Illegales Holz für Europa

07. November 2014

Greenpeace-Aktivisten decken im brasilianischen Amazonas illegalen Holzeinschlag auf. Die Sägewerke die dieses Holz exportieren, liefern auch nach Europa. Eine dieser illegalen Ladungen kam gestern in Rotterdam an – und könnte auch  auf dem deutschen Markt landen. Um darauf aufmerksam zu machen, war Greenpeace vor Ort.

Im Mai dieses Jahres veröffentlichte Greenpeace den Hintergrund-Report „The Amazon Silent Crisis“  („Die stille Katastrophe des Amazonas“), der die Ergebnisse von zwei Jahren Recherchearbeit dokumentiert: die illegale Holzwirtschaft im brasilianischen Amazonas. So wurden im Bundesstaat Pará durch GPS-Satellitendatenanalyse 78 Prozent der Einschlagsfläche als widerrechtlich identifiziert, in Mato Grosso waren es 54 Prozent. Auch wenn die Analyse sich auf Daten aus den Jahren 2011-12 beruft, hat sich seitdem in der Holzindustrie im Amazonas nicht viel verändert. Die Zahlen sind erschreckend und beweisen, welches Ausmaß der illegale Holzeinschlag im Amazonas hat.   Grund für meine Greenpeace-Kollegen, gestern beim Einlaufen eines Schiffes mit illegaler Ladung in Rotterdam zu protestieren.

Greenpeace-Aktivisten protestieren gegen die Einfuhr von illegalem Holz nach Europa.

Denn ein neuer Report zeigte kürzlich einen weiteren Fall. Die Studie dazu – „Night Terror“ ( „Albtraum“) – beschreibt die von Greenpeace-Aktivisten beobachteten nächtlichen Aktivitäten der Holzmafia – und wie die Stämme mit gefälschten Papieren als „legales“ Holz in die ganze Welt exportiert werden.

Per GPS-Überwachung dokumentierten die Aktivisten, wie leere LKW zu Holzfällercamps fuhren, in denen laut offizieller Karte der brasilianischen Regierung der Einschlag verboten ist. Voll beladen steuerten die Fahrzeuge anschließend die drei Sägewerke  Rainbow Trading Importação e Exportação Ltda, Comercial de Madeiras Odani Ltda und Sabugy Madeiras LTDA an – Unternehmen, die nach Greenpeace-Recherchen bereits mit jeder Menge Geldstrafen wegen Lizenzvergehen belegt wurden.

Nacht füf Nacht schmuggeln LKW illegal geschlagene Bäume zu Holzmühlen.

Holz aus illegalem Einschlag darf von EU-Ländern eigentlich nicht importiert werden. Und passiert dennoch immer wieder europäische Grenzen. Rainbow Trading verkaufte, so ergaben weitere Greenpeace-Recherchen, seit Anfang 2014 Holz an sechs Unternehmen in fünf EU-Ländern, eine weitere Firma, Leary Forest Products, lieferte Holz von Rainbow Trading  an acht weitere Unternehmen in  Europa. Das Werk Sabugy schickte Holz an Rainbow Trading und einen weiteren Exporteur, der Abnehmer in der ganzen Welt hat.

Ein Alptraum, wenn wir uns ausmahlen, dass so illegal allein drei Viertel des eingeschlagenen Holzes aus dem Staat Pará illegal auf unsere Märkte gelangt.

Diese Recherchen beweisen: Der internationale Holzhandel ist außer Kontrolle! Die Mafia-ähnlichen Strukturen und die hohen Gewinn-Margen der Händler, die korrupten politischen Systeme der Waldregionen und die schwache Umsetzung von Gesetzen durch die Behörden machen die Arbeit der mutigen Rechercheure im Amazonas, im Kongo und anderen Waldregionen schwer. Wenn Greenpeace etwa Indizien für Verstöße an die Behörden gibt und sie so zu Kontrollen zwingt, melden die Beamten ihre Termine zwei Monate im Voraus bei den Holzhändlern an. Wie können solche Kontrollen wirksam und glaubwürdig sein?

Karte Amazoniens. Rot gekennzeichnet sind die schon abgeholzten Gebiete.

Gestern kam nun ein weiterer Holztransport von Rainbow Trading im Hafen von Rotterdam an. Greenpeace-Aktivisten fuhren mit Schlauchbooten auf die Nordsee hinaus, gewappnet mit einem großen Banner mit der Aufschrift „Amazon Forest Crime“.

Die offiziellen Dokumente, die die Legalität von Rainbow-Trading-Holz beweisen sollen, sind nicht das Papier wert, auf dem sie  geschrieben sind. Die ankommenden Hölzer müssen von den Behörden sofort konfisziert und sichergestellt werden!

Greenpeace fordert die zuständigen Behörden der EU Staaten auf, die Herkunft und die Dokumentation der Legalität von brasilianischem Holz genau zu überprüfen.

Das Ende der europäischen Klimapolitik

20. Oktober 2014

Wieder Höchsttemperaturen in Deutschland. So warm war es Ende Oktober noch nie. Doch das sonnige Herbstwochenende gibt Grund zur Sorge. Es zeigt einmal mehr, dass wir uns mitten im Klimawandel befinden. Der betrifft Millionen von Menschen, von der Elbe über Norditalien und die USA bis nach China und Bangladesch. Die Erwärmung hat katastrophale Auswirkungen – und sie nimmt weiter zu.

Projektion an einem slowakischen Kohlekraftwerk

Diese Woche gehen in Bonn die UN-Klimaverhandlungen weiter, an denen ich als Beobachter teilnehmen werde. Diese Zwischenverhandlungen sind ein weiterer Schritt in Richtung eines globalen Klimaschutzabkommens, das Ende 2015 in Paris verabschiedet werden soll. Gleichzeitig trifft sich die EU Ende dieser Woche, um die Energie- und Klimaziele für 2030 festzulegen. Doch bereits die Entwürfe, die Bundeskanzlerin Angela Merkel kommenden Donnerstag und Freitag in Brüssel mit ihren europäischen Kollegen diskutiert, sind gleichbedeutend mit einem Scheitern der europäischen Klimaschutzpolitik. Dieser Ansicht sind auch Delegierte von anderen Kontinenten, mit denen ich rede. Bei meinen Gesprächen mit deutschen Regierungsvertretern habe ich klar gemacht, dass eine echte Energiewende in Europa nur dann möglich ist, wenn vor allem drei für alle EU-Staaten verpflichtende Ziele beschlossen werden: Die Reduktion der Treibhausgas-Emissionen in der EU bis 2030 um mindestens 55 Prozent, ein Ausbauziel für den Anteil Erneuerbarer Energien von mindestens 45 Prozent und ein Energieeinsparziel von 40 Prozent (letztgenanntes gegenüber 2005).

Greenpeace-Aktivisten an der SPD-Zentrale: mit Transparent und Baggerrad gegen Kohle

Für Deutschland liegen die Probleme auf der Hand. Wir brauchen nach dem organisierten Atomausstieg jetzt einen schrittweisen und planbaren Ausstieg aus der Verbrennung von Braunkohle bis spätestens 2030 und von Steinkohle bis spätestens 2040. Klasse, dass deshalb heute Greenpeace-AktivistInnen auf dem Dach der SPD Zentrale gegen neue Braunkohletagebaue protestieren. Ohne einen Abschied von der Braunkohle wird Deutschland schon die EU-Klimaziele für 2020 verfehlen. Die Reduzierung der Emissionen um 40 Prozent, wie in der EU vereinbart, wäre kaum zu erreichen. Eine Vision von 100 Prozent Erneuerbaren Energien bis Mitte des Jahrhunderts ist möglich, erfordert jedoch einen verstärkten Ausbau der Erneuerbaren und nicht deren Abbremsen, wie von der EU jetzt geplant.

Europa muss der UN bis zum kommenden März einen Plan für den Klimaschutz nach 2020 vorlegen. Die USA und China haben erst kürzlich auf dem Klimagipfel in New York angekündigt, dass sie zukünftig eine Führungsrolle beim Klimaschutz einnehmen wollen. Damit bewegen sich die weltweit größten Verursacher von Treibhausgasen nach vorne – zumindest ein bisschen. Zeitgleich bewegt sich Europa nach hinten. Allein die Tatsache, dass Europa seine unambitionierten Ziele 16 Jahre lang, bis 2030, festschreiben will, stößt in der Obama Administration auf Unverständnis.

Am UN-Klimagipfel hat unsere Bundeskanzlerin nicht mal teilgenommen. Stattdessen hielt sie eine Rede beim Treffen der Lobbyisten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI): Ein Verband, dem niedrig angesetzter Klimaschutz entgegenkommen würden. Dabei sollte Merkel sich lieber für ambitionierte Energie- und Klimaziele einsetzen, statt sich den Lobbyinteressen der Industrie zu beugen. Nun möchte sie im nächsten Jahr auf dem G7-Treffen Klimaschutz zum großen Thema machen: Riskant, sich international als Schutzherrin des Klimas zu positionieren ohne vorher ihre Hausaufgaben in Deutschland und Europa gemacht zu haben.

Dabei wünschen sich 81 Prozent der deutschen Bürgerinnen und Bürger, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel gegenüber den anderen Mitgliedsstaaten für einen schnelleren Ausbau Erneuerbarer Energien und für verpflichtende Ziele zur Energieeinsparung plädiert, das zeigt eine Umfrage. Eine noch größere Mehrheit der Bundesbürger, 87 Prozent, spricht sich für verstärkte Investitionen in eine umweltfreundliche Wirtschaft aus, um so die Wirtschaftskrise zu bekämpfen.

Bereits im September sind Millionen Menschen für mehr Klimaschutz in New York, London, Paris, Berlin und anderen Hauptstädten auf die Straße gegangen; immer mehr Bürger schließen sich dem Kampf gegen Braunkohletagebau, Frackinganlagen, Kohle- und Atomkraftwerke an. Und der Protest geht weiter. Das wird auch die Bundeskanzlerin im nächsten Jahr zu spüren bekommen, wenn mit den Pariser Beratungen der politische Handlungsdruck steigt.

Ich lerne in letzter Zeit immer mehr Menschen kennen, die vor allem aufgrund des Klimawandels bereit sind, sich für eine vollständige Versorgung mit Erneuerbaren Energien einzusetzen. Dieser Überzeugung der Bürger muss Frau Merkel Rechnung tragen.

Zum Welternährungstag: „Feeding the world, caring for the earth“

16. Oktober 2014

„Die Welt ernähren, für die Erde sorgen“ heißt das Thema des heutigen World Food Day. Acht Gastbeiträge auf unserer internationalen Greenpeace-Website zeigen unterschiedliche Perspektiven zu nachhaltiger Ernährung auf: von einem philippinischen Koch, einer Anthropologin bis zu einem Schriftsteller.

Uma Khumairoh und Pablo Tittonell forschen für die Farming Systems Ecology Group an der Wageningen University. Sie sind überzeugt, dass der so genannte „goldene“ Reis kein Mittel gegen Mangelernährung ist – und nennen eine sinnvolle Alternative. Ihr hier veröffentlichter, gekürzter Gastbeitrag findet sich im Original (engl.) hier,weitere Informationen zum Thema auf unserer Website.

Gastbeitrag von Uma Khumairoh und Pablo Tittonell:

Fremde Gene im Reis sind überflüssig

Menschen, Vögel, Fische, Pflanzen und Mikroben: Alle diese Organismen brauchen Nahrung, Luft, Wasser und Schutz. Sie haben eine komplexe Vielfalt von Interaktionen entwickelt, die jeder Spezies den Zugang zu einer ausgewogenen Nährstoffversorgung sichert.

Vielfalt ist auch in der menschlichen Ernährung entscheidend. Länder wie Indonesien mit 19,9 Millionen unterernährten Menschen, in denen Reis das Grundnahrungsmittel Nummer eins ist, kennen eine Vielzahl ernährungsbedingter Probleme. Eines von ihnen ist Erblindung infolge von Unterversorgung mit Vitamin A.

Komplexe und anpassungsfähige Anbausysteme für Reis

Food Artist Ida Frosk zum World Food Day

Unsere Studien zu komplexen Agrar-Ökosystemen zeigen: Der kombinierte Anbau von Reis und Azolla, einem Wasserfarn, führte zu einer deutlichen Steigerung des Kornertrags – wenn in den gefluteten Feldern zudem Enten und Fische gehalten werden.

Darüber hinaus stieg so auch die Vielfalt des Nahrungsangebots und bereicherte den Speiseplan der Menschen. Fisch, Eier und Enten sicherten die eigene Versorgung; die Bauern konnten sie aber auch verkaufen. Mit derartigen komplexen Reisanbausystemen wurde von einem Hektar Land genug Vitamin A gewonnen, um 50 Menschen ausreichend zu versorgen.

Kleinbauern, denen diese Anbausysteme vermittelt wurden, und die Kredite für die notwendigen Investitionen erhielten, sehen darin eine klare Verbesserung ihrer Lebenssituation. Daneben produzieren sie in ökologisch verantwortlicher Art und Weise und gefährden sich nicht länger durch den Einsatz gesundheitsschädlicher Pestizide. Die Vielfalt der Systeme sichert die Bauern gegen Schwankungen ökonomischer und klimatischer Bedingungen besser ab. Zuvor von Unter- und Mangelernährung betroffene Menschen werden so sicherer mit Lebensmitteln versorgt. Das alles sind gute Argumente gegen den Anbau von „goldenem“ Reis.

Brauchen wir „Goldenen“ Reis?

Der sogenannte „goldene“ Reis ist ein gentechnisch modifizierter Reis mit artfremden Genen für die Synthese von Vitamin A. Ihn als Lösung für die unbestrittenen Probleme der Mangelernährung anzupreisen, ist jedoch fragwürdig. Denn der Reis könnte einen Beitrag zur weiteren Gefährdung der lokalen Versorgung und Esskultur leisten, die Notwendigkeit zur Vielfalt in Ernährung und Anbau gefährlich infrage stellen. Eltern würden ihren Kindern nicht mehr beibringen, wie sie mit statt gegen die Natur Landwirtschaft betreiben. Die Kinder könnten nicht weiter in den Reisfeldern fischen. Entenzüchtern würden die Flächen für die Haltung ihrer Tiere fehlen. Wir haben bereits eine massive Simplifizierung von Agrarökosystemen im Rahmen der Grünen Revolution erlebt. Dies war mit enormen Umweltwirkungen verbunden. Wir sollten diesen Weg nicht noch einmal gehen.

Anpassungsfähige, komplexe Anbausysteme für Reis sind auf Technologie angewiesen. Es kommt aber auf die Art der Technologie an. Die Lösung liegt im Wissen und kann entscheidend beitragen zur ausreichenden Produktion von hochwertigen und nahrhaften Lebensmitteln unter den herausfordernden Bedingungen des Klimawandels, zumal diese Anbausysteme den Klimawandel abschwächen können. Zugleich werden die Einkommen der Bauern und Ökosystemdienstleistungen gesichert und die Kulturlandschaft geschützt.

Nein danke: Wir brauchen keinen „goldenen“ Reis.

Uma Khumairoh, Farming Systems Ecology Group, Wageningen University, Niederlande

Pablo Tittonell, Farming Systems Ecology Group, Wageningen University, Niederlande