Gericht schließt Italiens tödlichstes Kohlekraftwerk

12. März 2014

Das Kohlekraftwerk Vado Ligure.

Sensationelle Nachrichten aus Italien ließen einen bislang mit dem Schlimmsten rechnen, doch die jüngste Neuigkeit ist eine juristische Sensation im positivsten Sinne: Ein Gericht hat Italiens schmutzigstes Kohlekraftwerk geschlossen. Zuvor war das Kraftwerk Vado Ligure von der Staatsanwaltschaft für den vorzeitigen Tod von mindestens 442 Menschen verantwortlich gemacht worden.

Ermittlungen wegen Todschlags

Die Polizei setzte daher gestern die Abschaltung der zwei 330-Megawatt-Blöcke des über 40 Jahre alten Kraftwerks durch. Bereits im Februar dieses Jahres hatte die Staatsanwaltschaft Savona Ermittlungen gegen die zuständigen Manager des Betreibers Tirreno Power wegen Verursachens einer Umweltkatastrophe und Todschlags aufgenommen. Richterin Fiorenza Giorgi bestätigte nun, der Betreiber habe die Vorschriften zur Luftreinhaltung nicht eingehalten und unzuverlässige Angaben zum Schadstoffausstoß des Kraftwerks gemacht.

Der Richterspruch ist ein großer Erfolg der Greenpeace-Kampagne gegen Luftverschmutzung aus Kohlekraftwerken. Im vergangenen Jahr hatte Greenpeace die Studie Silent Killers veröffentlicht. Darin wird nachgerechnet, dass die Luftverschmutzung aus den 300 größten Kohlekraftwerken Europas jedes Jahr zu 22.000 vorzeitige Todesfälle führt. Das nun abgeschaltete Kohlekraftwerk Vado Ligure wurde in der Studie als Italiens tödlichstes Kohlekraftwerk identifiziert. Greenpeace Italien hatte daraufhin juristische Maßnahmen gegen den Betreiber Tirreno Power eingeleitet.

Kohlekraftwerke  stoßen große Mengen gesundheitsschädliche Schadstoffe aus, wie zum Beispiel Schwefeldioxid, Stickoxide, Feinstaub, Quecksilber und Weitere. Die auf Berechnungen der Universität Stuttgart beruhende Studie Silent Killers zeigte auf, dass diese Schadstoffe zu einer Zunahme von Herzkreislauf- und Atemwegserkrankungen führen. Deutschlands gesundheitsschädlichstes Kohlekraftwerk ist das von Vattenfall betriebene Kraftwerke Jänschwalde, dessen Emissionen für 373 vorzeitige Todesfälle verantwortlich ist.

CO2-Bilanz: VW weder nachhaltig noch effizient

25. November 2013

Anfang Dezember hat der Volkswagen-Konzern zum  Nachhaltigkeitsdialog eingeladen. Bei der Veranstaltung, die gemeinsam mit dem NABU durchgeführt wird, soll es um den politischen und gesellschaftlichen Dialog um eine nachhaltige Entwicklung und umweltgerechte Mobilität gehen. Ein Grund, noch einmal auf die CO2-Bilanz von Volkswagen zu schauen. Und tatsächlich es gibt Überraschendes.

Die von VW-Chef Martin Winterkorn vorgegebene Zielmarke für seine europäische Fahrzeugflotte von 95 Gramm CO2 pro Fahrzeug „ohne wenn und aber“, ist ein brisantes Thema und eine wichtige Botschaft für effizientere Neufahrzeuge an die Konkurrenz.  Gerade auch hinsichtlich der massiven Attacken von Mercedes und BMW und dem Cheflobbyisten des deutschen Automobilverbandes (VDA) Matthias Wissmann.

Doch das tatsächliche Ausmaß der klimaschädlichen Treibhausgase vom Volkswagen-Konzern war jahrelang ein großes Geheimnis. Erst hatte Volkswagen falsche Angaben zu seiner CO2-Bilanz gemacht und dann im Jahr 2012 auch noch seine CO2-Bilanz für das Jahr 2011 gesperrt.  Über diese Geheimniskrämerei hatte ich hier im Blog vor gut einem Jahr berichtet und mir dadurch von Volkswagen heftige Kritik zugezogen. Nun ist Zeit für den Bericht 2013 und siehe da, die Bilanz ist wieder öffentlich zugänglich und sie ist erstmalig fast vollständig bilanziert. GRATULATION – geht doch!

Da lohnt es sich die VW-Klimabilanz mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.  Wie bei allen Autoherstellern gibt es drei Bereiche: die Autoproduktion im eigenen Haus (Scope 1), die CO2-Emissionen die bei der Energiebereitstellung entstehen (Scope 2) und letztlich – und das ist der größte Anteil – die CO2-Emissionen beim Betrieb der Fahrzeuge über die gesamte Nutzungsdauer von 150.000 km (Scope 3), sowie Emission von den Teilezulieferern.

CO2-Bilanz vom Volkswagen-Konzern

Und genau hier bei den Emissionen aus dem Fahrzeugbetrieb gibt es in den VW-Berichten einen riesigen Sprung: Von 7,3 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2010, auf 208 Millionen Tonnen CO2 für das Jahr 2012, das ist eine Steigerung um das 28-fache. 208 Millionen Tonnen CO2 allein durch den Fahrbetrieb der von VW in einem Jahr weltweit produzierten Fahrzeugflotte, das ist mehr als der Energiekonzern RWE, als größter CO2-Emittent Europas, mit seinen Kraftwerken in die Luft pustet. Wie ist das möglich? Erst einmal hatte VW in seinen früheren CO2-Bilanzen die Emissionen nur für 15.000 km berechnet und nicht über die gesamte Nutzungsdauer und dann bezogen sich die Angaben nur auf die in Europa verkauften Neufahrzeuge.

Interessant ist auch der Durchschnittsverbrauch der in außereuropäischen Ländern verkauften Autos: Während die fast 3 Millionen verkauften Neufahrzeuge  in Europa  durchschnittlich 134 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, lässt sich der CO2-Ausstoß der über 6 Millionen von VW außerhalb Europas verkauften Autos auf  163 Gramm abschätzen, liegt also um 20 Prozent höher als im europäischen Durchschnitt. Da gibt es also noch viel Spielraum, um bessere und effizientere Fahrzeuge zu produzieren.

COP 19: Genug ist genug

22. November 2013
"Arctic 30" und Klimaprotest bei COP19

"Arctic 30" und Klimaprotest bei COP19

Als Ana Paula als erste Aktivistin der Arctic 30 vorgestern auf Kaution das Gefängnis in Stankt Petersburg verlassen durfte, sagte sie zu unserem internationalen Geschäftsführer Kumi Naidoo, dass sie sich nichts mehr wünsche, als Russland auf der Arctic Sunrise wieder zu verlassen. Wow, das nenne ich Courage nach fast 60 Tagen in russischer Untersuchungshaft und einer Anklage wegen Rowdytums! Eine Verurteilung auf sieben Jahre Haft ist weiterhin möglich. Eine auch nur annähernde Courage hätte ich mir von den Ministern hier in Warschau auf der COP 19 auch gewünscht. Denn außer der Ankündigung von Großbritannien, zukünftig keine Bauten von Kohlekraftwerken mit Darlehen oder Krediten zu versehen, gab es keine Ambitionen, die festgefahrenen Beschlüsse zum Klimaschutz in den Schlüsselländern aus dem Dreck zu ziehen. Bundesumweltminister Altmaier hat keinerlei Impulse mit nach Warschau gebracht. Und das, obwohl die CDU/CSU doch jetzt von der Industrie-Lobbypartei FDP befreit ist.

Woran aber liegt es dann, dass er sich zu einer der entscheidenden Fragen, nämlich wo Europa 2030 im Klimaschutz stehen wird, nicht von den Lobbyinteressen der Kohleindustrie lösen kann? Die derzeit im vorläufigen Koalitionsvertrag stehenden ‘mindestens 40 Prozent’ als EU Miniderungsziel für 2030. Laut einer Ecofys Studie de facto nur 33 Prozent ausmachen. Der Grund: Die Emissionszertifikate aus der zweiten Verpflichtungsperiode von Kyoto übertragen.
Die von SPD und Grünen geführten Bundesländer haben auf der letzten Umweltministerkonferenz gefordert, dass Deutschland sich für ein 55prozentiges Klimaschutzziel einsetzt (neben den notwenigen Ausbauzielen für Erneuerbare und Energieeffizienz). Gestern erinnerten sie Bundeskanzlerin Merkel in einem offenen Brief daran, dass auch die Kohle-Fraktion der SPD nicht im Weg stehen sollte. Vielleicht hilft das der Kanzlerin, auch Sigmar Gabriel davon zu überzeugen.

Walk out

Der Walk out der großen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen auf der Klimakonferenz sollte zeigen, dass eine Verhandlung mit klimarelevanten Ländern, die weiterhin den Interessen der Kohle- und Ölindustrie folgen, keine Sinn macht. Und die kleinen Ergebnisse hier sollen auch nicht den Eindruck erwecken, dass Merkel, Gabriel und Co. im Interesse der Menschen handeln. Am interessantesten war allerdings, dass auch der Dachverband der Gewerkschaften sich an dem Walk out beteiligte. Er vertritt rund 400 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter. Da gibt es also noch Übersetzungsbedarf hin zum Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE)!

Der Walk out und die Tatsache, dass unsere Regierung uns beim Klimaschutz im Stich lassen will, heißt, dass der zivilgesellschaftliche Widerstand gegen neue Braunkohleabbaugebiete, gegen jeden Neubau von Kohlekraftwerken, gegen neue Ölplattformen deutlich zunehmen muss und wird. Solange für die Wirtschaft kein verlässlicher und zukunftsfähiger Rahmen verbindlich vereinbart wird, bleibt die Unsicherheit in Investitionen. Das dient weder der Wirtschaft, noch der Regierung und am allerwenigsten uns Menschen. Mit den zunehmenden Folgen des Klimawandels – auch bei uns in Deutschland – sollten sich die Bosse der Industrie klar darüber sein, ob sie in der Unsicherheit bleiben wollen. Und Merkel und Gabriel müssen sich überlegen, ob der Kampf um den Klimawandel auch in Deutschland gegen und nicht mit der Regierung geführt werden wird. Die Arctic 30 machen jedenfalls Mut, dass mehr und mehr Menschen für eine zukunftsfähige, klimafreundliche Zukunft auf die Straße gehen werden.

Martin Kaiser, Klimaexperte bei Greenpeace, bloggt von der COP 19. Alle Beiträge könnt ihr hier nachlesen. Auf Twitter erfahrt ihr die wichtigsten Ereignisse rund um die Uhr. Folgt auch Martin Kaiser direkt auf Twitter, um Fragen zu stellen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur COP haben wir hier zusammengestellt.