Die Erleuchtung – Das Greenpeace-Stromnetz in Dharnai

22. Juli 2014

Jahrzehntelang mussten die Bewohner eines kleinen indischen Dorfes ohne ein Stromnetz auskommen. Mit Hilfe von Greenpeace haben die Menschen in Dharnai das Heft jetzt selbst in die Hand genommen. Gastautor Ansgar Kiene war vor Ort.

Ein konstantes Hupkonzert begleitet unseren Weg durch das Gewirr von Menschen, Rindern und Tuktuks auf der grand trunk road von Patna, Hauptstadt des Indischen Bundesstaates Bihar ins Dorf Dharnai, unserem Reiseziel. Nicht weit von hier, in Bodhgaya steht die Pappel-Feige, unter dem Buddha erleuchtet wurde. Heute, zweieinhalbtausend Jahre später, geht es wieder um Erleuchtung. Von den 83 Millionen Menschen, die in Bihar leben, hat nicht mal jeder Fünfte Zugang zu Elektrizität. Das hat Greenpeace in Dharnai gerade geändert. Seit vergangenem Sonntag versorgt eine Solaranlage das Dorf mit Strom und so mit Licht.

Kind schläft unter Ventilator

Abkühlung dank Solarstrom: Ein Kind schläft unter einem Ventilator - (c) Ansgar Kiene / Greenpeace

Ein riesiges Zelt bietet den rund 2.000 Teilnehmern der offiziellen Einweihung der Solar Anlage Schutz vor kurzen, aber heftigen Schauern. Es ist Monsunzeit. Hitze und Luftfeuchtigkeit lassen jede Tätigkeit zu einer zehrenden Anstrengung werden. Ich lerne den Windhauch eines einfachen Ventilators als immense Wohltat schätzen.

Die Eröffnungsreden von Dörflern, Politikern und Greenpeace-Mitarbeitern werden von einer mitreißenden Kapelle unterstützt. Aber nicht nur im Festzelt herrscht feierliche Stimmung.
Auch abseits in den Straßen des Dorfs ist Aufbruchsstimmung zu spüren. Rante Kumare, 25 Jahre alt und Mutter von zwei Töchtern, bringt dieses Gefühl auf den Punkt: „Mit Strom fühle ich mich, als würde ich in der Stadt leben.“ Frauen bringt die Straßenbeleuchtung mehr Sicherheit nach Sonnenuntergang. Vielen Familien bringt die Elektrizität ganz neue Erwerbsmöglichkeiten. Wo die Bewohner unterm Licht der LED-Laternen zusammenkommen, muss auch gegessen werden. Schon werden kleine Imbisse angeboten und somit ein kleines Geschäft gemacht.

Rante Kumare

Rante Kumare

Mein Streifzug durch das Dorf führt mich zum Haus von Suresh Manjhe. Der 30-Jährige lebt hier mit seiner siebenköpfigen Familie. Zum Haushalt gehören noch eine Kuh und ein Büffel. Suresh verdient auf den Feldern anderer Bauern etwas Geld hinzu. Seit Dharnai mit Solarstrom versorgt wird, hat die Familien die alten Kerosinlampen durch effiziente LED-Leuchten für ein Zimmer ersetzt. Das Handy kann Suresh heute an der eigenen Steckdose laden, statt wie bisher jeden zweiten Tag 5 Kilometer zur nächsten Steckdose zu radeln.
Beides, die Beleuchtung und das laden des Handys sind jetzt billiger als vorher. Die Ersparnisse will er in die Bildung seiner Kinder investieren. Für Suresh ist die Elektrifizierung seines Dorfes ein riesiger Schritt: „Jetzt habe ich Hoffnung, dass sich unser Leben verbessern wird und unsere Kinder einer besseren Zukunft entgegen gehen.“

Dörfer wie Dharnai gibt es Tausende. In vielen Ländern Asiens und besonders in Afrikas sind die Voraussetzung für ein eigenes Solarnetz ideal. Das ist ein Hoffnungsschimmer für viele der 1,3 Milliarden Menschen, die weltweit ohne Strom leben. Strommangel ist eine der größten Hürden auf dem Weg zu höherer Bildung, besserer Gesundheit und mehr Einkommen. Um diesen Mangel zu beheben ist eine Politik gefragt, die die Menschen und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, und durch politische Rahmenbedingungen verstärkt Investitionen des Privat- und Finanzsektors für ländliche Regionen ermöglicht.

Suresh mit Kindern

Suresh mit Kindern

Hier in Dharnai hat Greenpeace gezeigt, dass der Zugang zu nachhaltiger, erneuerbarer Energie möglich ist. Das Projekt ist Teil einer größeren Kampagne von Greenpeace in Bihar. Sie fordert das System einer zentralisierten, schmutzigen Energieproduktion heraus. Das Solarnetz in Dharnai ist nicht nur dezentral und sauber, es ist auch transparent bei den Kosten.

Dieses Lösungsprojekts geht auf ein Treffen Anfang vergangenen Jahres zurück. Damals bat Bihars Ministerpräsident Shri Nitish Kumar Greenpeace, ein reproduzierbares und wirtschaftliches Modell zu entwickeln, mit dem sich Dörfer unabhängig vom Stromnetz mit Erneuerbaren Energien versorgen lassen. Knapp zwei Jahre lang wurde in verschiedene Richtungen gewirkt, um das Projekt Realität werden zu lassen. Nicht nur Bewusstseinsbildung, Wissensvermittlung und technologische Demonstrationen waren nötig, sondern auch die Entwicklung politischer Strategien, um Dharnai replizierbar zu machen.

Wir hoffen, dass dieses Projekt Schule macht. Nicht nur in Indien, sondern auch in anderen südlichen Ländern. Unsere Vision ist, dass sich in Bihar unterstützt von der Regierung und in Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen ein landesweites Netz aus unabhängigen Energieanlagen entwickelt. Es würde nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung Bihars voranbringen, sondern auch die künftige Energieversorgung unseres Planeten.

Wie Gabriel den Klimaschutz in Kohlekraftwerken verheizt

20. Januar 2014

Gastbeitrag von Prof. Dr. Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW in Berlin | www.volker-quaschning.de

Der Koalitionsvertrag legte der Energiewende schon Steine in den Weg, jetzt aber hat Sigmar Gabriel ihr den Krieg erklärt. Klimaschutz wird im Eckpunktepapier des Energieministers zum Ausbau der erneuerbaren Energien nicht mal mehr erwähnt. Stattdessen zieht der SPD-Mann hier eine Schutzmauer um Deutschlands schmutzige Kohlekraftwerke hoch. Damit wird der Wunsch aus dem SPD-Wahlprogramm nach einem schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien wohl endgültig beerdigt. Wortbruch muss sich Gabriel dabei nicht vorwerfen lassen: Schon im Wahlkampf hatte er der Kohle eine jahrzehntelange Zukunft prophezeit.

Volker Quaschning

Volker Quaschning

Die Begrenzung des Strompreisanstiegs soll die Vollbremsung bei der Energiewende rechtfertigen. Dabei hat in den Niederlanden gerade erst eine Aluminiumhütte geschlossen, weil sie durch die niedrigen deutschen Strompreise nicht mehr konkurrenzfähig war. Die Industriestrompreise in Deutschland sind so niedrig wie seit fünf Jahren nicht mehr. Dafür wurden die Haushaltsstrompreise künstlich nach oben getrieben, um den nötigen öffentlichen Druck für ein Ausbremsen der Energiewende zu erzeugen.

Dabei ist Solarstrom weltweit heute so preiswert geworden, dass er in vielen Regionen bereits mit neuen konventionellen Kraftwerken konkurrieren kann. Die Deutsche Bank attestierte daher kürzlich der Photovoltaik einen langanhaltenden Boom. Durch die stark gefallen Kosten für Solaranlagen würde auch ein schneller und planvoller Ausbau erneuerbarer Energien die Strompreise in Deutschland kaum steigen lassen. Stattdessen soll der Neubau von Photovoltaikanlagen in Deutschland von 7,5 Gigawatt im Jahr 2012 über 3,3 Gigawatt 2013 auf 2,5 Gigawatt eingedampft werden. Zum Vergleich: China plant für das Jahr 2014 rund die fünffache Installationsmenge. So sorgt der Wirtschaftsminister Gabriel nicht nur dafür, dass wir den Anschluss beim Klimaschutz verlieren, sondern auch unsere Vorreiterrolle bei den Zukunftstechnologien.

Windkraftanlagen im Morgennebel (c) Paul Langrock / Greenpeace

Auch der Zubau von Windkraftanlagen an Land soll reduziert werden – aus vermeintlichen Kostengründen. Dabei ist Onshore-Windkraft die mit Abstand kostengünstigste Art der Stromerzeugung. Hochgefahren wird dagegen die mehr als doppelt so teure Offshore-Windkraftnutzung. Schließlich soll der Ausbau der Biomassenutzung fast komplett eingestellt werden.
Sämtliche Maßnahmen tragen unübersehbar die Handschrift der Energiekonzerne. Die lästige regenerative Konkurrenz soll in Zaum gehalten werden. Damit die Energiekonzerne ihre schwindende Marktmacht bewahren können, soll auch gleich noch der Netzzugang für kleine Akteure deutlich erschwert und eine Energieversorgung in Bürgerhand gleich mit beerdigt werden.
Wenn Gabriels Bremsweg für erneuerbare Energien tatsächlich gefolgt wird, muss zur Sicherstellung der Stromversorgung die Menge an fossilem Strom in Deutschland über die nächsten 15 Jahre konstant bleiben. Wird danach der Zubau erneuerbarer Energien nicht deutlich hochgefahren, könnten erneuerbare Energien nie mehr als die Hälfte der deutschen Stromversorgung decken. Das bedeutet: Kohlekraft forever! Die Energiekonzerne haben schon mal den Sekt kalt gestellt.

Wie eine Politik, die die Macht fossiler Energiekonzernen schützt, den Klimaschutz mit Füßen tritt und technologische Zukunftsmärkte kampflos internationalen Wettbewerbern überlässt, der SPD zu neuer Stärke verhelfen soll, ist schleierhaft. Herr Gabriel, es steht viel auf dem Spiel: für Ihre Partei, für Sie, für unser Land und vor allem für unsere Kinder. So werden Sie nicht gewinnen. Und in Deutschland gibt es genügend verantwortungsbewusste Menschen, die sich nicht mehr von der hemmungslosen Lobbypolitik zugunsten der Energiekonzerne an der Nase herumführen lassen. Wir werden verhindern, dass unsere Kinder zu den ganz großen Verlieren zählen.

Es geht um die Kohle

24. Juli 2013

Die Energiewende birgt einige Widersprüche, aber dieser schmerzt besonders: Während die Bundesregierung für Deutschland einen Ausstieg aus der fossilen Energie beschlossen hat, hilft sie im Ausland beim Bau klimaschädlicher Kohlekraftwerke – Ein Beitrag von Gregor Kessler, Pressesprecher in der Energiewende-Kampagne von Greenpeace:

Aktuell etwa wird unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) über eine Bürgschaft von bis zu einer Milliarde Euro für den Bau eines großen Braunkohlekraftwerks in Griechenland diskutiert. Zu Hause sauberen Strom versprechen, aber im Ausland Klimakiller fördern – wie passt das zusammen?

Die Energiewende, so die schwache Argumentation der Bundesregierung, sei ein nationales Projekt. Im Ausland gelten andere Prioritäten. Die Unterstützung der  deutschen Exportwirtschaft etwa. Damit die auch beruhigt Geschäfte in Ländern machen kann, in denen Zahlungsausfälle nicht auszuschließen sind, gibt es so genannte Hermes-Bürgschaften. Quasi eine staatliche Versicherung, die garantiert, dass Unternehmen nicht auf ihren Rechnungen sitzen bleiben.

Eine gute Idee eigentlich. Die Wertschöpfung im Land steigt, Arbeitsplätze werden gesichert (laut Ifo-Institut 200.000) – und doch ist die verlogen. Denn natürlich lässt sich mit staatlichen Bürgschaften auch Klimapolitik machen. Die USA machen es gerade vor.

Amerika, du hast es besser

Ende vergangener Woche beriet die amerikanische Export-Import-Bank über ein riesiges Kohlekraftwerk in Vietnam. Bislang gab es da nicht viel zu beraten: Wenn amerikanische Firmen im Ausland Kohlekraftwerke bauten, dann sicherte die Ex-Im-Bank das Geschäft ab. Doch keine zwei Wochen nach der Klimarede von Präsident Obama, entschied sich die Bank, den Bau nicht zu versichern – ein Eingeständnis, dass der Klimawandel nicht an der Landesgrenze stoppt.

So weit ist man in Deutschland noch nicht. Nun stand Philipp Rösler noch nie im Fanblock der Energiewende. Dennoch ist es beschämend, dass der FDP-Politiker mit der Versicherung des Kraftwerkbaus in Griechenland offenbar dafür sorgen will, dass Deutschland 2013 wieder mehr Geld in die Förderung fossiler Energieträger stecken wird, als in die der Erneuerbaren.

Auch in den vergangenen fünf Jahren entfiel mehr als die Hälfte der insgesamt acht Milliarden Euro an Energie-Bürgschaften auf fossile Energien. Die FDP will dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Anfang des Jahres sorgte das Wirtschaftsministerium dafür, dass trotz beschlossenem Atomausstieg weiter mit Steuergeldern AKWs gefördert werden können. Das Gremium für die Nachhaltigkeitsstrategie der Regierung hatte einstimmig dafür geworben, Atomkraftwerke im Ausland nicht mehr mit Bürgschaften abzusichern. Rösler war dagegen – und setzte sich durch.

(Autor:  Gregor Kessler)