Nun rollt er doch wieder: Der Castor ist auf dem Weg zum Zwischenlager Gorleben. Mit seiner Forderung / Hoffnung / Prophezeihung: “Der Castor 2010 war der letzte Castor-Transport nach Gorleben” hat Benjamin Borgerding also nicht Recht behalten. An dieser Stelle berichtet er deshalb live von den Protesten 2011.
+++ Gorleben +++ Montag, 22.00 Uhr +++
Auch 2011 hat es der Castor wieder nach Gorleben geschafft – trotz überschrittener Strahlenmengen am Zwischenlager und allgemein bekannter Endlager-Unbrauchbarkeit des Salzstocks. Trotz der vielen verschiedenen Aktionen an und auf der Strecke, trotz des Mutes und der Entschlossenheit der vielen Tausend Castorgegner und -gegnerinnen, die wieder ins Wendland gekommen sind, um zu protestieren. Trotz Pyramiden, Baumhäuser, verbogener Schienen, fehlender Steine, trotz Ketten und Beton, trotz quergestellter Transporter, Trecker und Traktoren.
2014 könnte es das nächste Mal soweit sein, der nächste Castortransport soll aus Sellafield hierher kommen. Bis dahin fließt noch ein bisschen Wasser die Elbe runter. Nach einer erneuten Rekordverspätung stellt sich jedoch wieder die Frage, die sich frustrierenderweise genauso schon letztes Jahr gestellt hatte: Wie lässt sich nach all dem ein weiterer Transport allen politischen Ernstes noch rechtfertigen?

Polizei baut Sichtschutz vor den fixierten Tranporter.
+++ Klein Gusborn+++ Montag, 12.00 Uhr +++
Links und rechts neben dem Transporter sind Wendland-Gutshöfe, auf denen viele Leute versammelt sind und über einen Zaun das Geschehen beobachten. Die Polizei hat den Transporter mittlerweile etwas weiter abgeriegelt und die Sicht für die Leute hinterm Zaun mit einer Plane versperrt, das Fahrzeug liegt wie ein Patient auf einem Operationstisch vor der Nieren-OP, bei der der unappetitliche Teil der Arbeit Beobachtern erspart bleibt.
Ich kann mir auf diesen Sichtschutz eigentlich nur einen Reim machen: Er soll den psychischen Druck auf die Aktivisten im Transporter erhöhen, indem die Moral der Aktivisten geschwächt (unmöglicher Sichtkontakt zu Bezugspersonen oder Unterstützern) und umgekehrt die Verhandlungsposition der Polizei gestärkt wird.
+++ Klein Gusborn+++ Montag, 10.30 Uhr +++
Nicht mehr ganz so anders wie im letzten Jahr, aber immer noch überaus herzerfrischend: Greenpeace-Aktivisten haben es doch tatsächlich wieder geschafft! Mit bzw. in einem präparierten Transporter haben sie sich auf der Transportstrecke festgemacht. Hut ab! Mal gucken, ob sie ihren Rekord zurückerobern!
+++ Dannenberg+++ Montag, 04.53 Uhr +++

Am Verladebahnhof Dannenberg - Das Böse rollt ein. (c) Benjamin Borgerding/Greenpeace
Direkt neben den Schienen haben wir auf die elf ungebetenen Gäste gewartet, die gleich dreihundert Meter vor der Umladestation abgekoppelt und peu à peu auf den Platz mit dem Kran gefahren werden – an unseren Neutronen- und Gammastrahlenmessgeräten. Pro Castor wird das Verladen so ca. eine Stunde dauern. Die Castorbehälter sehen nicht gefährlich aus, aber das Tackern und Ausschlagen der Messgeräte erinnert einen daran, dass die Gefahr in diesem Fall unsichtbar ist.
+++ Gorleben +++ Sonntag, 19.00 Uhr +++

Castor 2011: Die letzte Etappe vor dem Zwischenlager in Gorleben
Die letzte Etappe zum Zwischenlager wird die Castor-Container durch einen Nadelwald führen. Vorher muss er allerdings erst noch an der Stelle vorbei, an der jetzt noch vier tapfere Aktivisten der Bäuerlichen Notgemeinschaft und eine Betonpyramide auf den Gleisen die Weiterfahrt unmöglich machen – seit unglaublichen 12 Stunden! Obwohl der Castor nach Lage der Dinge also noch ein Weilchen bis hierher unterwegs sein wird (bzw. hoffentlich gar nicht hier ankommt, der Bastard), haben sich vor dem Zwischenlager in Gorleben bereits rund 1.000 Leute eingefunden. Ihre Schlafsäcke, Planen und Isomatten deuten darauf hin, dass sie beabsichtigen, erstmal hier zu bleiben. Auf dem Weg hierher wurden wir gefühlte 36 Mal von Polizisten kontrolliert – teilweise alle 500 Meter. Damit die, die jetzt schon hier sind, durchhalten, ist wieder die Volksküche vor Ort und bereitet Suppe zu und irgendwie hat es auch ein Wagen mit Boxen und DJ-Pult durch die Kontrollen geschafft.
+++ Hitzacker +++ Sonntag, 13.30 Uhr +++
Die Pyramide wächst sich zur nächsten großen Sitzblockade aus. Neben den Gleisen sorgt eine absolut begnadete Trommlergruppe für wärmere Beine. Die festgeketteten Aktivisten haben trotz ihrer ungemütlichen Lage immer noch ein gereckte Faust und ein Lächeln für unseren Kameramann übrig. Die Losmach-Aktionen lassen sie mit stoischer Gefasstheit über sich ergehen, acht extrem ungemütliche Stunde halten sie verglichen mit über Jahrtausende strahlenden Atommüll vermutlich für das deutlich geringere Übel.
+++ Wendland +++ Sonntagmittag +++
Besuch der Pyramide der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Generatoren werden angeschmissen, man unternimmt einen neuen Versuch die Aktivisten von der Pyramide zu lösen, es sind bestimmt 300 Leute hier, viele haben sich auf das angrenzende Schienenstück gesetzt.
+++ Wendland +++ Sonntagmorgen +++
Die Nacht war wild und der Morgen ist es noch, der Widerstand gegen den Castor bleibt unerbittlich. Vier Stunden – von drei bis etwa sieben Uhr morgens – dauerte die Räumung der Gleise bei Harlingen. Wie im letzten Jahr wurden die Protestierenden in eine Gefangenensammelstelle (GeSa) gebracht (einen parkenden Korso aus Polizeiwagen) und wie im letzten Jahr so will die Gruppe “Widersetzen” auch dieses Jahr gegen diese Freiluft-Internierung klagen.
Die Polizei will die Gefangenen wohl festhalten bis der Castor im Verladebahnhof Dannenberg angekommen ist. Doch das kann noch dauern, denn: Derzeit liegen seit etwa zwei Uhr (!) vier Aktivisten bei Barendorf auf den Gleisen – befestigt mit je einem Arm an einem Betonblock darunter (unter den Schienen). Und auf Gleisen bei Hitzacker stellen sich seit etwa viertel nach sieben vier Aktivisten der bäuerlichen Notgemeinschaft quer, befestigt an einer überaus widerstandsfähigen Betonpyramide.
Jedem Leser steht es frei, sich einmal vorzustellen, wie sich eine Winternacht festgekettet an einem Betonblock unter Bahnschienen anfühlen mag. Man bekommt so eine ungefähre Ahnung von der Entschlossenheit, dem Mut und der Empörung, die die Anti-Castor-Bewegung beseelt.
+++ Harlingen +++ Samstag, 19.25 Uhr +++

Castor-Transport: Lagefeuer an Kilometer 187,5 (c) Benjamin Borgerding
Immer noch strömen Leute aufs Gleis. Über uns hört man das Trommeln von Hubschraubern, Polizei-Einheiten mit bunten Knicklichtern ziehen sich neben den Gleisen zusammen, noch sucht die Polizei nach der richtigen Strategie. Vor dem Gleishügel spielt derweil eine ziemlich gute Band Protestsongs (mit Fiedel) aus dem Wendland. Weiter hinten hat ein Wagen mit Kaminofen (!) und integrierter Suppenausgabe geparkt, während auf den Gleisen Butterbrote verteilt werden. Das Gemeinschaftsgefühl hier hat mich wieder einmal in bewunderndes Staunen versetzt, als uns die Meldung von den festgeketteten Greenpeace-Aktivisten in Lüneburg erreicht.
+++ Landkreis Lüchow-Dannenberg +++ Samstag, 17.30 Uhr +++
Die Schiene. In Lüchow-Dannenberg ist die Schiene der Ort, an dem sich alles trifft. Hier – bei Harlingen – haben über 1000 Menschen den Weg ins Gleisbett gefunden und machen es sich darin bequem, denn würde man ein Ohr auf die Schiene legen, könnte man vielleicht schon das leise Grollen des Castors hören. Weil Schienen den Castor bis zum Verladen auf Tiefladern ins Wendland tragen, zieht es den Protest naturgemäß hierher, hier ist er zuhause. Und deshalb richtet er sich hier ein: mit Lagerfeuern, Decken und Musik. Gekommen, um zu bleiben.
Und so sehe ich sie hier wieder: das japanische TV-Team von der Kundgebung und die Blaskapelle ‘Tuba Libre’ von der Esso-Wiese und natürlich die vielen, vielen Castor-Gegner, die nicht wollen, dass das Zwischenlager in Gorleben auch nur einen weiteren Castor verschluckt. Das wird eine lange Nacht.
+++ Landkreis Lüchow-Dannenberg +++ Samstag, 16.00 Uhr +++
Immer mehr Menschen zieht es zu den Gleisen. Bei Posade, Bahnkilometer 188, sollen 800 Leute auf den Schienen Platz genommen haben. Insgesamt sollen schon über 1000 Leute an verschiedenen Orten auf Gleisen sitzen. Der Castor müsste jetzt noch so ca. 150 Kilometer vom Verladebahnhof in Dannenberg entfernt sein.
+++ Kundgebungsplatz Dannenberg +++ Samstag, 15.00 Uhr +++
Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg eröffnet die Kundgebung offiziell: “Die Anti-Atom-Bewegung ist nicht am Ende, die Anti-Atom-Bewegung ist stark. Und das ist gut so!” 23.000 Menschen bestätigen den Befund mit lautstarkem Applaus. Betroffenheit anschließend nach dem traurigen Bericht von Kanako Nishikata aus Japan. Die alleinerziehende Mutter erzählt von den schrecklichen Folgen der Fukushima-Katastrophe für ihre Familie. Den Kampf gegen Atomkraft bezeichnet sie unter Tränen als ihre neue Lebensaufgabe.

Kundgebung ist in vollem Gange
+++ Kundgebungsplatz Dannenberg +++ Samstag, 14.20 Uhr +++
Kundgebung ist in vollem Gange, es sind richtig viele Menschen gekommen – und zwar generationen-, nationen und sonstwasübergreifend. Wie man sieht, liegen die Fahnen vor der Bühne ziemlich stramm im Wind, was Hoffnungen auf mögliche Verspätungen beim Verladen wegen zu hoher Windstärke nährt.

Sie dürfen auf keinen Fall fehlen.
+++ Kundgebungsplatz Dannenberg +++ Samstag, 12.30 Uhr +++
Auf dem Feld, auf dem gleich die Kundgebung losgeht, fahren die Trecker und Traktoren der bäuerlichen Notgemeinschaft ein.
+++ Essowiese Dannenberg +++ Samstag, 12.00 Uhr +++

Eine Kapelle spielt auf
Super, langsam wird es voll hier! Eine Blaskapelle spielt eine burleske Interpretation des Gassenhauers ‘Money’ (“…money, money”), zu der ein ‘Atomlobbyist’ mit langer Nase (links im Bild) seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht (Lobbyarbeit). Ich folge gleich dem Strom gen Kundgebung.

Demovorbereitungen auf der Esso-Wiese in Dannenberg.
+++ Essowiese Dannenberg +++ Samstag, 10.00 Uhr +++
Auf der Esso-Wiese laufen die Vorbereitungen für die große Kundgebung, die um halb eins gleich die Straße runter stattfindet. Vor dem Greenpeace-Container liegen Adventskränze, ‘geschmückt’ mit Unterschriften, die von Greenpeace-Gruppen aus ganz Deutschland vorbereitet worden sind.
+++ Breese in der Marsch +++ Freitag, 23.54 Uhr +++

Der Castor-Tieflader wartet auf seinen Einsatz beim Castor 2011 - (c) Benjamin Borgerding - Greenpeace
In Breese an der Marsch kommen wir an den Tiefladern vorbei, die die Castoren vom Verladebahnhof den letzten Streckenabschnitt ins Zwischenlager Gorleben bringen werden. Damit jeder schnallt, welche Fracht da von A nach B geschafft wird, hat man es offenbar für nötig befunden, die Wagen mit “www.kernenergie.de” auszudeklarieren. Soviel Umsichtigkeit könnte man durchaus als naiv bezeichnen.
+++ Harlingen +++ Freitag, 23.00 Uhr +++

Atomkraft Wegbassen in Harlingen - (c) Benjamin Borgerding - Greenpeace
Wie bunt der Protest auch in diesem Jahr ist, kann man sehr schön an den Veranstaltungen heute abend ablesen. Wir besuchen das Aktionsbündnis “Atomkraft wegbassen”, das Selbiges (= Minimal Techno) auf einem Acker bei Harlingen exerziert. Aus dem angrenzenden Waldstück funkeln die Taschenlampen von Polizisten, die einen Streckenabschnitt abriegeln, von ringsum glitzert Blaulicht. Leider wird Tanzen auf der Straße (bzw. dem Feldweg) hier nicht so gern gesehen.
+++ Irgendwo in Lüchow-Dannenberg +++ Freitag, 21:30 +++
Wir fahren durch den Landkreis Lüchow-Dannenberg: An Bahnübergängen sehe ich Polizisten, die die Strecke inspizieren, entlang der Schienen sind überall Kräne mit Scheinwerfern ausgefahren, Polizeiwannen patroullieren jeden Schleichweg in der Gegend. In diesem Moment gibt es wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt eine dichtere Polizeipräsenz als hier (werde ich in ein paar Tagen mal nachrecherchieren).
+++ Essowiese Dannenberg +++ Freitag, 20:15 +++

Greenpeace-Container auf der Esso-Wiese
Kleine Impression vom Greenpeace-Container auf der Esso-Wiese. Über die Boxen läuft übrigens gerade das Hörbuch von ‘Feuchtgebiete’, die Leute nehmen’s aber gelassen, Castor härtet ab.

Volxküche
+++ Essowiese Dannenberg +++ Freitag, 19:45 +++
Die Volxküche sorgt für leckeres Essen auf der Esso-Wiese. Auf dem Foto kann man übrigens erkennen, warum die Wiese heißt, wie sie heißt.
+++ Hitzacker, Kundgebung +++ Freitag, 18:45 +++
Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler spricht auf einer Kundgebung in Hitzacker: “Bundesregierung hat keinen Plan B für Gorleben”. Beherztes Pfeifkonzert gegen Röttgen und Merkel aus dem Publikum. Danach spielt auf der Bühne eine Blaskapelle auf, während ein ausgefahrener Polizeikran für amtliche Stadionbeleuchtung sorgt. Einige tanzen sich Mut für die nächsten Tage an, die Entschlossenheit der Leute hier ist spürbar!