„Wie gehen wir in Deutschland mit Gentechnik in Lebensmitteln um?“ Wenn mich der Deutsche Bauernverband zu einem Forum mit diesem Thema auf die Grüne Woche einlädt, klingt das nach einer spannenden Diskussion. Und in so einem Fall kämpfe ich als Greenpeace-Vertreterin gerne öffentlich für die Interessen der Verbraucher und des Umweltschutzes.
So saß ich gestern Nachmittag auf dem Podium eines sehr gut gefüllten Konferenzraums neben einem ehemaligen Mitarbeiter der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), zwei Vertretern der Tierfutterbranche, einem Milchbauer von Campina/Landliebe und leider nicht – wie angekündigt – neben Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Die ließ sich nämlich schlauerweise durch ihren eigenen Gentechnik-Experten vertreten.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Kennzeichnung von Lebensmitteln – mit und ohne Gentechnik. Wie der Bauernverband dazu argumentierte war keine Überraschung, aber ein Ausweichmanöver der besonderen Art: Denn einerseits setzt sich der Bauernverband neuerdings für die sogenannte Prozesskennzeichnung ein. Das heißt, auch tierische Produkte wie Eier, Fleisch und Milch sollen gekennzeichnet werden, wenn Gen-Pflanzen zuvor an die Tiere verfüttert wurden. Das ist ein großer Schritt für einen Verband, der sich jahrelang mit allen Kräften gegen diese Art von Kennzeichnung gewehrt hat.
Aber andererseits versuchte die Verbandsspitze gleich einmal, die bestehende Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ zu diskreditieren. Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, bezeichnete „Ohne Gentechnik“ gar als „scheinheilig“. Warum? Weil Zusatzstoffe wie Enzyme, Aminosäuren und Vitamine im Tierfutter eingesetzt werden dürfen, die im Labor mit Hilfe eines gentechnisch veränderten Verfahrens hergestellt wurden. Anstatt sich der anschließenden Diskussion aber zu stellen, verließ Sonnleitner leider schon vor der Eröffnung des Podiums den Raum und verstärkte dadurch meinen Eindruck, dass das Thema Transparenz und Wahlfreiheit für ihn letztendlich nicht ernst gemeint ist, sondern es sich bei solchen Statements vielmehr um taktische Spielchen handelt.
Aber zurück zum Thema: Ja, bei Produkten mit dem Label „Ohne Gentechnik“ können im Tierfutter Zusatzstoffe und Tiermedikamente, die mit Hilfe der Gentechnik im Labor hergestellt wurden, eingesetzt werden. Die Zusatzstoffe selbst sind nicht gentechnisch verändert.
Ein auf den ersten Blick kompliziertes Thema, dass aber nur vom eigentlichen ablenken soll: Der Großteil der weltweit angebauten Gen-Pflanzen gelangt ins Tierfutter und damit indirekt und unbemerkt als Schnitzel, Joghurt und Ei auf unserem Esstisch. Die verfütterten Gen-Pflanzen werden nicht im geschlossen Raum eines Treibhauses oder Labors erzeugt, sondern wachsen auf Freilandflächen. Pflanzen sind komplexe Organismen. Den meisten Gen-Pflanzen wurden artfremde Gene eingebaut. Welche Auswirkung diese auf das Stoffwechselsystem der Pflanzen haben, wissen wir bis heute nicht.
Wer also Zusatzstoffe, die in einem gentechnisch veränderten Verfahren im Labor produziert wurden, mit Gen-Pflanzen vergleicht, die in großem Maßstab mit immensen Risiken für die gentechnikfreie Landwirtschaft und unsere Ökosystem angebaut werden, der vergleicht Äpfel mit Birnen.
Wenn der Bauernverband will, dass auch diese Zusatzstoffen gekennzeichnet werden – bitteschön! Niemand hindert Industrie und Hersteller daran, deutlich zu kennzeichnen, was sie in ihren Produkten einsetzen. Unser Vorschlag an alle Unternehmen, die sich über die „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung aufregen und nicht wollen, dass es umweltbewusste und verantwortungsvolle Produzenten gibt:
Ihr könnt schon jetzt selbstverpflichtend und freiwillig eure Produkte kennzeichnen! Schreibt endlich drauf, dass ihr massenhaft riskante Gen-Pflanzen im Tierfutter einsetzt! Das ist gesetzlich nämlich nicht verboten und der Verbraucher würde endlich erfahren, wer ihren Wunsch auf eine Lebensmittelproduktion ohne Genpflanzen ignoriert und die Wahlfreiheit bisher mit Füßen getreten hat. Das sind nämlich die gleichen, die gestern „scheinheilig“ auf der „Ohne-Gentechnik“-Kennzeichnung herumgetrampelt sind, um damit von ihrem eigentlichen Problem abzulenken.











