Ungebremste Kraft (Teil 7)

06. Juli 2012

Greenpeace-Fotograf Markus Mauthe war unterwegs im Amazonas-Regenwald. Im Greenpeace Blog berichtet er von seinen Erlebnissen und Eindrücken (zum 1. Teil, zum 2.Teil, zum 3.Teil, zum 4.Teil, zum 5. Teil, zum 6.Teil)

Um die letzte größere Insel des atlantischen Küstenregenwaldes zu erkunden, muss man sechshundert Kilometer ins Landesinnere reisen – ins Dreiländereck von Brasilien, Paraguay und Argentinien. Hier sind in Form des Iguazú Nationalparks etwas mehr als zweitausend Quadratkilometer dieses riesigen Ökosystems unter Schutz gestellt. Die Reise mit dem Bus in Richtig Iguazú lässt mich auf hunderten Kilometern Agrarland passieren.

Vor den Toren des Iguacú Nationalparks liegt die Stadt Foz do Iguacú. Etwa 20 Kilometer außerhalb der Stadt erreiche ich das Besucherzentrum des UNESCO Weltnaturerbes Iguazú. Erstaunlicherweise besteht dieser Teil der Mata Atlântica nicht mehr aus tropischem Regenwald, sondern aus einem saisonalen Laubwald, der zeitweilig einen großen Teil seiner Blätter abwirft. Außerdem beherbergt der Nationalpark eines der bekanntesten Naturschauspiele unserer Erde: die Iguazú-Wasserfälle. Für den Fremdenverkehr sind die Wassermassen, die hier auf knapp drei Kilometern Länge über eine bis zu 90 Meter hohe Kante fallen, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In einem perfekt gemanagten Bussystem werden hier tausende Touristen zu den Fällen gelotst. Dieser Ort ist so etwas wie der Grand Canyon von Südamerika. Für mich als Fotograf sind, wie so oft, die Lichtstimmungen außerhalb der Besuchszeiten interessant. Ich habe von der Parkverwaltung die Erlaubnis bekommen, abends länger bleiben und morgens viel früher an den Ort des Geschehens kommen zu dürfen.

Ich stehe an der äußersten Plattform, die für die Besucher zur Erkundung dieser Naturgewalten errichtet wurde, und nutze die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Nachtfinsternis, um das eindrucksvolle Bild auf den Chip meiner Kamera zu bannen. Am kommenden Morgen ist es für mich fast noch schöner. Es zeichnet sich noch kein Morgenrot über der Abbruchkante der Wasserfälle ab, als ich mein Stativ und die Kamera wieder aufbaue. Auch nach über zwanzig Jahren in der Naturfotografie sind die Momente, in denen sich die ersten zarten Farben des kommenden Tages in das Dunkel mischen, noch immer ein magisches Erlebnis. Als dann viel später der erste Bus mit geöffneten Türen die frühen Besucher entlässt, steht die Sonne schon hoch am Himmel. Ich habe meine Fotos gemacht und bin der Einzige, der zu diesem Zeitpunkt den zwar schönen, aber durch die Menge an Gästen eher an einen Rummelplatz erinnernden Ort, verlassen will.

Dem Paradies so nahe (Teil 6)

04. Juli 2012

Greenpeace-Fotograf Markus Mauthe war unterwegs im Amazonas-Regenwald. Im Greenpeace Blog berichtet er von seinen Erlebnissen und Eindrücken (zum 1. Teil, zum 2.Teil, zum 3.Teil, zum 4.Teil, zum 5. Teil)

Der Besuch bei den Löwenäffchen, die in den Schattenbäumen der Kakaoplantage bis heute überlebt haben, gab uns einen ersten Eindruck vom Charakter des atlantischen Küstenregenwaldes. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war dieser Teil Brasiliens noch fast vollständig mit Urwald bedeckt. In einem Zeitraum von sechzig Jahren hat der Mensch diesen Wald praktisch komplett vernichtet. In den Bergen, die sich über der Bucht von Paranaguá unweit der Hauptstadt Curitiba erheben, sind jedoch noch beachtliche Waldstücke in gutem Zustand vorhanden. Unsere erste Erkundung führt uns auf dem alten Jesuitenpfad “Camino do Itupava” durch diesen Lebensraum. Je näher wir der Küste kommen, desto mächtiger scheinen die Bäume zu werden. Besonders alte Würgefeigen bilden mächtige Brettwurzeln aus, die alle anderen Baumarten recht schmächtig erscheinen lassen.

Immer wieder zischen Kolibris an uns vorbei. Die kleinen Vögel fliegen so schnell, dass man sie kaum wahrnehmen kann. Durch ihre hohe Herzfrequenz müssen sie ständig Energie tanken. Wenn sie dann für wenige Sekunden ihre langen spitzen Schnäbel in Blüten tauchen und dabei bewegungslos in der Luft hängen, besteht die beste Chance, sie zu beobachten. Der Flügelschlag ist dabei so schnell, dass er nur mit dem Blitzlicht sichtbar gemacht werden kann.

In Mangrovenwäldern

Es herrscht immer noch tiefe Dunkelheit, als wir am nächsten Morgen mit dem kleinen Motorboot durch das Gewirr von Wasserstraßen fahren. Wir wollen zum Sonnenaufgang draußen in der Bucht sein, um das bewaldete Küstengebirge vom Wasser aus fotografieren zu können. In der Nacht hat es stark geregnet und noch immer gibt es leichte Schauer. Trotzdem haben wir uns entschlossen, die Tour anzutreten. Mit dem ersten Tageslicht offenbart sich die ganze Schönheit dieser Landschaft aus Wasser, Wald und Gebirge.

Die dem Festland vorgelagerten Mangroven sind in diesem Teil der Bucht völlig intakt. Mangroven sind eine ganz speziell angepasste Baumart. Sie sind Salzpflanzen, die im Gezeitenbereich tropischer Küstenregionen ihren Lebensraum haben. Sie bilden Stelzwurzeln aus, die bei Ebbe gut sichtbar aus dem Wasser ragen. Neben Korallenriffen und den tropischen Regenwäldern zählen Mangroven zu den produktivsten Ökosystemen der Erde. In den Kronen des Mangrovenwaldes leben Reptilien und Säugetiere. Viele Wasservögel nutzen das reiche Nahrungsangebot und nisten in den Baumkronen.

Die Wurzeln ermöglichen vielen Fischen, Muscheln und Krabben einen sicheren Lebensraum und den Larven und Jungtieren vieler Arten beste Bedingungen. Auf den hölzernen Wurzeln der Bäume finden Schnecken, Algen, Austern, Seepocken und Schwämme ihr Zuhause. Es ist ein lebendiger Naturraum, der ebenso wie viele andere Ökosysteme durch die Unvernunft des Menschen zu verschwinden droht.

Mangrovenwälder sind in vielen Teilen der Welt vor allem durch die Ausweitung von intensiv bewirtschafteten Garnelenzuchten gefährdet.  Außerdem gefährden Verschmutzung durch Öl, aber auch Trockenlegungen im Zuge des Siedlungsausbaus im Küstenbereich dieses empfindliche Habitat. Die Erträge der Küstenfischerei gehen dort drastisch zurück, wo die Mangrovenwälder großflächig abgeholzt wurden. Eine Wiederaufforstung wird in manchen Teilen der Welt probiert, ist in den allermeisten Fällen aber extrem schwierig. All das ist bekannt – trotzdem hält die Zerstörung von Mangrovengebieten unvermindert an.

Spurensuche (Teil 5)

27. Juni 2012

Greenpeace-Fotograf Markus Mauthe war unterwegs im Amazonas-Regenwald. Im Greenpeace Blog berichtet er von seinen Erlebnissen und Eindrücken (zum 1. Teil, zum 2.Teil, zum 3.Teil, zum 4.Teil)

Wer sich mit dem Tropenwald in Brasilien beschäftigt, denkt wohl in der Regel zuerst an Amazonien, den größten Regenwald der Erde. Dabei gibt es mit der Mata Atlântica ein Waldökosystem, welches in vielerlei Hinsicht mit dem Amazonas Biom mithalten kann. Die Mata Atlântica ist eine in der Welt einzigartige Vegetationsformation in Hinsicht auf biologische Vielfalt und landschaftliche Schönheit. In der Vergangenheit erstreckte sich der Küstenregenwald über 15 Prozent des brasilianischen Territoriums und betrug etwa 1,3 Millionen Quadratkilometer.  Dieser Lebensraum stellt eines der komplexesten Ökosysteme unseres Planeten dar und gilt als eines der am stärksten bedrohten Gebiete überhaupt. Der atlantische Küstenregenwald verfügt unter allen Wäldern der Erde über die höchste Vielfalt an Biodiversität und ist somit artenreicher als der Amazonas. Man geht von mehr als 10.000 Pflanzenarten, etwa 620 Vogelarten und 261 Säugetierarten aus. Doch dieser Zauberwald ist bis heute zu über 90 Prozent vernichtet oder in Sekundärwald verwandelt worden.

Zu Besuch auf der Kakaofarm “Almada”

Meinem Reisepartner Luis habe ich viel zu verdanken. Die Mata Atlântica ist praktisch sein zweites Zuhause. Luis hat hier fünf Jahre gelebt und als Biologe in den Wäldern Spinnen erforscht. Unser erstes Ziel ist das kleine Städtchen Ilheus im Bundesstaat Bahia. Wir besuchen hier eine Kakaofarm, die etwa 20 Kilometer im Landesinneren liegt. Die Fazenda trägt den schönen Namen “Almada” und hat eine Größe von ungefähr 500 Hektar. Elf Familien leben auf dem Gelände und arbeiten in der Plantage.

Der Alltag von Millionen Kakaobauern ist extrem schwierig geworden, seit die Preise auf dem Weltmarkt zusammengebrochen sind. Außerdem gefährdet seit einigen Jahren eine mysteriöse Pilzkrankheit die Ernte. Es sind harte Zeiten. Das veranlasst die Chefin der Farm, Juliana Torres, über neue Strategien zum Erhalt des Unternehmens nachzudenken. Ein Ansatz könnte der Ökotourismus sein, denn die Plantage hat einige Juwelen zu bieten.

Ein Lebensraum für Goldkopf-Löwenäffchen

Es gibt hier zwar keinen Urwald mehr, doch die großen alten Bäume vom ursprünglichen Wald wurden als Schattenbäume stehen gelassen. Dadurch können die am Boden wachsenden, nur wenige Meter hohen Kakaostauden in deren kühlendem Schatten gut gedeihen. Hier leben die vom Aussterben bedrohten Goldkopf-Löwenäffchen. Es gibt in Brasilien vier verschiedene Gattungen von Löwenäffchen. Biologen gehen davon aus, dass schon in wenigen Jahren zwei Arten davon verschwunden sein werden. Dies versucht man hier zu verhindern, indem die Tiere beobachtet werden, um so mehr über ihre Bedürfnisse und Lebensgewohnheiten zu erfahren.

Für drei Tage begleiten wir die Äffchen im Wald. Fotografisch ist diese Aufgabe nicht einfach zu lösen. Meist befinden sich die Tiere weit außerhalb der Reichweite unserer Kameras. Doch einmal am Tag kommen sie auf Ihrer Suche nach Nahrung auch in tiefer gelegene Bereiche des Waldes. Diese Minuten sind für uns entscheidend. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Tiere bewegen und mit einer Leichtigkeit von Baum zu Baum springen. Innerhalb der Gruppe herrscht ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Oft beobachten wir sie bei der gegenseitigen Fellpflege und sehen, wie sie sich die Nahrung teilen.

Fühlen sie sich belästigt, geben sie schrille Laute von sich, die eher an einen Vogel als an einen Affen erinnern. Löwenäffchen sind Allesfresser, die sowohl Insekten, Spinnen, Schnecken, Vogeleier und kleine Wirbeltiere als auch Früchte zu sich nehmen.

Wie schön wäre es, wenn die Almada-Farm ein Vorbild werden könnte, die die Belange der Natur und der Menschen am selben Ort vereint. Ich bin überzeugt davon, dass die Bedürfnisse der Menschen mit wenig Aufwand viel besser in Einklang mit unserer Umwelt gebracht werden könnten – wenn wir es nur wollen!