Mein vorerst letzter Tag auf der Arctic Sunrise

19. August 2010

Key West
Luft 36 °C, Wind 0, Wasser 31°C, See 0 Meter, Sonne, trocken, wolkenlos

Ölpest in der chinesischen Hafenstadt Dalian (c) Jiang He / Greenpeace

Ölpest in Dalian/China

Ja, Deepwater Horizon und die Folgen der größten Ölkatastrophe in der US-amerikanischen Geschichte. Und es ist nicht die einzige Ölpest – sie hat nur alle anderen aus dem Bewusstsein verdrängt. Sibirien, Nigeria, überhaupt Ölplattformen: Dauerkatastrophen, über die kaum noch berichtet wird. Die Liste könnte noch reichlich fortgesetzt werden. Vor kurzem der Unfall in China: Eine Pipeline explodierte nach dem Entladen eines lybischen Tankers. Das drang kaum in die Medien. Doch es war die bislang größte Ölkatastrophe in China und schlimmer als der Unfall der Exxon Valdez vor 20 Jahren in Kanada.

BP hat sehr vielen Wissenschaftlern Geld für Untersuchungen gegeben mit der Auflage, die Ergebnisse erst in einigen Jahren zu veröffentlichen. Auch die Ergebnisse von NOAA, einem Institut, das mit der Regierung zusammenarbeitet, sind solange auf Eis gelegt, bis die Gerichte geklärt haben, wie viel BP wem zahlen muss.

Greenpeace arbeitet jetzt bis Mitte Oktober im Golf, um unabhängigen Wissenschaftlern die Möglichkeit zu geben, entsprechende Untersuchungen vorzunehmen und zu veröffentlichen.

Was macht Greenpeace im Golf von Mexiko?

Die Arctic Sunrise in Dry Tortugas, Florida (c) Todd Warshaw / Greenpeace

Die Arctic Sunrise in Dry Tortugas

Der erste Teil bestand in Probennahmen in einem offensichtlich noch nicht betroffenen Gebiet: Die Keys und der Nationalpark Dry Tortugas. Dafür war ich als Tauchereinsatzleiter angefordert worden.

Ich bin jetzt bald auf dem Rückweg. Noch sitze ich in Key West, was sich morgen aber ändert. Der zweite Teil der Tour wird in die betroffenen Gebiete führen. Dann wird Plankton untersucht, der Anfang der Nahrungskette, sowie der Tierbestand.

Bestandsaufnahme bedrohter Tiere

Ich gehe davon aus, dass meine Kollegen auf Pottwale treffen. Es gibt eine “residental Pottwal Population”, die nur im Golf von Mexiko lebt. Diese Population bekommt keine genetische Zufuhr von außen und ist deshalb extrem gefährdet. Wissenschaftler gehen davon aus, wenn nur wenige erwachsene Exemplare sterben (unter 10), wird die Population zusammenbrechen. Es handelt sich insgesamt um circa 1.300 Tiere. Bisher ist ein Jungwal tot aufgefunden worden. Man weiß nicht, wo die anderen Tiere bislang verblieben sind, da tote Pottwale auf den Meeresgrund absinken.
Weiterhin gibt es diverse Meeresschildkröten, davon eine endemische Art, welche auf der Liste der bedrohten Arten steht. Ihre Brutgebiete sind zu einem großen Teil verölt.
Der braune Pelikan, Wappentier von Louisiana ist gerade von der Liste der bedrohten Arten heruntergenommen worden. Man musste jetzt ganze Jungvögel-Jahrgänge töten, um wenigstens einige der Altvögel retten zu können. Die Jungvögel hatten absolut keine Chance: Bereits mit verölten Fischen gefüttert, die Altvögel selbst schon tot oder kurz davor. Viele Altvögel konnten aber auch nicht mehr gerettet werden.
Delphine sind auch betroffen und die kommenden zwei Wochen wird untersucht, wie es um die Tiere steht, die zu dieser Jahreszeit im Golf von Mexiko anzutreffen sein müssten. Sind noch welche da? Wo sind sie? Wie viele sind es? Wenn sie nicht da sind, wo sind sie dann? Viele offene Fragen, die geklärt werden wollen.

Kontaminierte Gewässer

Das Team auf der Arctic Sunrise wird verstärkt Wasserproben nehmen, um die chemische Zusammensetzung des Wassers zu analysieren. Im letzten Teil dann werden die “Öl- Plums” untersucht und die Auswirkungen auf den Meeresgrund, die Tiefwasser-Korallen und entsprechende Fauna und Flora. Es kann sein, dass ich für den letzten Teil der Expeditionstour wieder an Bord gehe. Ich will ehrlich sein: Ich bin nicht böse darum, den jetzt kommenden Teil nicht mitmachen zu müssen. Gerade sprach ich noch an Deck mit John, dem Meeresexperten. Er meinte:
Die nächste Zeit wird bestimmt sehr traurig werden. Ich habe schon genug Trauriges gesehen, ich weiß, dass ich das kann. Aber wenn ich nicht muss, bin ich nicht böse darum. In Gedanken bin ich bei meinen Kollegen, die ich um diese Momente wahrlich nicht beneide.

Aber wenn ich gebraucht werde, bin ich sofort wieder da – egal, was es zu sehen gibt.

Grüße von Regine

Eine Frage der Coolness

18. August 2010

Dry Tortugas
Wind 1, südliche Richtungen, See 0,5 Meter, Luft 35 °C, Wasser 30°C, Sonne, schwül

Um neun Uhr verließ die “Mermaid” mit sechs Tauchern die Arctic Sunrise, um sich wieder einmal zu einem Tauchspot aufzumachen, wo es besonders viele unterschiedliche Schwämme geben sollte. Viele dieser Schwammarten sind bis heute noch nicht einmal klassifiziert, insofern haben wir gute Chancen, etwas Neues  während unserer Tauchgänge zu entdecken.

Wer ist hier cool?

Ein riesiger Barrakuda (c) Todd Warshaw / Greenpeace

Ein riesiger Barrakuda (Sphyraena barracuda) - gesichtet von Regine

Als die ersten von uns abtauchten, schwamm ein großer Barakuda um mich herum. Er wirkte ausgesprochen cool, was ich in dem Moment von mir weniger behaupten konnte, weil er ziemlich nah an mir dran war. Ich blieb aber auch ganz cool, fühlte mich nur nicht so, und wartete, bis er wegschwamm, aber er schwamm nicht weg. Er war sehr groß, dunkel-oliv bis braun und hatte ein großes Maul, in dem ich die spitzen Zähne deutlich sehen konnte. Bislang habe ich nur silberne Barakudas gesehen. Ich weiß nicht, ob sie im Alter die Farbe wechseln oder ob es unterschiedliche Farbschläge gibt. Aber in dem Moment war mir das eher ziemlich  egal. Ich wollte mich auch wieder cool fühlen, woran mich dieser Barakuda irgendwie hinderte. Also schwamm ich auf ihn zu, weil Fische dann ja gemeinhin wegschwimmen. Haie auch. Barakudas eigentlich auch. Dieser nicht. Das Ergebnis war also entgegengesetzt meines Zieles: Der Abstand zwischen uns verringerte sich! Also wartete ich wieder, der Barakuda wartete auch und langsam fragte ich mich, wer hier eigentlich wen im Griff hatte!
Dann wurde es mir zu bunt und ich schob eine meiner Flossen vor, was den coolen Barakuda nicht weiter störte. Erst als ich ihn vorsichtig anstupste, verstand auch er endlich, was ICH wollte: Abstand! Das hat dann auch geklappt: Er entfernte sich in aller Ruhe, also ganz cool, aber ich konnte somit auch wieder cool sein!

Diesmal gab es besonders viele Canyons, Überhänge und Höhlen, durch die man hindurchtauchen konnte. Offenbar sitzen die von uns gesuchten Schwämme besonders gerne an Höhlendecken, sodass meine Arbeit heute darin bestand, “meinen Wissenschaftler” in die Höhlen zu begleiten, zu leuchten und Tütchen, Schreiber und Tafel zu reichen und wieder in dem Transportsack zu verstauen.

Aufgetaucht

Solche Tauchgänge vergehen wie im Fluge und nach einer guten Stunde Probennahme stiegen wir wieder zur Wasseroberfläche auf. Übrigens nicht ohne am Ankertau ein wildes Gewimmel kleinster Seespinnen zu sehen, von denen unser Wissenschaftler hinterher sagte, er habe selber noch nie so kleine Tiere dieser Spezies gesehen. Die Proben werden nun in ein Labor gebracht und dort umfangreichen Analysen unterzogen. Auf die Ergebnisse bin ich sehr gespannt!

Um 19:30 Uhr ging der Anker auf und die Sunrise verließ die kleinen Inseln der Dry Tortugas. Ein Großteil der Ausrüstung war bereits wieder verstaut, als die Abendsonne hinter dem Heck noch über dem Horizont stand. Es war wieder einer dieser Augenblicke, die hier jeder gut kennt, über die aber nie jemand spricht. Die Momente des Abschiedes, das Wissen, dass man an diesen Ort vermutlich nie mehr zurückkehren wird. Kein großer Abschied, denn wir waren nicht lange hier. Und dennoch ein schöner Flecken auf dieser Welt, der noch in Ordnung scheint. Wollen wir hoffen, dass nicht der ganze Golf in Kürze vom Unglück der “Deepwater Horizon” betroffen ist.

So standen wir noch lange an Deck, auch als es schon dunkel war, genossen den leichten Fahrtwind und den klaren Sternenhimmel über uns. Der Mond zunehmend voller, Venus achteraus, aber auch vertraute Sternzeichen waren zu erkennen, der große Wagen, das Himmels W, und andere. Der Horizont erschien in einheitsgrau, nur der Mond erhellte das Wasser am Horizont und zog eine klare Linie zwischen den Elementen. Obwohl klarer Sternenhimmel war, erleuchteten zwei Gewitter die Wolken für wenige Sekunden. Und nur dann konnte man erkennen, dass überhaupt ein Wolkenband am Horizont lag. Wie ein verdecktes Feuerwerk oder ein Lagerfeuer hinter einem Hügel flackerten die Blitze und ließen die Wolkenkonturen aufglimmen.

Wie geht es weiter?

Den restlichen Monat werden Wasserproben genommen. Es wird erst einmal nicht mehr getaucht und die Route wird in Richtung der betroffenen Gebiete liegen. Bislang sind wir nicht behelligt worden und so sollte es für die weitere Arbeit auch sein. Schliesslich wollen wir herausfinden, was wirklich alles durch diese Ölkatastrophe passiert, betroffen, zerstört und unwiederbringlich verloren ist. Wir wollen festhalten, was kein Geld der Welt wieder gutmachen und entschädigen kann. Nicht alle Schäden sind rückgängig zu machen, weder mit Geld noch mit anderem. Es kann nicht sein, dass sich ein Konzern aus der Verantwortung zieht. Es kann nicht sein, dass wir sehen, was notwendig ist und es erst tun, wenn wir keine andere Wahl mehr haben!
Wir haben seit Jahren die Wahl, uns von den fossilen Brennstoffen zu verarbschieden. Öl ist eigentlich viel zu wertvoll, um überwiegend zum Heizen und zum Betrieb von Motoren und Energieanlagen verbrannt zu werden. Wir haben bereits die Technologie, regenerative Energien zu nutzen. Wir müssen es nicht nur wollen, wir müssen es tun!

Grüße von Regine

Nachttauchgänge

18. August 2010

Dry Tortugas, Nachts
Wind 0, See 0 Meter, Luft 28 °C, Wasser 30°C, sternenklar, Mondsichel

Pünktlich um 20:00 Uhr legte unsere “Mermaid”, das kleine Jetboot, von der Arctic Sunrise ab und fuhr in die Abenddämmerung. Ein Wolkenband zog sich dunkelblau am Horizont entlang, wie eine Urwaldkulisse, Bäume, Pflanzen und Tiere gegen den Abendhimmel zeichnend. Rosa und orangefarbene Umrisse gaben dem Abendhimmel etwas Gemaltes, etwas Gewolltes, das die Phantasie beflügelt.
An unserem Tauchplatz angekommen, befestigte ich die “Mermaid” an einer Ankerboje und schnell machten wir uns tauchfertig. Heute Abend nur zu viert, stiegen wir am Ankertau hinab in die Dunkelheit, befestigten unten ein Blitzlicht, welches weithin zu sehen war, so konnte man den Rückweg leicht finden.

Schwärze unter Wasser

Scrawled Cowfish (Lactophrys quadricornis) im Nationalpark Dry Tortugas, Florida (c) Todd Warshaw / Greenpeace

Scrawled Cowfish (Lactophrys quadricornis)

Nachts ist es unter Wasser schwarz. Ohne Lampe kann man absolut nichts sehen. Nur der Blick nach oben zeigte die leuchtende, durch die Wellen hin und her flackernde Mondsichel, deren Licht aber lange nicht nach unten durchdrang. Im Schein unserer Lampen stöberten wir durchs Riff, Fotograf und Filmer nahmen auf, was die Nacht hier unten zu bieten hatte. Kleine bunte Federsterne mit weißen Spitzen filtrierten das Wasser nach Kleinstlebewesen, eine große Languste saß unter ihrem Stein, Seeigel, die wir bei Tage nicht gesehen haben, zeigten sich jetzt auf der Suche nach Nahrung. Das Riff war sehr zerklüftet und unser Weg führte uns durch Canyons und durch kleine Höhlen. Einige wenige See-Anemonen mit grün leuchtenden Spitzen konnte ich entdecken, sowie Seespinnen und an einer Steilkante stand ein Barakuda in der leichten Strömung. Wo man auch hinleuchtete veränderte sich der Untergrund, die Schatten bewegten sich mit unserer Bewegung. Alles außerhalb des Lichtkegels entschwand dem Blick und ließ die nur leise knisternde Welt um uns herum sehr klein werden. Leuchtende Fische entschwanden ins Dunkel, ein blau phosphoreszierender Schwamm unter einem Überhang glühte unwirklich im Taschenlampenlicht und die sich in der Strömung hin und her bewegenden Pflanzen zauberten mehr Leben in den Blick als da war.

Rückfahrt zur Sunrise

Nach 45 Minuten verließen wir wieder diese unwirkliche Welt, stiegen aufs Boot und machten alles fertig für die Rückfahrt zur Arctic Sunrise durch die warme Nacht. Mitterlweile war es ganz dunkel geworden. Die Mondsichel hinterließ auf dem Wasser einen breiten Pfad, dessen tausende kleine Wellen, vom Wind hineingedrückt, das Mondlicht aufsplitteten und glizernd zurückwarfen.

Die “Mermaid” setze sich in Bewegung und fuhr zügig zurück zur “Sunrise”. Auf dem Weg sprangen immer wieder kleine silbern aufblitzende Fische über die Wellen. Der Fahrtwind war immer noch warm, fast wie am Tage. Die Luft wehte weich um uns und das Motorengeräusch war das einzige, was zu hören war. Wir fuhren auf ein paar kleine, warme Lichter in der Ferne zu, die unsere 50 Meter stählerne Zivilisation markierten.

Delfine in Sicht!

Als alles wieder an seinem Platz war, machte sich die Kunde breit, dass Delphine am Heck der Arctic Sunrise seien. Und so standen wir noch eine lange Zeit am Heck, und sahen, wie sich Fische im Lampenschein sammelten, Sepia und Seenadeln. Jedesmal, wenn ein Delphin näher kam, schossen die Fische davon. Es war eine Mutter mit einem Jungtier – recht klein. Das Jagen des Babydelphins war nicht sonderlich erfolgreich, wobei ich mir auch nicht sicher bin, ob er es ernsthaft versucht hat. Ich habe ja schon viele Delphine gesehen, aber noch keinen so albernen! Der Babydelphin machte unter Wasser Purzelbäume, schwamm auf dem Rücken und jagte den springenden Seenadeln nach. Er schlug Haken und machte nicht den Eindruck, als ob er die Jagd ernst nähme. Ab und an kam die Mutter ins Blickfeld, sprang aus dem Wasser und schlug mit der Fluke auf die Wasseroberfläche. Auch wenn die Tiere nicht gerade im Lichtschein der Hecklampen waren, hörte man sie doch häufig ganz in der Nähe atmen: Das typische Geräusch der plötzlich ausgestoßenen Atemluft; wer es einmal gehört hat, wird es immer wieder erkennen!

Grüße von Regine