Regress statt Renaissance

27. August 2009

Was wurde in den letzten Monaten von einer bevorstehenden „Renaissance der Atomkraft“ fabuliert! Sowohl die CDU/CSU als auch die FDP wollen eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke – so steht´s in den Wahlprogrammen. Und die Atomlobby ist diesbezüglich schon lange Feuer und Flamme (im Falle vom AKW Krümmel sogar wortwörtlich…). Mit Pseudoargumenten wie der Rede von unverzichtbarer Brückentechnologie, Wundermittel für den Klimaschutz und angeblich sauberem Strom will sie ihr „Kern“-geschäft am Leben halten. Schließlich wirft jedes Atomkraftwerk pro Tag (!) gut eine Million Euro an Gewinn ab. Da schien eine eventuelle schwarz-gelbe Koalition nach der Bundestagswahl rosige Aussichten zu bieten. Vielleicht hat das eine oder andere Vorstandsmitglied sogar schon von zukünftigen Neubauten geträumt…
Allerdings berichtet die Frankfurter Rundschau (FR) heute über eine Studie, welche diese Träume schnell wieder platzen lassen könnte. Eine Autorengruppe um den Atomexperten Mycle Schneider hat sich in ihrem „Weltstatusbericht Atomindustrie 2009“ mit der Zukunft der Atomkraft auseinandergesetzt.
Die Ergebnisse sind ernüchternd: Allein um den derzeitigen Anteil von Atomstrom an der weltweiten Energieerzeugung konstant zu halten, müsste über die nächsten zehn Jahre alle 18 Tage ein neuer Reaktor ans Netz gehen. Denn die alten Reaktoren gehen in naher Zukunft vom Netz. Dieser Ersatz dürfte allerdings schwierig werden: die Firma Japan Steel Works – laut Handelsblatt einziger Hersteller für Schmiedeteile zum Bau von Reaktoren – pro Jahr nur Bauteile für vier Reaktoren herstellen kann. Für viele Staaten, die den Einstieg in die Atomkraft angekündigt haben, wird das Ganze also ein strahlender Traum bleiben.
Doch auch massive Personalengpässe drohen. Den von EDF benötigten 1500 Fachingenieuren stehen 300 Absolventen mit nuklear-technischem Wissen gegenüber. Ob die wirklich alle in einem Atomkraftwerk arbeiten wollen, ist zudem fraglich. Hinzu kommen Preisanstiege bei Rohstoffen und Brennmaterial, welche die Bauprojekte massiv verteuern können (siehe Olkiluoto in Finnland).
Wenn die Bürger nicht die Zeche zahlen, steht die Atomkraft also eher vor dem Abgrund als vor einer Renaissance:

Ohne Milliarden-Staatsbürgschaften und direkte oder verkappte Subventionen, die auf die Stromkunden umgelegt werden müssen, sei der Neubau von Atommeilern in keinem Land zu machen, urteilt der Bericht. (FR)

Kohl-Regierung beeinflusste Endlagerwahl

25. August 2009

Die Frankfurter Rundschau (FR) brachte heute Brisantes im wahrsten Sinne des Wortes „zu Tage“:
Nach Informationen der FR wurde der Ausbau des Salzstocks Gorleben zum Atomendlager von der damaligen Regierung Kohl 1983 sozusagen „im Schnellverfahren“ durchgedrückt. Obwohl Untersuchungen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) die Eignung Gorlebens stark anzweifelten und ausdrücklich zur Untersuchung weiterer Standorte rieten, wurde letztlich Gorleben als einziger zu untersuchender Standort bestimmt.
Die PTB hatte im Jahr 1979 Probebohrungen durchgeführt und die Ergebnisse 1983 in einer ersten Bewertung zusammengefasst. Laut diesem Gutachten muss bereits nach 600 bis 1100 Jahren damit gerechnet werden, dass radioaktive Stoffe in Berührung mit dem Grundwasser geraten können. Die Vorschriften für Endlager schreiben allerdings eine sichere Lagerfähigkeit von 1 Millionen Jahren vor.
Im Mai 1983 diskutierte die PTB die Ergebnisse der Untersuchungen mit der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und der Deutschen Gesellschaft für den Bau und Betrieb von Endlagern. Bei diesem Gespräch erschienen unerwartet Vertreter der Regierung Kohl und machten deutlich, dass das Gutachten so zu ändern sei, dass es ein positives Licht auf Gorleben wirft. Das Ergebnis sieht man hier:

Vorher/Nachher

PTB-Gutachten Vorher und Nachher (Quelle: FR)

Somit wurde Gorleben entgegen besseren Wissens zum alleinigen Endlagerstandort für hochradioaktive Abfälle ernannt!
Dies ist ein Skandal sonder gleichen, der nach Aufklärung der politischen Hintergründe durch einen Untersuchungsausschuss verlangt. Es muss geklärt werden, wer die Drahtzieher dieses „Coups“ waren! Die politische Verantwortung trägt Helmut Kohl. Aber vermutlich hat dieser wieder den involvierten Personen sein Ehrenwort gegeben. Kennt man ja…

[Update]: Auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) schaltet sich jetzt in die Debatte ein und fordert eine vergleichende Endlagersuche mit verschiedenen Alternativen.

Angies Märchenstunde

24. August 2009

Bei CDU-TV beantwortet Angela Merkel heute unter dem Motto „Frag Angie“ zehn Fragen, die ihr über das Internet gestellt wurden. Bei Frage Nr. 4 geht es um die Atomenergie:

Frau Bundeskanzlerin, keines der deutschen Atomkraftwerke würde einem gezielten Absturz eines Passagierflugzeuges standhalten, der Leid und Tod für Tausende oder gar Millionen von Bundesbürgern bringen würde. Wie können Sie es angesichts dieser Tatsache verantworten, eine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken zu fordern?

Schauen wir uns Merkels Antwort doch mal im Detail an:

Unsere Kernkraftwerke gehören, gemessen an den internationalen Standards, zu den Sichersten.

Diese „sichersten“ Kraftwerke hatten 5.700 dokumentierte Pannen in 50 Jahren. Und die internationalen Standards sind zudem recht vage und unverbindlich. So laufen auch heute noch Reaktoren vom Typ Tschernobyl in Litauen und Russland, ohne dass die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA) etwas dagegen hätte. Dagegen gibt es in Europa mittlerweile Sicherheitsbestimmungen, die ein neu zu errichtendes AKW erfüllen muss (EUR – European Utility Requirements). Fakt ist: Kein einziges deutsches Atomkraftwerk erfüllt diese Anforderungen, die nach den Unfällen von Harrisburg (1979) und Tschernobyl (1986) heraufgesetzt wurden. Vorher hielt man eine Kernschmelze schlicht für so unwahrscheinlich, dass es keine Sicherheitsanforderungen bezüglich ihrer Eindämmung gab!
Und ähnlich verhält es sich mit der Sicherheit gegenüber Terroranschlägen. Auch die – wenig atomkritische – Internationale Länderkommission Kernkraft (ILK) hat in einem Gutachten ermittelt, dass nur drei der deutschen Anlagen überhaupt eine gewisse Chance hätten, dem Absturz eines Passagierflugzeuges stand zu halten. Das Gutachten wurde übrigens als zu brisant für die Öffentlichkeit eingestuft und unter Verschluss gehalten
Da fragt man sich doch, ob wenigstens die Maßnahmen ausreichend sind, um den Aufprall eines Flugzeuges auf ein AKW zu verhindern?

Wir haben in einer Kombination aus Schutzmaßnahmen, die die Kernkraftwerke verabredet haben, vom Boden her, von der Luft her, wirklich gute Vorkehrungen getroffen.

Frau Merkel kann damit nur das Konzept des Verbandes der Großkraftwerksbetreiber (VGB) meinen: durch den Einsatz von Vernebelungsanlagen soll die Treffergenauigkeit eines Flugzeugangriffs verringert werden – das Kraftwerk geht quasi in Rauch auf. Zusätzlich sollen satellitengestützten Navigationssysteme gestört und als letzte Konsequenz das Flugzeug vom Militär abgeschossen werden.
Zu dumm nur, dass die GPS-Störung mittlerweile als unwirksam gilt und das Bundesverfassungsgericht den Abschuss von entführten Zivilmaschinen für nicht verfassungskonform hält. Ein Politiker, der dies umsetzt, bricht seinen Eid auf die Verfassung!
Und wirklich getroffen wurden bisher kaum Vorkehrungen: Vernebelungsanlagen existieren nur an den zwei AKW-Standorten Grohnde und Biblis. Zwar wurden die Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen und in Flugzeugen verschärft, doch dies gilt weder für alle Flughäfen noch für alle Airlines der Welt. Im Gegenteil: Selbst in der EU obliegt die Prävention illegaler Handlungen im Zusammenhang mit dem Flugverkehr den einzelnen Mitgliedsstaaten.

Wir haben immer mitgearbeitet an der Entwicklung auch neuer Kernkraftwerke, die noch sicherer sind, die werden jetzt zum Teil in Europa schon gebaut. Und meine Sorge ist, wenn wir das nicht als Brückentechnologie – ich will das nicht für ewig, aber ich glaube, wir brauchen’s noch für eine bestimmte Zeit – wenn wir’s nicht als Brückentechnologie auch für unser Land nutzen, dass wir dann auch auf die Einhaltung internationaler Sicherheitsstandards nicht den richtigen Einfluss haben – so wie ich ihn mir wünsche.

Würde nicht gerade die Abschaltung unsicherer, alter Meiler die Forderung nach scharfen Sicherheitsbestimmungen glaubhaft vertreten?

Wer selber etwas nicht anwendet, kann anderen keine guten Ratschläge geben.

Na klar, als ob ein Arzt selbst Lepra haben müsste um einen Leprakranken richtig zu behandeln?!

Und es gibt so viele Länder, die jetzt neue Kernkraftwerke bauen, nicht nur in Europa – Finnland und Frankreich zum Beispiel,…

Das war´s auch schon mit den Neubauten.

…die Schweden haben ihre Kernkraftwerke modernisiert, Italien will bauen, Großbritannien will neue Kraftwerke bauen – sondern auch Entwicklungsländer, Schwellenländer, und da ist es wichtig, einheitliche Sicherheitsstandards zu haben…

Richtig, und die müssen scharf genug sein, um unsichere AKW vom Netz zu nehmen.

…und ich möchte, dass Deutschland dabei mitreden kann.

Was es ja trotz allem auch kann und soll.

Trotz der anstehenden Bundestagswahl hätte man von Angela Merkel durchaus eine Antwort abseits von stumpfem Wahlkampfgetöse erwarten dürfen. Schließlich ist sie immer noch Bundeskanzlerin und als solche für die Sicherheit aller Bundesbürger verantwortlich. Fragt sich, ob dazu auch die Sicherung der Finanzströme der Atomindustrie zählt?