Waldcamp im Spessart: Ein Abend für die Bürger

06. Februar 2012

Foto: (c) Andreas Varnhorn/Greenpeace: Oliver Salge beim Vortrag

Seit vergangenem Donnerstag logieren Greenpeace-Aktivisten in einem Waldcamp im Spessart - umgeben von über 140 Jahre alten Buchen und Eichen. Damit diese wertvollen Bäume auch in Zukunft dort stehen, müssen sie dringend vor profitorientiertem Einschlag geschützt werden. Greenpeace dokumentiert den Bestand vor Ort, da die bayerische Landesregierung Informationen über öffentliche Waldflächen zurückhält.

Am Sonntag fand eine Informationsveranstaltung von Greenpeace für die Bürger in Heigenbrücken statt. Wir haben ihnen erklärt, warum wir im Wald sind: „Wir brauchen dringend Auskunft, wo sich die besonders wertvollen Bestände befinden, sagt Martin Kaiser, Waldexperte von Greenpeace. Nur so können wir sicher gehen, dass diese Wälder ausreichend geschützt werden können.“

Silvia, eine Aktivistin aus Würzburg, ist im Waldcamp dabei und war gestern Abend im Gasthaus “Zur frischen Quelle” bei der Infoveranstaltung. Sie erzählt:

„Gestern Abend bin ich im Greenpeace Camp im Spessart angekommen und heute war gleich so einiges los.  Das Highlight des ersten Tages für mich war die Informationsveranstaltung im Gasthof „Zur frischen Quelle“. Wir kamen dort so ungefähr um halb fünf an und schon da war der Raum fast voll. Eine halbe Stunde später, als die Veranstaltung begann, war der Raum so voll, dass nicht alle Besucher in den Saal konnten. Die Türe blieb daher offen, so konnte trotzdem jeder gut hören. Ich war echt begeistert von dem immensen Interesse der Bevölkerung. Echt klasse!
Auch die Vertreter von der Presse sind zahlreich erschienen und es wurde viel fotografiert und gefilmt. Die Stimmung im Gasthaus war freundlich, aber dennoch habe ich mich als Greenpeace-Aktivistin etwas komisch gefühlt. Ein bisschen so, als wäre plötzlich eine Giraffe im Raum. Wir wurden auf jeden Fall mit viel Interesse begutachtet.
Wolfgang Sadik von Greenpeace hat die Veranstaltung mit ein paar einleitetenden Worten eröffnet. Dabei hat er auch den Bürgermeister von Heigenbrücken und Herrn Neft, Mitglied des Vorstands der BaySF und zuständig für den Spessart, begrüßt.
Oliver Salge und Martin Kaiser, Waldexperten bei Greenpeace, haben anschließend Zahlen, Daten und Fakten geliefert. Das haben sie auf schöne Art, durch Grafiken und aussagekräftige Bilder, rüber gebracht. Auch für mich war es noch mal sehr hilfreich das alles zu hören. Dass in Naturschutzgebieten eingeschlagen werden darf, hat mich echt schockiert.
Die Vertreter vom Bund Naturschutz waren ebenfalls dabei. Sie haben ihre Infos, die sie selbst im Spessart gesammelt haben, mitgebracht und Greenpeace damit unterstützt. Den Argumenten der BaySF haben sie dagegen den Wind aus den Segeln genommen – mit Bildern über Kahlschlag und einem Wald, der aussieht wie ein Flickenteppich.
Auch Herr Neff und der Bürgermeister haben ihre Statements abgegeben. Bei der BaySF dachte ich, ich höre nicht richtig – angeblich läuft ja in den bayrischen Wäldern alles super, nachhaltig und alte wertvolle Buchen werden nicht abgeholzt. Das Bild, dass ich mir im Wald machen konnte sah da ganz anders aus.
Die Diskussion kam wirklich gut in Gang und hat die Blickwinkel aller beteiligten Parteien aufgezeigt.
Allerdings haben sich einige Bürger mit ihrer Meinung zurückgehalten. Das hat mich gewundert, schließlich geht es doch um “ihren” Wald. Es gab jedoch auch Bürger, die das Vorgehen von Greenpeace gut finden und das auch geäußert haben.
Fest steht für mich nach diesem Abend, dass es bestimmt nicht einfach wird. Dennoch hat es auch gezeigt, dass wir Unterstützer vor Ort haben. Mich hat es riesig gefreut, dass sich die Leute am Sonntagabend die Zeit für die Veranstaltung genommen haben. Egal, ob sie den Arbeiten im Camp positiv oder negativ gegenüber stehen.“

Auch Martin Kaiser, Waldexperte bei Greenpeace, zieht ein positives Feedback:

„Für den Abend wurden 100-120 Leute erwartet. tatsächlich kamen nach Schätzung der Wirtin 250-300 Interessierte! Alle haben gar nicht in den Raum gepasst, sondern mussten im Vorraum zuhören.

Reinhardt Neft von den bayrischen Staatsforsten (BaySF), hat auf die Nachfrage, ob er jetzt bereit sei, die Daten komplett herauszugeben, entgegnet, dass wir am 19. Februar ein paar Daten bekämen, aber sicher nicht das, was wir erwarten würden. Das kam gar nicht gut an bei der Bevölkerung!

Die Statements der Bürgerinnen und Bürger waren klar pro Greenpeace. Von ‘Warum macht ihr das nicht einfach?’ (zehn Prozent der Wälder schützen), bis hin zu ‘Vor zwanzig Jahren hatten wir noch Wald, jetzt nur noch durchsichtige Baumgerippe’.

Nach der Veranstaltung haben wir derart viel Zuspruch von alten Förstern, Jägern sowie vielen besorgten Bürgern und Bürgerinnen bekommen. Wald ist ein Thema in Heigenbrücken!“

Main.tv berichtete von der Veranstaltung. Das Video könnt ihr euch hier ansehen.

Die Arbeit im Wald geht weiter. Tägliche Berichte aus unserem Waldcamp könnt ihr in unserer Blogreihe lesen. Und wer sich in der Nähe von Heigenbrücken aufhält, darf auch gerne mal vorbeischauen! Wie es im Camp aussieht, zeigt euch Waldexpertin Gesche Jürgens im Video:


Waldcamp im Spessart: Bericht von Oliver Salge

05. Februar 2012
Greenpeace-Waldexperte Oliver Salge im Spessart

Greenpeace-Waldexperte Oliver Salge im Spessart

Seit ich bei Greenpeace als Waldkampaigner arbeite, habe ich in den letzten zehn Jahren einige der schönsten Urwälder der Welt bereist. Als Mitglied der intenationalen Waldkampagne von Greenpeace habe ich mitgeholfen, Wälder zu schützen, oft erfolgreich. Dabei habe ich etwa die borealen Urwälder in Kanada, Finnland oder Russland genauso kennengelernt wie die schwülheißen Regenwälder Afrikas oder Indonesiens.
Die Schönheit und die Zerstörung durch Holzfäller oder Plantagenfirmen zu dokumentieren, gehört sozusagen zu meinem Beruf.

Ich glaube also von mir sagen zu können, dass ich die Lage vor Ort im Wald ganz gut einschätzen kann.

Seit Mittwoch bin ich nun im bayrischen Spessart. Gemeinsam mit meinen Kollegen aus vielen Greenpeace-Ortsgruppen bin ich im Wald und begeistert von dem ökologischen Wert des Spessarts; und erbost darüber, dass in den besten Teilen dieses in Europa einzigartigen Waldes weiter Holz eingeschlagen wird und diese Einzigartigkeit Stück für Stück kaputt gemacht wird.

In dem Wald, wo ich gerade war, dem so genannten Heisterblock, nahe Weibersbrunn bei Aschaffenburg, ist fast jeder dritte der über 50 Zentimeter Durchmesser zählenden Bäume ein “Biotopbaum”. Das heißt, er weist Merkmale auf, die jene Tiere und Pilze benötigen, die auf alte, abgestorbene oder im Verfallsstadium befindliche Bäume angewiesen sind.
Da sieht man einen Riss, oder Rotfäule am Baum, die sich als leicht rötliche, aufgeplatzte Rinde darstellt, oder ein Astloch in acht Metern Höhe, oder gar ein Loch am Fuße des Baumes, wo sich bereits Mulm bildet, der zerfallene Holzsstoff. Biotopholz pur. Pilze wachsen auf den “toten” noch stehenden Bäumen, umgefallene Bäume überall. Tot sind die Bäume ja eigentlich nicht, denn das Leben an ihnen ist nur anders, hat sich im Verlauf der endlosen Zeit gewandelt. Jetzt sind sie das Reich der Käfer und Pilze, Vögel oder Fledermäuse und eben nicht mehr der Blätter.

Eine Buche von über 100 cm Durchmesser entlockt mir ein freudiges Jauchzen. Ich sage zu mir selber: “Boah, ist der dick”, und denke nicht an einen bekannten Werbespruch, sondern bin schier begeistert und stehe ehrfürchtig wie in der Kirche vor dem geschätzt knapp 800 Jahre alten Baum. Ja, so ein Baum begeistert mich. Zuletzt habe ich solche stattlichen Exemplare im Nationalpark Hainich in Thüringen und im Steigerwald bei Ebrach gesehen.
Sie sind einfach so selten geworden in Deutschland wie ein Orang-Utan in Indonesien. Es gibt sie noch, aber die Forstwirtschaft hat ihre Zahl dramatisch gesenkt, und lässt sie nicht mehr entstehen. Denn nur noch auf 2-3 Prozent der Waldfläche in Deutschland wachsen noch solche alt gewordenen Buchenwälder.

Der Stamm vor mir ist “tot”, knapp neun Meter hoch, dort ist der Rest abgebrochen und liegt neben mir am Boden. Völlig ausgehöhlt ist der Baum, nur noch die harte Rinde scheint die Form des Baumes zu halten. Ich könnte reinkriechen, so groß ist das Loch. Die vielen Fuchsspuren hierher zeigen, das diese fünf Meter lange Baumhöhle mehrere Bewohner hat.

Der Wald ist älter, als ich meine Ahnen zurückverfolgen kann.
Und das alles knapp 50 Kilometer östlich von Frankfurt. Es lohnt sich, dort einmal einen Abstecher zu machen. In Zukunft vielleicht sogar mit der Gewissheit, dass die wertvollen Buchenwälder erst einmal nicht mehr gefällt werden, und sich der Forstbetrieb auf jene Waldareale konzentriert, die jünger sind.
Ein partieller Einschlagstopp wäre dafür nötig.

Waldcamp im Spessart: Bericht der Aktivistin Mona

04. Februar 2012

Der zweite Tag im Wald-Camp im Spessart ist vorüber. Eine Aktivistin, Mona Reichart aus Augsburg, berichtet uns von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

“Das erste was ich heute Morgen gehört habe, war der Wind, der an den Zelten rüttelt. Das Wetter scheint mir sagen zu wollen, ich solle noch liegen bleiben. Doch der Wecker spricht leider eine andere Sprache und meine Mitcamper und ich schälen uns aus den vielen Schichten, die uns vor der Eiseskälte bewahren wollen. Es sind gefühlte minus 15°C, bei genauen Angaben versuche ich immer wegzuhören. Die Nächte sind oft härter als die Tage, weil wir uns nicht bewegen können und auf warme Schlafsäcke angewiesen sind. Die einzige Heizung, die wir haben, ist die Wärme, die wir selber erzeugen. Und die mittlerweile im Camp angekommenen Wärmflaschen. Doch selbst die wärmsten Schlafsäcke helfen nicht gegen laute Schnarchangriffe, denen ich seit Dienstag täglich ausgesetzt bin.
Nach einem gesunden, nahrhaften und vor allem warmen Frühstück geht es ab in den Wald. Einige von uns haben die eigenen nicht ausreichend warmen Kleidungsstücke gegen einen “Floater” eingetauscht. Diese sehr warmen Anzüge werden normalerweise von den Schlauchbootfahrern verwendet, die regelmäßig diesen kalten Temperaturen ausgesetzt sind.
Unser Team wird im Wald aufgeteilt. Ein großer Teil schlägt sich durch die Buchenwälder, die aus vielen großen alten Buchenindividuen bestehen, aber auch oft aus vielen sehr jungen Buchen, die das Vorwärtskommen oft nicht leicht machen. Des öfteren war so ein Buchenzweig schon sehr nah an meinem Auge. Manchmal hat es eben auch Vorteile, Brillenträger zu sein. Wir messen die Bäume mit einer sogenannten Klubbe aus und notieren den Brusthöhendurchmesser auf ein gelbes Papier, um es mit einer Art Knetmasse an den Baum zu heften, so dass dieser nicht beschädigt wird. Hinter uns befinden sich die Kartierer, die mit einem Gerät die Daten aufnehmen und das Papier wieder entfernen. Wir sind jeden Tag etwa neun Stunden im Wald unterwegs und bewegen uns so oft wie möglich. Jeder Schritt ist ein Schritt im Kampf gegen die Kälte. Manchmal verliere ich auch die Motivation. Doch hier zeigt sich unsere Teamfähigkeit. Wir bauen uns gegenseitig auf und erinnern uns warum wir hier sind: Wir wollen die Wälder schützen. Die Buchen haben sich nach der letzten Eiszeit zurück nach Deutschland gekämpft und bildeten einen Wald, der Deutschland zu zwei Dritteln einnimmt. Durch die massive Nutzung des Menschen sind die alten Buchenbestände, also Buchen die über 140 Jahre alt sind, auf 2-3 Prozent zurückgegangen. Diese erschreckenden Zahlen motivieren uns immer wieder erneut, durch den leicht verschneiten Wald zu stapfen. Und wenn das nicht mehr reicht, wird die Schokolade ausgepackt und ein paar Minuten Rast auf einer gefällten Buche am Wegesrand sorgen für neue Energie – gefrorene Schokolade hält länger als warme.”

Die Zeit im Camp könnt ihr in unserer Blogreihe verfolgen.

Und wer direkt helfen möchte, den Wald zu schützen, kann bei der Protestmailaktion mitmachen. Schickt eine E-Mail an den bayerischen Staatsminister Dr. Marcel Huber und fordert ihn auf, die Sägen in allen alten Buchen- und Laubwäldern zu stoppen! Weitere Informationen über die alten Wälder findet ihr auch auf unserer Kampagnenseite www.greenpeace.de/buchenwaelder.