Auf seiner Hauptversammlung im Hamburger Kongresszentrum (CCH) will sich Volkswagen heute von seiner Schokoladenseite präsentieren. Vor dem Gebäude haben sich am Morgen jedoch nicht nur Aktionäre eingefunden, sondern auch Aktivisten von Greenpeace, die allenfalls auf die Zartbitterschokoladenseite von VW aufmerksam machen. Flyer, die sie an die geladenen Gäste verteilen, führen etwas näher aus, was es mit VWs “dunkler Seite” auf sich hat:
Die pro Jahr in Europa verkauften VW-Autos stoßen während ihrer Lebenszeit mehr als 60 Millionen Tonnen CO2 aus. Das ist weit mehr als bei jedem anderen Hersteller. Volkswagen muss seine Lobbyarbeit gegen wichtige europäische Klimaschutzgesetze sofort einstellen und vorhandene Spritspartechnologien serienmäßig und ohne Aufpreis in seine Fahrzeuge einbauen.
Volkswagen will sich augenscheinlich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und hat große Aufsteller mit der Botschaft “Nr.1 in Sachen Umweltschutz” vor dem CCH platziert. Eine kleine rote Propellermaschine dreht emsig Schleifen um das CCH und zieht ein Werbebanner mit demselben Spruch hinter sich her. Man kann sich gar nicht entscheiden, wie man das finden soll: Lächerlich, albern, verzweifelt oder peinlich?
Es gibt Menschen, die mangelnde Kompetenz in bestimmten Lebensdisziplinen kompensieren wollen, indem sie sich T-Shirts überziehen, auf denen dann z.B. steht “Weiberheld” oder weiß der Geier. VW greift heute auf diese nie besonders überzeugende Strategie zurück und vertraut ganz auf die suggestive Macht des geschriebenen Wortes. Allerdings würde auch der Satz “Schweine können fliegen” nicht deswegen wahr werden, weil er auf einem flatternden Flugzeugbanner steht.
Direkt über dem Eingang versuchen andere Greenpeace-Aktivisten ein Banner zu entrollen, vier Kletterer haben sich bereits vom Dach abgeseilt. Das große Banner (“Ehrlicher Klimaschutz jetzt!”) hängt noch auf Halbmast, da erscheinen oben auf dem Dach Sicherheitskräfte – einige von ihnen ebenfalls in Klettermontur – und zerschneiden das Banner. Währenddessen versucht ein Mann einen der Greenpeace-Kletterer aus der Luft auf einen Balkon zu ziehen. Das Vorgehen gegen die Aktivisten sieht nicht albern aus. Eher rabiat oder gefährlich. Kakaogehalt: mindestens 90 Prozent.
Aus dem CCH strömen nun lauter Demonstranten Jubelperser bezahlte Schilderträger in blassblauen T-Shirts und gruppieren sich in kleinen Ameisenhaufen unter dem zerrissenen Banner. Sie recken wacker ihre mitgebrachten Schilder in die Höhe, auf denen irgendwelche konfusen Pro-VW-Botschaften zu lesen sind. Irgendjemand bei VW scheint tatsächlich zu glauben, dass sich auf diese Weise Begeisterung authentisch simulieren lässt.
Wie so ein Demonstranten-Casting bei VW wohl abläuft? Wie lange muss man ein Schild ohne Zittern halten können, um den Job zu kriegen? Gibt es einen Recall? Wenigstens tun sich die meisten von VW enagierten Demonstranten den Gefallen und halten sich ihre Bretter schön vor den Kopf.
Da kommt der Rausschmeißer “Unruhestifter!“, mit dem VW-Großherzog Ferdinand Piech Greenpeace-Aktivisten im Saal später vor die Tür setzen ließ, schon fast einem Kompliment gleich.















