Mit im Schlauchboot bei einer Greenpeace-Aktion – das ist entweder etwas für wasserfeste Aktivisten oder für Journalisten, die den Protest dokumentieren. Ich hatte am Montag Gelegenheit im Presseboot mit einem Kameramann und einer Fotografin vor Fehmarn dabei sein zu dürfen:
Das Schlauchboot springt mit 30 Knoten Fullspeed über die Wellen. Mit null Schlauchbooterfahrung fällt es mir zunächst schwer, nicht daran zu denken was passiert, wenn ich mich im falschen Moment nur kurz nicht richtig festhalte: Dann falle ich in das kalte Wasser der Ostsee. Aber nach einer Weile lässt die Angst nach. Entspannt lasse ich mich auf den Ritt über die Wellen ein und genieße irgendwann die Fahrt. Wir stoppen. Wir, das sind drei Schlauchboote mit Aktivisten und Journalisten. Rings um uns herum nichts als Wasser. Hier sollen wir eigentlich in wenigen Minuten das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise treffen. Wir warten. Am Horizont sind einige Punkte zu erkennen, durch das Fernglas betrachtet entpuppt sich jedoch keiner als das Greenpeace-Schiff. Und die quietschgelbe Happy Ranger, die uns hier ebenfalls interessiert, ist auch nicht auszumachen.
Jetzt kommt etwas näher. Es ist weder grün wie die Artic Sunrise, noch gelb wie die Happy Ranger – es ist blau wie die Küstenwache! Mit Blaulicht kommt das Schiff auf uns zu. Warum kommen die genau jetzt? Leichte Nervosität macht sich breit. Selbst bei mir, obwohl das hier nicht mein Protest ist. Ein Schlauchboot löst sich aus unserer Gruppe und fährt der Küstenwache entgegen. Keine Ahnung, was die Besatzung den Beamten erzählt, aber das blaue Schiff dreht ab und das Greenpeace-Schlauchboot stößt wieder zu uns.
Wir warten und hoffen. Wann wird die Happy Ranger hier vorbei kommen? Und wird dann auch die Arctic Sunrise da sein? Die Zeit vergeht langsam und rennt dennoch. Ohne die Arctic Sunrise wird es keinen Protest geben. Das hier ist ein internationales Problem, das Greenpeace in internationaler Zusammenarbeit angehen wird. Wenn überhaupt.
Gemeinsam mit zwei von der Arctic Sunrise entsandten Schlauchbooten, wollen Greenpeace-Aktivisten aus Deutschland vor der Happy Ranger protestieren. Der Spezialfrachter ist auf dem Weg nach Finnland. Die Fracht an Bord: vier Dampferzeuger für den Neubau des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) im finnischen Olkiluoto – mit die wichtigsten Teile neben dem eigentlichen Reaktor für den Betrieb des Atomkraftwerks. Wird dieser schon vor Inbetriebnahme vor Sicherheits- und Qualitätsproblemen nur so strotzende Reaktor in Betrieb genommen und passiert dann ein nuklearer Unfall, werden auch wir hier in Deutschland nicht verschont bleiben.
Plötzlich Alarm aus einem der Schlauchboote: Die Happy Ranger ist in Sicht und kommt näher. Bald lässt sich sogar mit bloßem Auge ihr leuchtend gelber Schiffsrumpf ausmachen. Verdammt! Wo steckt bloß die Arctic Sunrise? Wir könnten der Happy Ranger ein Stückchen hinterherfahren, aber es wird bald dunkel sein. Immer angespannter sehen wir die Happy Ranger auf uns zu kommen. Dann endlich sehen wir am Horizont zwei große Schlauchboote mit enormen Tempo in unsere Richtung düsen. Glückliche Gesichter bei den Aktivisten – es sind die Kollegen von der Arctic Sunrise. Nach kurzem Hallo geht es gleich weiter zum Frachter.
Dem jetzigen Tempo gleicht die Tour zum Treffpunkt einer Spazierfahrt. Das Presseboot fliegt genau wie die Boote der Aktivisten über die Wellen – für gute Bilder muss es nah am Geschehen sein. Die Happy Ranger verursacht eine riesige Bugwelle. Jetzt heißt es Festhalten und möglichst viel mitkriegen.
Auf zwei der anderen Schlauchboote sind Kletterer. Sie angeln mit einer Teleskopstange nach der Reling. Jetzt geht alles unheimlich schnell. Der erste Kletterer ist auf der Happy Ranger und lässt eine Strickleiter aus Metall herunter. Diese schwankt bedenklich hin und her, während weitere Aktivisten das Schiff erklimmen. Auch ein deutscher Kletterer ist dabei. Oben werden die ersten Banner gehisst. „Nuclear Madness, made in France“ und „Stop EPR“ ist darauf zu lesen. Die Besatzung der Happy Ranger zerschneidet eins nach dem anderen. Als nächstes bedient der Kapitän die Feuerlöschanlage und das Deck wird geflutet. Auch wenn mittlerweile alle sechs Kletterer an Bord sind, die Schlauchboote bleiben in der Nähe. Erst einmal abwarten was noch passiert, ob den Kletterern möglicherweise geholfen werden muss. Doch scheint die Besatzung der Happy Ranger schnell aufgegeben zu haben. Wir drehen ab und machen uns auf den Weg zurück Richtung Festland.

















