Protest gegen Kohleabbau auf Spitzbergen (c) Greenpeace
Auf der norwegischen Insel Spitzbergen protestieren Greenpeace-Aktivisten seit den frühen Morgenstunden gegen den Abbau von Kohle in der Arktis. Auf mehreren Bannern an einem Verladekran vor der Kohlemine in Svea ist ihre Botschaft zu lesen: “Geschichte schreiben Frau Merkel, Klima retten!”. Sie fordern die deutsche Regierungschefin auf, ihrer selbstgewählten Rolle als Klimakanzlerin gerecht zu werden. Die Aktion ist über ein Liveblog mitzuverfolgen.
Ein letztes Mal kann ich aus dem Flugzeug heraus einen Blick auf die “Arctic Sunrise” erhaschen, die vor Longyeabyen auf Spitzbergen vor Anker liegt. Sie wird kleiner und kleiner und dann verdecken die Wolken die Sicht. Unsere mehr als dreimontage Expedition in der Arktis ist zu Ende!
Wir haben das geschafft, was wir uns vorgenommen hatten – sogar mehr als auf dem Papier geplant. Das ist in unserer Arbeit nicht immer der Fall, denn Papiere sind eben Papiere und müssen in die Realität umgesetzt werden. Da gibt es trotz aller Erfahrung immer wieder Momente, in denen andere Bedingungen oder Veränderungen unmöglich machen, was man sich vorgenommen hatte. Diese Erfahrung hat jeder in unserem Kampagnenteam für diese Expedition schon gemacht. Umso froher sind wir alle, auf eine erfolgreich verlaufene Expedition zurückblicken zu können. Natürlich werden wir uns unsere Arbeit noch genauer anschauen und sicher auch die eine oder andere “lessons learned” für das nächste Mal herausarbeiten.
Zunächst jedoch fahren wir alle nach Hause und lassen das Schiff samt Crew zurück. Ihnen stehen neue Aufgaben bevor. Mir fällt der Abschied schwer. Ich mache eine Runde über alle Schiffsdecks, um jeden einmal zum Abschied in den Arm zu nehmen: Valerie, unseren Doktor aus der Ukraine; Babu, den Koch aus Indien; Pete, den Kapitän aus den USA; Jon, den Ingenieur aus Tonga; Martin, den Helikopterpilot aus Irland; Sarah, die Bootsfrau aus Neuseeland…. und natürlich Yohena, mit der ich die letzten sieben Wochen auf engstem Raum zusammengelebt habe.
Die “Arctic Sunrise” war für diese sieben Wochen mein Zuhause und sie war das, was das Wort sagt: ein Zuhause. Die Menschen an Bord verbindet dieselbe Leidenschaft, dieselbe treibende Kraft, sich für den Schutz unserer Umwelt einzusetzen und dabei sich selber nicht ganz so wichtig zu nehmen. Man hat eine gemeinsame Heimat, auch wenn man aus verschiedenen Ländern kommt, verschiedene Ausbildungen hat und verschiedene Leben führt.
Willkommensfreude: Iris Menn bei ihrer Ankunft in Hamburg
Im Laufe der Rückreise, je näher ich Hamburg komme, wird aus dem Gemisch meiner Gefühle auch die Freude auf das Rückkehren stärker, die Freunde hier, meine Wohnung, Ruhe. Und als ich schließlich von Chef und bester Freundin am Flughafen in dem Arm genommen werde ist es ganz deutlich da: auch hier bin ich zuhause. In meiner Wohnung empfangen mich Blumen, eine Auswahl Zeitungen, und der Kühlschrank ist mit dem Nötigsten gefüllt. Die erste Nacht ohne das Krachen des Eises und mit ungewöhnlich viel Platz war unruhig, aber auch wunderbar.
Nach ein paar Tagen Erholung geht es dann zurück in den Büroalltag. Dort warten die nächsten Projekte und auch der Klimagipfel in Kopenhagen rückt unaufhörlich näher. Unsere alte und neue “Klimakanzlerin” Angela Merkel muss bis dahin noch verstehen, dass man Klimakanzlerin nur sein kann, wenn man handelt und nicht nur redet. Dafür brauchen wir auch Ihre Unterstützung. Danke.
… und das mit einer rasanten Geschwindigkeit. So deutlich habe ich den Winter noch nie auf mich zukommen sehen. Fast eine halbe Stunde verlieren wir hier pro Tag – drei Stunden in einer Woche, die die Sonne früher untergeht.
Das Wetter hat uns in den letzten Tagen unserer Reise mal wieder mit viel Nebel und Wind versorgt, aber auch wenigstens ein paar klare Stunden gegönnt, so dass wir die letzte Eis-Masse-Balance-Boje installieren konnten und Martin Doble einige Eischollen mit dem “hot water drill” vermessen konnte. Ich habe beim Vermessen geholfen, die Stunden draußen genossen und für mich aufgesogen in dem Wissen: es werden für eine lange Zeit die letzten auf dem arktischen Eis sein.
Iris Menn auf dem Eis
Gestern Nachmittag mussten wir dann die Arbeit zügig beenden und die Eisscholle verlassen. Die Welle unter den Schollen hatte so stark zugenommen, dass die ersten Schollen um uns herum auseinanderbrachen. Starker Wind aus Richtung der offenen See drückte seit Stunden Wasser und Welle in das Eis. Dort auf der Scholle zu stehen, die sich auf und ab bewegt wie alle anderen um einen herum und dazu die “Arctic Sunrise”, die beginnt Spielball der Wellen zu werden, lässt einen die Naturgewalten hautnah spüren und klein werden. So haben wir zügig zusammengepackt, die Geräte mit dem Kran an Bord gebracht und sind selber schnell die Leiter zur “Arctic Sunrise” hochgeklettert. Wir wollten nicht das Gleiche erleben wie John Fletcher, der am Tag zuvor sein Lasergerät der See zum Opfer bringen musste.
John vermisst mit dem Laser die Oberfläche der Eisschollen, was ihm genaue Rückschlüsse auf ihre Dicke liefert. Diese detaillierte, kleinräumige Untersuchung ermöglicht ihm, die “gröberen”, von Satelliten durchgeführten Vermessungen der Dicke des arktischen Meereises zu korrigieren. Sein Messgerät war draußen am Schiff verankert, als sich Eisschollen mit solcher Kraft gegen das Schiff pressten, dass die gesamte Verankerung sich löste und samt Johns Geräten in den Tiefen des arktischen Ozeans versank.
Die weiße Landschaft hier kann sich friedlich und ruhig ebenso wie wild und kraftvoll zeigen. Ich mag beides gern, auch wenn die letzte Nacht wieder eine ziemlich rauhe mit wenig Schlaf war. Es war, als wollte uns der arktische Ozean zum Abschied noch einmal ganz deutlich machen, wo wir uns befinden.
Nun sind wir auf dem Rückweg nach Longyearbyen auf Spitzbergen. Die ersten Sachen werden zusammengepackt. Eine seltsame, ruhige Stimmung liegt über dem Schiff. Jeder scheint ein bisschen in Gedanken versunken zu sein – vielleicht schon zu Hause oder vielleicht auch ein bißchen wehmütig vor dem bevorstehenden Ende der Expedition. Heute Abend jedoch wird erst einmal gefeiert: Geburtstag von Faye, Haussie und John und natürlich auch das Ende unserer Arktis-Expedition 2009.
Auch der letzte Abschnitt unserer Fahrt geht hiermit zu Ende: Die vier Eis-Masse-Balance-Bojen sind erfolgreich installiert und senden in den nächsten Wochen und Monaten auf ihrer Drift durch die Fram-Straße Daten der Schmelze. Zusammen mit den Vermessungen der Eisschollen werden Peter Wadhams und sein Team neue Erkenntnisse zur Geschwindigkeit der Schmelze des arktischen Meereises gewinnen und diese in die Rechenmodelle der Klimaforscher einfließen lassen.
Wir werden in den nächsten Wochen, sobald die verschiedenen Wissenschaftlerteams ihre Daten näher ausgewertet haben, weitere Ergebnisse der Expedition veröffentlichen. Rechtzeitig vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen, um auch auf dem Weg über die Wissenschaft den Staatschefs noch einmal deutlich zu machen: Es ist Zeit zu handeln! Dies war das Ziel unserer Arktis-Expedition, die ein Puzzleteil in der weltweiten Greenpeace-Arbeit zum Klimaschutz ist. Wir müssen viele Wege beschreiten, um zu überzeugen und Veränderungen zu bewirken. Nur so sind wir erfolgreich. Ich bin froh, ein Teil dieser internationalen Organisation zu sein, die Unterstützung von hundertausenden Menschen erfährt und darum Expeditionen wie diese durchführen kann …