Bluesign – Umweltschutz nach Industrieinteresse?

14. November 2012

Greenpeace hat 14 Kleidungsstücke namhafter Outdoor-Marken untersucht. Alle Proben haben poly- und perfluorierte Chemikalien (PFC) enthalten. Diese Outdoorfirmen produzieren (abgesehen von Adidas, Fjällräven und Seven Summits) nach dem Bluesign Standard. Bluesign sorgt nach eigenen Angaben dafür, dass bei Herstellung und Veredelung von Natur- und Synthetikfasern keine umwelt-oder gesundheitsschädlichen Chemikalien in die Produktionskette gelangen. Allerdings ist der Einsatz von PFC erlaubt. Greenpeace fordert den vollständigen Verzicht von PFC und 10 anderer gefährlicher Substanzen aus der Textilproduktion.

Greenpeace hat 14 Kleidungsstücke namhafter Outdoor-Marken untersucht. Alle Proben haben poly- und perfluorierte Chemikalien (PFC) enthalten.

Industrie wichtiger als Umwelt und Verbraucher?

Nach Meinung von Bluesign haben die Produzenten von Outdoor-Kleidung das Recht PFC einzusetzen. Statt auf eine Verbannung setzt der Standard auf Risikokontrolle. Der Gedanke dahinter: Wie unter einer Glasglocke lassen sich gefährliche Chemikalien beherrschen – der Kontakt mit Menschen und der Umwelt lässt sich vollständig kontrollieren. Doch die Realität sieht anders aus: Vom arktischen Polareis bis in die Tiefsee, vom menschlichen Blut bis in die Muttermilch finden sich bereits Spuren von PFC. Einige Stoffe sind bioakkumulativ und können sich in Organen oder im Blut von Lebewesen anreichern und der Gesundheit schaden. Die Kontrolle dieser langlebigen Chemikalien kann durch kein Zertifikat garantiert werden. Früher oder später landen die Schadstoffe in der Umwelt – wenn nicht bei der Produktion, dann spätestens beim Tragen oder bei ihrer Entsorgung. Nur PFC-freie Alternativen bieten einen wirksamen Schutz vor Umweltbelastungen.

Bluesign will ab 2015 lediglich auf die sogenannten C8-Verbindungen (mit acht Kohlenstoffatomen) verzichten. Die kurzkettigen C6-Verbindungen sollen den Produzenten erhalten bleiben. Aber auch die C6-Verbindungen sind keine „grüne Chemie“. Kurzkettige PFC sind vielerorts im Grundwasser und Trinkwasser nachweisbar. Kein Aufbereitungssystem der Welt kann sie wieder herausfiltern. Das Umweltbundesamt ruft daher alle Hersteller auf, fluorfreie Alternativen zu verwenden. Die Behörde prüft, ob die kurzkettigen PFC auf die REACH-Liste für besonders besorgniserregende Stoffe gesetzt werden können (SVHC-Liste). REACH ist die europäische Chemikalienverordnung und regelt u.a. den Einsatz von gefährlichen Chemikalien. Ein Zertifizierungsstandard, der weiterhin den Einsatz von PFC zulässt, argumentiert der wissenschaftlichen Erkenntnis hinterher. Einem Standard, der den Einsatz von PFC erlaubt, geht es in erster Linie um die Wünsche der Industrie. Umwelt, Anwohner und Konsumenten stehen hinten an.

Instransparentes Kontrollsystem

Die Stärke des Bluesign Systems ist, dass die Zertifizierer Produktionsstätten besichtigen. Allerdings schweigt Bluesign dazu, welche Chemikalien die Hersteller in die fabriknahen Flüsse einleiten. Dabei machen es andere vor: Zum Beispiel arbeiten H&M und Marks&Spencer mit ihren Lieferanten an einem Kontrollsystem, das Daten im Internet offen legen soll.

Bislang entscheidet Bluesign, welche Chemikalien für Anwohner und Konsumenten akzeptabel sind. Würden die Abwasser- und Abluftdaten offen gelegt, könnte sich jeder selbst ein Bild machen. Es ist höchste Zeit für Bluesign und die Firmen, sich für strenge Standards und transparente Kontrollen zu entscheiden.