Gemischte Gefühle

01. Oktober 2009
(c) Greenpeace - Die "Arctic-Sunrise" vor Longyearbyen

Die "Arctic-Sunrise" vor Longyearbyen

Ein letztes Mal kann ich aus dem Flugzeug heraus einen Blick auf die “Arctic Sunrise” erhaschen, die vor Longyeabyen auf Spitzbergen vor Anker liegt. Sie wird kleiner und kleiner und dann verdecken die Wolken die Sicht. Unsere mehr als dreimontage Expedition in der Arktis ist zu Ende!

Wir haben das geschafft, was wir uns vorgenommen hatten – sogar mehr als auf dem Papier geplant. Das ist in unserer Arbeit nicht immer der Fall, denn Papiere sind eben Papiere und müssen in die Realität umgesetzt werden. Da gibt es trotz aller Erfahrung immer wieder Momente, in denen andere Bedingungen oder Veränderungen unmöglich machen, was man sich vorgenommen hatte. Diese Erfahrung hat jeder in unserem Kampagnenteam für diese Expedition schon gemacht. Umso froher sind wir alle, auf eine erfolgreich verlaufene Expedition zurückblicken zu können. Natürlich werden wir uns unsere Arbeit noch genauer anschauen und sicher auch die eine oder andere “lessons learned” für das nächste Mal herausarbeiten.

Zunächst jedoch fahren wir alle nach Hause und lassen das Schiff samt Crew zurück. Ihnen stehen neue Aufgaben bevor. Mir fällt der Abschied schwer. Ich mache eine Runde über alle Schiffsdecks, um jeden einmal zum Abschied in den Arm zu nehmen: Valerie, unseren Doktor aus der Ukraine; Babu, den Koch aus Indien; Pete, den Kapitän aus den USA; Jon, den Ingenieur aus Tonga; Martin, den Helikopterpilot aus Irland; Sarah, die Bootsfrau aus Neuseeland…. und natürlich Yohena, mit der ich die letzten sieben Wochen auf engstem Raum zusammengelebt habe.

Die “Arctic Sunrise” war für diese sieben Wochen mein Zuhause und sie war das, was das Wort sagt: ein Zuhause. Die Menschen an Bord verbindet dieselbe Leidenschaft, dieselbe treibende Kraft, sich für den Schutz unserer Umwelt einzusetzen und dabei sich selber nicht ganz so wichtig zu nehmen. Man hat eine gemeinsame Heimat, auch wenn man aus verschiedenen Ländern kommt, verschiedene Ausbildungen hat und verschiedene Leben führt.

(c) Greenpeace - Willkommensfreude: Iris Menn bei ihrer Ankunft in Hamburg

Willkommensfreude: Iris Menn bei ihrer Ankunft in Hamburg

Im Laufe der Rückreise, je näher ich Hamburg komme, wird aus dem Gemisch meiner Gefühle auch die Freude auf das Rückkehren stärker, die Freunde hier, meine Wohnung, Ruhe. Und als ich schließlich von Chef und bester Freundin am Flughafen in dem Arm genommen werde ist es ganz deutlich da: auch hier bin ich zuhause. In meiner Wohnung empfangen mich Blumen, eine Auswahl Zeitungen, und der Kühlschrank ist mit dem Nötigsten gefüllt. Die erste Nacht ohne das Krachen des Eises und mit ungewöhnlich viel Platz war unruhig, aber auch wunderbar.

Nach ein paar Tagen Erholung geht es dann zurück in den Büroalltag. Dort warten die nächsten Projekte und auch der Klimagipfel in Kopenhagen rückt unaufhörlich näher. Unsere alte und neue “Klimakanzlerin” Angela Merkel muss bis dahin noch verstehen, dass man Klimakanzlerin nur sein kann, wenn man handelt und nicht nur redet. Dafür brauchen wir auch Ihre Unterstützung. Danke.

Die Tage werden kürzer…

28. September 2009

… und das mit einer rasanten Geschwindigkeit. So deutlich habe ich den Winter noch nie auf mich zukommen sehen. Fast eine halbe Stunde verlieren wir hier pro Tag – drei Stunden in einer Woche, die die Sonne früher untergeht.

Das Wetter hat uns in den letzten Tagen unserer Reise mal wieder mit viel Nebel und Wind versorgt, aber auch wenigstens ein paar klare Stunden gegönnt, so dass wir die letzte Eis-Masse-Balance-Boje installieren konnten und Martin Doble einige Eischollen mit dem “hot water drill” vermessen konnte. Ich habe beim Vermessen geholfen, die Stunden draußen genossen und für mich aufgesogen in dem Wissen: es werden für eine lange Zeit die letzten auf dem arktischen Eis sein.

(c) Nick Cobbing/Greenpeace - Iris Menn auf dem Eis

Iris Menn auf dem Eis

Gestern Nachmittag mussten wir dann die Arbeit zügig beenden und die Eisscholle verlassen. Die Welle unter den Schollen hatte so stark zugenommen, dass die ersten Schollen um uns herum auseinanderbrachen. Starker Wind aus Richtung der offenen See drückte seit Stunden Wasser und Welle in das Eis. Dort auf der Scholle zu stehen, die sich auf und ab bewegt wie alle anderen um einen herum und dazu die “Arctic Sunrise”, die beginnt Spielball der Wellen zu werden, lässt einen die Naturgewalten hautnah spüren und klein werden. So haben wir zügig zusammengepackt, die Geräte mit dem Kran an Bord gebracht und sind selber schnell die Leiter zur “Arctic Sunrise” hochgeklettert. Wir wollten nicht das Gleiche erleben wie John Fletcher, der am Tag zuvor sein Lasergerät der See zum Opfer bringen musste.

John vermisst mit dem Laser die Oberfläche der Eisschollen, was ihm genaue Rückschlüsse auf ihre Dicke liefert. Diese detaillierte, kleinräumige Untersuchung ermöglicht ihm, die “gröberen”, von Satelliten durchgeführten Vermessungen der Dicke des arktischen Meereises zu korrigieren. Sein Messgerät war draußen am Schiff verankert, als sich Eisschollen mit solcher Kraft gegen das Schiff pressten, dass die gesamte Verankerung sich löste und samt Johns Geräten in den Tiefen des arktischen Ozeans versank.

Die weiße Landschaft hier kann sich friedlich und ruhig ebenso wie wild und kraftvoll zeigen. Ich mag beides gern, auch wenn die letzte Nacht wieder eine ziemlich rauhe mit wenig Schlaf war. Es war, als wollte uns der arktische Ozean zum Abschied noch einmal ganz deutlich machen, wo wir uns befinden.

Nun sind wir auf dem Rückweg nach Longyearbyen auf Spitzbergen. Die ersten Sachen werden zusammengepackt. Eine seltsame, ruhige Stimmung liegt über dem Schiff. Jeder scheint ein bisschen in Gedanken versunken zu sein – vielleicht schon zu Hause oder vielleicht auch ein bißchen wehmütig vor dem bevorstehenden Ende der Expedition. Heute Abend jedoch wird erst einmal gefeiert: Geburtstag von Faye, Haussie und John und natürlich auch das Ende unserer Arktis-Expedition 2009.

Auch der letzte Abschnitt unserer Fahrt geht hiermit zu Ende: Die vier Eis-Masse-Balance-Bojen sind erfolgreich installiert und senden in den nächsten Wochen und Monaten auf ihrer Drift durch die Fram-Straße Daten der Schmelze. Zusammen mit den Vermessungen der Eisschollen werden Peter Wadhams und sein Team neue Erkenntnisse zur Geschwindigkeit der Schmelze des arktischen Meereises gewinnen und diese in die Rechenmodelle der Klimaforscher einfließen lassen.

Wir werden in den nächsten Wochen, sobald die verschiedenen Wissenschaftlerteams ihre Daten näher ausgewertet haben, weitere Ergebnisse der Expedition veröffentlichen. Rechtzeitig vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen, um auch auf dem Weg über die Wissenschaft den Staatschefs noch einmal deutlich zu machen: Es ist Zeit zu handeln! Dies war das Ziel unserer Arktis-Expedition, die ein Puzzleteil in der weltweiten Greenpeace-Arbeit zum Klimaschutz ist. Wir müssen viele Wege beschreiten, um zu überzeugen und Veränderungen zu bewirken. Nur so sind wir erfolgreich. Ich bin froh, ein Teil dieser internationalen Organisation zu sein, die Unterstützung von hundertausenden Menschen erfährt und darum Expeditionen wie diese durchführen kann …

Heißwasserbohrer

25. September 2009
(c) Nick Cobbing/Greenpeace - Sonnenuntergang in der Fram-Straße

Sonnenuntergang in der Fram-Straße

81 Grad Nord und 35 Minuten – nicht ganz der nördlichste Punkt unserer bisherigen Reise, aber der nördlichste Punkt, auf dem ich mich in meinem bisherigen Leben befunden habe. Nebel, Eis, minus acht Grad – ich habe Halsschmerzen, eine Erkältung versucht mich zu überrollen.

Nördlich von Spitzbergen (Svalbard) geht die Eiskante in einer kleinen Zunge nach Nordosten zurück und genau dort, dicht am Rand des arktischen Meereises, sind wir derzeit. Hier wollen wir die letzte der vier Eis-Masse-Balance-Bojen installieren – tief im arktischen Meereis, um einen langen Datensatz während ihrer Drift durch die Fram-Straße aufnehmen zu können. Die anderen drei Bojen sind bereits verteilt auf verschiedenen Eischollen weiter im Westen der Fram-Straße installiert und senden Daten.

Ergänzend zu den Daten, die die Bojen den Wissenschaftlern liefern, nimmt Martin Doble von der Universität Cambrigde (UK) mit einem sogenannten “hot water drill” die Dicke, Porosität und Struktur der übereinanderliegenden Eisblöcke zahlreicher Eischollen und “pressure ridges” auf.

Pressure ridges sind kleine Eisgebirge. Sie entstehen, wenn sich Eisschollen ineinanderschieben. Dieses “deformierte” Eis, vermuten die Wissenschaftler, schmilzt schneller als dünnes Eis. Um die Prognosen des Weltklimarates IPCC in Bezug auf die Schmelze des arktischen Meereises zu verbessern, sind neben dem Rückgang der Fläche des Meereises vor allem die Abnahme der Dicke und die Prozesse dahinter entscheidend. Um letztere genauer zu verstehen und dieses Wissen in den nächsten IPCC-Bericht einfließen zu lassen, fokussieren die Wissenschaftler hier an Bord ihre Arbeit derzeit auf die Eischollen und pressure ridges.

Ein “hot water drill” ist, wie der Name vermuten lässt, ein Bohrer mit heißem Wasser, genauer gesagt: heißem Wasserdampf, der mit hohem Druck aus einer Düse herauskommt. Vergleichbar mit der Wasserdampfdüse einer Espressomaschine zum Milchschäumen, nur in größerem Maßstab. Mit diesem heißen Dampf “bohrt” man durch die Eischollen und -gebirge und misst Dicke, Porosität und Eisblockstruktur. Dabei, sagt Martin, “erfühlt” man die Porosität und die Struktur der Eisblöcke, wenn das Bohren plötzlich leichter geht.

Der hot water drill ist nicht einfach zu handhaben. Mehrere Boxen mit einem Gesamtgewicht von 250 Kilogramm werden auf einen Schlitten gepackt und müssen über die Eisschollen zur Untersuchungsstelle gezogen werden. Wir wechseln uns ab, um Martin zur Hand zu gehen und wissen am Ende des Tages alle, was wir gemacht haben.

Während wir uns im dichten Eis des Arktischen Ozeans befinden, waren meine Kollegen diese Woche in New York bei den Vereinten Nationen, wo die letzte Vorbereitungskonferenz der Klimaverhandlungen vor dem großen Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember stattgefunden hat. Noch längst sind die notwendigen Vereinbarungen nicht erreicht, die Verhandlungen nicht “in trockenen Tüchern”, wie man salopp sagen könnte, wenn es nicht Verhandlungen von so besonderer Bedeutung wären.

New York hätte die Chance sein können, wo die Industrienationen endlich Verantwortung übernehmen, das heißt die entsprechenden finanziellen Mittel auf den Tisch legen, damit auch die Entwicklungsländer auf den Klimawandel reagieren können. 110 Milliarden Euro pro Jahr sind dafür nötig.

Es sind weniger als 100 Tage bis zum Klimagipel in Kopenhagen und bisher gibt es keinen klaren Verhandlunsgtext und keine klaren Vereinbarungen über die finanziellen Mittel, die von den Industrienationen zur Verfügung gestellt werden. Völlig unzureichend ist der Vorschlag der Industrienationen von 16 Prozent Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2020. Das ist weniger als die Hälfte von dem, was nötig ist (mindestens 40 Prozent), um den Klimawandel noch zu begrenzen!

(c) Nick Cobbin/Greenpeace - Frida Bengtsson und Peter Wadhams

Frida Bengtsson und Peter Wadhams

Weder die Europäische Union, noch die USA mit Präsident Obama zeigen bisher echte Führungsstärke in den Verhandlungen. Lediglich Japan, das sich kürzlich zu einer Reduktion von 25 Prozent verpflichtete, zeigt ein Aufglimmen an Führungsstärke – obgleich auch diese Vepflichtung bei weitem nicht ausreicht. Bundeskanzlerin Merkel hat gar nicht erst am UN-Klimagipfel in New York teilgenommen.

Nach 20 Jahren Verhandlungen und Entschuldigungen, warum die Emissionen immer weiter steigen, ist die Grenze der Geduld überschritten. Die Industrienationen haben die Technologien und finanziellen Mittel. Wir brauchen keine Ausflüchte mehr. Wir brauchen Handeln – und zwar sofort!

Die EU wird bei den Klimaverhandlungen derzeit von Schweden geführt, das die EU-Präsidenschaft innehat. Nicht sehr vielversprechend, schaut man auf die Investitionen der staatseigenen schwedischen Firma Vattenfall in den Ausbau von Kohlekraftwerken. So sind auch die Worte des schwedischen Premierministers Reinfeldt in New York zur Führungsstärke der EU lediglich rhetorisch gut und wenig glaubhaft. Um diese große Differenz zwischen Reden und Handeln deutlich zu machen, haben wir am Montag dieser Woche erneut auf einem Kohlekraftwerk von Vattenfall in Deutschland protestiert.

Zeitgleich mit den UN-Klimaverhandlungen fand in New York die Premiere des Films “Age of Stupid” statt – ein Film über den Klimawandel. Ebenso wie in New York haben wir die Film-Premiere in Berlin begleitet und Live-Schaltungen zu unserer Expedition im Himalaya und unserer Arbeit in Indonesien durchgeführt.

Deutschland, Schweden, Indonesien, Arktis, Himalaya, USA – Greenpeace ist weltweit zum Klimaschutz aktiv, denn eine weltweite Unterstützung ist nötig, um den Staatschefs deutlich zu machen: Der Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember ist eure Chance, endlich zu Handeln und nicht länger nur zu reden! Übernehmt endlich Verantwortung!