An Bord beim Protest gegen den EPR

20. November 2009

Mit im Schlauchboot bei einer Greenpeace-Aktion – das ist entweder etwas für wasserfeste Aktivisten oder für Journalisten, die den Protest dokumentieren. Ich hatte am Montag Gelegenheit im Presseboot mit einem Kameramann und einer Fotografin vor Fehmarn dabei sein zu dürfen:

(c) Dörthe Hagenguth / Greenpeace - Enorme-Bugwelle - Schlauchbootprost gegen den EPR

Enorme-Bugwelle - Schlauchbootprost gegen den EPR

Das Schlauchboot springt mit 30 Knoten Fullspeed über die Wellen. Mit null Schlauchbooterfahrung fällt es mir zunächst schwer, nicht daran zu denken was passiert, wenn ich mich im falschen Moment nur kurz nicht richtig festhalte: Dann falle ich in das kalte Wasser der Ostsee. Aber nach einer Weile lässt die Angst nach. Entspannt lasse ich mich auf den Ritt über die Wellen ein und genieße irgendwann die Fahrt. Wir stoppen. Wir, das sind drei Schlauchboote mit Aktivisten und Journalisten. Rings um uns herum nichts als Wasser. Hier sollen wir eigentlich in wenigen Minuten das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise treffen. Wir warten. Am Horizont sind einige Punkte zu erkennen, durch das Fernglas betrachtet entpuppt sich jedoch keiner als das Greenpeace-Schiff. Und die quietschgelbe Happy Ranger, die uns hier ebenfalls interessiert, ist auch nicht auszumachen.

Jetzt kommt etwas näher. Es ist weder grün wie die Artic Sunrise, noch gelb wie die Happy Ranger – es ist blau wie die Küstenwache! Mit Blaulicht kommt das Schiff auf uns zu. Warum kommen die genau jetzt? Leichte Nervosität macht sich breit. Selbst bei mir, obwohl das hier nicht mein Protest ist. Ein Schlauchboot löst sich aus unserer Gruppe und fährt der Küstenwache entgegen. Keine Ahnung, was die Besatzung den Beamten erzählt, aber das blaue Schiff dreht ab und das Greenpeace-Schlauchboot stößt wieder zu uns.
Wir warten und hoffen. Wann wird die Happy Ranger hier vorbei kommen? Und wird dann auch die Arctic Sunrise da sein? Die Zeit vergeht langsam und rennt dennoch. Ohne die Arctic Sunrise wird es keinen Protest geben. Das hier ist ein internationales Problem, das Greenpeace in internationaler Zusammenarbeit angehen wird. Wenn überhaupt.

(c) Daniel Müller / Greenpeace - Luftaufnahme - Schlauchbootprostest gegen den EPR

Luftaufnahme - Schlauchbootprostest gegen den EPR

Gemeinsam mit zwei von der Arctic Sunrise entsandten Schlauchbooten, wollen Greenpeace-Aktivisten aus Deutschland vor der Happy Ranger protestieren. Der Spezialfrachter ist auf dem Weg nach Finnland. Die Fracht an Bord: vier Dampferzeuger für den Neubau des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) im finnischen Olkiluoto – mit die wichtigsten Teile neben dem eigentlichen Reaktor für den Betrieb des Atomkraftwerks. Wird dieser schon vor Inbetriebnahme vor Sicherheits- und Qualitätsproblemen nur so strotzende Reaktor in Betrieb genommen und passiert dann ein nuklearer Unfall, werden auch wir hier in Deutschland nicht verschont bleiben.

Plötzlich Alarm aus einem der Schlauchboote: Die Happy Ranger ist in Sicht und kommt näher. Bald lässt sich sogar mit bloßem Auge ihr leuchtend gelber Schiffsrumpf ausmachen. Verdammt! Wo steckt bloß die Arctic Sunrise? Wir könnten der Happy Ranger ein Stückchen hinterherfahren, aber es wird bald dunkel sein. Immer angespannter sehen wir die Happy Ranger auf uns zu kommen. Dann endlich sehen wir am Horizont zwei große Schlauchboote mit enormen Tempo in unsere Richtung düsen. Glückliche Gesichter bei den Aktivisten – es sind die Kollegen von der Arctic Sunrise. Nach kurzem Hallo geht es gleich weiter zum Frachter.

Dem jetzigen Tempo gleicht die Tour zum Treffpunkt einer Spazierfahrt. Das Presseboot fliegt genau wie die Boote der Aktivisten über die Wellen – für gute Bilder muss es nah am Geschehen sein. Die Happy Ranger verursacht eine riesige Bugwelle. Jetzt heißt es Festhalten und möglichst viel mitkriegen.

Auf zwei der anderen Schlauchboote sind Kletterer. Sie angeln mit einer Teleskopstange nach der Reling. Jetzt geht alles unheimlich schnell. Der erste Kletterer ist auf der Happy Ranger und lässt eine Strickleiter aus Metall herunter. Diese schwankt bedenklich hin und her, während weitere Aktivisten das Schiff erklimmen. Auch ein deutscher Kletterer ist dabei. Oben werden die ersten Banner gehisst. „Nuclear Madness, made in France“ und „Stop EPR“ ist darauf zu lesen. Die Besatzung der Happy Ranger zerschneidet eins nach dem anderen. Als nächstes bedient der Kapitän die Feuerlöschanlage und das Deck wird geflutet. Auch wenn mittlerweile alle sechs Kletterer an Bord sind, die Schlauchboote bleiben in der Nähe. Erst einmal abwarten was noch passiert, ob den Kletterern möglicherweise geholfen werden muss. Doch scheint die Besatzung der Happy Ranger schnell aufgegeben zu haben. Wir drehen ab und machen uns auf den Weg zurück Richtung Festland.

“Das ist es, was jetzt wichtig ist!”

09. November 2009

Berlin, ehemaliger Grenzübergang Bornholmer Straße. Wir haben den 09. November, vor genau 20 Jahren haben hier hunderte Ostberliner ihre ersten Schritte „rüber“ gemacht – in den Westen, in die Freiheit. Damals war auch eine junge Physikerin unter ihnen, Angela Merkel. Heute wird sie mit einigen jener Zeitzeugen, diese Schritte symbolisch wiederholen und um 15 Uhr die Brücke überqueren.

Zeitung vom 10.11.1989

Zeitung vom 10.11.1989

Jetzt ist es 13 Uhr. Schon zwei Stunden vor Ankunft der Kanzlerin haben sich jede Menge Zaungäste eingefunden. Es ist viel Polizei vor Ort, dennoch herrscht eine entspannte Atmosphäre. Eine Frau hält die Tageszeitung vom 10. November 1989 in die Höhe und erzählt: „Unser Sohn ist damals über die Tschechei geflüchtet. Wir haben ihn dann am Flughafen in West-Berlin abgeholt und er hat sich gefragt wie wir dorthin gekommen sind. Der hatte vom Mauerfall gar nichts mitgekriegt.“

14.10 Uhr. Die Polizei hat gerade die Straße abgesperrt und weiter vorne zusätzliche Absperrgitter aufgestellt. Schnell springen die Menschen über die Gitter vor denen sie sich eben noch gedrängt haben. Jeder möchte einen Platz ganz vorne ergattern. Dabei gibt es noch gar nichts zu sehen.

14.15 Uhr. Auf dem Dach eines Hauses gegenüber erscheinen nach und nach Leute. Die Jugendlichen hinter mir haben das sofort gesehen. „Altah, kuck ma ey, sind das Scharfschützen, oder was?“ Die Dachbesucher ziehen sich gelbe Jacken über und gleich darauf halten vier von ihnen zwei kleine Banner in die Höhe. Was darauf geschrieben steht, lässt sich nicht erkennen. Dennoch haben die Jungs recht schnell kapiert. „Ey nee, keine Scharfschützen, das is Greenpeace, ey. Cool!“

Ich dränge mich durch die Massen ans Absperrgitter, um besser sehen zu können. Auch hier haben die meisten Leute schon die Greenpeace-Kletterer entdeckt und starren nach oben, um zu sehen was auf dem Dach passiert. Neben mir fragt ein kleiner Junge einen der Polizisten: „Warum stehen da oben Männer?“ Die Antwort des Polizisten: „Weil die unserer Kanzlerin etwas kundtun wollen, die wollen unseren Politikern etwas mitteilen.“ „Für oder gegen Angela Merkel?“ „Ich glaub’ gegen Angela Merkel.“

Das Banner auf dem Hausdach / © Andreas Schoelzel/Greenpeace C-Lizenz BY-NC-ND

Das Banner auf dem Hausdach

Na, ob das so ganz stimmt? Nach einigen weiteren Minuten haben die Aktivisten über das komplette Hausdach ein Banner entrollt. „1989 Mauerfall in Berlin, 2009 Klimawende in Kopenhagen!“ und „Make climate change history – act in Copenhagen!“ ist darauf zu lesen. Es geht hier nicht darum, gegen Angela Merkel zu protestieren. Vielmehr wollen die Aktivisten ihr diese Botschaft übermitteln. Die Kanzlerin muss bei den nahenden Klimaverhandlungen in Kopenhagen ihrer Rolle als „Klimakanzlerin“ gerecht werden und dafür sorgen, dass die internationalen Staats- und Regierungschefs ein Nachfolgeprotokoll von Kyoto beschließen. Darum geht es.

Greenpeace-Kampaignerin Anike Peters

Kampaignerin Anike Peters

Genauso formuliert es auch ein Herr, der vorbei läuft während unsere Klimaexpertin Anike Peters ein Interview gibt. Er zeigt auf das Banner und ist total begeistert. „Super. Das ist es, was jetzt wichtig ist. Die Vergangenheit ist vorbei.“ Immer wieder zeigt er auf das Banner. „Darum geht es heute. Prima Aktion. Danke!“

Irgendwie ist es ein ergreifender Ort. Immer wieder dringen Wortfetzen, von Menschen an mein Ohr, die von damals erzählen. Ich persönlich war leider noch zu jung, das damals alles so richtig zu verstehen. Umso mehr bin ich froh, heute hier zu sein. Gleichzeitig hoffe ich, bald einen genauso wichtigen Moment der Zeitgeschichte miterleben zu dürfen. Dann, wenn sich unsere Politiker endlich richtig für unser Klima und damit für meine und unser aller  Zukunft einsetzen.

Einheit(lich) für das Klima !

08. November 2009
(c) V.Thumann / Greenpeace - Kletterer-bei-der-Arbeit

Kletterer-bei-der-Arbeit

Sonntagmorgen kurz nach 9 Uhr. Ich befinde mich in Berlin, links von mir ist das Brandenburger Tor, gegenüber die ehemalige polnische Botschaft. Derzeit wird da renoviert. Das geschieht sozusagen hinter den Kulissen. Vor das schätzungsweise hundert Meter breite Gebäude ist ein riesiges hellblaues Plakat gespannt. Auf der linken Hälfte steigen neun bunte Papierdrachen in die Luft. Ihre Flügel haben die Farbe verschiedener Ostblockflaggen. Auf den drei größten Drachen erkenne ich Deutschland, Polen und Ungarn. Außerdem ganz klein die Ukraine und Lettland. Dazwischen noch die Slowakei und vier weitere.

Die andere Hälfte des Plakats ziert ein riesiger Schriftzug. In gewaltigen Lettern steht da „1989 – Es gelang gemeinsam“. Wow, der Mauerfall ist schon 20 Jahre her. Morgen. In Gedanken versunken betrachte ich das Plakat, als auf dem Dach plötzlich etwas passiert. Eins, zwei, drei … insgesamt zähle ich neun Personen. Fünf davon klettern über die Kante und beginnen sich abzuseilen. Nachdem sie einige Meter geschafft haben, bekommen sie von oben eine Art riesige hellblaue Wurst gereicht. Gemeinsam halten sie diese längliche Geschwulst, einer neben dem anderem, während sie sich weiter abseilen. Immer mal wieder hört man etwas klacken. Rufe dringen zu mir herüber. „Noch drei Meter.“ Mittlerweile haben sich die Kletterer bis unter den Schriftzug abgeseilt. Nun lässt sich auch von hier unten entziffern, was auf ihren Jacken steht. „Greenpeace“. „Eins, zwei …“ – jemand zählt laut vor. Plötzlich rauscht es gewaltig. Es klingt, als würden die Drachen sich vom Plakat lösen und tatsächlich davonfliegen wollen. Aber nein, innerhalb von wenigen Sekunden haben die Kletterer ein Banner entrollt. Der Spruch auf dem Plakat ist nun ergänzt. Jetzt steht da „1989 – Es gelang gemeinsam, 2009 – es kann nur gemeinsam gelingen, Kopenhagen – Klimaschutz jetzt!“

(c) V.Thumann / Greenpeace - Das-Banner-ist-entrollt

Das-Banner-ist-entrollt

Reisebusse halten, Menschen bleiben stehen und fotografieren. Mir ist verdammt kalt, soll die erste Nacht unter Null Grad gewesen sein hier in Berlin. Meine steif gefrorenen Zehen lassen mich behaupten, dass es noch nicht viel wärmer geworden sein kann. Wie es wohl den Kletterern da oben geht?

10.54 Uhr. Der „Linden Grill“ direkt gegenüber der Botschaft öffnet langsam seine Pforten. Hoffen wir, dass Getränke und Döner weitere Menschen anlocken. Schließlich sollen so viele wie möglich die Botschaft lesen und verstehen worum es hier geht: Auch heute muss gemeinsam gehandelt werden! Derzeit sieht es nicht besonders rosig für ein Nachfolgeprotokoll von Kyoto aus. Deutschland und Polen geben sich besonders stur. Kanzlerin Angela Merkel und Polens Ministerpräsident Donald Tusk müssen sich einen Ruck geben und ihre Blockadehaltung aufgeben. Es ist an der Zeit, erneut Geschichte zu schreiben. 1989 und 2009 – gemeinsam stark sein!

Sonntagmorgen kurz nach 9 Uhr. Ich befinde mich in Berlin, links von ist das Brandenburger Tor, vor mir die ehemalige polnische Botschaft. Das Gebäude wird derzeit renoviert. Sozusagen hinter den Kulissen, denn vor das Augenmaß mindestens hundert Meter breite Gebäude ist ein riesiges hellblaues Plakat gespannt. Mit dieser Farbe soll der Betrachter anscheinend den Himmel assoziieren, denn auf gut der Hälfte der Fläche sind neun Drachen gezeichnet. Ihre Flügel haben die Farbe verschiedener Ostblockflaggen. Auf den drei größten Drachen erkenne ich Deutschland, Polen und Ungarn. Außerdem ganz klein die Ukraine und Lettland. Gemeinsam scheinen die Drachen in den fast wolkenlosen Himmel aufzusteigen. Die andere Hälfte des Plakats ziert ein riesiger Schriftzug. In gewaltigen Lettern steht da „1989 – Es gelang gemeinsam“. Darunter ein schwarzer Kasten mit „1989 > 2009 Gdansk > Warszawa> Berlin> Praha> Budapest> Tallin> Vilnius> Riga> Sofia> Kiev>“. Wow, 20 Jahre Einheit. Morgen. In Gedanken versunken betrachte ich das Plakat, als auf dem Dach plötzlich etwas passiert. Eins, zwei, drei … insgesamt zähle ich neun Personen. Fünf davon klettern über die Kante und beginnen sich abzuseilen. Nachdem sie einige Meter geschafft haben, bekommen sie von oben über eine Art riesige hellblaue Wurst gereicht. Gemeinsam halten sie dieses Geschwulst, einer neben dem anderem, während sie sich weiter abseilen. Immer mal wieder hört man etwas klacken. Rufe dringen zu mir herüber. „Noch drei Meter.“ Mittlerweile haben sie sich bis unter den Schriftzug abgeseilt. Nun lässt sich auch von hier unten entziffern,was auf ihren Jacken steht. „Greenpeace“. „Eins, zwei, drei“ – jemand zählt laut vor. Plötzlich rauscht es gewaltig. Es klingt als würden die Drachen sich vom Plakat lösen und tatsächlich davon fliegen wollen. Doch nein. Aber nein, innerhalb von wenigen Sekunden haben die Kletterer ein Banner entrollt. Der Spruch auf dem ursprünlgichen Plakat ist nun ergänzt. Jetzt steht da „1989 – Es gelang gemeinsam, 2009 – es kann nur gemeinsam gelingen, Kopenhagen – Klimaschutz jetzt!“

Reisebusse halten, Menschen bleiben stehen und fotografieren. Mir ist verdammt kalt, soll die erste Nacht unter Null Grad gewesen sein hier in Berlin und meine eingefrorenen Zehen lassen mich behaupten, dass es noch nicht viel wärmer geworden sein kann.

10.54 Uhr der „Linden Grill“ direkt gegenüber der Botschaft öffnet langsam seine Pforten, hoffen wir das Getränke und Döner weitere Menschen anlocken. Schließlich sollen so viele wie möglich die Botschaft lesen und verstehen worum es hier geht: Auch heute muss gemeinsam gehandelt werden. Derzeit sieht es nicht besonders rosig für ein Nachfolgeprotokoll von Kyoto aus. Deutschland und Polen – genau die, die es damals gemeinsam geschafft haben – sind es, die heute auf stur schalten. Kanzlerin Angela Merkel und Polens Ministerpräsident Donald Tusk müssen sich einen Ruck geben und ihre Blockadehaltung aufgeben. Sie haben es doch schon einmal gepackt. Auch vor 20 Jahre hat keiner mit einem so schnellen Fall der Mauer gerechnet. Jetzt ist es an der Zeit erneut Geschichte zu schreiben. 1989 und 2009 – alle 20 Jahre wieder – gemeinsam seid ihr stark!