Fukushima – Die Katastrophe geht weiter

11. März 2013

Die Autorin Cornelia Deppe-Burghardt war im Februar 2013 mit einem Greenpeace-Strahlenmessteam unterwegs in Fukushima City und Umgebung, um die radioaktive Belastung zu messen. Nach dem Atomunfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi im März 2011 dokumentiert Greenpeace mit regelmäßigen Messungen die Gefährdung der Menschen in der Region.

Heute vor zwei Jahren, am 11. März 2011, legte das schreckliche Tohoku-Erdbeben japanische Ortschaften in Schutt und Asche, ein gewaltiger Tsunami überschwemmte einen ganzen Landstrich. Inzwischen hat überall der Wiederaufbau begonnen. Die Menschen kehrten zurück und nahmen die Fäden ihres Lebens neu auf. Unmöglich ist dies jedoch in den Gegenden, die durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima radioaktiv verseucht wurden. Obwohl Japans Regierung alles tut, um den Menschen Normalität vorzugaukeln.

Der Besuch in Japan hat mich erschüttert. Mit dem nuklearen Fallout nach dem dreifachen GAU im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi legte sich ein radioaktiver Cäsium-Teppich auf hunderte Quadratkilometer Land. “Radioaktivität ist unsichtbar. Man vergisst die Gefahr”, sagte uns der Dekontaminationsarbeiter Ono. Das trifft in Fukushima sogar im doppelten Sinn zu, denn auch Warnhinweise vor der radioaktiven Strahlung sucht man vergeblich. Viele Japaner sind dafür sogar dankbar. Sie wollen vergessen.

Bürokratie mit kafkaesken Zügen

Nobuyoshi Itou

Nobuyoshi Itou hat 15.000 Briefe an TEPCO geschrieben - (c) Daniel Müller - Greenpeace

Die Menschen aus der hochkontaminierten Zone haben viel, wenn nicht gar alles verloren. Verlangen sie dafür jedoch Entschädigung vom AKW-Betreiber Tepco – und damit von der japanischen Regierung, denn Tepco wurde inzwischen verstaatlicht -, tragen die nötigen Formalitäten kafkaeske Züge. Für jede Forderung existiert ein eigenes mehrseitiges Antragsheft, Quittungen werden verlangt, unterschiedliche Kompensationssummen werden für identische Posten ausgezahlt. Das System ist für einen einfachen Kleinbauern aus der ländlichen Region praktisch nicht zu bewältigen. Doch Tepco bietet noch einen anderen Weg: Wer ein Formular unterzeichnet, dem wird eine Pauschalsumme für drei Monate ausgezahlt. Dass diese deutlich geringer ausfällt als eigentlich angemessen wäre, wissen die Einwohner. Für viele ist es aber die einzige Möglichkeit, überhaupt an etwas Geld zu kommen.

15.000 Briefe hat Nobuyoshi Itou nach eigenen Angaben seit der Reaktorkatastrophe an AKW-Betreiber Tepco geschickt, um sein Recht zu bekommen. Um die Flut aller Schadenersatzanträge zu bearbeiten, stellte Tepco extra 12.000 neue Mitarbeiter ein. Das Verfahren ist zäh und dauert lange. Den Einwohnern Iitates zum Beispiel soll die Entschädigung für ihre Häuser nach der Grundsteuer berechnet werden. Diese ist jedoch sehr niedrig und entspricht nicht dem wahren Wert, so meinen viele Menschen. Sie klagen: “Das Geld reicht nicht aus, um sich irgendwo anders ein neues Haus zu bauen. Wir wollen entscheiden können, ob wir hier bleiben oder woanders neu anfangen wollen.” “Lebendig begraben”, seien sie. “Viele Menschen sind schon alt. Sie haben nicht mehr soviel Zeit zu warten.” Gehört das mit zur Strategie von Tepco?

Entschädigung von Tepco

Das Ehepaar Okamoto

Das Ehepaar Okamoto: 217.000 Euro für verlorenen Lebensträume - (c) Daniel Müller / Greenpeace

Und dann gibt es diejenigen, die den Mut haben, gegen Tepco und die Regierung aufzustehen. Yasushi Okamoto hat eine Klage gegen Tepco angestrengt und kämpft gemeinsam mit seiner Frau und 28 weiteren MitstreiterInnen für angemessene Kompensation. Sie fordern jeder 26 Millionen Yen, rund 217.000 Euro, für einen verlorenen Lebenstraum, Unterhalt und Ausgleich für Sachgüter. Yasushi Okamoto sagt: “Ich möchte eine Entschuldigung von Tepco und Entschädigung für alles, was wir bei der Atomkatastrophe verloren haben.” Nach Iitate kam nur der Vizechef von Tepco, um die Einwohner um Verzeihung zu bitten. Nach japanischen Ansprüchen ist das zu wenig.

Angesichts der unabsehbaren Folgen dieser Atomkatastrophe erschrecken die derzeitigen politischen Tricksereien der Bundesregierung um die Energiewende. Eine Atomkatastrophe wie in Japan kann jederzeit und überall passieren. Deshalb müssen wir schnell und entschlossen aus der Atomkraft aussteigen. Oder wieviel ist Ihnen eine strahlenfreie Zukunft wert?

Ein deutsches Atomkraftwerk in Finnland?

07. Mai 2012

“Das ist verrückt! Hier kann man doch kein Atomkraftwerk bauen.” Prof. Jouko Korppi-Tommola wendet seinen Blick vom Fenster und sieht mich entsetzt an. Wir sitzen in einem Minibus und links und rechts ist schon seit gut einer halben Stunde nur eine bewaldete Moorlandschaft zu sehen. Vor allem Birken schaffen es, in dieser feuchten Gegend zu wachsen. Dazwischen große, von den Eiszeiten rundlich geschliffene Vulkanfelsen, die an den Rändern mit Moos und Blaubeeren bewachsen sind. Ein kleines Stück Wildnis, nahezu unberührt von den Menschen. Wir sind in Finnland, genauer in Pyhäjoki, wo E.on ein Atomkraftwerk bauen will.

Moor, Copyright: Tobias RiedlProf. Jouko Korppi-Tommola war, ebenso wie ich, einer der Referenten bei den Hanhikivi Days, einer Anti-Atomveranstaltung in Pyhäjoki. Er arbeitet an der Universität in Jyväskylä an der Entwicklung von Solarzellen. Neben Fachvorträgen zu Atom- und Energiefragen gab es ein breites Kulturprogramm. Bekannte Künstler aus ganz Finnland sind in den Norden gereist, um den lokalen Widerstand zu unterstützen. Außerdem wurden Exkursionen zu dem Ort des geplanten Reaktors durchgeführt.

Ich steige aus dem Bus und wandere mit den Anderen auf einem kleinen Pfad in Richtung Ostsee. Immer wieder müssen wir über dicke Holzbohlen laufen – wegen des moorigen Untergrundes. Dass dieses Atomkraftwerkprojekt wirtschaftlicher Irrsinn ist, ist schon schlimm genug. Aber wie kommt man auf die Idee, ein Atomkraftwerk in einen Sumpf bauen zu wollen? Mir dämmert, wie massiv und wahnsinnig aufwendig die Bauarbeiten sein werden. Unendlich viel Boden muss antransportiert werden, um das ganze Gebiet mehrere Meter hoch zuzuschütten. Außerdem soll um den Nuklearkomplex eine gewaltige Infrastruktur entstehen, mit eigenem Hafen, Straßen und Pipelines, die weit in die Ostsee ragen.

Schließlich ist der Wald zu Ende und ich erblicke die Ostsee. Ein flacher Strand mit kleinen Buchten zwischen Findlingen. Man kann sich sofort vorstellen, wie herrlich es hier im Sommer ist. Direkt am Meer stehen vereinzelt kleine Holzhütten auf den aufragenden Felsen. Genau hier soll der Hafen entstehen und die Abwasser-Pipeline des Reaktors. Die Idylle wäre zerstört.

Am Sonntag, zum Abschluss der “Hanhikivi Days”, waren rund 50 Menschen aus der Umgebung zu einem Gottesdienst am Strand zusammengekommen. Während der Predigt ringen viele mit ihren Tränen. Mir wird klar, wie sehr die Menschen an diesem Stück Natur hängen und dass sie bereit sind, ihre Heimat zu verteidigen. Herr Teyssen, der Vorstandsvorsitzende von E.on,  wird Menschen brechen müssen, wenn er dieses Atomkraftwerk haben will.

Subventionen für AKW: Klima-Trick der Atomlobby

13. April 2012

Großbritannien führt in der EU derzeit einen konzertierten Vorstoß für neue Atom-Subventionen an, der nach Medienberichten von heute von Frankreich, Polen und der Tschechischen Republik unterstützt wird. Die Hintergründe erläutert das Schreiben „UK Comments on 2050 Energy Roadmap to EU Commission“  der britischen Regierung an den Europäischen Rat vom 7. März 2012. Das Schreiben wird hiermit von Greenpeace veröffentlicht:

UK Comments on 2050 Energy Roadmap to EU Commission _5

Atomkraft in Europa ist im freien Fall. Dafür sorgen neben der schwindenden gesellschaftlichen Akzeptanz vor allem die Schwierigkeiten bei der Finanzierung von neuen Atomkraftwerken. In einem liberalisierten Strommarkt ist der Bau von Atomkraftwerken ohne massive staatliche Unterstützung undenkbar. Und eine direkte Förderung und Subventionierung der Atomkraft verbietet die EU. Im Rekordjahr 1988 waren noch 177 Atomreaktoren in den heutigen EU-Staaten in Betrieb. Von denen sind bis heute 65 Reaktoren stillgelegt worden und nur 21 neue ans Netz gegangen. Heute laufen also nur noch 133 Reaktoren in der EU.

“Was tun?” wird man sich also in der europäischen Atomlobby gefragt haben und dann sind sie irgendwann auf den Klima-Trick gekommen: “Wenn wir Atomkraft zusammen mit den Erneuerbaren Energien in eine bunte Schachtel packen und ‘CO2-arme Technologien’ (low-carbon technologies) draufschreiben und wir dann noch dafür werben, dass wir mehr ‘CO2-arme Technologien’ brauchen und Ziele dafür festlegen müssen: Vielleicht wird uns dann erlaubt, wieder frische Milliarden in neue Atomkraftwerke zu pumpen?”

Greenpeace-Kletterer auf dem AKW Unterweser (22.06.2009) - (c) Fred Dott/Greenpeace

Greenpeace-Kletterer auf dem AKW Unterweser (22.06.2009) - (c) Fred Dott/Greenpeace

Und die Bundesregierung? Müsste die nicht Alarm schlagen und dagegen kämpfen, dass auf diese Weise der europäische Ausbau der Erneuerbaren Energien abgewürgt werden soll? Ist das nicht sowohl umweltpolitisch als auch wirtschaftspolitisch ein Angriff auf die deutsche Position? Bedauerlicherweise sind die zuständigen Minister Norbert Röttgen (CDU) und Philipp Rösler (FDP) gerade zu sehr mit anderem beschäftigt: Der eine mit der Rettung seines Wahlkampfs in NRW und der andere mit der Rettung seiner Partei. Die Rettung der Umwelt bleibt dabei auf der Strecke.