Kraftwerksbetreiber spielen Gefahr herunter

05. April 2013

Die jüngste Greenpeace-Veröffentlichung zu den gesundheitlichen Schäden der Kohleverstromung hat viel Wirbel verursacht. Die Universität Stuttgart hat für Greenpeace ermittelt, dass die Emissionen von 67 großen deutschen Kohlekraftwerken aus dem Jahr 2010 rechnerisch zum Verlust von 33.000 Lebensjahren führten. Dies entspricht dem vorzeitigen Tod von 3.100 Menschen – in ganz Deutschland und Europa. Der VGB Powertech, ein Fachverband von Kraftwerksbetreibern, kritisierte Greenpeace und stellte eine eigene Studie vor, der zufolge “die Luftqualität durch zusätzliche Immissionen aus Kohlekraftwerken praktisch nicht oder nur unwesentlich beeinflusst” werde.

Mit dieser Feststellung übergeht der VGB Powertech zentrale Erkenntnisse der Studie der Universität Stuttgart. So schreibt der VGB Powertech:

“Der Anteil von Feinstaub aus allen europäischen Kohlekraftwerken beträgt nur wenige Prozent der vom Menschen hervorgerufenen Feinstaubemissionen (Staub < 4 % und Feinstaub < 6 %)”

Diese Aussage bezieht sich allerdings nur auf die primären Feinstaubemissionen, also Feinstaub, der direkt aus dem Kraftwerk ausgestoßen wird. Die von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie der Universität Stuttgart hat jedoch gezeigt, dass die Gesundheitsrisiken der Kohleverstromung überwiegend durch sekundären Feinstaub verursacht werden. Das ist Feinstaub, der sich in der Atmosphäre aus Schwefeldioxid und Stickoxid bildet, die ebenfalls aus Kohlekraftwerken stammen. Deutsche Kohlekraftwerke verursachten 2010 37 Prozent der gesamten Schwefeldioxidemissionen in Deutschland und 15 Prozent der Stickoxidemissionen. Diese Emissionen reagieren in der Atmosphäre mit Ammoniak und bilden gesundheitsschädliche sekundäre Feinstäube.

Das Braunkohlekraftwerk Niederaußem - © Siegfried Libutzki / Greenpeace

Das Braunkohlekraftwerk Niederaußem - © Siegfried Libutzki / Greenpeace

Außerdem geht der VGB Powertech fälschlicherweise davon aus, dass Gesundheitsschäden nur in unmittelbarer Umgebung der Kraftwerke zu erwarten sind:

“Für gesundheitliche Risiken sind nicht die Emissionen, sondern die vom Menschen eingeatmete Schadstoffmenge und ihr Gefahrenpotenzial entscheidend. Dabei spielen die unmittelbare Nähe zur Quelle sowie die Art der Feinstaubpartikel eine wesentliche Rolle.”

Die Atmosphärenmodellierung durch das “EcoSenseWeb” der Universität Stuttgart zeigt, dass die Schadstoffemissionen der Kohlekraftwerke auch noch hunderte Kilometer entfernt eine Zunahme der Feinstaubkonzentration bewirken. Durch epidemiologische Studien ist erwiesen, dass durch eine Erhöhung der Feinstaubkonzentration Gesundheitsrisiken entstehen und dass die Risiken linear mit der Feinstaubkonzentration zunehmen. Daraus lässt sich eine Konzentrations-Wirkungs-Beziehung ableiten, die auch bei kleinen Konzentrationsänderungen entsprechende Änderungen der Gesundheitsrisiken berechnet. So ergeben sich über die Fläche von Deutschland und Resteuropa die ausgewiesenen Zahlen.

Der VGB Powertech spielt die gesundheitlichen Risiken der Kohleverstromung systematisch herunter – indem er die Bildung sekundärer Feinstäube und gesundheitliche Risiken weit ab vom Kraftwerk unterschlägt.

Ontario steigt aus der Kohle aus – die Feinstaubbelastung sinkt um vierzig Prozent

Dass der Kohleausstieg einen bedeutenden Beitrag zur Feinstaubreduktion leisten kann, zeigt eine aktuelle Meldung aus Kanada: Der Bundesstaat Ontario hat vor zehn Jahren beschlossen, aus der Kohleverstromung auszusteigen. Innerhalb dieser zehn Jahre gelang es im bevölkerungsreichsten kanadischen Bundesstaat, den Kohleanteil an der Stromproduktion von ca. 25 Prozent auf nahezu null herunterzufahren. Das Umweltministerium meldete für den gleichen Zeitraum eine Reduktion der Feinstaubbelastung um 40 Prozent. Die Feinstaubkonzentration sank von 8,1 Mikrogramm pro Kubikmeter in 2003 auf 4,8 Mikrogramm pro Kubikmeter in 2010. Ein wesentlicher Grund dafür waren – neben Reduktionen im Transportsektor und der Metallindustrie – die gesunkenen Emissionen aus Kohlekraftwerken. Ontario zeigt auf: der Kohleausstieg kann erheblich dabei helfen, gefährliche Luftverschmutzung zu reduzieren.

GreenAction & warum Greenpeace nicht zu allen Umweltthemen arbeitet

22. März 2012

Die Kolleginnen und Kollegen, die in Brief- und Telefoncenter für den Förderer-Service arbeiten,
finden, dass GreenAction eine tolle Sache ist. In dieser Kampagnen-Community kann jede und jeder aktiv werden und mitmachen.

Wir haben nämlich immer wieder Probleme mit den von uns sogenannten Randthemen.

Zu welchen Themen wir arbeiten, ist auf unserer Webseite nach zu lesen.

Wir stehen  zu unserer Strategie und zu unserer Arbeitsweise: Greenpeace bringt durch Aktionen ein Thema in die Öffentlichkeit mit dem Ziel, Umweltsünder zur Stellungnahme und schließlich zur Verhaltensänderung zu bewegen. Aktionen sind konfrontativ und so sind sie auch gemeint.

Der Anlass sind aber immer ganz konkrete Missstände. Nun gibt es ja leider genügend Umweltprobleme und alle sind sie wichtig. Wir freuen uns auch über das Vertrauen, aber wir können beim besten Willen nicht überall sein und zu allen Themen arbeiten. Und an den Rändern unserer Themen gibt es immer wieder Grauzonen, zu denen wir auch nicht arbeiten.

Das geht schon los bei einem wichtigen Unterschied zu anderen Umweltorganisationen (deren Arbeit wir sehr schätzen!). Greenpeace ist international und auch unsere Themen sind es. Oft „übersetzen“ wir die  Themen in europäische oder nationale Zusammenhänge, um den Menschen hier vor Ort die Auswirkungen deutlich  zu machen.

Umweltschutzorganisationen, Bürgerinitiativen und Greenpeace arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln, aber Hand in Hand für umweltpolitisch sinnvolle Lösungen.

Allerdings arbeiten wir nicht zu regionalen Themen. Sogar unsere aktuelle Kampagne zu den Buchenwäldern im Spessart ist in die grossen Themen Klimawandel und Waldschutz eingebettet.

Und da kommt dann GreenAction ins Spiel, weil sich dort Menschen treffen und organisieren können, um selber etwas vor Ort zu tun.

Wenn Greenpeace zu einem Umweltproblem nicht selbst aktiv ist, so heißt das keinesfalls, dass wir es unwichtig finden. Wir müssen aber Prioritäten setzen.

Anti Fracking Sign at the Borderb © Les Stone / Greenpeace

Anti Fracking Sign at the Borderb © Les Stone / Greenpeace

So ist es auch beim Thema „Fracking“, zu dem wir gerade sehr viele Anfragen bekommen.

Direkt arbeiten wir dazu nicht, aber der Zusammenschluss der Bürgerinitiativen http://www.gegen-gasbohren.de/ist auch auf GreenAction aktiv, sie können erste Erfolge verbuchen und sie freuen sich bestimmt über Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Brandenburg: Linke Parteibasis entscheidet für Zukunft ohne Braunkohle

19. Februar 2012

In Brandenburg geht es derzeit darum, wie die Energieversorgung der Zukunft gestaltet wird: Werden die Weichen für eine nachhaltige und zukunftsfähige Energieversorgung ohne klimaschädliche Braunkohle gestellt? Oder blockiert die Regierung die echte Energiewende durch ein Festhalten am Klimakiller Braunkohle?

Um diese Frage ging es auch gestern beim Landesparteitag der brandenburgischen Linken. Diskutiert wurden zwei Anträge zur Energiepolitik. Der erste, Antrag A2 “Für eine zukunftsfähige Energiepolitik” stellte klar, dass Brandenburg nicht hinter die Klimaschutzziele der Vorgängerregierung zurückfallen und es keinen Neubau von Braunkohlekraftwerken geben darf. Das heißt auch, dass keine neuen Tagebaue aufgeschlossen werden dürfen. Eine weitere wichtige Forderung des Antrags war, dass Brandenburg nicht wie bisher immense Mengen an Strom exportieren muss, sondern sich auf die Energieproduktion für die Region Berlin-Brandenburg konzentrieren sollte.
Eingereicht wurde dieser Antrag von der Landesarbeitsgemeinschaft Umwelt.
(c) Gordon Welters/Greenpeace - Der Parteitag der Linken wird von Greenpeace aufmerksam verfolgtUnterstützung erhielt er einerseits von uns Greenpeacern. Schon zu Beginn der Veranstaltung bauten Greenpeace-Aktivisten eine symbolische Mauer aus Braunkohle vor dem Tagungsort des Landesparteitages auf. Mit einem gut sichtbaren dreieckigen Banner forderten sie von den Delegierten, dass sie bei der Abstimmung Mut beweisen und sich für eine Wende in der Energiepolitik einsetzen sollen, statt den Kohlekurs des Koalitionspartners SPD zu unterstützen. Kurz bevor der Tagesordnungspunkt Energie zur Sprache kam, befestigten weitere Aktivisten ein großes Transparent so vor den Fenstern des Tagungssaales, dass keinem unsere Botschaft: “Linke: Mut zur Wende, Kohlekurs ablehnen”  entgehen konnte.

Doch viel wichtiger als die Unterstützung von Greenpeace war die breite Unterstützung, die der Antrag “Für eine zukunftsfähige Energiepolitik” von der Parteibasis bekam. Die Tonalität der Redebeiträge und der Beifall, den braunkohlekritische Reden bekamen, zeigte deutlich: die meisten linken Delegierten wissen ganz genau, dass Braunkohle der klimaschädlichste Energieträger und damit im Gegensatz zu den Erneuerbaren absolut nicht zukunftsfähig ist.  Soziale Gerechtigkeit als ein wichtiges linkes Ideal ist mit dem zerstörerischen Abbau und der folgenschweren Nutzung von Braunkohle nicht zu vereinbaren.

(c) Gordon Welters/Greenpeace - Greenpeace-Banner am Tagungsort der Linken in Blossin/BrandenburgKlar wurde aber auch, dass es gerade in der Parteispitze um Wirtschaftsminister Ralf Christoffers, den neu gewählten Landesvorstand Stefan Ludwig und die Fraktionsvorsitzende Kerstin Kaiser so einige rückschrittlich denkende Linkspolitiker gibt, die fälschlicherweise meinen, Braunkohle könne eine “Brückentechnologie” zu einer Vollversorgung aus Erneuerbaren Energien sein. Dabei zeigt sich schon heute, dass Braunkohlekraftwerke viel zu schwerfällig sind, um die Schwankungen von Sonne und Wind flexibel auszugleichen. Strom aus Braunkohle ist also nicht nur klimaschädlich, sondern verstopft auch die Netze und blockiert somit die Energiewende.

Eine spannende Entscheidung

(c) Gordon Welters/Greenpeace - Greenpeace-Expertin Anike Peters im Gespräch mit Thomas Domres, dem energiepolitischen Sprecher der LinkenDie genannte Parteispitze brachte einen weiteren Antrag (A8) ein. Dieser Antrag schließt weder den Bau neuer Kraftwerke noch den Aufschluss neuer Tagebaue aus und setzt weiterhin auf Braunkohle als angebliche “Brücke”. In der folgenden Diskussion warf die Parteispitze ihr komplettes Gewicht in die Waagschale, um zu erreichen dass der fortschrittliche Anti-Braunkohle-Antrag A2 nicht angenommen würde. Vergeblich! Zwar hätte die Entscheidung nicht knapper ausfallen können: 54 Stimmen dafür, 53 Stimmen dagegen. Doch dass trotz Druck aus der Führungsriege eine Stimme Mehrheit “Für eine zukunftsfähige Energieversorgung” erlangt wurde, ist ein klares Votum: Die Parteibasis will den Ausstieg aus der Braunkohle und die damit verbundenen Konsequenzen (kein neues Kraftwerk, keine neuen Tagebaue).

Wie die Partei mit dieser Forderung nach dem Abschied von der Braunkohle umgeht, wird spannend. Nimmt sie die Meinung ihrer Basis ernst, dann muss die derzeit diskutierte Energiestrategie 2030 klar festlegen, dass es in Brandenburg weder neue Kohlekraftwerke noch neue Tagebaue geben darf. Doch ob die Regierungsfraktion der Linken diese Beschlüsse tatsächlich umsetzt oder sich mit irgendwelchen faulen Ausreden rauszureden versucht, das werden die nächsten Tage und Wochen zeigen…