Trauriger Spitzenreiter – Indonesiens Wälder schwinden am schnellsten

02. Juli 2014

Schlechte Nachrichten: Nach aktuellen Forschungsergebnissen wurde in Indonesien deutlich mehr Regenwald gerodet als bisher angenommen. Auf der traurigen Rangliste der Länder mit der größten Waldzerstörung löst der Inselstaat damit Brasilien an der Spitze ab. So wurden in Indonesien allein im Jahr 2012 insgesamt 840.000 Hektar Regenwald abgeholzt – etwa doppelt so viel wie in Brasilien. Bereits seit 2002 steigt die Entwaldung in den Paradieswäldern Indonesiens stetig an.

Ein Bulldozer zerstört Regenwald in Indonesien.

Ein Bulldozer zerstört Regenwald in Indonesien.

Leider überraschen mich diese Zahlen nicht: Erst im Mai konnte ich mir in der Provinz Riau auf Sumatra selbst ein Bild von der Situation machen. Und die ist dramatisch. Wohin ich auf der stundenlangen Autofahrt von der Provinzhauptstadt Pekanbaru Richtung Küste auch blickte – Ölpalm- und Akazienplantagen soweit das Auge reicht. Das aus den Früchten der Ölpalme gewonnene Öl fließt auch in unsere Lebensmittel, Haushaltsprodukte und zunehmend auch in den umstrittenen „Biodiesel“. Die schnellwachsenden Akazien werden zur Zellstoff- und Papiergewinnung angebaut.

Viele Plantagen werden auf Torfböden angelegt - dies schadet dem Klima.

Viele Plantagen werden auf Torfböden angelegt - dies schadet dem Klima.

Und die Abholzung der wenigen verbleibenden Wälder geht fortwährend weiter: Auf der Insel Pulau Pedang zeigten mir meine indonesischen Kollegen eine riesige Rodungsfläche. Das Gebiet gehört zur Konzession von PT RAPP, einer Tochterfirma des indonesischen Papierkonzerns APRIL. Der Anblick verschlug mir die Sprache. Vom Wald ist nichts mehr übrig – die ehemals prächtigen Baumriesen lagen auf riesigen Poltern, die meterdicken Torfböden sind von Entwässerungsgräben durchzogen.

Insbesondere die Zerstörung dieser Torfregenwälder macht Indonesien zu einem der Länder mit den höchsten Treibhausgasemissionen. Denn Torfböden speichern enorme Mengen Kohlenstoff, die bei ihrer Entwässerung und bei Bränden als klimaschädliches CO2 in die Atmosphäre freigesetzt werden. Die Brandrodung ist gesetzlich verboten. Dennoch breiten sich immer wieder illegal gelegte Brände auf den entwässerten Torfböden  aus. Zudem leidet die Bevölkerung der ganzen Region unter der Luftverschmutzung durch die zahlreichen Waldbrände. (Filmtipp: Forest Fire Families – 7:18 min)

Wo liegt das Problem….

Nach wie vor ist die Rodung riesiger Waldgebiete in Indonesien erlaubt. Das 2011 verkündete Moratorium auf die Vergabe neuer Konzessionen für Primärwälder (Urwälder) greift viel zu kurz. So ist die Rodung von Sekundärwäldern (Wälder, die bereits Spuren menschlicher Nutzung aufweisen) und Wäldern innerhalb bestehender Konzessionen zugelassen. Dies betrifft eine Fläche von knapp 60 Millionen Hektar, etwa doppelt so groß wie Deutschland. Firmen wie der Papierkonzern APRIL nutzen dies aus und roden weiterhin riesige Flächen Regenwald.

 Zerstörter Regenwald auf der Insel Pulau Padang vor Sumatra in der Konzession von PT RAPP / APRIL

Zerstörter Regenwald auf der Insel Pulau Padang vor Sumatra in der Konzession von PT RAPP / APRIL

…und wo die Lösung?

Die aktuelle Entwaldungsrate ist alarmierend – politische Maßnahmen sind dringend nötig! Susilo Bambang Yudhoyono, der scheidende indonesische Präsident, sollte vor Ende seiner Amtszeit das Moratorium auf alle verbleibenden Regenwälder ausdehnen. Auch muss es Anreize für die Wirtschaft und weitere Landnutzer geben, auf Waldzerstörung zu verzichten und die Rechte der lokalen Bevölkerung zu achten.

Erste wichtige Schritte in diese Richtung sind gemacht: Auf Druck von Greenpeace und anderen NGOs gibt es Zusagen von Palmölkonzernen wie GAR (seit 2012) und Wilmar, sowie Papierproduzenten wie APP (beide seit 2013), keine Regenwälder mehr zu zerstören. Darüber hinaus haben sich nach Greenpeace-Kampagnen eine Reihe großer Konzerne wie z.B. Nestlé, Procter & Gamble, Ferrero und Unilever verpflichtet, Palmöl aus Regenwaldzerstörung aus ihren Produkten zu verbannen.

Wir hoffen, dass diese Beispiele Nachahmer finden, zum Beispiel unter den großen Palmölproduzenten. Doch solange bei vielen Produkten Masse statt Klasse zählt und bessere Arbeits- und Umweltbedingungen nicht von uns Konsumenten honoriert werden, bleibt es schwierig, strengere Auflagen wie zum Beispiel für den Waldschutz durchzusetzen.

Früchte der Ölpalme: Das Verladen der schweren Fruchtstände ist harte Arbeit.

Früchte der Ölpalme: Das Verladen der schweren Fruchtstände ist harte Arbeit.

Hoffnung machen Beispiele wie die Gemeinde Dosan in der Provinz Riau, die ich ebenfalls besuchte. Das Dorf mit etwa 1700 Einwohnern betreibt eine kleine Palmölplantage, die ohne den Einsatz von Pestiziden bewirtschaftet wird. Gleichzeitig schützen die Bürger ihren verbleibenden Gemeindewald von etwa 400 Hektar und den angrenzenden „Drachensee“. Beispiele wie die Gemeinde Dosan zeigen, dass eine gerechtere und umweltverträglichere Palmölwirtschaft und der Schutz der verbleibenden Wälder möglich sind. Greenpeace wird sich dafür auch weiterhin stark machen!

Gemeindevorstand Pak Dhalan und Waldkampaignerin Gesche Jürgens auf der Plantage von Dosan

Gemeindevorstand Pak Dhalan und Waldkampaignerin Gesche Jürgens auf der Plantage von Dosan

Gute Nachrichten: APP wird eine Million Hektar Wald schützen

30. April 2014

Gefährdete Art: Der Sumatra-Tiger

Von Zulfahmi, Waldkampaigner von Greenpeace Südostasien

Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich in unserer jahrelangen Kampagne gegen Asia Pulp and Paper (APP) jemals so eine Schlagzeile würde schreiben können. Schon als im letzten Jahr gemeldet wurde, dass APP die Entwaldung stoppt, schien mir diese Nachricht unglaublich. Seit über zehn Jahren war unsere APP-Kampagne das Musterbeispiel für alles, was in der Waldbewirtschaftung schief läuft: APP stand für die Zerstörung der indonesischen Regenwälder und eine große Portion Greenwashing.

Die Nachricht, dass das Unternehmen gemeinsam mit allen Interessengruppen (Stakeholdern) ein Waldgebiet schützen und wiederaufforsten will, deren Fläche den Plantagen von APP und seinen Lieferanten entspricht, ist ein wichtiger Beweis für den Kurswechsel des Unternehmens.

Für APP und den Waldschutz in Indonesien ist das ein großer Schritt und baut auf den Verpflichtungen auf, die APP in seiner Waldschutz-Policy eingeht. Dabei will das Unternehmen die Ergebnisse unabhängiger Umweltverträglichkeitsprüfungen innerhalb der Lieferkette umsetzen und alle verbleibenden Wälder innerhalb seiner Forstkonzessionen schützen. Das Engagement soll sich auf bedeutsame Waldlandschaften in Sumatra und Kalimantan konzentrieren und wird auch den Schutz der Sumatra-Tiger, Elefanten und anderer Tierarten unterstützen.

APP schafft damit einen wichtigen Präzedenzfall: Der Konzern unterstützt den Umweltschutz in einem solch umfangreichen Maßstab, der seine vorangegangene Zerstörung der Wälder anerkennt.

Doch obwohl diese Nachricht absolut positiv zu sehen ist, sollte die Dimension dieser Herausforderung nicht unterschätzt werden. So bedeutsam diese Nachricht auch ist: Der Waldschutz in Indonesien braucht mehr als das Engagement und die Folgemaßnahmen einer einzigen Firma, sondern ebenso die Unterstützung von sämtlichen Unternehmen, die ihre Aktivitäten auf Waldgebiete ausgedehnt haben. Eine Reform der Gesetzgebung in Indonesien ist ebenso nötig wie die Bereitschaft zur Durchsetzung der bestehenden Gesetze. Aktuell ist die Situation so schlecht, dass sogar unsere Nationalparks, wie der Tesso Nilo Nationalpark, unter dem illegalen Kahlschlag für neue Anbauflächen leiden.

Zerstörter Regenald in Sumatra

Zerstörter Regenald in Sumatra

Der indonesische Zellstoffsektor wird aktuell von zwei Konzernen dominiert: von APP und der RGE Gruppe (einschließlich APRIL und Toba Pulp Lestari). Die Nachhaltigkeitsbestrebungen von APP beenden die Beteiligung des Unternehmens an der Waldzerstörung, gelten für den gesamten Konzern und enthalten mit der aktuellen Ankündigung auch die Verpflichtung zur Wiederaufforstung eines Gebiets, dessen Fläche den Plantagen des Unternehmens und seiner Zulieferer entspricht.

Die Verpflichtungen von RGE gelten nur für eine Fima in der Konzerngruppe: APRIL. Die Entwaldung ist damit nicht gestoppt und es gibt einzig ein „Bestreben“, eine Waldfläche wiederaufzuforsten, deren Größe den Plantagen in Firmenbesitz entspricht.

Greenpeace fordert daher die Kunden und Kundinnen von RGE-Zellstofffirmen dazu auf, unverzüglich alle laufenden Verträge auszusetzen, bis der Konzern eingelenkt hat und sich nicht länger an der Entwaldung  beteiligt und außerdem alle Mängel seiner aktuellen Waldschutzverpflichtungen beseitigt hat.

Ich habe unzählige Tage meines Lebens im Wald verbracht…

21. März 2014

…ob im eiskalten Wald mit viel Schnee auf Skiern im Norden Finnlands oder völlig außer Atem aufgrund der feuchtheißen Temperatur im tropischen Regenwald Indonesiens. Am Tag des Waldes, der für heute offiziell im Kalender der Vereinten Nationen vermerkt ist, denke ich am Schreibtisch sitzend mehr an diese Aufenthalte als an anderen Tagen. Obwohl für mich als Leiter des Greenpeace-Teams Wälder/Meere eigentlich immer Tag des Waldes ist. Eine kleine Zeitreise meiner Gedanken gönne ich mir dennoch heute. Wie kam es dazu, dass für mich der Wald im Mittelpunkt steht? Wie kam es dazu, dass ich mich nun bereits seit über 20 Jahren für den Schutz der Wälder weltweit einsetze?

Oliver Salge im Great Bear Rainforest in Kanada © Oliver Salge / Greenpeace

Oliver Salge im Great Bear Rainforest in Kanada © Oliver Salge / Greenpeace

Wie bei vielen anderen Menschen fängt alles mit einer Reise an. Denn oft ist die unmittelbare Umgebung so prägend, dass man ihre Veränderungen nicht sofort merkt, man sieht den schleichenden Wandel nicht, muss dazu oft erst ganz andere, aber sehr ähnliche Eindrücke gewinnen, um dann später zu Hause mit anderen Augen die Welt zu betrachten. Ich für meinen Teil hatte Anfang der 90er-Jahre die Möglichkeit, mir in Mittelamerika im Rahmen einer Reise die Regenwaldzerstörung anzusehen. Dies war nicht geplant, ich konnte einfach nicht wegsehen. Dazu kam ein Aufenthalt in einem Land, in dem der Mensch bereits fast komplett den Wald vernichtet hatte. Diese Bilder und die sichtbaren Konsequenzen dieses menschlichen Handelns blieben bei mir tief haften und bestimmten mein Leben.

Für den Schutz des Regenwalds in Indonesien

Orang-Utan im Gunung Leuser National Park, Sumatra, Indonesien © Oliver Salge / Greenpeace

Orang-Utan im Gunung Leuser National Park, Sumatra, Indonesien © Oliver Salge / Greenpeace

Zurück in Deutschland traf ich auf eine Gruppe Greenpeace-Aktivisten, die sich für den Schutz des Amazonas-Regenwaldes einsetzten und mich fragten, ob ich nicht mitmachen wolle. Das tat ich. So begann meine Beschäftigung mit dem Thema Waldschutz, die mich bis heute in zahlreiche Urwälder der Welt führte. Etwa in den Regenwald auf der indonesischen Insel Sumatra. Hier wird im großen industriellen Maßstab Palmöl hergestellt. Für den Anbau der Plantagen wurden in den letzten 25 Jahren die Regenwälder in vielen Gebieten Indonesiens komplett zerstört. Leidtragende sind einerseits die Menschen in den Dörfern, die von dem intakten Wald leben. Anderseits sind es unsere nahestehen Verwandten – die Orang-Utans.  Ich hatte die Chance, mit einem Orang-Utan-Experten den Wald aufzusuchen auf der Suche nach dem „Waldmenschen“. Und hatte Glück. Der Affe guckte mich an und schien zu fragen, was ich denn hier in seinem Wald machen würde. Und ich antwortete der Affendame, dass ich mich inspirieren lassen möchte, Kraft tanken möchte, um weiterhin für den Schutz dieses Waldes, gemeinsam mit vielen anderen Menschen zusammen, mich einzusetzen. Ich hatte das Gefühl verstanden zu werden.
Heute wird der Regenwald in Indonesien nach wie vor von einigen Palmölherstellern wie etwa Asian Agro zerstört, das sein Palmöl auch an Procter & Gamble liefert, dem Hersteller auch in Deutschland  bekannter Produkte wie Head & Shoulders, Ariel Waschmittel, Fairy Spülmittel oder Gillette Rasierschaum. (Zum Kampagnenvideo) Aktuell setzen wir uns in zahlreichen Ländern dafür ein, dass dieser große Abnehmer kein Palmöl aus Regenwaldzerstörung mehr bezieht – ich freue mich, wenn ihr uns mit einer Protestemail an Procter & Gamble unterstützt!

Boreale Wälder Kanadas bedroht

Anderes Land, gleiches Thema. Obwohl der Frühling mit strahlend blauem Himmel und Vogelgezwitscher sich gerade hier vor der Hamburger Greenpeace-Zentrale mit Riesenschritten ankündigt, denke ich auch an die verschneiten Urwälder im Norden Kanadas (heute liegt dort noch über ein Meter Schnee). Sie sind die Heimat vieler First Nations, die den Wald seit Jahrtausenden bewohnen und der zu ihrer kulturellen Identität auch heute noch gehört, ebenso wie das Fischen oder das Jagen. Doch die Vernichtung dieser Nadelwälder für die Herstellung von Bauholz und Zeitungsdruck- bzw. Zeitschriftenpapier setzt dieser Lebensweise zu. Viele First Nations haben sich daher gegen die weitere Zerstörung des Waldes stark gemacht und mit Greenpeace zusammen dagegen protestiert (Lesetipp: Kahlschlag in Kanada). Auch in Kanada können sich die tierischen Betroffenen kaum gegen die Holzindustrie wehren, zum Beispiel die Waldkaribus. Sie sind der Vernichtung ihres Waldes schutzlos ausgeliefert. Greenpeace setzt sich daher für den Urwaldschutz in Kanada ein, denn ohne diesen werden laut Aussagen der führenden Wissenschaftler die Waldkaribus in Quebec keine Chance haben. Schon heute ist ihre Anzahl stark gesunken und es leben nur noch geschätzte 6.000 Tiere in verschiedenen kleineren Gruppen in den verbliebenen Wäldern.

Die Weißen Berge in Quebec, Kanada. © Markus Mauthe / Greenpeace

Die Weißen Berge in Quebec, Kanada. © Markus Mauthe / Greenpeace

Heute zerstört der Papierhersteller Resolute Forest Products die Wälder des Karibus, zum Beispiel im Gebiet der sogenannten Weißen Berge im Norden Quebecs, knapp 500 Km nördlich von Montreal. Aus dem Urwald wird dann Zeitungs- und Zeitschriftenpapier, das in alle Welt exportiert wird. Auch nach Deutschland. Daran muss ich dann auch denken, an so einem Tag des Waldes. Denn vermutlich haben mehr Menschen täglich mit dem Thema Wald zu tun, als ihnen bewusst ist – sei es über die erwähnte Tageszeitung oder die Shampooflasche, die mit Zerstörung wertvoller Waldflächen in Verbindung stehen.
Urwaldzerstörung hat leider viele Ursachen. Ich versuche, diese auch morgen wieder im Blick zu haben und werde weiter kämpfen. Für den Schutz der Urwälder, den Schutz der vielen Tiere und Pflanzen und jener Menschen, die den Wald am dringendsten benötigen.

Video: Greenpeace-Erfolge beim Waldschutz


PS:
Heute ist übrigens auch Tag der Poesie.