Nestlé in Erklärungsnot

18. März 2010

Gestern hat Greenpeace die Öffentlichtkeit im Allgemeinen und Nestlé-Mitarbeiter im Speziellen auf eine Riesensauerei aufmerksam gemacht, an der sich der Konzern beteiligt: Nestlé bezieht große Mengen Palmöl von der Firma Sinar Mas, die für ihre Plantagen großflächig Regenwälder vernichtet. Damit macht sich Nestlé auch mitschuldig an der Ausrottung des Orang-Utans. Teil der Aktion war deshalb ein parallel gelaunchtes Webvideo, ziemlich blutig, aber längst nicht so blutig wie die Realität der Orang-Utans in Indonesien. Zusammenzucken ist durchaus beabsichtigt:


Nestlé hat zunächst relativ kopflos reagiert und bei YouTube Copyright-Einwände geltend gemacht. Das Video auf dem YouTube-Konto von Greenpeace UK wurde daraufhin vorübergehend gesperrt, ist aber mittlerweile wieder online. Nicht besonders clever, diese Maßnahme, und künftig als Lehrbuchbeispiel für den Streisand-Effekt in Social-Media-Schulungen zu empfehlen: Wer Informationen aus dem Internet fischt, generiert nämlich großes Interesse an genau diesen Infos. Das Webvideo ist jedenfalls talk of the town im globalen Dorf. Auf der Greenpeace UK-Seite kann man es sich derzeit auch herunterladen, um es munter weiter zu spreaden. Eine hübsche Übersicht über den Impact der Greenpeace-Kampagne im Netz gibt’s beim PR Blogger.

Heute hat man sich bei Nestlé den vorübergehend verloren gegangenen Kopf wieder auf den Rumpf gedreht.  Und gibt in einer Presseerklärung zu verstehen, das Unternehmen teile – ist ja klar! – die Sorge um den Regenwald, und:

Nestlé Deutschland verwendet nur in einem geringen Volumen Palmöl und Palmkernöl bzw. daraus hergestellte Zwischenprodukte. Das Gesamtvolumen liegt in einer Größenordnung um 7.000 Tonnen pro Jahr, dies entspricht nur etwa 0,03 Prozent der weltweiten Produktion.

Nice try… Geflissentlich übergangen wird dabei jedoch, dass Nestlé seinen Palmöl-Bedarf international in den letzten 3 Jahren auf 320.000 Tonnen verdoppelt hat. Deshalb standen die Greenpeace-Aktivisten auch nicht bloß bei deutschen Nestlé-Büros auf der Matte, sondern auch vor einer Fabrik in Großbritannien und in den Niederlanden.

Greenwashing, ick hör dir trapsen

Nach dieser lauen Rechtfertigung hat Nestlé in der PE dann einen langen Liebesbrief an sich selbst abgefasst und säuselt, man decke den Palmöl-Bedarf seit diesem Jahr mit Green Palm Zertifikaten ab, die den nachhaltigen Anbau unterstützen. “Nachhaltig”, naturellement! Schließlich wird dieses Zertifizierungsssystem des Round Table for Sustainable Oil (RSPO) von einer namhaften Umweltschutzorganisationen unterstützt.

Diplomatie ist natürlich wichtig, aber es gibt Grenzen. Obi-Wan Kenobi hätte sich nicht mit dem Imperator an einen Tisch gesetzt. Nestlé aber setzt sich mit Freuden an einen Tisch mit der dunklen Seite der Macht. Da trifft man sich gemeinsam mit dem Urwaldfresser Sinar Mas zum „Round Table“. Die Meetings stehen ganz unter dem Motto „Have a break!“, effektiver Urwaldschutz wird hier jedenfalls nicht betrieben: Die Kriterien des RSPO sind viel zu lax. Sie enthalten keinen Schutz der Torfböden und keine Anforderungen zur Einsparung von Treibhausgasen. Während Nestlé und Sinar Mas ordentlich KitKat naschen, kreist die Motorsäge und steigt der Rauch aus verbrannten Wäldern.

Zudem will Nestlé die direkten Verträge mit Sinar Mas kündigen. Diese Maßnahme betrifft jedoch nur Verträge von Nestlé Indonesien und lässt die breite Palette an Verträgen mit Zwischenhändlern unberührt, die weiterhin Palmöl von Sinar Mas beziehen, in Deutschland zum Beispiel mit Cargill. Alles bliebe (fast) wie gehabt.

Wir wünschen uns von Nestlé eine Presseerklärung, die mit der Überschrift beginnt: „Nestlé kündigt Moratorium auf Urwald-Palmöl an!“ Oder wie wäre es mit der klaren Botschaft: „Nestlé wird Orang Utan-Bedrohung nicht länger tolerieren!“ Nestlé muss das Schlagwort Corporate Responsibilty ernst nehmen, die Verträge mit Sinar Mars samt und sonders kündigen und sich bei der indonesischen Regierung für ein Ende der Zerstörung einsetzen.

Ihr könnt uns mit dieser Forderung hier unterstützen!

Nestlés schockoladenweiche Reaktion

17. März 2010

Heute Nachmittag verteile ich erneut Flyer über Kitkat und Regenwaldzerstörung an über 400 Nestlé-Mitarbeiter in Hamburg. Plötzlich reagiert der Schoko-Konzern auf die Greenpeace-Forderungen, kein Palmöl aus Regenwaldzerstörung zu verwenden. Nestlé teilt den Medien mit, dass die direkten Palmöl-Lieferverträge mit dem Hersteller Sinar Mas aus Indonesien ausgesetzt sind.

Ein Erfolg? Nein! Diese Reaktion ist unzureichend. Nestlé gibt zwar zu, dass mehr getan werden muss, um die Regenwaldzerstörung zu stoppen. Die notwendigen Schritte leiten sie jedoch nicht ein. Das Unternehmen wird auch weiterhin Palmöl von Sinar Mas verwenden. Das Palmöl kommt dann schlicht über Zwischenhändler.

Auch diese müssen Sinar Mas klar sagen, dass die Zerstörung der Regenwälder in Indonesien beendet werden muss. Auch diese müssen die Verträge mit Sinar Mas kündigen. Greenpeace wird daher weiter auf Nestlés Verantwortung für die Menschen vor Ort, die Regenwälder und die Orang-Utans hinweisen und seine Kampagne zum Schutz der Regenwälder Indonesiens ausweiten.

Und wie ich eben gerade erfahren habe, hat Nestlé die englische Version unseres Kitkat-Videos auf Youtube sperren lassen. Begründung: Copyrightverletzung.

Bildet euch eure eigene Meinung und erzählt sie weiter. Die deutsche Version habt ihr ja hier im Blog, die englische steht inzwischen auf Vimeo.

Have a break, Nestlé!

17. März 2010
Vor dem Hamburger Kitkat-Werk © Greenpeace CC-Lizenz BY-NC-ND

Vor dem Hamburger Kitkat-Werk

Schokoladengeruch weht heute morgen um 5:40 Uhr durch die Straßen im Hamburger Stadtteil Wandsbek. Schon vor Sonnenaufgang stehe ich mit einigen anderen Greenpeace-Aktivisten vor dem Kitkat-Werk von Nestlé. Der Schokogeruch zeigt mir, dass wir an der richtigen Stelle sind. Hier wird der beliebte Schokoriegel Kitkat hergestellt.

Wir informieren die Nestlé-Mitarbeiter hier in Hamburg und an fünf weiteren Produktionsstandorten sowie der Deutschlandzentrale in Frankfurt darüber, dass für die Herstellung von Kitkat noch immer Palmöl verwendet wird, für das der Lieferant in Indonesien die Regenwälder rodet. Wir fordern von Nestlé, kein Palmöl aus Urwaldzerstörung zu kaufen.

Vorderseite unseres Handzettels © Greenpeace

Vorderseite unseres Handzettels

Die knapp 150 Mitarbeiter, die wir mit unseren Handzetteln erreichen, sind freundlich und gucken sofort auf den von uns verteilten Flyer: Er zeigt einen Orang-Utan, der von einer zur Pistole geformten Faust mit einem Kitkat-Riegel bedroht wird. Einige Gespräche ergeben sich, während es heller wird und der Schokogeruch uns süß umgarnt.

Nach knapp eineinhalb Stunden gehe ich mit meinen Mitstreitern frohen Mutes zur Arbeit. Ich bin voller Hoffnung, das nach Unilever und Kraft auch Nestlé endlich einlenken wird und seine Lieferverträge mit dem Palmöl-Hersteller Sinar Mas kündigen wird. Die Orang-Utans haben ganz nach dem Kitkat-Motto “Have a break, have a kitkat” eine Pause verdient. Eine Pause in der seit Jahren fortschreitenden Zerstörung ihres Lebensraumes durch Ölpalmplantagen.