Baumwollzweig auf indischem Feld
Dirk Zimmermann
08.08.2012

10 Jahre Bt-Baumwolle in Indien – eine Erfolgsgeschichte?

Ein Artikel aus dem Jahr 2012

Als erste gentechnisch veränderte Nutzpflanze wurde 2002 Baumwolle in Indien zum Anbau zugelassen. Die Gen-Pflanzen produzieren ihre eigenen Insektizide, so genannte Bt-Toxine, welche ihnen Resistenz gegen bedeutende Schädlinge verleihen soll. Unter anderem hoffte man auf eine Unterdrückung des Baumwollkapselbohrers und in der Folge auf verringerten Pestizideinsatz und stabil höhere Erträge.

In den nun zehn Jahren der kommerziellen Nutzung hat sich die Bt-Baumwolle in Indien zunächst nur zögerlich, dann immer schneller durchgesetzt. Mittlerweile stehen auf etwa 90 Prozent der indischen Baumwollflächen gentechnisch veränderte Pflanzen. Die Ausdehnung der Anbauflächen als Indikator für den durchschlagenden Erfolg der Bt-Baumwolle heranzuziehen, greift aber zu kurz. Entscheidend mitgewirkt haben aggressives Marketing und auch die zeitweise Nichtverfügbarkeit GV-freier Alternativen.

Seit 2001 stiegen die Baumwollerträge in Indien fünf Jahre lang um 69 Prozent und in den Folgejahren stabilisierten sich die Erträge auf hohem Niveau. Immer wieder wird versucht, die Ertragssteigerungen der Einführung von Bt-Baumwolle zuzuschreiben. Auf den ersten Blick ist das ein naheliegender Gedanke. Doch fallen die Zuwächse in die Zeit vor Einführung der Bt-Baumwolle oder in deren wenig erfolgreiche Anfangsjahre – die Gen-Pflanzen sind dieser Entwicklung lediglich gefolgt. Zudem bestehen keinerlei Zweifel an den Ursachen. Diese liegen im Wesentlichen in der Einführung von ertragsstarken Hybridsorten, die sich mittlerweile im Baumwollanbau flächendeckend durchgesetzt haben. Bt-Baumwolle basiert ebenfalls auf Hybriden. Zudem konnten mithilfe von Bewässerungssystemen neue Flächen erschlossen und vorhandene Flächen ertragssicher gemacht werden. Die Möglichkeit zur Bewässerung kann im Baumwollanbau den entscheidenden Unterschied machen. Auch die Entwicklung wirksamerer Insektizide half, Erträge zu sichern. Von all diesen Fortschritten profitierte natürlich auch die Gen-Baumwolle.

Farmer in Indien spritzt Pestizide
Pestizideinsatz auf Baumwollfeld in Indien: Die indischen Bt-Gen-Monokulturen
wurden bereits 1995 als „Zeitbombe" bezeichnet.

Anfang Juli 2012 sorgte dennoch eine Studie von Göttinger Agrarökonomen für Rauschen im Blätterwald. Das spektakuläre Ergebnis der Studie: Landwirte, die auf Bt-Baumwolle setzten, erzielten 24 Prozent höhere Erträge und sogar um 50 Prozent höhere Profite als konventionell wirtschaftende Bauern. Die Autoren der Studie ziehen daraus den Schluss, dass der reduzierte Schädlingsbefall in den Gen-Feldern für den Erfolg verantwortlich ist. Nicht nur der Blick in die zuvor geschilderte Historie der Ertragsentwicklung im Baumwollanbau lässt daran zweifeln, auch eine genauere Betrachtung der erhobenen Daten wirft Fragen auf: die Anwender von Bt-Baumwolle konnten mehr Flächen bewässern als ihre konventionell wirtschaftenden Kollegen. Dabei setzten sie mehr Düngemittel ein und investierten auch mehr Arbeitszeit. Profitiert haben dürften sie auch von ihrem höheren Bildungsniveau.

 

Zwar beanspruchen die Verfasser der Studie, diese Effekte mittels statistischer Verfahren weitgehend eliminiert zu haben, doch bestehen erhebliche Zweifel daran, ob dies in landwirtschaftlichen Systemen so möglich ist. Die Möglichkeit zur Bewässerung oder auch eine einzige Management-Entscheidung können hier den Unterschied zwischen Gewinn und Totalausfall ausmachen. Auch könnte das deutlich teurere Gen-Saatgut auf besseren landwirtschaftlichen Flächen eingesetzt worden sein und dies die höheren Erträge erklären. Die gentechnische Veränderung der Pflanzen zumindest kann dies nicht – und mehr noch: in den untersuchten Bt-Feldern wurden genauso viele Pestizide eingesetzt wie in den konventionellen. Eine Reduktion des Spritzmitteleinsatzes geht also nicht zwingend mit dem Anbau von Bt-Baumwolle einher.

Es dürfte Konsens darüber herrschen, dass die gesteigerten Erträge auf Indiens Baumwoll-Feldern der Einführung ertragreicher Hybridsorten geschuldet sind. Sollte zeitweise ein stabilisierender Effekt durch die aufgesetzte gentechnische Veränderung hinzugekommen sein, so ist dieser teuer erkauft: das teurere Gentech-Saatgut, angewandt in intensiveren Systemen, macht die Bauern auch abhängiger vom Ernteerfolg. Missernten fallen dann umso stärker negativ ins Gewicht. In der Tat stagnieren die indischen Baumwoll-Ernten seit 2008 – das Jahr, in dem der Beobachtungszeitraum der erwähnten Studie endet.

Außer Zweifel steht zudem, dass Vorteile von Bt-Pflanzen bestenfalls kurzfristig bestehen: Resistenzbildung bei Schädlingen und das Auftreten sekundärer Schädlinge haben die „Technologie“ bereits vielfach an ihre sehr engen Grenzen geführt. Die Zeitschrift „Nature Biotechnology“ bezeichnete die „indischen Bt-Gen-Monokulturen“ bereits 1995 als eine „Zeitbombe“. Die große Explosion ist in Indien bisher ausgeblieben, vereinzelte Detonationen im Bt-Minenfeld sind aber längst zu verzeichnen. Detaillierte Studien und Befunde gibt es aber zur Genüge aus den USA und China. Die Risiken des Anbaus von Gen-Baumwolle in Süd-Indien sowie die Vorteile der echten Alternative ökologischer Landwirtschaft beleuchtet eine Greenpeace-Fallstudie aus 2010.

Tags
Indien
Format
Analyse

Dirk Zimmermann

Dirk Zimmermann

Dr. Dirk Zimmermann ist Kampaigner im Bereich Nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace Deutschland.


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