Treibeis im April?

26. April 2010

Der Himmel ist bedeckt, hin und wieder blinzelt die Sonne durch die ansonsten dichte Wolkendecke. Die See spiegelt das Grau des Himmels, Welle gibt es kaum und der Wind weht beständig schwach aus West bis Südwest. Unter voller Beseglung erreichen wir 6 Knoten Geschwindigkeit, an steuerbord zieht die estnische Insel Hiiumaa vorbei. Wir passieren die Einfahrt in den Finnischen Meerbusen. Gerüchten zufolge soll es ja in der Region um St. Petersburg noch Treibeis geben.

Hier ist davon noch nichts zu bemerken aber für exakte Informationen gibt es ja Dienstleister. Der finnische Wetterdienst hilft uns da auch mit seinen aktuellen Infoseiten weiter. Die relevanten Karten zeigen eine Eisbedeckung von 20-40 cm Dicke am Ende der Bucht an und wir schicken eine Anfrage mit der Bitte um genauere Infos über die Eissituation an unseren Agenten in St. Petersburg.

Unser Taube hat uns nun doch vor St. Petersburg Richtung Land verlassen. Sie hat jetzt also einen Migrationshintergrund und wir wünschen ihr alles Gute.

Beluga II - Ostsee
Der erste Reiseabschnitt der Beluga II
StepMap
Beluga II - Ostsee

Wir haben einen Gast

24. April 2010
Taube an Bord © Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND

Taube an Bord

Wir haben einen Gast bekommen. Eine erschöpfte Taube in gedecktem grau-blauen Federkleid hat sich kurz vor Sonnenaufgang im Gang an Steuerbordseite niedergelassen und sitzt nun aufgeplustert und benommen neben der Reling.

Stefan hat ihr gleich eine Schüssel mit Haferflocken und einen Topf mit Wasser vorgesetzt – ein Angebot, dass sie nicht ablehnen kann … Sie bedankt sich dafür mit unregelmäßig an Deck verteilten kleinen weißlich-grünen Flecken. Sie wird die Beluga II vermutlich erst wieder in St. Petersburg verlassen.

Kurz nach Mittag bricht Flaute aus und wir dümpeln nur noch mit 1-2 Knoten gen Osten. Verglichen mit den 6-8, die wir in den letzten Tagen gemacht haben, hat es den Anschein, als stünden wir auf der Stelle. Erst nachdem wir die Segel neu ausgerichtet haben, nimmt die “Beluga II” wieder mehr Fahrt auf – jetzt sind es dann 3-4 Knoten, aber wir liegen immer noch gut in der Zeit. Das Wetter ist permanent sonnig, der Wind weht mäßig und kalt immer noch aus westlichen Richtungen.

Die schwedische Küstenwache hat uns mittlerweile auch unserem Schicksal überlassen. Am Horizont sehen wir die Küstenlinie der langgestreckten Insel Gotland.

Bordleben für Landratten

24. April 2010

Nach zwei Zwischenstopps in Rendsburg und Kiel durchqueren wir jetzt das Bornholmsgatt, die Meerenge zwischen der dänischen Insel Bornholm und der schwedischen Küste. Seit ungefähr einer Stunde werden wir von einem kleineren Schnellboot der schwedischen Küstenwache begleitet, die uns anscheinend liebgewonnen haben. Bis zum Einbruch der Dunkelheit weichen sie uns nicht von der Seite, nehmen aber auch keinen Funkkontakt zu uns auf.

Schwedische Küstenwache © Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz

Langsam kehrt etwas Gelassenheit in das Bordleben auf der ‘Beluga II’ ein. Das gilt zumindest für mich, als ‘Landratte’. Obwohl ich schon einige Fahrten sowohl auf der ‘Beluga II’ als auch auf anderen Greenpeace-Schiffen mitgemacht habe, bin ich bisher noch nie so intensiv in die eigentlichen Arbeiten zur Schiffsführung eingespannt gewesen, wie diesmal. Die Wacheinteilung sieht jeweils vier Stunden Wache und anschließend acht Stunden wachfreie Zeit für jeweils zwei Crewmitglieder vor. Für die Überfahrt nach St. Petersburg sind wir nur insgesamt sechs Personen an Bord des Seglers. Neben mir und Birte, die über unsere Reise und das Leben auf der Beluga II bloggt, sind zurzeit noch vier Männer an Bord:

Bei günstigem Wind fahren wir auch unter Segeln – wie es sich gehört. Und wir haben günstigen Wind. Er weht schon seit unserer Abreise aus Kiel vor zwei Tagen aus westlichen Richtungen und schiebt uns vor sich her. Die Segel müssen also je nach aktueller Situation ausgerichtet, eingeholt oder gesetzt werden, alles per Hand und – wie in meinem Fall – auch von Menschen, die eigentlich nicht wissen, wie das geht und was sie da eigentlich tun. Entsprechend einfältig stellt man sich dann eben auch an und versucht, möglichst wenig Sinnloses zu tun. Wie dem auch sei, bisher hat sich noch niemand ernsthaft beschwert und ich sammle jeden Tag neue Erfahrungen.

Auch sprachlich lerne ich dazu. So weiß ich inzwischen etwa, was ein “Bulle” ist, eine “Nuss” oder dass ich etwa ein Seil nicht einfach langsam freigebe, sondern “fiere” und nicht etwa einfach nur daran ziehe, sondern es “dichthole”.

Belegter Nagel © Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND

Belegter Nagel

Belegte Klampe © Greenpeace/Wolf Wichmann CC-Lizenz BY-NC-ND

Belegte Klampe

Und wenn die Fock eine Großhalse (… nicht nachweisbarer, und eher frei generierter Seemannsausdruck …) hat, heißt das nicht etwa, dass jemand einen dicken Hals hat, sondern dass sich das Focksegel mangels Windes zur falschen Seite hin ausbeult und neu ausgerichtet werden muss. Wenn es dann immer noch nicht klappt, werden die Segel einfach mittschiffs backgeschotet und dann geht es schon weiter. Hier an Bord werden auch nicht etwa nur Zimmer oder Kojen belegt, sondern auch Klampen und sogenannte Belegnägel.
Wie gut, dass ich eine gewisse Sprachbegabung habe …

Der gewohnte Tagesrhythmus ordnet sich neu und wird nun von dem Wechsel Wache/ wachfreie Zeit bestimmt.