Britischer AKW-Neubau torpediert Energiewende

22. Oktober 2013

Ein Blogeintrag von Susanne Neubronner, Energie-Expertin von Greenpeace Deutschland

Großbritannien setzt auf gefährliche, überflüssige und teure Atomenergie und bittet dafür seine Steuerzahler erheblich zur Kasse. 10,9 Cent pro Kilowattstunde Strom sind den Investoren für die nächsten 35 Jahre als Abnahmepreis garantiert. Das ist fast doppelt so viel wie der übliche Marktpreis für Elektrizität und der Zeitraum ist doppelt so lang wie bei den staatlichen Abnahmegarantien für die Erneuerbaren Energien. Hinzu kommt das staatliche Angebot einer Bürgschaft über 65 Prozent der Baukosten. Das Risiko trägt die britische Bevölkerung nun doppelt: Das unternehmerische Risiko, das die Firmen nicht bereit sind allein zu tragen, und die Gefahr eines schweren Atomunfalls allemal. Gut für die großen Atomkonzerne Electricité de France (EDF), Areva, den staatlichen chinesischen Atomkraftwerksbauern CGN und die China National Nuclear Group. Schlecht für die europäische Energiewende. Mit dem grünen Licht des Staates für ein neues AKW im westenglischen Standort Hinkley Point hat UK ein weiteres europäisches Geldverbrennungsprojekt beschlossen, das den umweltverträglichen Umbau der Energieversorgung innerhalb Europas und die Menschen in Großbritannien gefährdet.

Die Finanzierung des Projekts stand lange auf wackeligem Fundament, daher greift die britische Regierung nun in die Subventionstrickkiste. Dabei verschließt sie die Augen vor den Erfahrungen anderer EU-Staaten wie Finnland und Frankreich, wo AKW-Neubauprojekte ähnlich wie in Hamburg die Elbphilharmonie, Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen nur mit enormer zeitlicher Verzögerung und massiven Mehrkosten vorangetrieben werden. 19 Milliarden Euro sollen investiert werden, zu rechnen ist mit einem deutlich höheren Betrag.

Eine dermaßen hohe staatliche Förderung der Atomenergie für viele Jahre bremst gewaltig den Ausbau und die Fördermöglichkeiten der regenerativen Energien. Die Erneuerbaren sind schon bald deutlich günstiger und würden auch in Großbritannien Tausende Jobs generieren, wenn auf der Insel nicht die Atomkraft künstlich konkurrenzfähig gemacht werden würde.

Dieses Vorgehen ist gegenüber der europäischen Gemeinschaft schon ignorant. Gerade erst wurde der Vorstoß einiger EU-Mitgliedstaaten – unter anderem auch Großbritannien und Frankreich – die Umweltbeihilferichtlinien so aufzuweichen, dass auch AKW-Neubauten leichter gefördert werden könnten, von den EU-Kommissaren ausgebremst. Schon ist Großbritannien dabei, durch die Hintertür exorbitante Subventionen zu gewähren.

Die EU- Kommissare müssen nun ihrer einmal gefällten Entscheidung, keine staatlichen Subventionen für AKW erlauben zu wollen, Taten folgen lassen und Großbritanniens Tricks entlarven und stoppen. Sollte die britische Regierung mit dieser Politik auf EU-Ebene Erfolg haben, öffnet dies Tür und Tor für andere Staaten die nur zu gern ein AKW mit Steuergeldern im eigenen Land errichten wollen.

Grüne wollen Gorleben bei der Endlagersuche im Rennen lassen

19. November 2012

Es klingt doch so logisch , dass man Gorleben lieber anhand von Kriterien in einem Endlagersuchverfahren ausscheiden lässt, anstatt eine politische Entscheidung für einen Ausschluss vorab zu treffen, oder?

Mit einer Endlagerbaustelle im eigenen Bundesland lässt sich auf der Politikbühne kein Blumentopf gewinnen – im Gegenteil: Erkundungen in Bayern oder Baden-Württemberg wären bei den nächsten Wahlen das politische Ende für die verantwortlichen Politiker auf Landesebene – egal von welcher Partei.

Deshalb gibt es in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten eine große politische Mehrheit, die trotz aller gegenteiligen salbungsvollen Beteuerungen und vor allen Dingen trotz aller negativen wissenschaftlichen Befunde zur (Nicht-)Eignung des niedersächsischen Salzstocks auf Teufel komm raus an Gorleben festhalten wollen.

Bleibt der Salzstock im Rennen bei der Endlagersuche, wird es nie politische Mehrheiten für strengste Auswahlkriterien geben, mit denen Gorleben rausfallen könnte. Denn dann würde eine Endlagerbaustelle in anderen Bundesländern tatsächlich realistisch – das Karriereende für die beteiligten Politiker, wie eben beschrieben.

Bleibt die Politik bei der Wahl der Kriterien im Ungefähren (der Parteipolitiker nennt das dann “Kompromiss”), so zählt für Gorleben der Erkundungsvorsprung von 35 Jahren gegenüber anderen Standorten: Selbst wenn der Wissenschaftler Mängel gefunden hat, dann weiß er in Gorleben, wo die Mängel liegen und damit weiß er mehr, als über einen Vergleichsstandort, der noch gar nicht soweit untersucht worden ist und für ihn ein schwarzes Loch darstellt. Dieser “Erkundungsvorsprung” sorgt dafür, dass Gorleben in einem Vergleichsverfahren bis zur Endrunde überhaupt nicht rausfliegen kann – ebenfalls im Gegensatz zu allen politischen Beteuerungen.

Die geschilderten Mehrheiten in der Bundesrepublik Pro-Endlager-Gorleben werden spätestens dann dafür sorgen, dass der marode Salzstock in Niedersachsen doch noch zum Endlager wird – diesmal gerichtsfest, weil angeblich einem “fairen” und “ergebnisoffenen” Vergleichsverfahren” entsprungen. Damit hätten die alten Pro-Gorleben-Kräfte ihr Ziel mit einem kleinen Umweg doch noch erreicht.

Dass ausgerechnet die niedersächsischen Grünen in diesem Theaterstück auch noch die Hauptrolle übernehmen, irritiert den fachkundigen Beobachter. Dass die Grünen kurz vor der Landtagswahl in Niedersachsen das höchste Faustpfand für die kommenden Verhandlungen mit Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) schon vor Beginn aus der Hand geben, kommt einem Kotau vor der alten Gorleben-Garde gleich, die auch die Desaster in den havarierten Atommülllagern Asse und Morsleben zu verantworten haben. Nicht umsonst “begrüßt” Altmaier heute das Ergebnis des Grünen-Parteitags vom Wochenende.

Mit diesem mehr oder weniger unscheinbaren Beschluss haben ausgerechnet die aufrechten Kämpfer für eine Aufarbeitung des Asse-Desasters, wie der niedersächsische Grünen-Fraktionsvorsitzende Stefan Wenzel, der Endlagerdebatte einen Bärendienst erwiesen. Sie haben damit vor allem dem Druck der baden-württembergischen Grünen und ihrem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann nachgegeben, die zwar die gesamte Debatte um einen Neustart bei der Endlagersuche im Juli 2011 dankenswerter Weise angestoßen haben, seitdem aber innerhalb und außerhalb ihrer Partei verbissen darum kämpfen, dass Gorleben im Verfahren bleibt.

Warum wohl? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Angesichts der Tragweite der Atommüll- bzw. Endlagerfrage – immerhin geht es um die Sicherheit der kommenden 30.000 Generationen – wird diese “kleine” Entscheidung vom vergangenen Wochenende auf einer Bundesdelegiertenkonferenz der Partei, deren Aufstieg untrennbar mit dem Kampf gegen Atomkraft verbunden ist, unter Umständen einen traurigen historischen Höhepunkt bei der Zementierung des maroden Salzstocks und innerhalb der Geschichte von 35 Jahren Manipulation zur Durchsetzung von Gorleben spielen. Jedenfalls, wenn es außer Parteien in diesem Land niemanden gäbe, der sagt: So nicht!

Einmal mehr hat sich gezeigt, wie Sachfragen in der parteipolitischen Interessensmühle bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht werden. Umso wichtiger ist die Einmischung der Zivilgesellschaft! Heute wird dieses abstrakte Wort “Zivilgesellschaft” gerne ausgerechnet von denjenigen Parteipolitikern inflationär benutzt, die eine Einmischung von Bürgern in ihre parlamentarische Welt jenseits des alle vier Jahre ausgefüllten Stimmzettels eigentlich als Störung empfinden.

Die dauernd zitierte “Zivilgesellschaft” sind wir, die Bürger und Bürgerinnen dieses Landes. Wir sind die Betroffenen der Entscheidungen von Parteipolitikern und wir haben die Pflicht, wie in den vergangenen 35 Jahren Streit um Atommüllendlager den Finger in die Wunde zu legen und verantwortbare Entscheidungen zu verlangen.

Wir tun dies eben nicht nur alle vier Jahre beim Ausfüllen des Wahlzettels. Wir tun dies auch außerhalb der Parlamente, wenn es nötig ist, auch auf der Straße oder vor Gericht. Wir sind diejenigen, die Konzepte zur Endlagersuche vorgelegt haben, die einen wirklichen Neustart bei der Endlagersuche markieren würden, obwohl wir weder den Atommüll produziert noch die Fehlentscheidungen der vergangenen Jahrzehnte zu verantworten haben.

Gefragt sind jetzt all diejenigen Bürger, denen die Zukunft der nachfolgenden Generationen nicht egal ist. Gefragt sind jetzt die großen außerparlamentarischen Gruppen und Verbände, eindeutig “Nein” zu sagen zu einem Theaterstück mit dem Titel “Endlagersuche”, bei dem im letzten Akt nur wieder Gorleben herauskommen soll. Gefragt sind die Kirchen, weil die Atommüllfrage wegen der riesigen Zeitdimensionen eine zutiefst ethische Frage ist, gefragt sind Gewerkschaften und Umweltverbände, eindeutig Position für ein faires Suchverfahren zu beziehen.

Vor allen Dingen gefragt sind aber alle Bürgerinitiativen der Anti-AKW-Bewegung, auch an den Zwischenlagerstandorten, an denen der Atommüll jetzt oberirdisch lagert. Natürlich will keiner den Müll vor seiner Haustür haben, schon gar nicht in einer Betonhalle neben an. Aber eine schnelle und übrigens auch billige Lösung Gorleben kann nicht im Interesse von Atomkraftgegnern sein – egal wo sie wohnen. Sie kann nicht im Interesse von allen Bürgern sein, egal, ob sie jetzt Atomkraftgegner sind oder nicht. Denn die Auswirkungen von Fehlentscheidungen – siehe Asse -, werden unterschiedslos alle treffen.

Radioaktivität kennt keine Grenzen – und schon gar keine Parteizugehörigkeit. Schreiben Sie ihren zuständigen Abgeordneten, dass sie das Spiel durchschaut haben und nicht bereit sind, sich für eine Pro-Forma-Endlagersuche instrumentalisieren zu lassen! Briefe klingen nach einem stumpfen Schwert – sind sie aber nicht. Ihren (Grünen-)Abgeordneten werden die Stimmen aus seinem Wahlkreis sehr wohl interessieren! Gerne können Sie als Beispiel den Greenpeace-Vorschlag für ein verantwortbares Suchverfahren beilegen. Damit es aus Parteimund nicht wieder heißt, das Vorgehen in Berlin sei “alternativlos”.

Auch wenn der Greenpeace-Vorschlag sicherlich noch nicht in allen Punkten der Weisheit letzter Schluss sein sollte, eines zeigt dieses Konzept schon heute: Der Bürgerbeteiligung und dem sauberen Verfahren in klar definierten Schritten kommt die größte Bedeutung zu – damit man am Ende den relativ besten Standort für die radioaktive Hinterlassenschaft der Atomgemeinde findet und damit diese Entscheidung auch von den Bürgern akzeptiert wird.

Echte Beteiligung bedeutet, dass der Bürger Einfluss auf das Ergebnis des Verfahrens haben muss. Wie Bürger beteiligt werden sollen, mit einem eintägigen mediengerechten Alibi-Symposium oder mit Entscheidungsrechten in Gremien über den gesamten Verfahrenszeitraum ausgestattet, auch daran werden die kommenden Vorschläge von Altmaier, Trittin und Co. zur Endlagersuche gemessen werden müssen.

Und natürlich daran, ob am Ende nach dem Altmaier-Trittin-Plan überhaupt mehr als ein Standort erkundet werden soll: Denn bisher ist lediglich von “mindestens einem Standort”, “einem oder mehreren Standorten” oder gar “einem Standort, wenn Gorleben sich nicht als geeignet erweist”, die Rede. Wenn es nicht so ernst wäre, dann könnte man glatt schallend darüber lachen, so etwas als “ergebnisoffenes” und “faires” “Vergleichsverfahren” zu bezeichnen. Vielleicht werden am Ende ja gar zwei Standorte verglichen: Gorleben Nordost und Gorleben Südwest.

Ein Freund, ein guter Freund … Christian Wulff und Jürgen Großmann

22. Dezember 2011

[Aktualisiert am 09.01.2012]

Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund, und wenn die ganze Welt zusammenfällt.

Gehen Greenpeace die privaten Freundschaften eines Bundespräsidenten etwas an? Normalerweise nicht. Aber die Freundschaft dieses Bundespräsidenten Christian Wulff zu diesem Freund, dem RWE-Chef Jürgen Großmann, stellt einen Sonderfall dar. Jürgen Großmann ist nicht irgendein Unternehmer, sondern der Boss des Konzerns mit den höchsten CO2-Emissionen in Europa. Er ist der Mann, der im Jahre 2010 die Laufzeitverlängerung u.a. für die beiden ältesten und gefährlichsten deutschen Atomkraftwerke durchboxte: Biblis-A und Biblis-B. In Kraft gesetzt wurde die Laufzeitverlängerung damals durch eine Unterschrift unter das Atomgesetz von Freund Christian Wulff. Die Entscheidung des Naturschutzbundes Deutschland, Jürgen Großmann im Jahre 2010 den Negativ-Preis “Dinosaurier des Jahres” zu verleihen, war und ist vor diesem Hintergrund gut nachvollziehbar.

Natürlich kann der Bundespräsident sich seine Freunde aussuchen, wo und wie er will. Aber in diesem besonderen Fall einer engen Freundschaft ausgerechnet mit Jürgen Großmann muss sich eine Umweltorganisation wie Greenpeace mit der Frage beschäftigen, inwieweit die Gefahr besteht, dass sich der Bundespräsident in umweltpolitischen Fragen von diesem “Dinosaurier”-Freund hat beeinflussen lassen bzw. beeinflussen lässt. Die folgende Chronologie zeigt die enge Verzahnung von Privatem, Politischem und Geschäftlichem zwischen Wulff und Großmann. Sie stimmt zumindest sehr nachdenklich. Ob es weitere Verbindungen zwischen Christian Wulff und Jürgen Großmann gegeben hat, werden die Antworten auf die Kleine Anfrage der niedersächsischen Grünen vom 6. Januar 2012 zeigen. Deren Fragen Nr. 51 bis Nr. 55 sind möglichen weiteren geschäftlichen Beziehungen zwischen Wulff und Großmann gewidmet.

Herbst 2005: Auf Einladung und in Anwesenheit von Jürgen Großmann ist Christian Wulff Gastredner bei der achten Unternehmertagung der Georgsmarienhütte Unternehmensgruppe. “Sein Vortrag und die sich anschließende Diskussion waren für alle ein fesselndes Ereignis.” (Unternehmenszeitung “glückauf” 4/2005.) Tagungsort ist das Schlosshotel Münchhausen, in dem Wulff drei Jahre später seine Hochzeit feiert.

Oktober 2005: Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff führt Gespräche mit dem Chef des Stahlwerks Georgsmarienhütte, Jürgen Großmann, über die mögliche Übernahme des Aluminiumwerks Stade.

29. Oktober 2005: Christian Wulff und Jürgen Großmann sind Gastredner bei der Eröffnung des Neubaus der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers in Hannover.

30. Oktober 2005: Jürgen Großmann gibt zu Ehren der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel einen Empfang in Osnabrück. Unter den Gästen auch der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff.

Januar 2006: Volkswagen-Aufsichtsrat und Ministerpräsident Christian Wulff empfiehlt die Aufnahme Jürgen Großmanns in den Volkswagen-Aufsichtsrat.

1. Mai 2006: Jürgen Großmann wird Aufsichtsrat im Volkswagen-Konzern.

8. September 2006: Jürgen Großmann empfängt Bundeskanzlerin Merkel und Christian Wulff zur Jubiläumsfeier “150 Jahre Stahl aus Georgsmarienhütte”.

5. Juni 2007: Christian Wulff hält die Laudatio für die Verleihung des Vernon A. Walters Award der Atlantik-Brücke im mondänen Metropolitan Club in New York:

I would like to congratulate you, Jürgen Großmann, with all my heart. You are an exceptional entrepreneur and an exceptional person. (…) As Minister President of Niedersachsen, a Federal State with companies such as Volkswagen, Continental, and Jägermeister, I cannot imagine a better transatlantic ambassador for our country than you, Jürgen Großmann.

1. Oktober 2007: Jürgen Großmann wird Vorstandsvorsitzender der RWE AG.

4. Oktober 2007: Jürgen Großmann stellt die Christian-Wulff-Biographie “Besser die Wahrheit” bei einer Buchpräsentation in der Norddeutschen Landesbank Hannover vor, obwohl er an diesem Tag eigentlich in Essen sein Amt als Chef der RWE antreten muss. Anzeigen für das Buch sind von Carsten Maschmeyer finanziert. 2.500 der 15.000 Buch-Exemplare kauft Jürgen Großmanns Unternehmen, die Georgsmarienhütte Holding GmbH. An die Buchvorstellung schließt sich eine Podiumsdiskussion mit Großmann und Wulff an, die auf Phoenix live übertragen wird.

(c) Gordon Welters / Greenpeace - Greenpeace-Plakat am der CDU-Parteizentrale in Berlin

(c) Gordon Welters / Greenpeace - Greenpeace-Plakat am der CDU-Parteizentrale in Berlin

22. März 2008: Hochzeit von Christian und Bettina Wulff im engsten Familien- und Freundeskreis im Schlosshotel Münchhausen. Mit dabei: Jürgen Großmann und Carsten Maschmeyer. Christian Wulff gegenüber der Bild-Zeitung: “Ich bin glücklich, dass ich mit so tollen Freunden und unseren Verwandten unsere Vermählung so privat und ausgelassen feiern konnte”.

28. April 2008: Jürgen Großmann lädt den “Club2013″ genannten informellen Spendensammel-Verein der niedersächsischen CDU nach Georgsmarienhütte und Osnabrück ein. Nach einer Besichtigung der Georgsmarienhütte GmbH begrüßt Jürgen Großmann die Besucher im Historischen Rathaus von Osnabrück. Daran schließt sich eine Rede von Christian Wulff an mit dem Titel “Meilensteine 2008 – 2013 – Perspektiven für Niedersachsen”.  Den Abend lässt man gemeinsam in Großmanns eigenem Osnabrücker Nobel-Restaurant “la vie” ausklingen. An der Veranstaltung nehmen u.a. auch der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende David McAllister, Finanzminister Hartmut Möllring und Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen teil. Die Veranstalter wünschen einen “angenehmen Verlauf mit vielen neuen Kontakten und interessanten Gesprächen”.

5. August 2008: Jürgen Großmann lädt Ministerpräsident Christian Wulff auf eine Schiffsfahrt zur Besichtigung der Bohrinsel Mittelplate ab Cuxhaven ein, um ihn von der Ölförderung im Wattenmeer zu überzeugen.

2009: Jürgen Großmann spendet 15.600 EUR an die CDU (s. Bundestags-Drucksache 17/4800, S. 26)

8. Mai 2009: Feier zum 50. Geburtstag von Carsten Maschmayer in dessen Villa in Hannover. Mit dabei: Christian Wulff und Jürgen Großmann.

5. Juni 2009: Ministerpräsident Christian Wulff und RWE-Chef Jürgen Großmann eröffnen die die Ideen-Expo in Hannover. Haupt-Sponsor: RWE.

5.-24. Oktober 2009: Christian Wulff vertritt die Bundesländer in den Koalitionsverhandlungen, in denen die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke beschlossen wird.

2. Dezember 2009: RWE-Chef Jürgen Großmann und Vertreter der Firma “ELV/eQ-3″ geben bei einer Veranstaltung in Hannover im Beisein von Ministerpräsident Christian Wulff ihre zukünftige Zusammenarbeit bekannt.

(c) Friso Gentsch / dpa - Jürgen Großmann und Christian Wulff bei der feierlichen Inbetriebnahme der neuen Gas- und Dampfturbinenanlage in Lingen

(c) Friso Gentsch / dpa - Jürgen Großmann und Christian Wulff bei der feierlichen Inbetriebnahme der neuen Gas- und Dampfturbinenanlage in Lingen

14. April 2010: Ministerpräsident Christian Wulff und RWE-Chef Jürgen Großmann nehmen in einer Eröffnungszeremonie das Gaskraftwerk in Lingen in Betrieb.

4. Juni 2010: Einen Tag nachdem Merkel Christian Wulff zum Bundespräsidenten vorgeschlagen hat, trifft sie sich mit Wulff und den anderen CDU-Ministerpräsidenten, um sich mit ihnen über die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke abzustimmen, die für Jürgen Großmann einen zusätzlichen Milliardengewinn verspricht.

28. Juni 2010: Christian Wulff lädt zum Sommerfest in die niedersächsische Landesvertretung nach Berlin. Gast: Jürgen Großmann.

30. Juni 2010: Wulff wird zum Bundespräsidenten gewählt. Unter den ersten Gratulanten: Jürgen Großmann.

11. August 2010: In der FAZ erscheint der Artikel: “Die Erbfreundschaften von Hannover”. Darin heißt es:

Atomkraftwerke an der Bar – Dass nicht jeder anfällig ist für Charme und Chuzpe, musste just der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann erfahren, der ebenfalls zum “engen” Freundeskreis von Schröder wie auch Wulff zählt. Bei der China-Reise McAllisters – unmittelbar nach dessen Amtsantritt – versuchte Großmann dem Ministerpräsidenten kumpelhaft-herablassend an der Bar zu “erläutern”, dass dieser sich nun für eine deutliche Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken einsetzen möge. Es kam anders: Eine der ersten bundespolitischen Festlegungen McAllisters war, für eine nur kurze Laufzeitverlängerung zu werben, abweichend von der Mehrheitsmeinung seiner Partei und dem Werben des Erbfreundes seiner Vorgänger.

12. bis 15. Oktober 2010: Bundespräsident Christian Wulff wirbt bei seinem Staatsbesuch in Moskau für die Idee des Elite-Netzwerks “Deutschland-Russland – die neue Generation e.V.”, deren Vorsitzende Anne-Marie Großmann ist, die Tochter von Jürgen Großmann. Eines der drei Mitglieder des Board of Trustees von Frau Großmanns Verein ist die Wulff-Vertraute und niedersächsische Staatssekretärin Martina Krogmann, die Christian Wulff am 1. April 2010 zur Leiterin der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin ernannt hatte.

4. November 2010: Bundespräsident Christian Wulff schreibt einen offiziellen Brief an Anne-Marie Großmann, in dem er sie ermuntert, Ministerpräsident Putin zu ihrem Moskauer Treffen im Mai 2011 einzuladen. Dazu heißt es im Artikel “Vorläufige Ergebnisse in Sachen Wulff – Bundespräsident in der Kritik” in der FAZ vom 24.12.2011:

… So schrieb Christian Wulff, nun schon Bundespräsident, am 4. November 2010 einen offiziellen Brief an die Tochter des RWE-Chefs, Anne-Marie Großmann, in deren Eigenschaft als Vorsitzende einer Organisation “Deutschland-Russland – Die neue Generation”. Deren Sinn ist “der Aufbau langfristiger persönlicher Bindungen zwischen Young leaders” aus Deutschland und Russland, wie es in einem Papier des Vereins heißt. Dafür treffen sich die jungen Führungskräfte abwechselnd einmal im Jahr in Russland und Deutschland. Wulff aber würdigte das geplante Elite-Netzwerk als eine Art Jugendaustausch. “Ich finde Ihre Idee, den Austausch zwischen jungen Deutschen und jungen Russen zu fördern, sehr unterstützenswert. Deshalb habe ich Sie auch in Russland angesprochen. Ich darf Sie ermuntern, nach meinen Gesprächen in Moskau Ministerpräsident Putin zu Ihrem Moskauer Treffen im Mai 2011 einzuladen”, heißt es in dem Brief an Anne-Marie Großmann. Mit Bezug auf Wulff schickte Anne-Marie Großmann dann wenig später einen Brief an Wladimir Putin mit der Bitte, beim nächsten Jahrestreffen des Vereins im Mai 2011 in Moskau eine Ansprache zu halten. Auch bei dem Staatsminister im Auswärtigen Amt Werner Hoyer wurde Frau Großmann vorstellig. In einem Brief vom 22. Januar 2011 dankte sie ihm für seine Unterstützung des Projekts, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass bei seinem letzten Staatsbesuch in Russland “Bundespräsident Wulff bei Ministerpräsident Putin für unser Projekt geworben” habe. Nur zwei Tage später schrieb ein Unterstützer des Vereins an Hoyers Büroleiter, den er persönlich kennt. Der Bundespräsident unterstütze die Initiative wie auch die Einladung an Putin. Nun wolle man an Putin und an Präsident Dmitrij Medwedjew eine Einladung “in Form einer Verbalnote über den offiziellen Kanal der Deutschen Botschaft in Moskau folgen lassen”. Die Russland-Fachleute im Auswärtigen Amt waren entsetzt. Ein Mitarbeiter schrieb in einer internen Mitteilung, er könne es schwer nachvollziehen, “warum die Initiative ein solche breite Unterstützung im BPräsAmt” (Bundespräsidialamt) erfährt.

8. Dezember 2010: Christian Wulff unterschreibt – trotz zweier angekündigter Verfassungsklagen von Rot-Grün und von Greenpeace (und trotz Massenprotesten und trotz des Beischlafangebots von Charlotte Roche) – ohne intensivere Prüfung schon fünf Wochen nach dem Bundestagsbeschluss das Gesetz zur Laufzeitverlängerung und setzt diese damit in Kraft. Freund Jürgen Großmann winken dadurch zusätzliche Milliardengewinne. Greenpeace kommentiert an diesem Tag: “Damit hat sich Wulff als Präsident der Konzerne geoutet.”
19. Januar 2011: Christian Wulff empfängt den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaftzum Abendessen im Schloss Bellevue. Mit dabei: Jürgen Großmann, Mitglied im Vorstand des Stifterverbandes. Prof. Claus Leggewie, Gastredner an diesem Abend, erinnert sich in seinem Kommentar “Wulff ist überall” vom 9. Januar 2012 für die Financial Times Deutschland an dieses Treffen:

Wer den Bundespräsidenten einmal in Schloss Bellevue in trauter Tischrunde mit Wirtschaftskapitänen wie Jürgen Großmann (RWE) und Martin Winterkorn (VW) beieinandersitzen sah, der konnte förmlich spüren, dass hier niemand eingeladen hatte, der von den Herren Respekt bekam und sie notfalls zur Ordnung rufen würde – sondern jemand, der auch ohne direkte Vorteilsnahme von ihnen ausgehalten und für Fototermine gebraucht wurde.