“Guten Morgen Marlies!, Guten Morgen Ingo!, Guten Morgen Kina!”. Die erste Kundgebung, auf der ich von großer Bühne mit fetter Soundanlage aus das Publikum mit Namen begrüßen kann. Es sind nämlich nur zehn Leute gekommen und die kenne ich alle seit Jahren. Eine Stunde nach Eintreffen des Castortransports im Zwischenlager findet traditionell eine Kundgebung statt – nur diesmal ist der Castor erst um 4.30 Uhr in Dannenberg angekommen.
Alle haben schon zwei Tage länger auf dem Buckel, da nutzen die Wendländer und andere routinierte Demonstranten die Umladezeit der Behälter zum Schlafen und nicht dazu, um 5.30 Uhr auf eine Kundgebung zu gehen. Die war von der örtlichen Bürgerinitiative angemeldet. Nur: deren Repräsentanten waren so schlau, das Mobiltelefon neben dem Bett auszuschalten. Meins klingelte eine Stunde, nachdem wir gerade von der Bauernpyramide und der großen Sitzblockade in Hitzacker wiedergekommen waren. “Kannst Du da mal sprechen? Von der BI ist keiner erreichbar.” Auf jeden Fall habe ich so auf der kleinsten Kundgebung in der Widerstandsgeschichte Gorlebens gesprochen. Das ist ja auch schon mal was.
Und gut gefrühstückt, denn der Volxküchen-LKW war auch da. Zu spät erkennen wir, dass die Traktoren, die vorbei rollen, von Polizisten gelenkt werden. Offenbar beschlagnahmt. Die Bauern haben ihr politisches Zeichen handwerklich gekonnt umgesetzt. Die Pyramidenkonstruktion made by “wendland engeneering” hält den Transport 14 Stunden auf. Die 13 Stunden vom Bierlaster sind geknackt. Heiko, Hannah, Georg und Fritz hatten ihre Arme in der 600 kg schweren Konstruktion, bestehend aus einer äußeren und einer inneren Pyramide. “You are the champions” und zahlreiche andere Adaptionen berühmter Songs bis hin zu abgewandelten Fußballgesängen – “So sehen Helden aus, schalala-lala!” – klingen aus hunderten Kehlen von Unterstützern aus dem in gleißendes Scheinwerferlicht getauchten Wald neben der Bauernblockade auf der Schiene.
Wenn Georg seinen freien Arm hebt und die Faust zum Siegesgruß reckt, fängt die Menge an zu toben vor Begeisterung. Mick Jagger wäre heute Nacht ein häßlicher, unbedeutender und impotenter Wicht gegen diese vier in der Pyramide. Die Polizei hält sich nicht an die Warnungen der Bauern und beginnt, Schotter unter der Pyramide wegzuschaufeln. Hilti-Bohrer mit Meißel und die damit verbundenen Vibrationen tun ihr übriges. Als die Polizei sich technisch geschlagen gibt, hat sich die innere Pyramide bereits etwas abgesenkt. Wenn das so weiter geht, würden die Arme der Aktivisten zerquetscht.
Der Castor fährt bis auf zwei Kilometer an die Stelle heran und stoppt bei Harlingen. Nach 14 Stunden geben die Bauern ihre Blockade freiwillig auf, weil sie ihre körperliche Unversehrtheit durch das unbesonnene Vorgehen der Polizeitechniker nicht mehr gewährleistet sehen. Noch nie hat eine Einzelaktion den Castor so lange aufgehalten. Zuvor hatte es stundenlange Verhandlungen um eine gemeinsame Erklärung mit der Polizeiführung gegeben, die ohne Gesichtsverlust aus der Aktion kommen wollte. Wieder einmal erwiesen sich die Beamten als unsportlich. Kaum ist die Blockade aufgelöst, behaupten Polizeisprecher, die Bauern selbst hätten sich in große Gefahr gebracht. So sehen Verlierer aus, Verlierer die auch noch nachtreten.
Doch der Zug kann nicht einfach weiter. Etwa 1.000 Menschen sitzen auf den Schienen vor der Pyramide. “Respekt und Anerkennung für den Widerstand. Heute war die Polizei nur zweiter Sieger!”, schallt es aus großen Lautsprechern. Häh? Was ist das? “Ich bin der Polizeimoderator der Räumung. Mein Kollege liest die rechtlichen Standards vor, dann übernehme ich wieder die Moderation und erkläre Ihnen die Maßnahmen!”. Mein Gott, vor 15 Jahren hieß das noch: “Guten Morgen, hier spricht Ihre Berliner Polizei!” und zwei Stunden später waren nicht mehr genug Krankenhausbetten für die verletzten Demonstranten in Dannenberg vorhanden. So ändern sich die Zeiten. Hier wird jeder schmerzhafte Griff vorher erklärt. Im Ernst: Danach wird besonnen geräumt. Also: Geht doch, liebe Uniformträger!
Noch im Dunkeln schaue ich Tobias bei den Neutronenmessungen zu. Das 600-fache der Hintergrundstrahlung, letztes Jahr noch das 480-fache. Die Behälter strahlen von Jahr zu Jahr stärker. Legal? Nein, illegal, meint Greenpeace. Dann fahre ich im Morgengrauen in Richtung Gorleben. Ich hatte vergessen, wie schön das hier im Elbetal ist und was wir hier alles zu verlieren haben, wenn die Gorleben zum Atomklo machen. Die Dörfer noch im Schlaf, nur ausgestopfte Strohpuppen mit Antiatomslogans hocken, hängen oder stehen am Rand. Stellvertreter für das, was kommt, wenn der Wendländer aufsteht – aus dem Bett meine ich. Denn wenn die Castoren verladen werden, dann geht der Demonstrant schlafen. Um danach mit noch mehr Power in die letzte Blockade einzusickern.
Dann die Nachricht, die alle umhaut: Vier Greenpeace-Aktivisten gelangen mit einem alten blauen Transporter auf die Südstrecke und stellen sich quer. Zwei Aktivisten sind so mit dem Fahrzeug und dem Asphalt der Straße verbunden, dass der Wagen nicht bewegt werden kann. Beginn: 9.15 Uhr. Jetzt, 16 Uhr, steht er immer noch. Ausstieg aus Gorleben – Castor stoppen. Greenpeace hält den Castortransport für gefährlich und illegal. Die Polizei arbeitet fieberhaft. Der Wagen ist kleiner als der legendäre Bierlaster. Irgendwann werden sie ihn knacken. Aber dann sind da ja noch die anderen: In Gorleben hat sich x-1000 am Ortseingang auf der Straße eingerichtet. In Laase hat die Bürgerinitiative eine Kundgebung angemeldet. Hunderte Wendländer bewegen sich in Richtung Gorleben direkt vor das Zwischenlager. Der elfte Behälter wird gerade verladen. Dann werden sie losfahren – und die Straße wird nicht frei sein.
Nachtrag: 15:54 Uhr: letzter Castor verladen. 15:55 Uhr: Laster nach knapp sieben Stunden von der Strecke geräumt!











