Ein deutsches Atomkraftwerk in Finnland?

07. Mai 2012

“Das ist verrückt! Hier kann man doch kein Atomkraftwerk bauen.” Prof. Jouko Korppi-Tommola wendet seinen Blick vom Fenster und sieht mich entsetzt an. Wir sitzen in einem Minibus und links und rechts ist schon seit gut einer halben Stunde nur eine bewaldete Moorlandschaft zu sehen. Vor allem Birken schaffen es, in dieser feuchten Gegend zu wachsen. Dazwischen große, von den Eiszeiten rundlich geschliffene Vulkanfelsen, die an den Rändern mit Moos und Blaubeeren bewachsen sind. Ein kleines Stück Wildnis, nahezu unberührt von den Menschen. Wir sind in Finnland, genauer in Pyhäjoki, wo E.on ein Atomkraftwerk bauen will.

Moor, Copyright: Tobias RiedlProf. Jouko Korppi-Tommola war, ebenso wie ich, einer der Referenten bei den Hanhikivi Days, einer Anti-Atomveranstaltung in Pyhäjoki. Er arbeitet an der Universität in Jyväskylä an der Entwicklung von Solarzellen. Neben Fachvorträgen zu Atom- und Energiefragen gab es ein breites Kulturprogramm. Bekannte Künstler aus ganz Finnland sind in den Norden gereist, um den lokalen Widerstand zu unterstützen. Außerdem wurden Exkursionen zu dem Ort des geplanten Reaktors durchgeführt.

Ich steige aus dem Bus und wandere mit den Anderen auf einem kleinen Pfad in Richtung Ostsee. Immer wieder müssen wir über dicke Holzbohlen laufen – wegen des moorigen Untergrundes. Dass dieses Atomkraftwerkprojekt wirtschaftlicher Irrsinn ist, ist schon schlimm genug. Aber wie kommt man auf die Idee, ein Atomkraftwerk in einen Sumpf bauen zu wollen? Mir dämmert, wie massiv und wahnsinnig aufwendig die Bauarbeiten sein werden. Unendlich viel Boden muss antransportiert werden, um das ganze Gebiet mehrere Meter hoch zuzuschütten. Außerdem soll um den Nuklearkomplex eine gewaltige Infrastruktur entstehen, mit eigenem Hafen, Straßen und Pipelines, die weit in die Ostsee ragen.

Schließlich ist der Wald zu Ende und ich erblicke die Ostsee. Ein flacher Strand mit kleinen Buchten zwischen Findlingen. Man kann sich sofort vorstellen, wie herrlich es hier im Sommer ist. Direkt am Meer stehen vereinzelt kleine Holzhütten auf den aufragenden Felsen. Genau hier soll der Hafen entstehen und die Abwasser-Pipeline des Reaktors. Die Idylle wäre zerstört.

Am Sonntag, zum Abschluss der “Hanhikivi Days”, waren rund 50 Menschen aus der Umgebung zu einem Gottesdienst am Strand zusammengekommen. Während der Predigt ringen viele mit ihren Tränen. Mir wird klar, wie sehr die Menschen an diesem Stück Natur hängen und dass sie bereit sind, ihre Heimat zu verteidigen. Herr Teyssen, der Vorstandsvorsitzende von E.on,  wird Menschen brechen müssen, wenn er dieses Atomkraftwerk haben will.

Subventionen für AKW: Klima-Trick der Atomlobby

13. April 2012

Großbritannien führt in der EU derzeit einen konzertierten Vorstoß für neue Atom-Subventionen an, der nach Medienberichten von heute von Frankreich, Polen und der Tschechischen Republik unterstützt wird. Die Hintergründe erläutert das Schreiben „UK Comments on 2050 Energy Roadmap to EU Commission“  der britischen Regierung an den Europäischen Rat vom 7. März 2012. Das Schreiben wird hiermit von Greenpeace veröffentlicht:

UK Comments on 2050 Energy Roadmap to EU Commission _5

Atomkraft in Europa ist im freien Fall. Dafür sorgen neben der schwindenden gesellschaftlichen Akzeptanz vor allem die Schwierigkeiten bei der Finanzierung von neuen Atomkraftwerken. In einem liberalisierten Strommarkt ist der Bau von Atomkraftwerken ohne massive staatliche Unterstützung undenkbar. Und eine direkte Förderung und Subventionierung der Atomkraft verbietet die EU. Im Rekordjahr 1988 waren noch 177 Atomreaktoren in den heutigen EU-Staaten in Betrieb. Von denen sind bis heute 65 Reaktoren stillgelegt worden und nur 21 neue ans Netz gegangen. Heute laufen also nur noch 133 Reaktoren in der EU.

“Was tun?” wird man sich also in der europäischen Atomlobby gefragt haben und dann sind sie irgendwann auf den Klima-Trick gekommen: “Wenn wir Atomkraft zusammen mit den Erneuerbaren Energien in eine bunte Schachtel packen und ‘CO2-arme Technologien’ (low-carbon technologies) draufschreiben und wir dann noch dafür werben, dass wir mehr ‘CO2-arme Technologien’ brauchen und Ziele dafür festlegen müssen: Vielleicht wird uns dann erlaubt, wieder frische Milliarden in neue Atomkraftwerke zu pumpen?”

Greenpeace-Kletterer auf dem AKW Unterweser (22.06.2009) - (c) Fred Dott/Greenpeace

Greenpeace-Kletterer auf dem AKW Unterweser (22.06.2009) - (c) Fred Dott/Greenpeace

Und die Bundesregierung? Müsste die nicht Alarm schlagen und dagegen kämpfen, dass auf diese Weise der europäische Ausbau der Erneuerbaren Energien abgewürgt werden soll? Ist das nicht sowohl umweltpolitisch als auch wirtschaftspolitisch ein Angriff auf die deutsche Position? Bedauerlicherweise sind die zuständigen Minister Norbert Röttgen (CDU) und Philipp Rösler (FDP) gerade zu sehr mit anderem beschäftigt: Der eine mit der Rettung seines Wahlkampfs in NRW und der andere mit der Rettung seiner Partei. Die Rettung der Umwelt bleibt dabei auf der Strecke.

Atomausstieg in Europa & Fukushima

24. Februar 2012
Radiation Victim Mr Yoshiharu

Radiation Victim Mr Yoshiharu

Es ist nicht mehr lange hin und dann jährt sich die verheerende Reaktorkatastrophe in Fukushima zum ersten Mal. Ich mag übrigens nicht von Unfall sprechen, das klingt – finde ich – verharmlosend. Die Schlagzeilen sind nicht mehr so laut und häufig. Und trotzdem: Wer genau hinguckt, kann die Brisanz auch in neueren Meldungen noch wahrnehmen. Und in Japan selbst? In Japan wächst ein Jahr nach der Erd­bebenkatas­trophe und dem Reaktorunglück von Fuku­shi­ma die Wut der Men­schen. Hier die Fotostrecke von unseren Kollegen von Greenpeace International ein Jahr nach Fukushima.

In Deutschland ist der Atomausstieg beschlossene Sache. Wir im Greenpeace-Briefcenter bekommen weiterhin Anfragen zur Atomproblematik – ob von Flugbegleiterinnen, die sich Sorgen um ihre Gesundheit machen, oder von Menschen, die sich fragen, was im Rest der Welt bezüglich Atomausstieg und Energiewende passiert.

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Im Netz gibt es außer der Übersichtskarte unserer österreichischen Kollegen hauptsächlich veraltete Informationen.

Fündig geworden bin ich dann beim SWP (Stiftung Wissenschaft und Politik):

(c) Stiftung Wissenschaft und Politik

(c) Stiftung Wissenschaft und Politik

Was positiv stimmt, ist die Haltung der polnischen Bevölkerung gegenüber Atomkraft.

Am Ende möchte ich es nicht versäumen, auf ein bemerkenswertes Buch aufmerksam zu machen:

“Der Reaktor” , von Elisabeth Filhol, erschienen im Nautilusverlag. Ich habe den Roman gelesen und möchte um euch einen Überblick zu geben, aus der Rezension von Claudia Voigt, Spiegel zitieren:

Der Roman ist ergreifend und radikal, weil Filhol alle festgefügten Vorurteile durch erzählerische Genauigkeit erschüttert. Nach der Lektüre von ›Der Reaktor‹ ist das Stichwort Atomenergie kein abstrakter Begriff mehr, nicht mehr nur ein Wahlkampfthema oder eine lautlose Gefahr.

Unbedingt empfehlenswert!

Elisabeth Filhol - Der Reaktor

Elisabeth Filhol - Der Reaktor