Deva Tamminga Portraitfoto
07.04.2020

Natur- und Gesundheitsschutz von zu Hause – ein Interview

Stayathome und Umwelt schützen - geht das?

Das Corona-Virus hat weltweit das Leben der Menschen verändert. So auch für tausende Greenpeace Aktivist*innen, Ehrenamtliche und Mitarbeiter*innen. Sie geben alles, um unseren Planeten aus den eigenen vier Wänden heraus zu schützen

Mit Wald-Expertin Gesche Jürgens und Digital-Kampaigner Christopher Theus sprechen wir über Umweltschutz vom Küchentisch aus und geben Tipps für die Zeit zu Hause – und darüber hinaus.

 

Liebe Gesche, lieber Chris, seit einem Monat arbeitet ihr von zu Hause aus. Wie geht es euch damit?

Gesche: Gut. Alles andere wäre Jammern auf extrem hohem Niveau. Ich denke vielmehr an die Menschen, die jetzt endlich als systemrelevant sichtbar werden, ob in der Pflege, im Supermarkt oder in der Landwirtschaft. Und ich sorge mich um Menschen weltweit, die besonders gefährdet sind, wie zum Beispiel Flüchtlinge oder auch die indigenen Gemeinschaften in Brasilien. Für sie sind ansteckende Krankheiten viel gefährlicher als für uns.  

Chris: Es war zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, besonders weil ich kein Arbeitszimmer habe. Aber hey, alles easy - es könnte viel schlimmer sein.  

 

Eure Themen bei Greenpeace sind Wälder und Meere. Wirkt sich die Corona-Krise auch auf den Schutz von Naturräumen aus?

Chris: So ziemlich alle für dieses Jahr geplanten Konferenzen und UN-Verhandlungen zum Thema Meeresschutz und Biodiversität wurden abgesagt oder verschoben. Doch das hält uns nicht ab, uns weiterhin für einen starken, globalen Ozeanvertrag einzusetzen. Die Auswirkungen der Klimakrise und andere menschengemachte Bedrohungen hören ja nicht einfach auf zu existieren. 

Gesche: Es wird derzeit viel darüber gesprochen, dass die Zerstörung von Naturräumen die Ausbreitung von Viren begünstigt. Etwa weil Menschen und Wildtiere stärker in Kontakt kommen und so Erreger leichter auf Menschen übertragen werden. Viele Naturräume wie der Amazonas-Regenwald sind akut bedroht, und mit ihrer fortschreitenden Zerstörung wächst auch die Gefahr von Pandemien. Unsere Arbeit zum Schutz des Amazonas wird gerade noch wichtiger.

Von zu Hause aus Wälder und Meere zu schützen, klingt nicht so einfach. Wie strukturiert ihr euren Tag?

Gesche: Im besten Fall mache ich ganz vorbildlich morgens Yoga, dusche und starte dann erfrischt am Rechner. Den Feierabend verbringe ich gerne mit einem guten Buch. 

Chris: Für mich ändert sich nicht so viel, da ich als Digital Kampaigner ohnehin hauptsächlich digital arbeite. Abends vertiefe ich mich dann auch gerne in ein Buch. 

 

Was sind eure Lese- und Hörtipps für unsere Leser?

Gesche: Ich habe zwei Tipps - Bücher mit fesselnden Geschichten, die gleichzeitig die Sicht auf die Welt erweitern. Ein wunderbares Buch, um in den Amazonas-Regenwald und die Perspektive eines seiner Bewohner abzutauchen ist Der letzte Herr des Waldes”, gemeinsam erzählt von dem Indigenen Madarejúwa Tenharim und dem ZEIT-Journalisten Thomas Fischermann. Diese enge Verbindung der Indigenen mit den Wäldern und Flüssen, den Tieren und Pflanzen ist unglaublich und ich wünsche mir von unseren sogenannten “entwickelten” Gesellschaften eine ordentliche Portion von diesem Respekt für die Natur und andere Lebewesen.

Verschlungen habe ich auch Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie. Eine bewegende, mehrere Länder und Jahrzehnte umspannende Liebesgeschichte. Und auch ein Buch, das aus der Perspektive der beiden nigerianischen Protagonist*innen Ifemelu und Obinze knallhart und doch irgendwie lustig mit alltäglichem Rassismus ins Gericht geht und unbewusste Vorannahmen rund um Hautfarbe und Geschlecht aufzeigt. Das Buch ist wirklich fesselnd, man möchte unbedingt wissen wie es weitergeht und zwischendurch gibt immer wieder absolute Aha-Momente. Ich hatte es in vier Tagen durchgelesen. 

In Sachen Hörtipps: ich mag gerne Interviewformate und höre häufig die Podcasts “Gute Leute” von Sophie Passmann und “Jung & Naiv” von Tilo Jung. Aber in letzter Zeit habe ich auch die Video-Blogs des Gemeinwohl-Ökonomen Christian Felber und einige Talks des Kulturphilosophen Charles Eisenstein angeschaut. 

 

Chris: Ich hab zwei Buchtipps, die auf empfindsame, poetische, lustige und berührende Art und Weise Geschichten über die Meere und ihre besonderen Bewohner erzählen. 

Das erste Buch ist "Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen" von Morten A. Strøksnes – eine abenteuerliche Geschichte über das Leben auf, im und unter dem Meer, das voller erfundener und echter Geheimnisse über den größten Lebensraum auf der Erde ist. Ein Must-Read, wenn man sich auch nur ein bisschen für die Meere interessiert und / oder sich an ihnen heimisch und wohl fühlt. 

Das zweite Buch ist "Rendezvous mit einem Oktopus" von Sy Montgomery, in dem es, wie der Titel schon sagt, um Oktopoden geht. Die Autorin entdeckt ihre Faszination und Liebe für diese außergewöhnlichen Tiere und lässt uns in diesem Buch auf berührende Weise daran teilhaben. Ihre Begeisterung für Octopusse kann man beim Lesen spüren und sie schafft es ganz wunderbar ihre enge Beziehung zu diesen Tieren rüberzubringen. Es ist spannend, informativ und zeigt wie sehr wir Menschen doch andere Spezies unterschätzen.

Was macht euch in Zeiten der Corona- und Klimakrise Hoffnung? 

Gesche: Vieles! Zu sehen, dass Menschen spürbar zusammenrücken und sich gegenseitig unterstützen. Sich bewusster werden, wer und was das Leben wirklich lebenswert macht und dass Kooperation und Verbundenheit einem. Und dass es Wirkung zeigt, wenn umweltschädliche Produktionsweisen und Emissionen sinken, dass sich beispielsweise Luft- und Wasserqualität überraschend schnell und spürbar verbessern. Das alles lässt uns hoffentlich so einiges Hinterfragen und letztlich Umsteuern, insbesondere hin zu einem am Gemeinwohl orientierten Wirtschaften.  

Chris: Ich bin Optimist und bin davon überzeugt, dass wir als Gemeinschaft eine Lösung für jedes Problem, jede Epidemie, jede Bedrohung finden können, wenn wir zusammenkommen und unsere Intelligenz, Empathie, Schöpfungskraft, Kreativität, unsere Vernunft, unseren Mut und Willen konstruktiv zusammenbringen. 

Gesche, was können unsere Leser zu Hause tun, um der zunehmenden Naturzerstörung und damit einhergehenden Pandemie-Gefahr entgegen zu wirken?


Gesche: Möglichst ressourcenschonend leben. Dazu gehört mehr selber zu machen und zu reparieren, statt immer neu zu kaufen. Auf unserer Community-Plattform Greenwire haben wir die Gruppe #GREENatHOME eingerichtet. Dort kann jede*r Tipps eintragen und sie mit anderen teilen. Auch die intensive Tierhaltung spielt eine große Rolle. Daher empfehlen wir, tierische Produkte zu meiden. Wenn es dann doch mal Fleisch sein soll, raten wir, zu Produkten aus ökologischer und regionaler Erzeugung zu greifen. Und natürlich kann jede*r unsere Petition zum Schutz des Amazonas unterzeichnen und teilen.

Erzählt uns zum Abschluss noch einen Fun Fact über euch.

Gesche: Wenn mich ein Buch begeistert, kann ich nicht aufhören. Mit 14 hab ich mir auf einer Fahrradtour durch Island, als es den halben Tag durch eine eintönige (zumindest aus der Perspektive meines pubertierenden Ichs) Lavalandschaft ging, mein Buch auf der Lenkertasche befestigt. 

Chris: Ich zeichne Fantasie-Landkarten, um abzuschalten. Dabei entstehen immer auch gleich Geschichten zu den einzelnen Regionen, Landstrichen und Orten dieser Fantasiewelten in meinem Kopf, die wie eine kurze Reise raus aus der Realität sind. 



 


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Deva Tamminga

Deva Tamminga (*1982) hat in Witten / Herdecke Philosophie und in Hamburg Performance Studies studiert.


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