Castor 2011: Nachrichten aus einer belagerten Provinz Teil 7, 15.30 Uhr

28. November 2011

“Guten Morgen Marlies!, Guten Morgen Ingo!, Guten Morgen Kina!”. Die erste Kundgebung, auf der ich von großer Bühne mit fetter Soundanlage aus das Publikum mit Namen begrüßen kann. Es sind nämlich nur zehn Leute gekommen und die kenne ich alle seit Jahren. Eine Stunde nach Eintreffen des Castortransports im Zwischenlager findet traditionell eine Kundgebung statt – nur diesmal ist der Castor erst um 4.30 Uhr in Dannenberg angekommen.

Alle haben schon zwei Tage länger auf dem Buckel, da nutzen die Wendländer und andere routinierte Demonstranten die Umladezeit der Behälter zum Schlafen und nicht dazu, um 5.30 Uhr auf eine Kundgebung zu gehen. Die war von der örtlichen Bürgerinitiative angemeldet. Nur: deren Repräsentanten waren so schlau, das Mobiltelefon neben dem Bett auszuschalten. Meins klingelte eine Stunde, nachdem wir gerade von der Bauernpyramide und der großen Sitzblockade in Hitzacker wiedergekommen waren. “Kannst Du da mal sprechen? Von der BI ist keiner erreichbar.” Auf jeden Fall habe ich so auf der kleinsten Kundgebung in der Widerstandsgeschichte Gorlebens gesprochen. Das ist ja auch schon mal was.

Und gut gefrühstückt, denn der Volxküchen-LKW war auch da. Zu spät erkennen wir, dass die Traktoren, die vorbei rollen, von Polizisten gelenkt werden. Offenbar beschlagnahmt. Die Bauern haben ihr politisches Zeichen handwerklich gekonnt umgesetzt. Die Pyramidenkonstruktion made by “wendland engeneering”  hält den Transport 14 Stunden auf. Die 13 Stunden vom Bierlaster sind geknackt. Heiko, Hannah, Georg und Fritz hatten ihre Arme in der 600 kg schweren Konstruktion, bestehend aus einer äußeren und einer inneren Pyramide. “You are the champions” und zahlreiche andere Adaptionen berühmter Songs bis hin zu abgewandelten Fußballgesängen – “So sehen Helden aus, schalala-lala!” – klingen aus hunderten Kehlen von Unterstützern aus dem in gleißendes Scheinwerferlicht getauchten Wald neben der Bauernblockade auf der Schiene.

Wenn Georg seinen freien Arm hebt und die Faust zum Siegesgruß reckt, fängt die Menge an zu toben vor Begeisterung. Mick Jagger wäre heute Nacht ein häßlicher, unbedeutender und impotenter Wicht gegen diese vier in der Pyramide. Die Polizei hält sich nicht an die Warnungen der Bauern und beginnt, Schotter unter der Pyramide wegzuschaufeln. Hilti-Bohrer mit Meißel und die damit verbundenen Vibrationen tun ihr übriges. Als die Polizei sich technisch geschlagen gibt, hat sich die innere Pyramide bereits etwas abgesenkt. Wenn das so weiter geht, würden die Arme der Aktivisten zerquetscht.

Der Castor fährt bis auf zwei Kilometer an die Stelle heran und stoppt bei Harlingen. Nach 14 Stunden geben die Bauern ihre Blockade freiwillig auf, weil sie ihre körperliche Unversehrtheit durch das unbesonnene Vorgehen der Polizeitechniker nicht mehr gewährleistet sehen. Noch nie hat eine Einzelaktion den Castor so lange aufgehalten. Zuvor hatte es stundenlange Verhandlungen um eine gemeinsame Erklärung  mit der Polizeiführung gegeben, die ohne Gesichtsverlust aus der Aktion kommen wollte. Wieder einmal erwiesen sich die Beamten als unsportlich. Kaum ist die Blockade aufgelöst, behaupten Polizeisprecher, die Bauern selbst hätten sich in große Gefahr gebracht. So sehen Verlierer aus, Verlierer die auch noch nachtreten.

Doch der Zug kann nicht einfach weiter. Etwa 1.000 Menschen sitzen auf den Schienen vor der Pyramide. “Respekt und Anerkennung für den Widerstand. Heute war die Polizei nur zweiter Sieger!”, schallt es aus großen Lautsprechern. Häh? Was ist das? “Ich bin der Polizeimoderator der Räumung. Mein Kollege liest die rechtlichen Standards vor, dann übernehme ich wieder die Moderation und erkläre Ihnen die Maßnahmen!”. Mein Gott, vor 15 Jahren hieß das noch: “Guten Morgen, hier spricht Ihre Berliner Polizei!” und zwei Stunden später waren nicht mehr genug Krankenhausbetten für die verletzten Demonstranten in Dannenberg vorhanden. So ändern sich die Zeiten. Hier wird jeder schmerzhafte Griff vorher erklärt. Im Ernst: Danach wird besonnen geräumt. Also: Geht doch, liebe Uniformträger!

Noch im Dunkeln schaue ich Tobias bei den Neutronenmessungen zu. Das 600-fache der Hintergrundstrahlung, letztes Jahr noch das 480-fache. Die Behälter strahlen von Jahr zu Jahr stärker. Legal? Nein, illegal, meint Greenpeace. Dann fahre ich im Morgengrauen in Richtung Gorleben. Ich hatte vergessen, wie schön das hier im Elbetal ist und was wir hier alles zu verlieren haben, wenn die Gorleben zum Atomklo machen. Die Dörfer noch im Schlaf, nur ausgestopfte Strohpuppen mit Antiatomslogans hocken, hängen oder stehen am Rand. Stellvertreter für das, was kommt, wenn der Wendländer aufsteht – aus dem Bett meine ich. Denn wenn die Castoren verladen werden, dann geht der Demonstrant schlafen. Um danach mit noch mehr Power in die letzte Blockade einzusickern.

Dann die Nachricht, die alle umhaut: Vier Greenpeace-Aktivisten gelangen mit einem alten blauen Transporter auf die Südstrecke und stellen sich quer. Zwei Aktivisten sind so mit dem Fahrzeug und dem Asphalt der Straße verbunden, dass der Wagen nicht bewegt werden kann. Beginn: 9.15 Uhr. Jetzt, 16 Uhr, steht er immer noch. Ausstieg aus Gorleben – Castor stoppen. Greenpeace hält den Castortransport für gefährlich und illegal. Die Polizei arbeitet fieberhaft. Der Wagen ist kleiner als der legendäre Bierlaster. Irgendwann werden sie ihn knacken. Aber dann sind da ja noch die anderen: In Gorleben hat sich x-1000 am Ortseingang auf der Straße eingerichtet. In Laase hat die Bürgerinitiative eine Kundgebung angemeldet. Hunderte Wendländer bewegen sich in Richtung Gorleben direkt vor das Zwischenlager. Der elfte Behälter wird gerade verladen. Dann werden sie losfahren – und die Straße wird nicht frei sein.

Nachtrag: 15:54 Uhr: letzter Castor verladen. 15:55 Uhr: Laster nach knapp sieben Stunden von der Strecke geräumt!

Castor 2011: Nachrichten aus der belagerten Provinz Teil 6, 13 Uhr

27. November 2011

Heute 11:27 Uhr: Der Castor ist 91 Stunden und 26 Minuten unterwegs und er steht in Maschen. Im vergangenen Jahr ist der Zug genau nach dieser Zeit ins Zwischenlager eingefahren. Dies wird der längste Castortransport aller Zeiten – und gleichzeitig der illegalste.

Die Nacht in der Blockade in Harlingen  verbracht. Beginn des “Wunders von Harlingen” gestern um 15.30 Uhr mit 400 Leuten. In der Nacht dann 5000 Leute auf den Schienen. Räumung zwischen 2.30 Uhr und 7.30 Uhr. Das gleiche Bild wie im letzten Jahr: Hunderte Polizeifahrzeuge in einem riesigen Carree unterhalb der Schiene auf einem Acker aufgestellt bilden ein Gefangenenlager. Darin nach Polizeiangaben ca. 1200 Menschen. Bis zur Minute gibt es diesen rechtswidrigen Kessel, in dem die Menschen auf freiem Feld wie Tiere eingesperrt sind. Das Gesetz schreibt die unverzügliche Vorführung beim Richter vor. Noch haben wir Gewaltenteilung in Deutschland, noch entscheidet ein Richter über die Festnahme von Menschen und nicht der Polizist – nur in der belagerten Provinz ist das alles außer Kraft gesetzt.

Wir kennen das im Wendland seit Jahren: Keines von den hunderten an Einsatzfahrzeugen kann plötzlich mehr losfahren, um Menschen zum Richter zu bringen. Der Einsatzleiter aus Hannover behauptet, es hätten ja auch nur elf Leute aus dem Kessel die Vorführung vor den Richter beantragt. Die Routine des Protests führt dazu, dass Rechtsanwalt Martin Lemke, noch bevor der Einsatzleiter ausgesprochen hat, hunderte von schriftlichen Anträgen aus der Tasche zieht, die im Kessel gestellt wurden. Der Einsatzleiter hatte schlicht weg die Unwahrheit gesagt. Das ZDF hält live mit der Kamera drauf.

Im Kessel eine Blechbläserkapelle. Plötzlich bildet sich hinter der Kapelle ein Marschzug zur Musik. Dann Rufe: “Wir wollen raus!”. Versuch, auszubrechen. Tränengaseinsatz. Jagd auf einzelne Demonstranten. Es folgt sogar die richterliche Bestätigung, dass die Ingewahrsamnahme rechtswidrig ist. Auch das ficht den Einsatzleiter stundenlang nicht an. Jetzt vor einer Viertelstunde die Einigung: Alle können raus, wenn die Personalien abgegeben werden, dann Platzverweis.

Die Polizei schottert jetzt an zwei Betonblöcken im Gleisbett selber, um die Schiene freizubekommen. Vier Bauern haben sich an einer Betonpyramide in Hitzacker auf der Schiene angekettet. Inzwischen hat sich dort auch eine neue Sitzbloackade gebildet. Auch in Vastorf kurz hinter Lüneburg liegen unbekannte Aktivisten angekettet an einem Betonklotz im Gleisbett. Und der Castor steht immer noch in Maschen.

Die Bauern bedanken sich auf der morgendlichen Pressekonferenz bei den angereisten Unterstützern. Claudia Sültemeyer: “Danke, dass Ihr uns nicht alleine lasst!” Der Dank wird von den Aktionsgruppen erwidert. Demonstranten hätten wohl kaum so viele Lücken in den Polizeiketten gefunden, wenn Unbekannte in der vergangenen Nacht nicht so viele Dinge auf den Straßen verloren und sie damit unpassierbar für die Kolonnen der Einsatzfahrzeuge gemacht hätten: Sand, Steine, Pflüge, Eggen, Heuwender, Heckgewichte, Gummiwagen. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Das Aktionsbündnis Castorschottern beklagt harte Polizeieinsätze aber weniger Verletzte als im letzten Jahr. Das läge z.B. an Brillen gegen Tränengas und Armschützern gegen Schlagstöcke. Das Widerstandsnest Metzingen war mit 1300 Menschen “im Gelände” – während der Kundgebung. Bei den Sitzblockierern von Widersetzen ist die Polizei beim Wegtragen laut Auskunft von Jens Magerl “besonnen” vorgegangen. Man habe die Sympathie vieler Beamter für “unser politisches Anliegen” förmlich gespürt.

Auch die sieben Greenpeace-Aktivisten, die den Castor gestern Nacht mit ihrer Ankettaktion kurz hinter Lüneburg über sechs Stunden aufgehalten haben, sind unversehrt wieder entlassen worden. Auch mein Kollege Tobias Riedl spricht von “besonnenem Verhalten der Beamten”, aber auch davon, dass man Greenpeace wohl aus Angst vor Imageverlust nicht so hart anfasst und verweist auf überzogene Polizeieinsätze gegen namenlose Demonstraten in den letzten Tagen im Wald.

Greenpeace hat Beschwerde gegen die Ablehnung unserer Strafanzeige gegen Niedersachsens Umweltminister Sander gestellt und Riedl bekräftigt, dass der Transport illegal ist. Die Staatsanwaltschaft hatte die Strafanzeige von Greenpeace mit der Begründung abgewiesen, man habe eigene Strahlenberechnungen angestellt und sei daruf gekommen, dass der Grenzwert von 0,3 Millisievert/Jahr rund um die Castorhalle nicht erreicht würde. Man sei auf 0,295 Millisievert gekommen.

Inzwischen hat der wissenschaftliche Dienst des Bundestages die Greenpeace-Kritik an der Schönrechnerei des Niedersächsischen Umweltministers weitgehend bestätigt. Tobias Riedl: “Wir gehen erst recht nach dem hohlen Ablehnungsbescheid zu unserer Strafanzeige davon aus, dass wir vor Gericht Erfolg haben werden.” Wenn Sander dann am 17. Januar zurückgetreten ist, wird der Strahlenskandal dem Ministerpräsidenten David McAllister mit voller Wucht auf die Füsse fallen. Der will im Januar 2013 eine Wahl gewinnen.

Jetzt kommt das Gerücht auf: Der Castor startet in Maschen bei Hamburg Harburg Richtung Lüneburg. Geschätzte Fahrtzeit: 20 Minuten. Einer von vier Angeketteten im Betonblock in Vastorf ist jetzt herausgestemmt. Wir müssen los. Die Lücken suchen! Schlafen geht auch nächste Woche.

Und liebe Leute aus Baden-Württemberg: Wenn Ihr heute die Volksabstimmung gegen Stuttgart21 hinter Euch habt: Es ist genug Zeit, noch nach Gorleben zum Protest zu kommen. Euer grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat seine Losung, nicht zu demonstrieren, nämlich gestern widerrufen. Er habe sich “missverständlich ausgedrückt”. Jetzt aber los.”

Castor 2011: Nachrichten aus einer belagerten Provinz Teil 5

26. November 2011

Jetzt ist nur noch Zeit für kurze Blogeinträge, getippt auf dem Handy. In Harlingen bei Hitzacker haben es ca. 2.000 Menschen auf die Schiene geschafft, entschieden und gewaltfrei. Menschen campieren im Gleisbett um wärmende Lagerfeuer so weit das Auge reicht. Bilder wie aus Woodstock oder einem Camp im Wilden Westen. Wir sind aber im wilden Osten Niedersachsens.

Wir sind genau an der Stelle wie im letzten Jahr: das Wunder von Harlingen wiederholt sich. Wahnsinn!  Trommelmusik. Ansage, dass es um 20 Uhr Essen gibt. Wie bei Muttern. Tatsächlich kämpfen sich wieder mobile Suppenküchen durch den stockdunklen Wald bis zur Blockade. Das ist Widerstand im Wendland. Das gibt’s nur hier. Und Greenpeace ist stolz, ein Teil davon zu sein. Das Gejohle ist groß, als ich die Nachricht weitergebe: es ist 19.20 Uhr. Acht Greenpeace-Aktivisten sind mit Rohren im Gleisbett festgekettet bei Deutsch Evern bei Lüneburg, 40 km vor der Sitzblockade in Harlingen. 50 km vor dem Castor, der in Maschen steht.

Dieser Castor ist gefährlich und illegal. Wir haben jedes Recht, ihn zu stoppen. Heute beginnt der Ausstieg aus Gorleben.
Jetzt zieht Polizei an den Seiten auf, aber die Stimmung bleibt entspannt. Ein Clown der Clownsarmee vermisst Beamte mit dem Zollstock. Die haben Humor und spielen das Spiel mit. So einfach und effektiv kann Protest sein.

Passt gut auf euch auf, die ihr schon in den Blockaden seid. Und ihr anderen an den Bildschirmen: kommt ins Wendland! Das dauert hier noch lange! Und mit euch noch länger! Gorleben ist überall!

Nachtrag: über 20.000 Menschen und über 400 Traktoren auf der Demo in Dannenberg. Bewegende Rede unserer Greenpeace-Gäste aus Fukushima. Auch, als ein Kinderchor aus dem Wendland den Castor nach Hause singt, kommt Gänsehaut auf. Die Leute sehen alle irgendwie dicker angezogen aus als im vergangenen Jahr und haben viel mehr Rucksäcke und Isomatten dabei. Diesmal bleiben mehr Menschen nach der Demo in den Blockaden. Da bin ich mir sicher. Und es ist wärmer draußen. Beste Bedingungen, um uns an der von der Bundesregierung angemahnten Endlagerdebatte zu beteiligen. Auf unsere Weise!

Der Castor rollt und Greenpeace hält euch auf dem Laufenden: Über Twitter, über Facebook, über unsere Website und mit einem aktuellen Online-Paper. Wie im vergangenen Jahr ist unsere Homepage für ein paar Tage nur auf den Castor eingestellt – und sieht entsprechend anders aus.