Solarkraftwerk Ivanpah in Kalifornien
Benjamin Borgerding
09.01.2017

Erneuerbare Energien: Willkommen in der Zukunft

Zum Jahreswechsel: Ein kleiner Statusbericht zum Stand der Erneuerbaren

Schon klar, Silvester ist auch nur ein Tag wie jeder andere. Die letzte Stelle im Datum ändert sich, aber an der Gesamtsituation ändert sich nichts. Und die Gesamtsituation war 2016 alles in allem eher unerfreulich - wie ich nach einer (nicht repräsentativen) Umfrage in meinem Freundeskreis ermittelt habe. Daran, so der Tenor meiner mehrheitlich pessimistisch veranlagten Freunde am Silvesterabend 2016, werde sich auch im neuen Jahr nichts ändern. Haben sie Recht?

Die Zukunft passiert jetzt

Klimaschutz ist ein ziemlich brauchbarer Indikator dafür, ob sich die Dinge im Allgemeinen zum Guten oder Schlechten entwickeln. Auch hier gab es für das Jahr 2016 einige überaus deprimierende Nachrichten. Doch kurz vor Jahresende veröffentlichte das Weltwirtschaftsforum (WEF) einen Bericht, der mehr Beachtung verdient hätte. Die Seite Quartz schreibt: 

Die Zukunft der Erneuerbaren hat begonnen, sobald es billiger ist, neue Solar-Panels aufzustellen als in Kohle, Gas oder andere Optionen zu investieren. Wenn man das WEF fragt, ist es jetzt soweit.

Eine Kernaussage des Berichts: In 30 Ländern ist es genauso teuer oder sogar billiger, neue  Sonne- oder Windkraftwerke zu bauen statt neue Kraftwerke, die fossile Energiequellen verfeuern. Auch Bloomberg berichtet, dass Solarkraft in weniger als zehn Jahren fast überall auf der Welt preiswerter als Kohleenergie wird. In sonnenreichen Ländern wie Chile und den Vereinigten Arabischen Emiraten werde Solarstrom schon heute bei unter drei Cent je Kilowattstunde gehandelt – die Hälfte des weltweiten Durchschnittspreises für Kohlestrom.

Ivanpah-Kraftwerk in Kalifornien
Sieht wirklich aus wie aus der Zukunft, oder? Das solarthermische Kraftwerk Ivanpah in Kalifornien ist schon 2014 eröffnet worden. Die gigantische Anlage liegt gut 60 Kilometer südwestlich von Las Vegas: 173.500 Spiegel, verteilt auf 13 Quadratkilometer, drei Solartürme, und eine Kapazität von 377 Megawatt - genug, um 140.000 Haushalte mit Strom zu versorgen.

Energiewende in Deutschland stagniert

Auch wenn die Zahlen des WEF optimistisch stimmen: Die Hoffnung, dass der Markt jetzt alles von alleine richtet und keine weiteren Anstrengungen politischer Art notwendig wären, können sie leider nicht bestätigen. Weltweit wurden im letzten Jahr rund 286 Milliarden Dollar in Erneuerbare investiert. Das ist nicht ausreichend, um die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen - geschweige denn um das 1,5 Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen zu erreichen. Die Energy[R]evolution-Studie von Greenpeace veranschlagt die Höhe der nötigen Investionen auf rund eine Billion Dollar jährlich, um die Stromversorgung bis 2050 komplett auf Erneuerbare umzustellen.

Deutschland gilt vielen als Mutterland der Energiewende. Der Anteil der Erneuerbaren am Strommix liegt bei uns bei über 30 Prozent. Doch die Bundesregierung legt keinen gesteigerten Wert auf eine Vorreiterrolle: Mit ihren Novellen des Erneuerbare Energien-Gesetzes (EEG) hat die Bundesregierung den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie in Deutschland erfolgreich ausgebremst. Im Jahr 2016 belief sich der Zubau beim Solarstrom in Deutschland auf 1.200 Megawatt - das ist weniger als die Hälfte des von der Bundesregierung vorgegebenen Ziels von 2.500 Megawatt. Wegen der ungünstigen Wetterverhältnisse lieferten die Erneuerbaren im vergangenem Jahr in etwas genauso viel Strom wie 2015: 186 Terrawattstunden.

Was macht Donald Trump?

Kommen wir auf den "elephant in the room" zu sprechen, der sich anschickt, im Porzellanladen der internationalen Klimapolitik herumzutrampeln: Donald Trump hat bereits feierlich verkündet, dass Pariser Abkommen auszuhebeln. Mit allerlei Personalentscheidungen hat er dieser Absicht Nachdruck verliehen: Zum Außenminister etwa wird er Rex Tillerson machen, der für dieses Amt seinen Chefsessel beim weltgrößten Erdölkonzern ExxonMobil räumt.

Dass sich Trump vom Saulus zum Klima-Paulus wandelt, ist schwer vorstellbar. Dennoch muss man auch mit Blick auf die USA den Kopf nicht in den Sand stecken: Nach Zahlen der Energy Information Administration wurden in den USA im Jahr 2016 Photovoltaik-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 9,5 Gigawatt (GW) ans Netz angeschlossen. Die US-Solarindustrie rechnet vor, dass in den USA bis zu 125 Solar-Panels installiert wurden - pro Minute! Sehr viele Geschäftsleute in den USA haben also erkannt, dass sich Investitionen in Erneuerbare lohnen. Trump geriert sich gern als knallharter Verhandler, der sich nicht über den Tisch ziehen lässt. Wenn er diesen Nimbus nicht verspielen will, dann wäre er gut beraten, die handfesten wirtschaftlichen Argumente für die Erneuerbaren nicht zu ignorieren.

Climate Leader China? 

Der Klimawandel wurde von Trump als großer Schwindel bezeichnet, den originellerweise China erfunden hat, um die US-Wirtschaft zu schädigen. Das ist China so überzeugend gelungen, dass die Regierung in Peking gleich selbst drauf reinfällt: Erst gerade hat sie angekündigt, bis zum Jahr 2020 343 Milliarden Dollar in Erneuerbare (und leider auch Atomkraft) zu investieren - obgleich diese Entscheidung nicht ausschließlich mit Klimaschutz zusammenhängt, sondern auch mit der miesen Luftqualität in Chinas Städten. 

Nach der Wahl Trumps waren die Zeitungen voll von Überschriften, die China zum neuen "Climate Leader" erklärten. Trump mag vieles nicht, aber China kann er besonders schlecht leiden. Headlines, die seinen Lieblingsfeind zum "leader" erklären - egal für was - könnten also durchaus seinen Ehrgeiz wecken. Vielleicht überrascht uns Präsident Trump eines schönen Tages mit einem Spontan-Tweet, der ungefähr in diese Richtung geht: "China climate leader? NO WAY! America will OUTSPEND China on RE! #MAGA!"

Es gibt also durchaus Gründe, optimistisch ins neue Jahr zu gehen! 

 

Topic
Klimawandel

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding (*1982) hat in Frankfurt am Main Anglistik und Medienwissenschaften studiert.


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