Seit ich bei Greenpeace als Waldkampaigner arbeite, habe ich in den letzten zehn Jahren einige der schönsten Urwälder der Welt bereist. Als Mitglied der intenationalen Waldkampagne von Greenpeace habe ich mitgeholfen, Wälder zu schützen, oft erfolgreich. Dabei habe ich etwa die borealen Urwälder in Kanada, Finnland oder Russland genauso kennengelernt wie die schwülheißen Regenwälder Afrikas oder Indonesiens.
Die Schönheit und die Zerstörung durch Holzfäller oder Plantagenfirmen zu dokumentieren, gehört sozusagen zu meinem Beruf.
Ich glaube also von mir sagen zu können, dass ich die Lage vor Ort im Wald ganz gut einschätzen kann.
Seit Mittwoch bin ich nun im bayrischen Spessart. Gemeinsam mit meinen Kollegen aus vielen Greenpeace-Ortsgruppen bin ich im Wald und begeistert von dem ökologischen Wert des Spessarts; und erbost darüber, dass in den besten Teilen dieses in Europa einzigartigen Waldes weiter Holz eingeschlagen wird und diese Einzigartigkeit Stück für Stück kaputt gemacht wird.
In dem Wald, wo ich gerade war, dem so genannten Heisterblock, nahe Weibersbrunn bei Aschaffenburg, ist fast jeder dritte der über 50 Zentimeter Durchmesser zählenden Bäume ein “Biotopbaum”. Das heißt, er weist Merkmale auf, die jene Tiere und Pilze benötigen, die auf alte, abgestorbene oder im Verfallsstadium befindliche Bäume angewiesen sind.
Da sieht man einen Riss, oder Rotfäule am Baum, die sich als leicht rötliche, aufgeplatzte Rinde darstellt, oder ein Astloch in acht Metern Höhe, oder gar ein Loch am Fuße des Baumes, wo sich bereits Mulm bildet, der zerfallene Holzsstoff. Biotopholz pur. Pilze wachsen auf den “toten” noch stehenden Bäumen, umgefallene Bäume überall. Tot sind die Bäume ja eigentlich nicht, denn das Leben an ihnen ist nur anders, hat sich im Verlauf der endlosen Zeit gewandelt. Jetzt sind sie das Reich der Käfer und Pilze, Vögel oder Fledermäuse und eben nicht mehr der Blätter.
Eine Buche von über 100 cm Durchmesser entlockt mir ein freudiges Jauchzen. Ich sage zu mir selber: “Boah, ist der dick”, und denke nicht an einen bekannten Werbespruch, sondern bin schier begeistert und stehe ehrfürchtig wie in der Kirche vor dem geschätzt knapp 800 Jahre alten Baum. Ja, so ein Baum begeistert mich. Zuletzt habe ich solche stattlichen Exemplare im Nationalpark Hainich in Thüringen und im Steigerwald bei Ebrach gesehen.
Sie sind einfach so selten geworden in Deutschland wie ein Orang-Utan in Indonesien. Es gibt sie noch, aber die Forstwirtschaft hat ihre Zahl dramatisch gesenkt, und lässt sie nicht mehr entstehen. Denn nur noch auf 2-3 Prozent der Waldfläche in Deutschland wachsen noch solche alt gewordenen Buchenwälder.
Der Stamm vor mir ist “tot”, knapp neun Meter hoch, dort ist der Rest abgebrochen und liegt neben mir am Boden. Völlig ausgehöhlt ist der Baum, nur noch die harte Rinde scheint die Form des Baumes zu halten. Ich könnte reinkriechen, so groß ist das Loch. Die vielen Fuchsspuren hierher zeigen, das diese fünf Meter lange Baumhöhle mehrere Bewohner hat.
Der Wald ist älter, als ich meine Ahnen zurückverfolgen kann.
Und das alles knapp 50 Kilometer östlich von Frankfurt. Es lohnt sich, dort einmal einen Abstecher zu machen. In Zukunft vielleicht sogar mit der Gewissheit, dass die wertvollen Buchenwälder erst einmal nicht mehr gefällt werden, und sich der Forstbetrieb auf jene Waldareale konzentriert, die jünger sind.
Ein partieller Einschlagstopp wäre dafür nötig.












