Ohne ihn wären wir zeitweise aufgeschmissen gewesen: der Rasensprenger vorm Bundeskanzleramt in Berlin. Gestern hat er sich nicht nur um die Bewässerung des Rasens im Regierungsviertel gekümmert, sondern auch um die Abkühlung zahlreicher Greenpeace-Aktivisten. Der Wind stand perfekt und hat immer mal wieder ein paar erfrischende Tropfen zu uns herübergeweht. Bei knallendem Sonnenschein und 30 Grad haben wir dort gestern begonnen, über 260.000 Postkarten und Unterschriften für die Energiewende in einen überdimensionalen Postkasten einzuwerfen. Unsere Forderung: Die Bundesregierung soll einen kühlen Kopf bewahren und erkennen, dass ein echter Atomausstieg bis 2015 möglich ist – auch bei 30 Grad.
Wie das geht, zeigt Der Plan von Greenpeace. Seit Mai haben über eine Viertelmillion Menschen diesem Energiekonzept zugestimmt und die Petition offline sowie online unterschrieben – und Greenpeace sorgt jetzt dafür, dass diese Stimmen auch bei der Kanzlerin ankommen. Gestern Morgen hat das große Einwerfen begonnen: Neben dem zweieinhalb Meter hohen Briefkasten lagen ein Dutzend Postsäcke mit Unterschriften, die wir ca. 30 Aktivisten vor Ort einzeln eingeworfen haben.
Ja, ganz richtig gelesen – einzeln! Eine Viertelmillion: Das hört sich zwar nach viel an, aber wie viel das wirklich ist, das realisiert man erst, wenn man etliche davon in der Hand gehalten und Stück für Stück in den Postkasten geworfen hat. Und bei über 260.000 dauert es lange, bis jede einzelne von ihnen ihren Weg vom Postsack über eine Aktivisten-Hand in den Briefkasten zurückgelegt hat.
Zugegeben, nicht immer war es genau eine. Manchmal gelangten im Eifer des Gefechts auch mehrere Karten in die Hände der Aktivisten, die sich dann einen Spaß daraus machten: “Lasst uns Postkarten-Quartett spielen!” Die Spielregeln: Wer vier Postkarten mit dem gleichen Briefmarken-Motiv erwischt, gewinnt! Briefmarken-Sammeln reloaded – und dazu noch für einen guten Zweck. Die Stimmung bei den Greenpeacern war ohnehin so bombastisch wie das Wetter. Die kreisförmige Route an den Postsäcken und am Briefkasten vorbei sind viele von ihnen unzählige Male gelaufen – dem Rasensprenger sei Dank. Auch die ältere Generation hat Power und Durchhaltevermögen gezeigt: “Wir brauchen mehr Dynamik!” – und schon wurde die Laufrichtung geändert oder zur Abwechslung mal eine Schlange gebildet, in der die Postkarten einzeln durchgereicht wurden.
Die Schlange musste dann spontan aufgelöst werden: Segways im Anmarsch! Eine Gruppe Touristen hatte sich die modernen Einpersonen-Transportmittel gemietet, um die Hauptstadt auf zwei Rädern zu erkunden. Wir konnten ihnen eine weitere Sehenswürdigkeit, unseren großen Postaksten, bieten – und es dauerte nicht lange, bis auch die Segway-Fahrer eine Karte unterschrieben und sie persönlich auf ihrem extravaganten Gefährt zum Briefkasten kutschiert haben.
Geplant ist, dass die letzte Postkarte heute während der zweiten und dritten Lesung der Energiegesetze im Kanzleramt eingeworfen wird und dann alle Unterschriften übergeben werden. Unter den heutigen berliner Wetterbedingungen für die Aktivisten kein großes Unterfangen: 17 Grad, wolkig, leichter Regen. Der Rasensprenger von gestern hat also ausgedient – genau wie Atomkraft.
Autorin: Lena Küpper













