Atomausstieg in Europa & Fukushima

24. Februar 2012
Radiation Victim Mr Yoshiharu

Radiation Victim Mr Yoshiharu

Es ist nicht mehr lange hin und dann jährt sich die verheerende Reaktorkatastrophe in Fukushima zum ersten Mal. Ich mag übrigens nicht von Unfall sprechen, das klingt – finde ich – verharmlosend. Die Schlagzeilen sind nicht mehr so laut und häufig. Und trotzdem: Wer genau hinguckt, kann die Brisanz auch in neueren Meldungen noch wahrnehmen. Und in Japan selbst? In Japan wächst ein Jahr nach der Erd­bebenkatas­trophe und dem Reaktorunglück von Fuku­shi­ma die Wut der Men­schen. Hier die Fotostrecke von unseren Kollegen von Greenpeace International ein Jahr nach Fukushima.

In Deutschland ist der Atomausstieg beschlossene Sache. Wir im Greenpeace-Briefcenter bekommen weiterhin Anfragen zur Atomproblematik – ob von Flugbegleiterinnen, die sich Sorgen um ihre Gesundheit machen, oder von Menschen, die sich fragen, was im Rest der Welt bezüglich Atomausstieg und Energiewende passiert.

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Im Netz gibt es außer der Übersichtskarte unserer österreichischen Kollegen hauptsächlich veraltete Informationen.

Fündig geworden bin ich dann beim SWP (Stiftung Wissenschaft und Politik):

(c) Stiftung Wissenschaft und Politik

(c) Stiftung Wissenschaft und Politik

Was positiv stimmt, ist die Haltung der polnischen Bevölkerung gegenüber Atomkraft.

Am Ende möchte ich es nicht versäumen, auf ein bemerkenswertes Buch aufmerksam zu machen:

“Der Reaktor” , von Elisabeth Filhol, erschienen im Nautilusverlag. Ich habe den Roman gelesen und möchte um euch einen Überblick zu geben, aus der Rezension von Claudia Voigt, Spiegel zitieren:

Der Roman ist ergreifend und radikal, weil Filhol alle festgefügten Vorurteile durch erzählerische Genauigkeit erschüttert. Nach der Lektüre von ›Der Reaktor‹ ist das Stichwort Atomenergie kein abstrakter Begriff mehr, nicht mehr nur ein Wahlkampfthema oder eine lautlose Gefahr.

Unbedingt empfehlenswert!

Elisabeth Filhol - Der Reaktor

Elisabeth Filhol - Der Reaktor

Ein Freund, ein guter Freund … Christian Wulff und Jürgen Großmann

22. Dezember 2011

[Aktualisiert am 09.01.2012]

Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund, und wenn die ganze Welt zusammenfällt.

Gehen Greenpeace die privaten Freundschaften eines Bundespräsidenten etwas an? Normalerweise nicht. Aber die Freundschaft dieses Bundespräsidenten Christian Wulff zu diesem Freund, dem RWE-Chef Jürgen Großmann, stellt einen Sonderfall dar. Jürgen Großmann ist nicht irgendein Unternehmer, sondern der Boss des Konzerns mit den höchsten CO2-Emissionen in Europa. Er ist der Mann, der im Jahre 2010 die Laufzeitverlängerung u.a. für die beiden ältesten und gefährlichsten deutschen Atomkraftwerke durchboxte: Biblis-A und Biblis-B. In Kraft gesetzt wurde die Laufzeitverlängerung damals durch eine Unterschrift unter das Atomgesetz von Freund Christian Wulff. Die Entscheidung des Naturschutzbundes Deutschland, Jürgen Großmann im Jahre 2010 den Negativ-Preis “Dinosaurier des Jahres” zu verleihen, war und ist vor diesem Hintergrund gut nachvollziehbar.

Natürlich kann der Bundespräsident sich seine Freunde aussuchen, wo und wie er will. Aber in diesem besonderen Fall einer engen Freundschaft ausgerechnet mit Jürgen Großmann muss sich eine Umweltorganisation wie Greenpeace mit der Frage beschäftigen, inwieweit die Gefahr besteht, dass sich der Bundespräsident in umweltpolitischen Fragen von diesem “Dinosaurier”-Freund hat beeinflussen lassen bzw. beeinflussen lässt. Die folgende Chronologie zeigt die enge Verzahnung von Privatem, Politischem und Geschäftlichem zwischen Wulff und Großmann. Sie stimmt zumindest sehr nachdenklich. Ob es weitere Verbindungen zwischen Christian Wulff und Jürgen Großmann gegeben hat, werden die Antworten auf die Kleine Anfrage der niedersächsischen Grünen vom 6. Januar 2012 zeigen. Deren Fragen Nr. 51 bis Nr. 55 sind möglichen weiteren geschäftlichen Beziehungen zwischen Wulff und Großmann gewidmet.

Herbst 2005: Auf Einladung und in Anwesenheit von Jürgen Großmann ist Christian Wulff Gastredner bei der achten Unternehmertagung der Georgsmarienhütte Unternehmensgruppe. “Sein Vortrag und die sich anschließende Diskussion waren für alle ein fesselndes Ereignis.” (Unternehmenszeitung “glückauf” 4/2005.) Tagungsort ist das Schlosshotel Münchhausen, in dem Wulff drei Jahre später seine Hochzeit feiert.

Oktober 2005: Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff führt Gespräche mit dem Chef des Stahlwerks Georgsmarienhütte, Jürgen Großmann, über die mögliche Übernahme des Aluminiumwerks Stade.

29. Oktober 2005: Christian Wulff und Jürgen Großmann sind Gastredner bei der Eröffnung des Neubaus der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers in Hannover.

30. Oktober 2005: Jürgen Großmann gibt zu Ehren der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel einen Empfang in Osnabrück. Unter den Gästen auch der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff.

Januar 2006: Volkswagen-Aufsichtsrat und Ministerpräsident Christian Wulff empfiehlt die Aufnahme Jürgen Großmanns in den Volkswagen-Aufsichtsrat.

1. Mai 2006: Jürgen Großmann wird Aufsichtsrat im Volkswagen-Konzern.

8. September 2006: Jürgen Großmann empfängt Bundeskanzlerin Merkel und Christian Wulff zur Jubiläumsfeier “150 Jahre Stahl aus Georgsmarienhütte”.

5. Juni 2007: Christian Wulff hält die Laudatio für die Verleihung des Vernon A. Walters Award der Atlantik-Brücke im mondänen Metropolitan Club in New York:

I would like to congratulate you, Jürgen Großmann, with all my heart. You are an exceptional entrepreneur and an exceptional person. (…) As Minister President of Niedersachsen, a Federal State with companies such as Volkswagen, Continental, and Jägermeister, I cannot imagine a better transatlantic ambassador for our country than you, Jürgen Großmann.

1. Oktober 2007: Jürgen Großmann wird Vorstandsvorsitzender der RWE AG.

4. Oktober 2007: Jürgen Großmann stellt die Christian-Wulff-Biographie “Besser die Wahrheit” bei einer Buchpräsentation in der Norddeutschen Landesbank Hannover vor, obwohl er an diesem Tag eigentlich in Essen sein Amt als Chef der RWE antreten muss. Anzeigen für das Buch sind von Carsten Maschmeyer finanziert. 2.500 der 15.000 Buch-Exemplare kauft Jürgen Großmanns Unternehmen, die Georgsmarienhütte Holding GmbH. An die Buchvorstellung schließt sich eine Podiumsdiskussion mit Großmann und Wulff an, die auf Phoenix live übertragen wird.

(c) Gordon Welters / Greenpeace - Greenpeace-Plakat am der CDU-Parteizentrale in Berlin

(c) Gordon Welters / Greenpeace - Greenpeace-Plakat am der CDU-Parteizentrale in Berlin

22. März 2008: Hochzeit von Christian und Bettina Wulff im engsten Familien- und Freundeskreis im Schlosshotel Münchhausen. Mit dabei: Jürgen Großmann und Carsten Maschmeyer. Christian Wulff gegenüber der Bild-Zeitung: “Ich bin glücklich, dass ich mit so tollen Freunden und unseren Verwandten unsere Vermählung so privat und ausgelassen feiern konnte”.

28. April 2008: Jürgen Großmann lädt den “Club2013″ genannten informellen Spendensammel-Verein der niedersächsischen CDU nach Georgsmarienhütte und Osnabrück ein. Nach einer Besichtigung der Georgsmarienhütte GmbH begrüßt Jürgen Großmann die Besucher im Historischen Rathaus von Osnabrück. Daran schließt sich eine Rede von Christian Wulff an mit dem Titel “Meilensteine 2008 – 2013 – Perspektiven für Niedersachsen”.  Den Abend lässt man gemeinsam in Großmanns eigenem Osnabrücker Nobel-Restaurant “la vie” ausklingen. An der Veranstaltung nehmen u.a. auch der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende David McAllister, Finanzminister Hartmut Möllring und Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen teil. Die Veranstalter wünschen einen “angenehmen Verlauf mit vielen neuen Kontakten und interessanten Gesprächen”.

5. August 2008: Jürgen Großmann lädt Ministerpräsident Christian Wulff auf eine Schiffsfahrt zur Besichtigung der Bohrinsel Mittelplate ab Cuxhaven ein, um ihn von der Ölförderung im Wattenmeer zu überzeugen.

2009: Jürgen Großmann spendet 15.600 EUR an die CDU (s. Bundestags-Drucksache 17/4800, S. 26)

8. Mai 2009: Feier zum 50. Geburtstag von Carsten Maschmayer in dessen Villa in Hannover. Mit dabei: Christian Wulff und Jürgen Großmann.

5. Juni 2009: Ministerpräsident Christian Wulff und RWE-Chef Jürgen Großmann eröffnen die die Ideen-Expo in Hannover. Haupt-Sponsor: RWE.

5.-24. Oktober 2009: Christian Wulff vertritt die Bundesländer in den Koalitionsverhandlungen, in denen die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke beschlossen wird.

2. Dezember 2009: RWE-Chef Jürgen Großmann und Vertreter der Firma “ELV/eQ-3″ geben bei einer Veranstaltung in Hannover im Beisein von Ministerpräsident Christian Wulff ihre zukünftige Zusammenarbeit bekannt.

(c) Friso Gentsch / dpa - Jürgen Großmann und Christian Wulff bei der feierlichen Inbetriebnahme der neuen Gas- und Dampfturbinenanlage in Lingen

(c) Friso Gentsch / dpa - Jürgen Großmann und Christian Wulff bei der feierlichen Inbetriebnahme der neuen Gas- und Dampfturbinenanlage in Lingen

14. April 2010: Ministerpräsident Christian Wulff und RWE-Chef Jürgen Großmann nehmen in einer Eröffnungszeremonie das Gaskraftwerk in Lingen in Betrieb.

4. Juni 2010: Einen Tag nachdem Merkel Christian Wulff zum Bundespräsidenten vorgeschlagen hat, trifft sie sich mit Wulff und den anderen CDU-Ministerpräsidenten, um sich mit ihnen über die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke abzustimmen, die für Jürgen Großmann einen zusätzlichen Milliardengewinn verspricht.

28. Juni 2010: Christian Wulff lädt zum Sommerfest in die niedersächsische Landesvertretung nach Berlin. Gast: Jürgen Großmann.

30. Juni 2010: Wulff wird zum Bundespräsidenten gewählt. Unter den ersten Gratulanten: Jürgen Großmann.

11. August 2010: In der FAZ erscheint der Artikel: “Die Erbfreundschaften von Hannover”. Darin heißt es:

Atomkraftwerke an der Bar – Dass nicht jeder anfällig ist für Charme und Chuzpe, musste just der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann erfahren, der ebenfalls zum “engen” Freundeskreis von Schröder wie auch Wulff zählt. Bei der China-Reise McAllisters – unmittelbar nach dessen Amtsantritt – versuchte Großmann dem Ministerpräsidenten kumpelhaft-herablassend an der Bar zu “erläutern”, dass dieser sich nun für eine deutliche Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken einsetzen möge. Es kam anders: Eine der ersten bundespolitischen Festlegungen McAllisters war, für eine nur kurze Laufzeitverlängerung zu werben, abweichend von der Mehrheitsmeinung seiner Partei und dem Werben des Erbfreundes seiner Vorgänger.

12. bis 15. Oktober 2010: Bundespräsident Christian Wulff wirbt bei seinem Staatsbesuch in Moskau für die Idee des Elite-Netzwerks “Deutschland-Russland – die neue Generation e.V.”, deren Vorsitzende Anne-Marie Großmann ist, die Tochter von Jürgen Großmann. Eines der drei Mitglieder des Board of Trustees von Frau Großmanns Verein ist die Wulff-Vertraute und niedersächsische Staatssekretärin Martina Krogmann, die Christian Wulff am 1. April 2010 zur Leiterin der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin ernannt hatte.

4. November 2010: Bundespräsident Christian Wulff schreibt einen offiziellen Brief an Anne-Marie Großmann, in dem er sie ermuntert, Ministerpräsident Putin zu ihrem Moskauer Treffen im Mai 2011 einzuladen. Dazu heißt es im Artikel “Vorläufige Ergebnisse in Sachen Wulff – Bundespräsident in der Kritik” in der FAZ vom 24.12.2011:

… So schrieb Christian Wulff, nun schon Bundespräsident, am 4. November 2010 einen offiziellen Brief an die Tochter des RWE-Chefs, Anne-Marie Großmann, in deren Eigenschaft als Vorsitzende einer Organisation “Deutschland-Russland – Die neue Generation”. Deren Sinn ist “der Aufbau langfristiger persönlicher Bindungen zwischen Young leaders” aus Deutschland und Russland, wie es in einem Papier des Vereins heißt. Dafür treffen sich die jungen Führungskräfte abwechselnd einmal im Jahr in Russland und Deutschland. Wulff aber würdigte das geplante Elite-Netzwerk als eine Art Jugendaustausch. “Ich finde Ihre Idee, den Austausch zwischen jungen Deutschen und jungen Russen zu fördern, sehr unterstützenswert. Deshalb habe ich Sie auch in Russland angesprochen. Ich darf Sie ermuntern, nach meinen Gesprächen in Moskau Ministerpräsident Putin zu Ihrem Moskauer Treffen im Mai 2011 einzuladen”, heißt es in dem Brief an Anne-Marie Großmann. Mit Bezug auf Wulff schickte Anne-Marie Großmann dann wenig später einen Brief an Wladimir Putin mit der Bitte, beim nächsten Jahrestreffen des Vereins im Mai 2011 in Moskau eine Ansprache zu halten. Auch bei dem Staatsminister im Auswärtigen Amt Werner Hoyer wurde Frau Großmann vorstellig. In einem Brief vom 22. Januar 2011 dankte sie ihm für seine Unterstützung des Projekts, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass bei seinem letzten Staatsbesuch in Russland “Bundespräsident Wulff bei Ministerpräsident Putin für unser Projekt geworben” habe. Nur zwei Tage später schrieb ein Unterstützer des Vereins an Hoyers Büroleiter, den er persönlich kennt. Der Bundespräsident unterstütze die Initiative wie auch die Einladung an Putin. Nun wolle man an Putin und an Präsident Dmitrij Medwedjew eine Einladung “in Form einer Verbalnote über den offiziellen Kanal der Deutschen Botschaft in Moskau folgen lassen”. Die Russland-Fachleute im Auswärtigen Amt waren entsetzt. Ein Mitarbeiter schrieb in einer internen Mitteilung, er könne es schwer nachvollziehen, “warum die Initiative ein solche breite Unterstützung im BPräsAmt” (Bundespräsidialamt) erfährt.

8. Dezember 2010: Christian Wulff unterschreibt – trotz zweier angekündigter Verfassungsklagen von Rot-Grün und von Greenpeace (und trotz Massenprotesten und trotz des Beischlafangebots von Charlotte Roche) – ohne intensivere Prüfung schon fünf Wochen nach dem Bundestagsbeschluss das Gesetz zur Laufzeitverlängerung und setzt diese damit in Kraft. Freund Jürgen Großmann winken dadurch zusätzliche Milliardengewinne. Greenpeace kommentiert an diesem Tag: “Damit hat sich Wulff als Präsident der Konzerne geoutet.”
19. Januar 2011: Christian Wulff empfängt den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaftzum Abendessen im Schloss Bellevue. Mit dabei: Jürgen Großmann, Mitglied im Vorstand des Stifterverbandes. Prof. Claus Leggewie, Gastredner an diesem Abend, erinnert sich in seinem Kommentar “Wulff ist überall” vom 9. Januar 2012 für die Financial Times Deutschland an dieses Treffen:

Wer den Bundespräsidenten einmal in Schloss Bellevue in trauter Tischrunde mit Wirtschaftskapitänen wie Jürgen Großmann (RWE) und Martin Winterkorn (VW) beieinandersitzen sah, der konnte förmlich spüren, dass hier niemand eingeladen hatte, der von den Herren Respekt bekam und sie notfalls zur Ordnung rufen würde – sondern jemand, der auch ohne direkte Vorteilsnahme von ihnen ausgehalten und für Fototermine gebraucht wurde.

Castor News

28. November 2011

Nun rollt er doch wieder: Der Castor ist auf dem Weg zum Zwischenlager Gorleben. Mit seiner Forderung / Hoffnung / Prophezeihung: “Der Castor 2010 war der letzte Castor-Transport nach Gorleben” hat Benjamin Borgerding also nicht Recht behalten. An dieser Stelle berichtet er deshalb live von den Protesten 2011.

+++ Gorleben +++ Montag, 22.00 Uhr +++

Auch 2011 hat es der Castor wieder nach Gorleben geschafft – trotz überschrittener Strahlenmengen am Zwischenlager und allgemein bekannter Endlager-Unbrauchbarkeit des Salzstocks. Trotz der vielen verschiedenen Aktionen an und auf der Strecke, trotz des Mutes und der Entschlossenheit der vielen Tausend Castorgegner und -gegnerinnen, die wieder ins Wendland gekommen sind, um zu protestieren. Trotz Pyramiden, Baumhäuser, verbogener Schienen, fehlender Steine, trotz Ketten und Beton, trotz quergestellter Transporter, Trecker und Traktoren.
2014 könnte es das nächste Mal soweit sein, der nächste Castortransport soll aus Sellafield hierher kommen. Bis dahin fließt noch ein bisschen Wasser die Elbe runter. Nach einer erneuten Rekordverspätung stellt sich jedoch wieder die Frage, die sich frustrierenderweise genauso schon letztes Jahr gestellt hatte: Wie lässt sich nach all dem ein weiterer Transport allen politischen Ernstes noch rechtfertigen?

Polizei baut Sichtschutz vor den fixierten Tranporter.

+++ Klein Gusborn+++ Montag, 12.00 Uhr +++

Links und rechts neben dem Transporter sind Wendland-Gutshöfe, auf denen viele Leute versammelt sind und über einen Zaun das Geschehen beobachten. Die Polizei hat den Transporter mittlerweile etwas weiter abgeriegelt und die Sicht für die Leute hinterm Zaun mit einer Plane versperrt, das Fahrzeug liegt wie ein Patient auf einem Operationstisch vor der Nieren-OP, bei der der unappetitliche Teil der Arbeit Beobachtern erspart bleibt.

Ich kann mir auf diesen Sichtschutz eigentlich nur einen Reim machen: Er soll den psychischen Druck auf die Aktivisten im Transporter erhöhen, indem die Moral der Aktivisten geschwächt (unmöglicher Sichtkontakt zu Bezugspersonen oder Unterstützern) und umgekehrt die Verhandlungsposition der Polizei gestärkt wird.

+++ Klein Gusborn+++ Montag, 10.30 Uhr +++

Nicht mehr ganz so anders wie im letzten Jahr, aber immer noch überaus herzerfrischend: Greenpeace-Aktivisten haben es doch tatsächlich wieder geschafft! Mit bzw. in einem präparierten Transporter haben sie sich auf der Transportstrecke festgemacht. Hut ab! Mal gucken, ob sie ihren Rekord zurückerobern!

+++ Dannenberg+++ Montag, 04.53 Uhr +++

Am Verladebahnhof Dannenberg - Das Böse rollt ein. (c) Benjamin Borgerding/Greenpeace

Am Verladebahnhof Dannenberg - Das Böse rollt ein. (c) Benjamin Borgerding/Greenpeace

Direkt neben den Schienen haben wir auf die elf ungebetenen Gäste gewartet, die gleich dreihundert Meter vor der Umladestation abgekoppelt und peu à peu auf den Platz mit dem Kran gefahren werden – an unseren Neutronen- und Gammastrahlenmessgeräten. Pro Castor wird das Verladen so ca. eine Stunde dauern. Die Castorbehälter sehen nicht gefährlich aus, aber das Tackern und Ausschlagen der Messgeräte erinnert einen daran, dass die Gefahr in diesem Fall unsichtbar ist.

+++ Gorleben +++ Sonntag, 19.00 Uhr +++

Castor 2011: Die letzte Etappe vor dem Zwischenlager in Gorleben

Castor 2011: Die letzte Etappe vor dem Zwischenlager in Gorleben

Die letzte Etappe zum Zwischenlager wird die Castor-Container durch einen Nadelwald führen. Vorher muss er allerdings erst noch an der Stelle vorbei, an der jetzt noch vier tapfere Aktivisten der Bäuerlichen Notgemeinschaft und eine Betonpyramide auf den Gleisen die Weiterfahrt unmöglich machen – seit unglaublichen 12 Stunden! Obwohl der Castor nach Lage der Dinge also noch ein Weilchen bis hierher unterwegs sein wird (bzw. hoffentlich gar nicht hier ankommt, der Bastard), haben sich vor dem Zwischenlager in Gorleben bereits rund 1.000 Leute eingefunden. Ihre Schlafsäcke, Planen und Isomatten deuten darauf hin, dass sie beabsichtigen, erstmal hier zu bleiben. Auf dem Weg hierher wurden wir gefühlte 36 Mal von Polizisten kontrolliert – teilweise alle 500 Meter. Damit die, die jetzt schon hier sind, durchhalten, ist wieder die Volksküche vor Ort und bereitet Suppe zu und irgendwie hat es auch ein Wagen mit Boxen und DJ-Pult durch die Kontrollen geschafft.


+++ Hitzacker +++ Sonntag, 13.30 Uhr +++

Die Pyramide wächst sich zur nächsten großen Sitzblockade aus. Neben den Gleisen sorgt eine absolut begnadete Trommlergruppe für wärmere Beine. Die festgeketteten Aktivisten haben trotz ihrer ungemütlichen Lage immer noch ein gereckte Faust und ein Lächeln für unseren Kameramann übrig. Die Losmach-Aktionen lassen sie mit stoischer Gefasstheit über sich ergehen, acht extrem ungemütliche Stunde halten sie verglichen mit über Jahrtausende strahlenden Atommüll vermutlich für das deutlich geringere Übel.

+++ Wendland +++ Sonntagmittag +++

Besuch der Pyramide der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Generatoren werden angeschmissen, man unternimmt einen neuen Versuch die Aktivisten von der Pyramide zu lösen, es sind bestimmt 300 Leute hier, viele haben sich auf das angrenzende Schienenstück gesetzt.

+++ Wendland +++ Sonntagmorgen +++

Die Nacht war wild und der Morgen ist es noch, der Widerstand gegen den Castor bleibt unerbittlich. Vier Stunden – von drei bis etwa sieben Uhr morgens – dauerte die Räumung der Gleise bei Harlingen. Wie im letzten Jahr wurden die Protestierenden in eine Gefangenensammelstelle (GeSa) gebracht (einen parkenden Korso aus Polizeiwagen) und wie im letzten Jahr so will die Gruppe “Widersetzen” auch dieses Jahr gegen diese Freiluft-Internierung klagen.

Die Polizei will die Gefangenen wohl festhalten bis der Castor im Verladebahnhof Dannenberg angekommen ist. Doch das kann noch dauern, denn: Derzeit liegen seit etwa zwei Uhr (!) vier Aktivisten bei Barendorf auf den Gleisen – befestigt mit je einem Arm an einem Betonblock darunter (unter den Schienen). Und auf Gleisen bei Hitzacker stellen sich seit etwa viertel nach sieben vier Aktivisten der bäuerlichen Notgemeinschaft quer, befestigt an einer überaus widerstandsfähigen Betonpyramide.

Jedem Leser steht es frei, sich einmal vorzustellen, wie sich eine Winternacht festgekettet an einem Betonblock unter Bahnschienen anfühlen mag.  Man bekommt so eine ungefähre Ahnung von der Entschlossenheit, dem Mut und der Empörung, die die Anti-Castor-Bewegung beseelt.

+++ Harlingen +++ Samstag, 19.25 Uhr +++

Castor-Transport: Lagefeuer an Kilometer 187,5 (bei Harlingen) (c) Benjamin Borgerding

Castor-Transport: Lagefeuer an Kilometer 187,5 (c) Benjamin Borgerding

Immer noch strömen Leute aufs Gleis. Über uns hört man das Trommeln von Hubschraubern, Polizei-Einheiten mit bunten Knicklichtern ziehen sich neben den Gleisen zusammen, noch sucht die Polizei nach der richtigen Strategie. Vor dem Gleishügel spielt derweil eine ziemlich gute Band Protestsongs (mit Fiedel) aus dem Wendland. Weiter hinten hat ein Wagen mit Kaminofen (!) und integrierter Suppenausgabe geparkt, während auf den Gleisen Butterbrote verteilt werden. Das Gemeinschaftsgefühl hier hat mich wieder einmal in bewunderndes Staunen versetzt, als uns die Meldung von den festgeketteten Greenpeace-Aktivisten in Lüneburg erreicht. :)

+++ Landkreis Lüchow-Dannenberg +++ Samstag, 17.30 Uhr +++

Die Schiene. In Lüchow-Dannenberg ist die Schiene der Ort, an dem sich alles trifft. Hier – bei Harlingen – haben über 1000 Menschen den Weg ins Gleisbett gefunden und machen es sich darin bequem, denn würde man ein Ohr auf die Schiene legen, könnte man vielleicht schon das leise Grollen des Castors hören. Weil Schienen den Castor bis zum Verladen auf Tiefladern ins Wendland tragen, zieht es den Protest naturgemäß hierher, hier ist er zuhause. Und deshalb richtet er sich hier ein: mit Lagerfeuern, Decken und Musik. Gekommen, um zu bleiben.
Und so sehe ich sie hier wieder: das japanische TV-Team von der Kundgebung und die Blaskapelle ‘Tuba Libre’ von der Esso-Wiese und natürlich die vielen, vielen Castor-Gegner, die nicht wollen, dass das Zwischenlager in Gorleben auch nur einen weiteren Castor verschluckt. Das wird eine lange Nacht.

+++ Landkreis Lüchow-Dannenberg +++ Samstag, 16.00 Uhr +++

Immer mehr Menschen zieht es zu den Gleisen. Bei Posade, Bahnkilometer 188, sollen 800 Leute auf den Schienen Platz genommen haben. Insgesamt sollen schon über 1000 Leute an verschiedenen Orten auf Gleisen sitzen. Der Castor müsste jetzt noch so ca. 150 Kilometer vom Verladebahnhof in Dannenberg entfernt sein.

+++ Kundgebungsplatz Dannenberg +++ Samstag, 15.00 Uhr +++

Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg eröffnet die Kundgebung offiziell:  “Die Anti-Atom-Bewegung ist nicht am Ende, die Anti-Atom-Bewegung ist stark. Und das ist gut so!” 23.000 Menschen bestätigen den Befund mit lautstarkem Applaus. Betroffenheit anschließend nach dem traurigen Bericht von Kanako Nishikata aus Japan. Die alleinerziehende Mutter erzählt von den schrecklichen Folgen der Fukushima-Katastrophe für ihre Familie. Den Kampf gegen Atomkraft bezeichnet sie unter Tränen als ihre neue Lebensaufgabe.

Kundgebung ist in vollem Gange

+++ Kundgebungsplatz Dannenberg +++ Samstag, 14.20 Uhr +++

Kundgebung ist in vollem Gange, es sind richtig viele Menschen gekommen – und zwar generationen-, nationen und sonstwasübergreifend. Wie man sieht, liegen die Fahnen vor der Bühne ziemlich stramm im Wind, was Hoffnungen auf mögliche Verspätungen beim Verladen wegen zu hoher Windstärke nährt.

Sie dürfen auf keinen Fall fehlen.

+++ Kundgebungsplatz Dannenberg +++ Samstag, 12.30 Uhr +++

Auf dem Feld, auf dem gleich die Kundgebung losgeht, fahren die Trecker und Traktoren der bäuerlichen Notgemeinschaft ein.

+++ Essowiese Dannenberg +++ Samstag, 12.00 Uhr +++

Eine Kapelle spielt auf

Super, langsam wird es voll hier! Eine Blaskapelle spielt eine burleske Interpretation des Gassenhauers ‘Money’ (“…money, money”), zu der ein ‘Atomlobbyist’ mit langer Nase (links im Bild) seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht (Lobbyarbeit). Ich folge gleich dem Strom gen Kundgebung.

Demovorbereitungen auf der Esso-Wiese in Dannenberg.

+++ Essowiese Dannenberg +++ Samstag, 10.00 Uhr +++

Auf der Esso-Wiese laufen die Vorbereitungen für die große Kundgebung, die um halb eins gleich die Straße runter stattfindet. Vor dem Greenpeace-Container liegen Adventskränze, ‘geschmückt’ mit Unterschriften, die von Greenpeace-Gruppen aus ganz Deutschland vorbereitet worden sind.

+++ Breese in der Marsch +++ Freitag, 23.54 Uhr +++

Castor-Tieflader wartet auf Einsatz - (c) Benjamin Borgerding - Greenpeace

Der Castor-Tieflader wartet auf seinen Einsatz beim Castor 2011 - (c) Benjamin Borgerding - Greenpeace

In Breese an der Marsch kommen wir an den Tiefladern vorbei, die die Castoren vom Verladebahnhof den letzten Streckenabschnitt ins Zwischenlager Gorleben bringen werden. Damit jeder schnallt, welche Fracht da von A nach B geschafft wird, hat man es offenbar für nötig befunden, die Wagen mit “www.kernenergie.de” auszudeklarieren. Soviel Umsichtigkeit könnte man durchaus als naiv bezeichnen.

+++ Harlingen +++ Freitag, 23.00 Uhr +++

Atomkraft Wegbassen in Harlingen - (c) Benjamin Borgerding - Greenpeace

Atomkraft Wegbassen in Harlingen - (c) Benjamin Borgerding - Greenpeace

Wie bunt der Protest auch in diesem Jahr ist, kann man sehr schön an den Veranstaltungen heute abend ablesen. Wir besuchen das Aktionsbündnis “Atomkraft wegbassen”, das Selbiges (= Minimal Techno) auf einem Acker bei Harlingen exerziert. Aus dem angrenzenden Waldstück funkeln die Taschenlampen von Polizisten, die einen Streckenabschnitt abriegeln, von ringsum glitzert Blaulicht. Leider wird Tanzen auf der Straße (bzw. dem Feldweg) hier nicht so gern gesehen.

+++ Irgendwo in Lüchow-Dannenberg +++ Freitag, 21:30 +++
Wir fahren durch den Landkreis Lüchow-Dannenberg: An Bahnübergängen sehe ich Polizisten, die die Strecke inspizieren, entlang der Schienen sind überall Kräne mit Scheinwerfern ausgefahren, Polizeiwannen patroullieren jeden Schleichweg in der Gegend. In diesem Moment gibt es wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt eine dichtere Polizeipräsenz als hier (werde ich in ein paar Tagen mal nachrecherchieren).

+++ Essowiese Dannenberg +++ Freitag, 20:15 +++

Greenpeace-Container auf der Esso-Wiese

Kleine Impression vom Greenpeace-Container auf der Esso-Wiese. Über die Boxen läuft übrigens gerade das Hörbuch von ‘Feuchtgebiete’, die Leute nehmen’s aber gelassen, Castor härtet ab.

Volxküche

+++ Essowiese Dannenberg +++ Freitag, 19:45 +++

Die Volxküche sorgt für leckeres Essen auf der Esso-Wiese. Auf dem Foto kann man übrigens erkennen, warum die Wiese heißt, wie sie heißt.

+++ Hitzacker, Kundgebung +++ Freitag, 18:45 +++

Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler spricht auf einer Kundgebung in Hitzacker:  “Bundesregierung hat keinen Plan B für Gorleben”. Beherztes Pfeifkonzert gegen Röttgen und Merkel aus dem Publikum. Danach spielt auf der Bühne eine Blaskapelle auf, während ein ausgefahrener Polizeikran für amtliche Stadionbeleuchtung sorgt. Einige tanzen sich Mut für die nächsten Tage an, die Entschlossenheit der Leute hier ist spürbar!