
Leben in der Evakuierungszone von Fukushima.
Rund 25 Kilometer hinter der 284.000 Einwohner-Stadt Fukushima City beginnt der Teil der Evakuierungszone, in den Anwohner bereits tagsüber für ein paar Stunden zurückkehren dürfen. Übernachtungen sind aber verboten. Vorbei an Geisterdörfern mit leergeräumten Supermärkten und verhängten Fenstern fahren wir mit Toru Ansai in sein Zuhause außerhalb von Iitate.
Ein kleines Häuschen am Berghang, mit Garten, Geräteschuppen und Gewächshäusern. Gleich nebenan wohnt immer noch Torus Nachbarin. Sie ist nach der Nuklearkatastrophe hier geblieben, weil sie von der Notunterkunft aus ihre Arbeitsstätte nicht erreichen konnte und begrüßt ihn erfreut. Ohne Toru und weitere Nachbarn ist es ziemlich einsam für sie geworden. Rund 100 Familien, so erfahren wir, leben trotz Verbot weiter in der hochkontaminierten Zone rund um Iitate. Niemand schickt sie weg.

Toru Ansai im Gespräch mit Cornelia Deppe-Burghardt von Greenpeace.
Als Toru Ende Juni 2011 ging, musste er seine vier Katzen zurück lassen, denn Tiere sind in den Notunterkünften nicht erlaubt. Er erzählt uns, dass drei der Katzen inzwischen gestorben sind. Woran, weiß er nicht.
Unmittelbar neben Torus Haus misst Heinz Smital mehr als 60 Mikrosievert pro Stunde (µSv/h). In rund 16 Stunden erhält der Besucher hier also die radioaktive Dosis von einem Millisievert (mSv/h), die nach der Strahlenschutzverordnung innerhalb eines Jahres nicht überschritten werden sollte.
“Die Radioaktivität rutscht den Berg herunter”, erzählt Toru. “Jedes Mal, wenn es regnet oder der Wind weht, wird es wieder ein Bisschen mehr.” Wie soll man den ganzen Berg dekontaminieren? Nach den drei Kernschmelzen in Fukushima Daiichi und der erheblichen Freisetzung von Radioaktivität wohnte Toru noch drei weitere Monate an diesem Ort. Wie die meisten Einwohner Iitates atmete er radioaktives Jod ein und aß selbst gezüchtetes Gemüse.

Radioaktivitätsmessung in Iitate.
Obwohl Iitate schon am 12. April 2011 von der Regierung zur Evakuierungszone erklärt worden war, wurden die Einwohner von ihrem Bürgermeister darüber nicht informiert. Dabei ist unbestritten, dass schon geringe Mengen radioaktiver Teilchen den Zellen des menschlichen Körpers schaden. Toru berichtet wütend, dass Bürgermeister Norio Kanno als Reaktion auf den Evakuierungsaufruf der Regierung vielmehr eine eigene Kampagne Pro-Atomkraft startete.
Ein Professor der Universität Tokio kam auch, um die Befürchtungen der Menschen zu zerstreuen. “Alles sei ganz ungefährlich hier, sagte er”, so Toru. “Wir sollten ihm vertrauen.” Nicht einmal die Kinder hat Bürgermeister Kanno evakuieren lassen. Toru ist noch immer fassungslos. “In andere Orte wurden Busse geschickt, um die Menschen abzuholen. Zu uns kam niemand.” Als im vergangenen Jahr die Bürgermeisterwahl anstand, wurde Kanno trotzdem wiedergewählt. Es gab keinen Gegenkandidaten.