Wildnis muss wild bleiben

07. September 2014

Der Druck menschlicher Einflüsse auf die Natur wächst stetig. Besonders die Waldwildnis, in der sich die natürliche Entwicklung frei entfalten kann, wird immer öfter durch industrielle Ausbeutung zerstört. Doch die wilden Wälder sind für den Artenreichtum und vor allem für das Klima dieser Erde unverzichtbar wertvoll.

Anfang September haben wir mit der Universität von Maryland und dem World Ressource Institut eine neue Weltkarte zu den Resten der bewaldeten Wildnis veröffentlicht. Die Realität, die diese Kartierungsdaten wiederspiegelt, ist erschreckend und besorgniserregend: In 13 Jahren (2000-2013) wurden über  100 Millionen Hektar (8,1%) der weltweit verbliebenen intakten Waldwildnisflächen (Intact Forest Landscapes  – IFLs) zerstört.  Das hat oft menschengemachte Ursachen: Neue Straßen und Forstwege zerschneiden bzw. fragmentieren die intakten Waldlandschaften und schneiden sie somit von bestehender Wildnis ab. Hier erfahrt ihr wann eine Fläche als Intact Forest Landscape definiert wird.

Die von uns neu veröffentlichen Kartierungen beweisen, unter welchem Druck die letzten wilden Wälder dieser Erde stehen. Wir Menschen sollten der Natur ihr Recht einräumen und nicht alle natürlichen Flächen beherrschen, ausnutzen und kontrollieren zu wollen. Deswegen kämpfen wir bei Greenpeace weiter für das Recht der Wildnis, wild und frei sein zu dürfen.

Keine Kompromisse!

2004 in Tasmanien: Fünfmonatiges Baumcamp zum Schutz der wilden Wälder

2004 in Tasmanien: Fünfmonatiges Baumcamp zum Schutz der wilden Wälder

Es ist schwer genug, sich für den Schutz von natürlichem Lebensraum oder bedrohte Arten einzusetzen, wenn der Mensch bereits seine Finger im Spiel hat. Als ich mich als Aktivist für den Erhalt der Urwaldriesen Tasmaniens eingesetzt habe, klebte auf einem unser Fahrzeuge ein Aufkleber: „Wilderness – No Compromise“ (dt.: „Wildnis – keine Kompromisse“). Meine Mitstreiter waren Menschen, die sich als Advokaten von Wildnis verstanden. Es ging uns um den Respekt für die Natur. Auch heute denke ich, dass wir uns kompromisslos für den Erhalt unserer letzten Waldwildnis einsetzen müssen, da diese Wälder in ihrer freien und wilden Existenz wichtig sind. Für den Artenreichtum auf unserem Planeten, für das Klima, und damit nicht zuletzt auch für uns Menschen.

Ich sehe eine Menge Akteure in der Verantwortung: Die Regierungen müssen dringend Maßnahmen ergreifen, um die noch bestehende Waldwildnis unter Schutz zu stellen! Es müssen noch mehr Schutzgebiete eingerichtet werden, um besser  vor illegalem Holzeinschlag, Expansion der Forstwirtschaft und anderweitigem Straßenbau geschützt zu werden.  Zudem müssen die Rechte und Unterstützung für die Wald-bewohnende Bevölkerungen gefördert werden. Doch jeder von uns gefordert.  Wir sollten den Rohstoff Holz wieder mehr wertschätzen, fragen woher Holzwaren kommen und wie die Wälder bewirtschaftet werden, wir sollten Qualitätsmöbel aufarbeiten und unseren Papier- und Holzkonsum senken.

Die größte Holzfirma Kanadas verliert drei ihrer FSC-Zertifikate

12. Dezember 2013
Waldkaribu in Kanada

Waldkaribu in Kanada

Der kanadischen Holzfirma “Resolute Forest Products” werden drei ihrer FSC-Zertifikate für über sechs Millionen Hektar Wald aberkannt.  Der Zertifizierer “Rainforest Alliance” hatte die Firma erneut überprüft, nachdem der Ältestenrat der Cree Indianer, „Grand Council of the Crees“, Beschwerde gegen Verstöße der FSC-Kriterien eingelegt hatte. Der Rat repräsentiert die neun betroffenen indigenen Gemeinden in der Region.

Eins der zentralen Prinzipien vom Forest Stewardship Council (FSC) ist, dass die Rechte der den Wald bewohnenden Menschen respektiert werden. Dies ist laut der Cree nicht passiert. Zudem hat Resolute zentrale Prinzipien des FSC missachtet, etwa die Erhaltung von Wäldern mit hohem Schutzwert oder den Schutz wichtiger Lebensräume für das Waldkaribu. Resolute darf nun einen Großteil des hergestellten Papieres und Sägeholzes nicht mehr mit dem Logo des FSC vermarkten.

Schon 2012 hatte der Ältestenrat eine Beschwerde eingelegt. Damals wurde der Konflikt nicht gelöst. Nun haben die Cree-Gemeinden endlich ihr Recht bekommen: Unter anderem habe sich die Holzfirma über die gewohnheitsmäßigen Rechte der Cree hinweggesetzt, so der Zertifizierer. Doch nicht nur die sozialen Kriterien des FSCs werden von Resolute missachtet, die Aktivitäten der Firma bedrohen auch ökologisch besonders sensible Gebiete. Dagegen hat Greenpeace in Kanada ebenfalls eine offizielle Beschwerde gegen die Vergabe des FSC-Zertifikates an Resolute Anfang des Jahres 2013 eingereicht, die noch vom FSC behandelt wird.

Grund der Auseinandersetzung zwischen den Cree und “Resolute Forest Products” ist eine mehrere Millionen Hektar große Waldfläche in den Weißen Bergen in der Nähe von Val d Or, 500 Kilometer nördlich von Montreal. Die “Montagnes Blanches” sind ein wichtiger Teil der letzten großen Urwälder im Norden Kanadas und die Heimat mehrerer gefährdeter Karibu-Herden. Wissenschaftler fordern daher den Schutz der verbliebenen Karibuherden. Nur ein kleiner Teil der Fläche hat einen Schutzstatus. Wenn der FSC nicht gewährt, dass seine Kriterien zumindest in diesen Wäldern eingehalten werden, hat dies für die dort lebenden Menschen und die dortige Natur verheerende Effekte.

Das FSC-Siegel musste zwar auch Kritik einstecken, stellt jedoch nach wie vor das weltweit glaubwürdigste Waldzertifizierungssystem dar. Dass Firmen, die wie Resolute die Grundprinzipien des FSCs nicht erfüllen, trotzdem eine Zertifizierung haben, setzt deswegen die weltweite Glaubwürdigkeit des Siegels aufs Spiel. Ein wichtiges Zeichen also,  dass “Resolute Forest Products” jetzt das Siegel für das Waldmanagement in den kritisierten Gebieten entzogen worden ist.

Fotos findest Du im Blog von Greenpeace Canada.

20 Jahre Engagement für den Regenwald: Friedliche Proteste, verhaftete Aktivisten

09. November 2013
Der Great Bear Regenwald (c) Oliver Salge / Greenpeace

Der Great Bear Regenwald (c) Oliver Salge / Greenpeace

Heute vor 20 Jahren: Greenpeace-Aktivisten, darunter auch der damalige Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, Thilo Bode, werden auf einer Straßenbrücke verhaftet und einige Tage ins Gefängnis gesperrt. Der Grund der Gefangennahme ist ein friedlicher Protest gegen den Kahlschlag im Clayoquot Sound auf Vancouver Island. Die Aktivisten hatten sich auf eine Straße gestellt und wollten diese nicht verlassen.

Hat dieser Protest etwas erreicht? Erst vor sechs Wochen bin ich erneut, dieses Mal zusammen mit meinem kanadischen Kollegen Eduardo Sousa, in den Great Bear-Regenwald gereist, den Küstenregenwald an Kanadas Westküste. Wir wollten mit den Ureinwohnern (First Nations genannt) vor Ort über den aktuellen Stand des Waldschutzes austauschen. Greenpeace setzt sich seit 1993 für den Schutz der Küstenregenwälder an Kanadas Westküste ein. Mit Erfolg: Seit 2006 sind mit 2,8 Millionen Hektar große Teile des Urwaldes rechtlich verbindlich geschützt.

Diesem Beschluss der Regierung in der Provinz British Columbia, den Wald zu schützten, ging eine langjährige Kampagne von Greenpeace und anderen NGOs voraus. Wir protestierten gegen die Kahlschläge in Kanada, aber auch hier in Deutschland. Wir standen wochenlang vor dem Verlagshaus des Stern und forderten den Verlag Gruner + Jahr auf, kein Papier aus Urwaldzerstörung zu verwenden. Der Verlag setzte sich schließlich mit anderen Verlagen für den Schutz des Waldes ein.

Während ich im Wald einige Tage bei strömenden Regen umherstreifte, dachte ich daran, dass für den Schutz dieser Wälder bereits vor zwei Jahrzehnten Greenpeace-Aktivisten protestiert hatten – und dafür sogar in Kauf nahmen, für Wochen oder Monate ins Gefängnis zu gehen.

Kermodebär oder „Geisterbär“ im Great Bear Rainforest (c) Oliver Salge / Greenpeace

Kermodebär oder „Geisterbär“ im Great Bear Rainforest (c) Oliver Salge / Greenpeace

Während ich die riesigen Zedern im Wald stand und dabei über den Schutz dieses Waldes und noch bestehende Probleme oder neue Gefahren der Waldwirtschaft mit den Vertretern vor Ort sprach, erinnerte ich mich an dieses lange Engagement vieler Menschen bei Greenpeace für den Schutz der Umwelt. Und dann erreichte mich während meiner Reise Ende September die schockierende Nachricht, dass 28 Greenpeace Aktivisten sowie zwei Medienvertreter von russischen Polizisten auf Hoher See verhaftet wurden. Und das, weil sie friedlich gegen die Ölbohrung von Gazprom in der Arktis protestiert hatten. Es wurde gar auf sie geschossen. Ich bin noch immer fassungslos. Und vergleiche die zwei Ereignisse: In Kanada fand langjähriger Protest für den Schutz der Wälder statt. Viele Menschen wurden verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt – wegen des bloßem Sitzens auf der Straße. Später wird der Wald geschützt. Ein langer Atem war dafür notwendig.

In der Arktis: Ebenfalls friedlicher Protest , Verhaftungen wegen des Heranfahrens an eine Ölplattform, Untersuchungshaft seit nunmehr acht Wochen. Ich hoffe sehr,  dieser friedliche Protest der Aktivisten wird eines Tages dazu beigetragen haben, dass die Arktis, einer der letzten intakten Eismeere der Erde, zu einem Weltpark für die ganze Menschheit erklärt wird.

Denn damals wie heute ist es oft der persönliche Einsatz dieser Aktivisten, der zum Umdenken führt. In Kanada hat der Straßenprotest dazu beigetragen, dass letztendlich der Wald geschützt wurde. Deshalb sind wir heute in der Lage, die tollen Urwaldtäler und seine Tiere zu sehen und können uns mit den Ureinwohnern gemeinsam von der Magie der Regenwälder bezaubern lassen.

Ich hoffe, dies auch irgendwann über die Arktis sagen zu können.