Mein Abenteuer geht zu Ende – Überfischung der Tiefsee hoffentlich auch!

06. Dezember 2011

Die Arctic Sunrise war im Nordostatlantik unterwegs, um gegen die zerstörerische Tiefseefischerei zu protestieren. Mit an Bord: Yve Tiede. Hier erzählt sie von ihren Erlebnissen an Bord. (zur Blogreihe)

Yve an Bord der Arctic Sunrise - (c) Greenpeace

Yve an Bord der Arctic Sunrise - (c) Greenpeace

Felder, Wälder und Städte ziehen an mir vorbei. Kein Wasser, kein Schaukeln mehr, kein Wind, kein brummender Motor. Ich sitze im Zug, auf dem Weg von Amsterdam zurück nach Hause und die Welt fühlt sich komisch an. Ich denke an meinen blauen Arbeitsoverall, der noch am Haken im Schiffsrumpf der Arctic Sunrise hängt.

Es war eine eindrucksvolle Tour für mich.

Unser Team hat auf dem Meer dafür gesorgt, dass Politiker (vor allem in Spanien und Frankreich) aufgewacht sind. Die Problematik der hochsubventionierten, zerstörerischen Tiefseeflotte ist öffentlicher Gesprächsstoff geworden. Das ist ein großer Erfolg für uns!

Ich weiß jetzt, dass so eine Kampagne auf hoher See kein Zuckerschlecken ist. Es gab während meiner Zeit auf dem Schiff insgesamt fünf Aktionen in Häfen und auf dem offenen Meer. Manchmal auch trotz starken Windes, hoher Wellen und Seekrankheit. Es lief nicht immer alles nach Plan – aber davon ließ sich keiner der Crew demotivieren. Das wurde eher als Ansporn gesehen und manchmal muss man einfach spontan sein. Bei der letzten Aktion haben wir den Tiefseetrawler tatsächlich zum vorzeitigen Einholen seines Netzes gebracht – das war der krönende Abschluss.

Auf dem Nordatlantik habe ich vieles gelernt: Über den Schiffsalltag, die Tiefsee und über mich selbst. Ich bin super glücklich, so viele tolle Leute aus so vielen verschiedenen Ländern kennengelernt zu haben, die sich alle auf beeindruckende Weise, mit viel Herzblut und mit ihren ganz unterschiedlichen Fähigkeiten für den Schutz der Erde einsetzten. Ich bin auch ein bisschen stolz auf uns: Ich habe das gute Gefühl, wirklich etwas bewegt zu haben und weiß, dass Greenpeace an den Tiefseeflotten und der Politik auch weiterhin dran bleiben und Druck machen wird.

Und wenn ich an die Arctic Sunrise denke, die jetzt für ein paar Reparaturarbeiten sorgsam vertäut im Hafen von Amsterdam liegt, bin ich mir sicher, dass ich noch weitere Male auf Greenpeace-Schiffen unterwegs sein werde, um mich für den Erhalt und den Schutz unserer Umwelt einzusetzen.

Die Kampagne gegen die Überfischung der Tiefsee geht nun an Land weiter.

Vor allem in Spanien und Frankreich wird dies ein großes Thema sein. Diese Länder haben die größten Tiefseeflotten in der EU und bekommen ungeheure Summen an Subventionen.

Aber auch alle anderen Länder geht die Tiefseefischerei etwas an: Dänemark hat als nächstes den EU-Vorsitz. Damit wird das Land maßgeblich an der Ausarbeitung des neuen Gesetzes zur gemeinsamen Fischereipolitik mitwirken; ein polnisches Filmteam an Bord hat sich sehr für unsere Arbeit interessiert und auch deutsche Europa-Politiker werden an der bevorstehenden Reform des Fischereigesetzes mitarbeiten. Und schließlich brauchen wir einen gesunden Ozean und sollten einen solchen auch an kommende Generationen weitergeben können!

(Autorin: Yve Tiede)

Die Tiefseefischerei ist eine der schlimmsten Fischereimethoden in Europa. Riesigen Netze dringen in Tiefen zwischen 400 und 1.500 Metern ein, wo niemand den angerichteten Schaden sieht. Auf der Suche nach Fisch zerstören sie einzigartige Lebensräume.
Die Tiefseefischerei ist ein perfektes Beispiel dafür, was in der EU-Fischereipolitik falsch läuft. Zwischen 1996 und 2010 sind aus den Steuern der europäischen Bürger mehr als 140 Millionen Euro Subventionen in die spanische Tiefseefischerei geflossen. Spanische und französische Fischer sind für fast 70 Prozent der Tiefseefänge in Europa verantwortlich.

An Bord der Arctic Sunrise V – Wachgequietscht

25. November 2011

Die Arctic Sunrise ist derzeit im Nordostatlantik unterwegs, um gegen die zerstörerische Tiefseefischerei zu protestieren. Mit an Bord: Yve Tiede. Hier erzählt sie von ihren Erlebnissen an Bord. (zur Blogreihe)

7:24 Uhr. “Ha! Da war es wieder!” Verdutzt öffne ich die Augen und schaue auf die Uhr meines Handys. Ein ungewöhnliches Quietschen hat mich aufgeweckt. Es ist leise, aber auffallend anders als die normalen Schiffsgeräusche. Aber schon klopft es an meiner Tür: “Wake-up-Call – good morning!”, der persönliche Weckdienst an Bord der Arctic Sunrise. Ich mache mich bereit für einen normalen Tag an Bord. In der Messe esse ich gemütlich mein Müsli, während ich die anderen Crewmitglieder beim Wachwerden beobachte.

8:00 Uhr. Klos oder Flure?

Zu gemütlich darf ich es mir aber nicht machen, um acht Uhr beginnt das Putzen der Wohnbereiche an Bord. Bei 30 Leuten auf engem Raum spielt Hygiene eine große Rolle. Jeden Morgen werden also Toiletten, Duschen, die Waschküche, Lounge und Flure geputzt. Beim Verteilen der Aufgaben gilt das Motto “Der frühe Vogel fängt den Wurm”, denn wer sich zuerst in die Putzliste einträgt, der hat noch die Wahl zwischen Klos und Fluren…

9:00 Uhr. Ich melde mich bei Tuomas, dem Bootsmann. Er ist für die Einteilung der Arbeitsaufgaben zuständig. Auch für uns Aktivisten findet sich immer etwas: von der Herstellung von Schlüsselanhängern aus Plastikeimern, Lappen schneiden aus alten Klamotten, über das Sortieren von Arbeitskleidung und Schuhen, bis hin zum Anstreichen von Reling und Co. und natürlich dem typischen Deckschrubben, ist alles dabei.

Dolphin Time! (c) Greenpeace

Dolphin Time! (c) Greenpeace

10:54 Uhr. “Dolphin-time!”, Tuomas unterbricht mich bei meiner Arbeit. Ich hatte die Lautsprecherdurchsage gar nicht gehört, alle anderen sind schon an Deck. Die Arbeit darf für solche Ereignisse selbstverständlich unterbrochen werden.

Alle drängeln sich am Bug des Schiffes, lehnen sich über die Reling. Da sind sie, die Delfine. In unserer Bugwelle lassen sich über zehn von ihnen von unserem Schiff anschieben. Sie spielen herum, schwimmen voraus, machen einen Bogen, drehen sich auf die Seite und machen kleine Sprünge und typische Delfingeräusche. Daher kam also das Quietschen, das ich morgens in der Kabine gehört habe! In einiger Entfernung sehen wir eine weitere Gruppe herannahen. Während ich die Tiere weiter beobachte bekomme ich richtig gute Laune. Es ist ein schönes Gefühl, diese tollen Tiere so nah sehen zu können – und das während wir mit einer Kampagne unterwegs sind, um uns auch für ihren Lebensraum einzusetzen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht gehe ich zurück zu meiner Arbeit.

12:00 Uhr. Ich stehe in der Schlange am Mittagsbuffet an. Es duftet verführerisch. Wie Wendy, die Köchin es schafft in der kleinen Schiffskombüse so geniale Menüs zu zaubern, bleibt mir ein Rätsel.

13:00 Uhr. Es geht weiter mit der Arbeit an Deck. Um 15:00 Uhr freue ich mich über die kleine Pause mit Kaffee, Tee und Keksen.

17 Uhr. Es ist schon wieder “beer-o’clock”: Feierabend. Punkt 18:00 Uhr lade ich mir dann noch einmal meinen Teller voll mit Wendy’s Köstlichkeiten. Ganz nach Lust und Laune mache ich es mir dann in der Lounge bei einem guten Buch oder Film gemütlich oder geselle mich – so wie heute – zu der Runde im Schiffsbug.

(Autorin: Yve Tiede)

Die Tiefseefischerei ist eine der schlimmsten Fischereimethoden in Europa. Riesigen Netze dringen in Tiefen zwischen 400 und 1.500 Metern ein, wo niemand den angerichteten Schaden sieht. Auf der Suche nach Fisch zerstören sie einzigartige Lebensräume.
Die Tiefseefischerei ist ein perfektes Beispiel dafür, was in der EU-Fischereipolitik falsch läuft. Zwischen 1996 und 2010 sind aus den Steuern der europäischen Bürger mehr als 140 Millionen Euro Subventionen in die spanische Tiefseefischerei geflossen. Spanische und französische Fischer sind für fast 70 Prozent der Tiefseefänge in Europa verantwortlich.

An Bord der Arctic Sunrise IV – Grün im Gesicht

24. November 2011

Die Arctic Sunrise ist derzeit im Nordostatlantik unterwegs, um gegen die zerstörerische Tiefseefischerei zu protestieren. Mit an Bord: Yve Tiede. Hier erzählt sie von ihren Erlebnissen an Bord. (zur Blogreihe)

Es hilft alles nichts

Liebevoll wird die Arctic Sunrise intern auch “die Waschmaschine” genannt. Vor meiner Abfahrt von Stornoway in Schottland hatte ich noch eine extra Portion Ingwer gekauft, in der Hoffnung, mich damit vor Seekrankheit retten zu können. Doch ich werde eines Besseren belehrt.

Seekrank arbeiten auf der Arctic Sunrise. (c) Greenpeace

Seekrank arbeiten auf der Arctic Sunrise. (c) Greenpeace

Dabei ging die Reise so friedlich los (na ja, zumindest im Hafenbecken): Abends abgelegt, ins Bett gegangen, sanft schaukelnd eingeschlafen. Doch dann mit dem Wecken am nächsten Tag, draußen auf See, gilt der erste Guten-Morgen-Gruß dem Mageninhalt. Das Schiff schwank dramatisch in alle Richtungen. Ich liege bleich-gelb im Bett, neben mir schwebt das Handtuch im 45° Winkel von der Wand meiner Kammer. Tapfer versuche ich aufzustehen und am Tagesgeschehen teilzunehmen. Ich stelle tröstend fest, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. Erkennungszeichen: roter Eimer, apathischer Blick und der bemühte Versuch, wenigstens ein paar Schlucke Ingwertee hinunter zu bekommen. Alle Tipps besagen: normal Weiteressen. Die sind lustig!

Mich hat es besonders hart erwischt. Vier Tage brauche ich, um mein Gehirn davon zu überzeugen, dass das Schwanken so in Ordnung ist.

Aber wer im November auf den Nordatlantik rausfährt, ist wohl selber Schuld.

Alles bewegt sich

Eigentlich hätte ich schon im Hafen skeptisch werden müssen. Da hat mir Wendy, die Köchin stolz die neu angeschweißte Halterung für den (massiven Stahl-!) Herd gezeigt Der hatte sich beim letzten Sturm selbstständig gemacht und war durch die Küche gerutscht. Wirklich alles an Bord ist festgebunden, JEDE Tür und Klappe hat eine zusätzliche Sicherung. Schon bei der ersten Schiffführung werden wir gewarnt: “All things that can move will move!”

Seebeine

Jetzt macht es endlich Spaß. Ich arbeite zusammen mit den anderen Aktivisten auf dem Poopdeck (ganz hinten auf dem Schiff)und bereite die Rettungsinsel vor, die bei der nächsten Aktion verwendet werden soll. Dabei ist es schon eine Herausforderung, sich allein auf den Beinen zu halten. Immer wieder finde ich mich plötzlich jemand anderes umklammernd, um nicht umzufallen, zusammen halten wir uns an dem nächst besten Seil fest, das wir greifen können. Auf dem Deck schwappt eine riesige Pfütze von einer Seite zur anderen, der ich versuche, aus dem Weg zu tanzen.

Wendy beobachtet mich amüsiert und stellt fest: “Da hast Du also endlich Deine Seebeine* bekommen.”

*Seebeine: Fähigkeit, trotz Schlingern und Stampfen auf Deck zu gehen.

(Autorin: Yve Tiede)

Die Tiefseefischerei ist eine der schlimmsten Fischereimethoden in Europa. Riesigen Netze dringen in Tiefen zwischen 400 und 1.500 Metern ein, wo niemand den angerichteten Schaden sieht. Auf der Suche nach Fisch zerstören sie einzigartige Lebensräume.
Die Tiefseefischerei ist ein perfektes Beispiel dafür, was in der EU-Fischereipolitik falsch läuft. Zwischen 1996 und 2010 sind aus den Steuern der europäischen Bürger mehr als 140 Millionen Euro Subventionen in die spanische Tiefseefischerei geflossen. Spanische und französische Fischer sind für fast 70 Prozent der Tiefseefänge in Europa verantwortlich.