweise eines der deutschen Mitglieder, was Schuh aber unterschlägt.

Wer Müll verursacht, soll auch dafür zahlen

10. Juni 2010

Eine Kernbrennstoffsteuer für die vier Energiekonzerne, die in Deutschland Atomkraftwerke betreiben, ist höchst überfällig – auch wenn damit nur ein kleiner Teil der ungerechtfertigten finanziellen Vergünstigungen der letzten Jahrzehnte ausgeglichen werden kann.

Warum sie so überfällig ist, zeigt allein schon der Blick auf den Fall Asse. Auf Druck der Energiekonzerne hat die GSF als frühere Betreiberin des maroden Endlagers Asse II im Jahr 1975 ihre Bedingungen für die Einlagerung von Atommüll zu Lasten der Sicherheit von Bürgern und Umwelt gelockert. Die Atomindustrie hatte schon damals ein massives Entsorgungsproblem. Um dieses zu lösen, wurde die Sicherheit der Bevölkerung skrupellos aufs Spiel gesetzt. Die Gier nach Profit bestimmte das Handeln der Energiekonzerne und die Politik machte auch damals willig mit. Für die Entsorgung wurden „kostendeckende“ 150 DM bis 2180 DM pro Fass, je nach Gewicht und Dosisleistung, in Rechnung gestellt. Einnahmen bis 1978: 16,5 Millionen DM (Antwort der Bundesregierung auf Kleine Anfrage der GRÜNEN, Bundestagsdrucksache 16/10783)

Für die Sanierung der Asse werden derzeit rund 3,7 Milliarden Euro veranschlagt. Das heißt, die Konzerne haben bisher gerade mal 0,4 Prozent der tatsächlichen Kosten bezahlt.

Und woher stammt der Atommüll in der Asse?

2008 wurde im offiziellen Bericht des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt (Statusbericht, Seite 102) den Atomkraftwerken nur ein Anteil von 1 Prozent an der eingelagerten Aktivität bescheinigt. 2009 hat der neue Betreiber Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) eine genauere Analyse durchgeführt, die nun öffentlich einsehbar und die offizielle Darstellung ist (S.5.)

Anhand von Unterlagen kann nachvollzogen werden, wie viele Atommüllfässer zwischen 1967 und 1978 aus den Atomkraftwerken, aber auch aus anderen Einrichtungen wie Forschungslaboratorien oder auch der Bundeswehr in die Asse geliefert wurden. Zählt man den direkten und den indirekten Weg des Abfalls zusammen, ergibt sich lauf BfS folgendes Bild:

  • 86 Prozent der angelieferten Aktivität und rund 67 Prozent aller Fässer in der Asse stammen aus den Anlagen der heutigen Kraftwerksbetreiber E.on, RWE, EnBW und Vattenfall Europe.
  • 23 Prozent der Fässer und 13 Prozent der Aktivität stammen von den Kernforschungszentren (Karlsruhe, Garching, Jülich, GKSS, Hahn-Meitner-Institut Berlin und GSF).
  • Weitere 8 Prozent der Fässer und 1 Prozent der Aktivität stammen von der Kernindustrie (Transnuklear Hanau. Siemens KWU, GNS, Nukem und andere).
  • Nur 2 Prozent der Fässer und 0.1 Prozent der Aktivität stammen von sonstigen Verursachern wie den Farbwerken Hoechst, Gewerbeaufsichtsverwaltungen, der Bundeswehr und anderen.

Es geht also nicht um 1 Prozent, sondern um 86 Prozent der Aktivität, die aus kommerziellen Atomkraftwerken stammen. Nimmt man Nuklearindustrie und auch die Kernforschung mit dazu, die ja auch hauptsächlich Atomreaktoren zu Gute kommt, hat man 99,9 Prozent der Aktivität der Asse, die im Ganzen betrachtet mit der Atomkraftnutzung zur Stromerzeugung in Verbindung gebracht werden kann.