CO2-Bilanz bei VW – nicht öffentlich

08. Oktober 2012

Die CO2-Emissionen der Fahrzeugflotte sind für die Klimaverantwortung des VW-Konzerns von zentraler Bedeutung. Cirka 80 Prozent der klimaschädlichen Emissionen werden während der etwa zehnjährigen Nutzungsdauer eines Fahrzeugs ausgestoßen – 20 Prozent entstehen bei der Produktion, Vertrieb und Recycling. Greenpeace forderte im Briefwechsel von VW-Chef Winterkorn wiederholt eine Verbrauchsreduzierung der Neuwagenflotte.

Wie hoch die klimaschädlichen Emissionen börsennotierter Konzerne sind, erhebt das Carbon Disclosure Project. Es hat sich zum Ziel gesetzt, Transparenz beim Ausstoß von Treibhausgasen zu schaffen. Dafür sammelt das Projekt Informationen zu Emissionen, Klimarisiken sowie Reduktionszielen und -strategien der Konzerne. Anhand von standardisierten Fragebögen werden die Daten in öffentlichen Berichten online zur Verfügung gestellt. Ob die Daten der Konzerne stimmen, überprüft das Projekt nicht.

Zwischen den deutschen Automobilkonzernen gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied. Während BMW und Daimler entsprechend der festgelegten Vorgaben die Fahrzeugemissionen über die Nutzungsdauer von 150.000 km angeben, bezog Volkswagen seine Emissionen 2010 nur auf die durchschnittliche Fahrstrecke von 15.000 km in einem Jahr.

Angaben beim Carbon Disclosure Project: CO2-Ausstoß der produzierten Neufahrzeuge (Nutzungsdauer 150.000 km)

Angaben beim Carbon Disclosure Project: CO2-Ausstoß der produzierten Neufahrzeuge (Nutzungsdauer 150.000 km)

Diese irreführenden Angaben hat Greenpeace bei internen Gesprächen mit den Verantwortlichen von Volkswagen wiederholt kritisiert. Erst hieß es, wir sollten den kommenden Bericht abwarten. Dann schrieb man uns, dass die Bilanzierung transparent geschieht und jeder die Werte unproblematisch auf den Lebenszyklus hochrechnen könnte. Auf unsere Kritik, die Angaben seien zwar transparent, aber trotzdem falsch, folgte dann die schriftliche Zusicherung, man wolle in Zukunft die Fahrzeugemissionen über den volle Fahrzeug-Nutzungsdauer von 10 Jahren (150.000 km) anzugeben.

„Details not publicly available“ (nicht für die Öffentlichkeit bestimmt) - so klassifiziert Volkswagen den CO2-Bericht für 2012. Bei BMW und Daimler ist die Darstellung öffentlich – wie zuvor in dem Berichtsjahr 2010. Und die Angaben von Volkswagen? Der Bericht ist gesperrt. Auf Nachfrage beim Carbon Disclosure Projekt heißt es, dass es sie auch überrascht hätte. VW hätte bisher alle Berichte öffentlich gemacht.

Steigende Klimaverantwortung: CO2-Ausstoß der produzierten Neufahrzeuge des VW-Konzerns (Nutzungsdauer 150.000 km)

Steigende Klimaverantwortung: CO2-Ausstoß der produzierten Neufahrzeuge des VW-Konzerns (Nutzungsdauer 150.000 km)

War der Konzernleitung vielleicht die Menge der zu verantwortenden Treibhausgase selbst nicht geheuer? Die CO2-Daten für die Öffentlichkeit zu sperren, ist das Gegenteil von Klimaverantwortung. Bereits bei der Vorstellung des Golf 7 haben wir einen transparenten Umgang mit Zahlen gefordert. Dabei hat sich Volkswagen zum Ziel gesetzt, Nummer 1 in Sachen Nachhaltigkeit zu werden. Ehrlicher Klimaschutz fängt mit Transparenz an.

Herr Winterkorn, stehen Sie zu Ihrer Klimaverantwortung. Veröffentlichen Sie die CO2-Daten des VW-Konzerns.

VW und das sogenannte „Umweltauto“

02. Oktober 2012

„Volkswagen stellt den grünsten Golf aller Zeiten vor“ – so lautet die Überschrift einer Pressemitteilung, die VW am ersten Abend des “Pariser Autosalons” verbreitete. Auch Greenpeace-Aktivisten besuchten die französische Automesse. Allerdings nicht, um VW zum angeblichen neuen Umweltauto zu gratulieren. Das wiederum vermutete jedoch optimistisch der VW-Sprecher beim Anblick der Kletterer in grünen Jacken und gelbem Banner während der Golf-Präsentation. Die Pressemitteilung, mit der VW einige Stunden später auf unseren Protest reagierte, räumt dem Thema Umweltschutz nicht die verdiente Ernsthaftigkeit ein. Wir haben uns den Text genauer angesehen und haben einige Anmerkungen dazu:

Greenpeace-Aktivisten beim Pariser Autosalon

Greenpeace-Aktivisten bei der Vorstellung des Golf 7 beim Pariser Autosalon.

VW-Pressemitteilung: Volkswagen stellt den grünsten Golf aller Zeiten vor (Quelle)

VW: „Vor dem Hintergrund von Kritik einzelner Umweltaktivisten (…)“

Mehr als eine halbe Million Menschen unterstützen die Greenpeace-Kampagne für mehr Klimaschutz bei VW. Greenpeace-Aktivisten beteiligen sich ehrenamtlich bei Protestaktionen vor Ort. Die Greenpeace-Forderungen nach einen 3-Liter-Golf wurden breit von der Presse diskutiert (Überblick auf Seite 18/19 in unserem Onlinemagazin). VW wird wegen den geringen Fortschritten in Sachen Umweltschutz von den Medien (z.B. im  Spiegel) kritisiert. Selbst VW-Chef Winterkorn ist überzeugt, dass Volkswagen sparsamere Modelle bauen kann (s.u.).

„(…)betont der Konzern erneut, dass die neue, verbrauchsoptimierte Baureihe auch als Drei-Liter-Auto erhältlich sein wird (…)“

Schon das effizienteste Golf-Modell verbraucht mehr als 3 Liter (3,2 Liter Diesel) und ist damit kein 3-Liter-Auto. Das Basis-Modell des Golf Diesel könnte auf Stand der Technik des Golf 6 laut Greenpeace-Report 2,9 Liter Sprit pro 100 Kilometer verbrauchen und 75 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen.

„Behauptungen, der Konzern erreiche keine Umweltfortschritte, sind unbegründet und aus der Luft gegriffen.“

VW spricht von sich selbst als „Nummer 1 in Sachen Umweltschutz“ und will 2018 grünster Autohersteller sein. Der Konzern muss sich an den Worten messen lassen. Ein Golf-Basismodell, das knapp 5 Liter Sprit verbraucht, erfüllt diesen selbstgesetzten Anspruch sicherlich nicht.

„Volkswagen zeigt vielmehr, dass der Golf nicht nur “Das Auto”, sondern auch “Das Umweltauto” ist (…)“

Es grenzt an Greenwashing ein Auto, das mit fossilen Energien betrieben wird, als „Umweltauto“ zu bezeichnen. Der Golf verbraucht je nach Variante bis zu 6,6 Liter Sprit (GTI mit 230 PS) – das entspricht mehr als dem doppelten Verbrauch des technisch Machbaren.

„(…)Der Volkswagen Konzern unterstreicht zur Markteinführung die technologische Führungsrolle in allen relevanten Leistungs- und Verbrauchskategorien der Kompakt-Klasse.“

Herr Winterkorn sagt im Handelsblatt zum Golf 7: “Natürlich hätten wir von technischer Seite mit dem Verbrauch noch weiter heruntergehen können(…).“ Das technische Potenzial ist für den CO2-Ausstoß der Golf-Flotte irrelevant. Volkswagen muss die vorhandene Spritspartechnik serienmäßig in allen Golf-Modellen einsetzen, nicht nur in teuren Sondermodellen.

„So wurde das Fahrzeuggewicht durch konsequenten Leichtbau um bis zu 100 Kilo reduziert und der Kraftstoffverbrauch, und damit der CO2-Ausstoss, um bis zu 23 Prozent gesenkt.“

Keins der bisher vorgestellten Modelle zeigt im Vergleich zu seinem Vorgängermodell aus der Golf 6-Generation diese Werte. Die Differenz beträgt bei den von VW untersuchten Fahrzeugen magere 24 kg (Golf 1,2 l TSI) und 19 kg (Golf 1,6 l TDI). Die Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs beträgt beim Benziner lediglich 11 Prozent und bei der Dieselversion 13 Prozent. Beim Vergleich der sparsamsten Modell – Golf 6 BlueMotion (99 Gramm CO2 pro Kilometer) mit der sparsamsten, augenblicklich angebotenen Version vom Golf 7 – hat Volkswagen gar kein Fortschritt erzielt.

„Ein TÜV-zertifiziertes Umweltprädikat weist eine gegenüber dem Vorgänger deutlich verbesserte Ökobilanz über die Gesamtlebensdauer aus.“

Der TÜV vergibt keine Umweltprädikate, sondern prüft die Produkt-Ökobilanz gemäß der Normen DIN EN ISO 14040 und DIN EN 14044. Die hier getroffenen Aussagen stimmen mit den Angaben zum Golf Umweltprädikat-Datenblatt nicht überein.

„Die sparsamsten Motoren zur Markteinführung verbrauchen 3,8 Liter Diesel bei 99 g/km CO2 (als 1,6 l TDI mit 105 PS) beziehungsweise 4,8 Liter Benzin bei 112 g/km CO2 (als 1,4 l TSI mit 140 PS).(…) “

Die Verbrauchswerte entsprechen nicht dem technisch Möglichen. Mit den Beispielen widerspricht sich Volkswagen selbst und zeigt, wie weit der Konzern noch von der 3-Liter-Zielmarke entfernt ist.

“Der Golf BlueMotion wird bei 85 g /km CO2 sogar nur 3,2 Liter Diesel verbrauchen.”

2,9 Liter könnte laut Greenpeace-Report die Diesel-Basisversion verbrauchen. Das beste Diesel-Modell liegt 0,3 Liter darüber. Dabei handelt es sich allerdings nicht um das am besten verkaufende Massenmodell. Das Modell gibt es zudem noch gar nicht zu kaufen.

„Spritspartechnik wie Start-Stopp-Automatik und Bremskraft-Rückgewinnung sind serienmäßig, also ohne Aufpreis, an Bord.“

Greenpeace fordert von Volkswagen das volle Paket der Spritspartechniken in die neuen Modelle einzubauen. Das bei VW vorhandene Know How wird halbherzig in der Golf 7-Serie eingesetzt.

„Das Unternehmen betont, dass es offen für den Dialog mit Kritikern sei, dass es dabei aber sachlich und fair zugehen müsse.“

Volkswagen hat mehrere Dialog-Angebote von Greenpeace ignoriert und den letzten Gesprächstermin abgesagt. Alle Versuche, mit VW auf Führungseben zu sprechen, wurden abgesagt oder verschoben. Greenpeace wünscht sich weiterhin ein – ernstgemeintes – Gespräch mit Herrn Winterkorn.

„Mit lauten PR-Aktionen(…)“

Volkswagen verweigert den Dialog und versucht Kritik an der Firmenpolitik aus der Öffentlichkeit zu drängen:

- Ein VW-Sprecher begrüßte die Greenpeace-Aktivisten auf dem Pariser Autosalon in Richtung Kameras als „unsere Freunde von Greenpeace“. Kurz darauf verweigerte VW-Chef Winterkorn einem Greenpeace-Mitarbeiter auf der Messe das Gespräch.

- Beim Greenpeace-Protest bei der Golf-7-Vorstellung in Berlin versammelte VW wieder bezahlte Gegendemonstranten.

- Bei einer Greenpeace-Aktion zur VW-Hauptversammlung in Hamburg ließ VW stundenlang ein Kleinflugzeug mit dem Banner “VW – Nummer 1 in Sachen Umweltschutz” kreisen.

„(…)und falschen Behauptungen sei niemandem gedient – am allerwenigsten der Umwelt.“

Greenpeace arbeitet mit überprüfbaren Fakten (Greenpeace-Report). Die Aussagen von Volkswagen halten kritischem Hinterfragen nicht stand.

„Volkswagen strebt an, bis 2018 der ökologisch nachhaltigste Automobilhersteller der Welt zu sein.“

Ein begrüßungswertes Vorhaben. Doch Volkswagen setzt keine überprüfbaren und konkreten Ziele. Es bleibt bei markigen Sprüchen. Volkswagen verweigert, sich eindeutig zu dem EU-Grenzwert von 95 Gramm CO2 für das Jahr 2020 ohne Schlupflöcher zu bekennen.

Volkswagen und deutsche Autolobby bremsen Fortschritte beim Klimaschutz

06. Juni 2012

Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie dunkle Lobbyarbeit funktioniert. Da steht in Brüssel endlich ein Gesetzentwurf auf der Tagesordnung, der schärfere Grenzwerte für Neuwagen ab dem Jahr 2020 vorsieht. Und schon unternimmt die deutsche Autoindustrie alles, um mit hinterhältigen Tricks die geplante EU-Verordnung aufzuweichen.

Anstatt die vorhandenen Spritspartechniken endlich voll auszureizen und mit deutschem Ingenieur-Know-How effiziente Autos zu entwickeln, versucht die Industrie nun, die Verantwortung für Klimaschutz dem Autofahrer unterzujubeln. Das geht aus dem Strategiepapier der sogenannten „Cars-21-Gruppe“ hervor, in dem die Autoindustrie eine dominante Rolle spielt. Laut dieses Plans sollen auch “Infrastruktur, Fahrerverhalten und andere Maßnahmen” in die Berechnung des CO2-Grenzwerts einfließen. Die Kunden sollen also die Versäumnisse der deutschen Autobauer beim Bau effizienter Fahrzeuge wettmachen, indem sie Schulungen für verbrauchsarmes Fahren absolvieren. Sparsameres Fahren soll dann den CO2-Grenzwert für die eigene Neuwagenflotte drücken. In der langen Liste der Tricks und Lobbymanöver zur Verhinderung schärferer Grenzwerte ist dies eine besonders absurde Vorstellung, die an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist.

Und natürlich machen sich Volkswagen und Co. nicht selbst die Hände schmutzig. Die Drecksarbeit überlassen sie lieber dem Verbandspräsidenten der deutschen Autoindustrie (VDA), Matthias Wissman. Der trifft sich heute mit der EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard mit dem Ziel, den Gesetzentwurf der EU-Kommission durch Schlupflöcher auszuhöhlen. Wissmann, selbst über 30 Jahre lang im deutschen Bundestag, unterhält nach wie vor gute Beziehungen zur Politik, insbesondere zur Kanzlerin Angela Merkel. Er ist zweifelsohne ein politisches Schwergewicht und findet in Brüssel Gehör.

Der Gegensatz könnte krasser nicht sein: Während sich die deutschen Autohersteller bei jeder Gelegenheit – wie gerade wieder VW bei seiner Hauptversammlung im April 2012 in Hamburg – als die Nachhaltigkeitsweltmeister darstellen, zeigen sie bei der ersten Probe aufs Exempel ihre wahren Absichten. Noch auf der VW-Hauptversammlung profiliert sich Vorstandschef Martin Winterkorn mit markigen Sprüchen wie „VW – Im Umweltschutz die Nummer 1“, aber kaum wird es ernst, treten die Lobbyisten in Brüssel in Aktion, und dann ist ehrgeiziger Klimaschutz auf einmal völlig gleichgültig.

Greenpeace hatte wiederholt Herrn Winterkorn angeschrieben und aufgefordert, sich für ehrgeizige Klimaschutzziele auszusprechen. Bis heute blieb Herr Winterkorn eine Antwort schuldig. Blumig formuliertes Nachhaltigkeitsgeschwätz gab es im Überfluss, aber keinerlei konkrete Aussagen zu dem EU-Grenzwert. Dem mehrfach angekündigten Dialog um zukünftige Klimaschutzziele mit Greenpeace  verweigert sich Volkswagen bis heute. Auf Anfragen gibt es noch nicht einmal eine Antwort. Die liefert jetzt der Verbandspräsident Wissman mit seinem Auftritt in Brüssel: Klimaschutz und Verbraucherinteressen sind der deutschen Automobilindustrie nicht wichtig.

Die EU-Kommission darf sich von Wissmann nicht über den Tisch ziehen lassen. Der im jetzigen Gesetzesentwurf von der EU für 2020 vorgeschlagene Wert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer (knapp vier Liter Verbrauch) – und um den geht es im Kern – ist bereits ein magerer Kompromiss: Greenpeace hält für das Jahr 2020 einen Grenzwert von 80 Gramm CO2 pro Kilometer für klimapolitisch notwendig und technisch machbar. Es ist vor allem die deutsche Autoindustrie, die selbst diesen mageren und in keiner Weise ausreichenden Zielwert torpediert. Und das, obwohl sie selbst eingesteht, dass die Kosten für mehr Klimaschutz geringer sind als sie früher behauptet hat. Gerade die deutsche Autoindustrie scheint nicht begreifen zu wollen, wie sehr sie sich langfristig selbst schadet, indem sie das sorgsam gepflegte Image vom Innovations- und Nachhaltigkeits-Pionier untergräbt, indem sie den Fortschritt bremst. Denn der dreiste Versuch, die Autofahrer mittels „Eco-driving“ für die eigenen Versäumnisse in die Pflicht zu nehmen, ist zwar besonders unverschämt, dürfte aber keineswegs das letzte Schlupfloch sein, dass die deutschen Autolobbyisten in den Gesetzentwurf reißen wollen.

Fazit: Blumige Sprüche auf Hauptversammlungen haben offensichtlich nicht das Geringste mit den wahren Absichten eines Autokonzerns zu tun. Das gilt allerdings nicht nur für VW, sondern für alle.