Bahn-Greenwashing – Wege zur Verarschungsresistenz

13. April 2010

Grün ist im Trend. Grüne Produkte verkaufen sich deshalb besser. Und, es verwundert kaum, Umwelt- und Klimaschutz wird von immer mehr Unternehmen für die Werbung genutzt. Doch nicht zu selten finden sich dabei Firmen, die nur so tun als ob. Das nennt sich dann Greenwashing. Und diese Grünfärberei ist häufig auch eine bewusste Irreführung der Verbraucher. Das ZDF-Wirtschaftsmagazin WISO hat jetzt in einem Beitrag über Greenwashing einige besonders dreiste Fälle aufgezeigt.

Vor allem energieintensive Unternehmen, beispielsweise aus dem Verkehrssektor, rühren fleißig Farben unterschiedlicher Grüntöne an. Doch betrachtet man die Kunstwerke einmal etwas näher, merkt man, dass die Farben überhaupt nicht wasserdicht sind. Da bekommt eher unrelevantes grünes Engagement einen dicken grünen Anstrich. Das eigentliche Kerngeschäft wird jedoch nicht angetastet und in der Werbung verschämt versteckt.

So lautet zum Beispiel ein Werbeslogan der Deutschen Bahn:

Es hilft nichts, ökologisch zu denken – wir müssen handeln.

Mit solchen Sprüchen, so genannten „Umwelt-Plus“- Programmen und dem Anfang 2010 angekündigten halbherzigen Einstieg in die Windenergie versucht die Deutsche Bahn, sich in der Öffentlichkeit als klimafreundliche Mobilitätslösung zu präsentieren.

Web 2.0 sei Dank ist der Verbraucher gegenüber der Grünfärberei von Unternehmen auch „verarschungsresistenter“ geworden, findet Kommunikationswissenschaftlerin Martina Hoffhaus im WISO-Beitrag.

Und deshalb an dieser Stelle gleich mal die Fakten hinter dem grünen Anstrich. Strom für den Betrieb von sechs ICE-Zügen aus einem Windpark zu beziehen ist noch lange kein konsequenter Klimaschutz. Um wirklichen Klimaschutz zu betreiben, muss der Konzern den Umbau seiner Energieversorgung schnellstmöglich in Angriff nehmen.

Doch was macht die Deutsche Bahn? Anstatt ihren ohnehin schon dreckigen Strommix mit einem Anteil von 56 Prozent aus klimaschädlichen Braun- und Steinkohle zu verbessern, lässt sie ein extra Kohlekraftwerk neu für sich bauen: „Datteln 4“ bei Dortmund. Das Steinkohlekraftwerk wird das größte Kraftwerk Europas sein. Der jährliche CO2-Ausstoß: über sechs Millionen Tonnen! Das entspricht einer Menge, die der Staat Panama jährlich ausstößt. Die Deutsche Bahn ist Großabnehmer und wird fast die Hälfte seines Stroms für mindestens 40 Jahre aus Datteln beziehen.

447060cc09Was die Deutsche Bahn noch nicht verstanden hat. Wirklich etwas für den Klimaschutz zu tun, heißt, sich zu entscheiden. Der so genannte Systemwechsel in der Stromversorgung muss konsequent verfolgt werden. Das bedeutet: Strom aus Erneuerbaren Energien muss rein ins Netz, Strom aus Kohle –und Atomkraftwerken muss raus. Fossil und Atom gleichzeitig mit Erneuerbaren geht nicht. Das liegt in der unterschiedlichen Struktur der Energiesysteme: Erneuerbare Energien sind auf Flexibilität angewiesen, das Kennzeichen von Atom- und Braunkohlekraftwerke ist genau das Gegenteil: absolute Unbeweglichkeit.

Technisch ist der Systemwechsel möglich. Es liegt nur an der Willensstärke und Entscheidungskraft von Politik und Unternehmen. Was sie von grundlegenden Entscheidungen abhält, ist das Schielen auf kurzfristige Renditen. Denn natürlich heißt der Systemwechsel: langfristig strategisch Denken und in die Zukunft investieren!

Bevor die Farbe an den Plakaten und am selbstkreierten Öko-Image bröckelt, sollten Unternehmen wie die Deutschen Bahn darüber nachdenken, ihr Geld nicht für grüne Farbe und teure Werbekampagnen auszugeben, sondern ins Kerngeschäft zu investieren. Dann muss auch kein Bahnkunde mehr lernen, wie er verarschungsresistent wird.