
Der Tesla Roadster: begehrenswert, smart und von bester Qualität?
In Begleitung eines Filmteams des NDR machte ich mich am letzten Sonntag auf den Weg in die Hamburger Messehallen. Es war ein holpriger Gang über die erste hamburger Nachhaltigkeit-Messe “goodgoods”. Zu viert wollten wir uns über die neuesten Innovationen aus der ganzen Welt der Nachhaltigkeit informieren. Zu sehen waren u. a. High Heels aus nachhaltigen Materialien und mit lebenslanger Garantie, 60 Zoll LCD-Fernseher oder der Tesla Roadster, der Premiumsportwagen für Visionäre – natürlich mit Elektroantrieb. Halt all das, was “die Welt der Nachhaltigkeit” so braucht. Bloß ich nicht.
Aber es wäre ebenso einfach wie falsch, die Messe nur als Etikettenschwindel und die sehr vollmundigen Formulierungen der Veranstalter als PR und Greenwashing abzutun. Denn es gab auch andere Stände, die ein besseres Bild der Nachhaltigkeit präsentierten:
- Faire PC-Mäuse: Computermäuse aus Recycling-Material und hergestellt in Werkstätten für behinderte Menschen
- Recycling-Regalsysteme aus Holz aus gebrauchten Euro-Paletten, Stahlschienen und Fahrradschläuchen
- Wandlampen aus alten Vinyl-Schallplatten
Es gab auch Stände von Unternehmen und Organisationen, die man auf so einer Messe erwartet wie Greenpeace Energy, Oikokredit oder Werkhaus – wenngleich viele Organisationen aus dem Fair Trade und Umweltbereich fehlten.

oikos: Stand aus "Abfall" der anderen Messeteilnehmer
Und dann war da noch der Stand von oikos Hamburg – für mich der nachhaltigste auf der ganzen Messe. Der hamburger Ableger der internationale Studentenorganisation für nachhaltiges Wirtschaften und Management hatte seinen Stand einfach aus Kartons und Holzabfällen der anderen Stände aufgebaut.
Was ist nachhaltig?
Was die Veranstalter unter guten Produkten verstehen, erklärt uns die goodgoods-Homepage wie folgt: “Ökologisch und verantwortungsbewusst, gleichzeitig aber auch begehrenswert, smart und von bester Qualität.” Aha!
Am ATAKORA-Stand legte ich mit dem Film-Team einen längeren Halt ein: Dort drehte sich die Diskussion um die Frage, was denn nun tatsächlich nachhaltig an dem “Cotton made in Africa”-Label sei. Das von ATAKORA promotete und im Umfeld des Otto-Konzerns entstandene Gütesiegel “Cotton made in Africa” steht für “die besondere Qualität, afrikanischer Baumwolle aus nachhaltiger Produktion”. Die dahinter stehende Nachfrage-Allianz weist eine beeindruckende Liste namhafter Textilhersteller und -händler auf.
Dabei wird “Cotton made in Africa” weder biologisch angebaut, noch erfüllt diese Baumwolle die Kriterien des fairen Handels. Die afrikanischen Bauern werden lediglich im Anbau durch Schulungen unterstützt, zudem fließen Teile der Lizenzeinnahmen aus dem Siegel in Bildungsprojekte in der Baumwollregion. Auch weiterhin werden bei “Cotton made in Africa” hochgiftige Pestizide eingesetzt. Man halte sich jedoch an die nationalen Gesetze und erfülle das Stockholm-Übereinkommen – wurde mir entgegengehalten. Das Stockholm-Übereinkommen über persistente organische Verbindungen verbietet u. a. die Produktion und den Einsatz von langlebigen und alten Pestiziden und hat für den aktuellen Baumwollanbau keine Relevanz.
Solange “Cotton made in Africa” mit deutlich schlechteren Standards als im Bio- und Fairtrade-Bereich operiert und die Nachfrage-Allianz auf das “Cotton made in Africa”-Siegel setzt, werden die Bemühungen für biologischen Baumwollanbau und fairen Handel in Afrika torpediert. Mit dem Gefühl, dass mein Appell, das Label in Richtung “bio” und “fair” weiterzuentwickeln, nicht richtig fruchtete, verließ ich den Stand.
Messen wie “goodgoods” sind wichtig, um kleineren innovativen Unternehmen den Sprung auf eine größere Bühne zu ermöglichen und den großen Playern kritische Fragen stellen zu können. Und um dem Publikum Überblick, Informationen, Anregungen und Kontaktmöglichkeiten zu geben. Solange aber Messen wie “goodgoods” eine “coole Welt der guten Güter” vortäuschen, ohne die Frage zu stellen, ob wir diese Güter tatsächlich brauchen, wird auch der Gang über die nächste “goodgoods” (01. bis 03. Juni 2012) wieder holprig werden.
Hinweis: Das NDR-Fernsehen berichtet in der Sendung “Rund um den Michel” über die “Grüne Metropole Hamburg” und die “goodgoods”-Messe. Die Sendung wird am Sonntag, 05. Juni 2011, von 18:00 bis 18:45 Uhr ausgestrahlt sowie am Montag, 06.06.2011 um 04:20 Uhr, und Dienstag, 07.06.2011 um 06:00 Uhr, wiederholt.