27.04.2017

5 Gründe für unseren Protest gegen Nivea

Alle konventionellen Kosmetikhersteller setzen auf Plastik. Warum unsere Kampagne vor allem Nivea in den Fokus rückt, erklärt unsere Expertin Sandra Schöttner.

Sandra Schöttner erklärt, warum Nivea, eine der beliebtesten deutschen Marken, ein unschönes Plastik-Problem hat – und warum die Rechtfertigungsversuche des Herstellers Beiersdorf unzureichend sind.

Als Meeresbiologin beschäftigt mich die Verschmutzung der Ozeane durch Mikroplastik schon lange. Dabei geht mir vor allem eines nicht mehr aus dem Kopf: Was jetzt im Meer landet, können wir nie mehr vollständig rausholen – erst recht nicht wenn es sich dabei um winzig kleine Teilchen handelt, ganz zu schweigen von Flüssigkeiten! Ein echtes Ärgernis sind deshalb für mich die zahlreichen Alltagsprodukte, die Mikrokunststoffe in fester, flüssiger oder anderer Form enthalten – und täglich über den Abfluss in unsere Flüsse und Meere gelangen. Das betrifft vor allem Kosmetik- und Pflegeprodukte, aber auch Reinigungs- und Waschmittel.

Deshalb nimmt Greenpeace gerade eine sehr bekannte und beliebte Marke ins Visier: Nivea (www.greenpeace.de/plastik-in-nivea). Warum ausgerechnet Nivea?

Warum Nivea?

Hier eine Auswahl der 5 besten Gründe:

  1. Beiersdorf bewirbt seine Produkte aktiv als "Mikroplastik-frei" und nennt die Stoffe darin "unbedenklich" - dabei enthalten Nivea-Produkte Mikrokunststoffe, die nachweislich umweltschädlich sind.

  2. Die Beiersdorf-Traditionsmarke Nivea steht seit über 100 Jahren für Verantwortung, Sicherheit und Verbrauchernähe - und genießt in der Bevölkerung hohes Vertrauen. Wer so ein Image führt, muss entsprechend handeln!

  3. Beiersdorf schiebt die Verantwortung beim Thema Mikroplastik ab und verlässt sich darauf, dass andere die Probleme lösen, die das Unternehmen mit seinen eingesetzten Mikrokunststoffen verursacht.

  4. Beiersdorf ist aktiv an der Trickserei im "Kosmetikdialog" beteiligt. Mit der eingeschränkten Definiton von Mikroplastik führt Beiersdorf das Greenwashing der konventionellen Kosmetik-Industrie gegenüber Verbrauchern an.

  5. Beiersdorf ist mit seiner Weltmarke Nivea ein Marktführer und hat die Macht, Alternativen zu Mikrokunststoffen in Kosmetik zu entwickeln und die Branche zu verändern. Dieser Verantwortung müssen Beiersdorf gerecht werden.

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Beiersdorf / Nivea betreibt Greenwashing

Erst kürzlich überprüften wir sämtliche deutsche Hersteller konventioneller Kosmetik- und Körperpflegeprodukte in Sachen Mikroplastik bzw. Kunststoffe. Dabei fiel uns auf, dass ausgerechnet der Nivea-Hersteller Beiersdorf, der sich Verantwortung, Vertrauenswürdigkeit und Innovationskraft groß auf die Fahnen schreibt, seine Kundschaft offensichtlich für dumm verkauft. Denn in Nivea-Produkten werden nach wie vor feste Plastikpartikel sowie Mikrokunststoffe in flüssiger und anderer Form eingesetzt, obwohl Beiersdorf angeblich „Mikroplastik-frei“ produziert. Die Rede ist hier von Kunststoffen, die nachweislich umweltschädlich oder sogar gesundheitsschädlich sind – aber auch von Kunststoffen, bei denen in vielen Fällen überhaupt nichtzweifelsfrei klar ist, ob sie umweltverträglich sind.  Wie kann das sein bei einem Unternehmen, das explizit Wert auf „langfristigen ökologischen Einfluss von Produkten“ legt?

Am Beispiel Nivea zeigt sich deutlich, warum die freiwillige Selbstverpflichtung der Kosmetikindustrie, auf Mikroplastik zu verzichten, letztlich nicht viel mehr als Greenwashing ist – und das sogar mit dem Segen der Bundesregierung. Dazu noch später. Sehen wir uns erstmal den Fall Nivea genauer an:

Nivea trickst beim Verzicht auf Plastik in seinen Produkten

Beiersdorf wirbt ausdrücklich mit Pflege ohne Mikroplastik. Natürlich ist bei den meisten Herstellern mittlerweile angekommen, dass Mikroperlen und Silikone keine Verkaufsargumente sind – sondern Gründe, ein Produkt rigoros im Regal stehen zu lassen. Beiersdorf greift deshalb auf einen Trick zurück: Weil es keine offizielle, international gültige Definition von Mikroplastik gibt, orientiert sich der Nivea-Hersteller an der einfachsten Variante und verzichtet nach eigener Aussage lediglich auf:

„Feste, nicht abbaubare Kunststoffpartikel (fast ausschließlich Polyethylen-Partikel) mit einer Größe kleiner als 5 mm, die in abzuspülenden kosmetischen Produkten aufgrund ihres Reinigungs- und Peelingeffekts eingesetzt werden“

Interessant ist, was hier zwischen den Zeilen steht:

„Feste, nicht abbaubare Kunststoffpartikel“: Beiersdorf verzichtet also nur auf feste Partikel. Doch was ist mit all den flüssigen, wachs- und gelartigen Mikrokunststoffen? Fakt ist: Beiersdorf setzt viele Kunststoffe ein, die nicht explizit zum Spektrum der festen Partikel gehören, wie zum Beispiel Acrylate Copolymer, Polyquaternium oder auch sämtliche Silikone. Und: Sogar feste Partikel kommen noch immer zum Einsatz (siehe nächster Punkt).

„Fast ausschließlich Polyethylen-Partikel“:  Beiersdorf spart sich also nur die Partikel aus Polyethylen. Doch was ist mit anderen Kunststoffpartikeln, wie zum Beispiel aus Nylon? Fakt ist: Beiersdorf setzt weiterhin feste Nylonpartikel ein – das hat das Unternehmen Greenpeace gegenüber schriftlich bestätigt.

In „abzuspülenden Produkten“: Beiersdorf beschränkt sich also nur auf die sogenannten „Rinse Off-Produkte“ wie Peeling, Duschgel oder Shampoo, die gleich noch während der Anwendung wieder von Haut und Haaren abgewaschen werden. Doch was ist mit den vielen anderen, sogenannten „Leave-on“-Produkten, wie Creme, Lotion oder Haarspray, die vorerst auf Haut und Haaren bleiben und zu einem späteren Zeitpunkt, wie etwa beim Duschen, wieder abgespült werden? Fakt ist: Beiersdorf setzt auch in solchen Produkten Mikrokunststoffe in fester, flüssiger und anderer Form ein – und das nicht zu knapp.

Nivea-Produkte enthalten Kunststoffe, die nachweislich umweltschädlich sind

Besonders bitter wird es, wenn es um die Frage geht, was es eigentlich mit den Mikrokunststoffen auf sich hat, die in Nivea-Produkten stecken, aber nicht unter die stark eingeschränkte Mikroplastik-Definition des Unternehmens fallen. Beiersdorf selbst sagt dazu:

„Sie [flüssige und gelartige synthetische Polymere, Anm. d. Red.] sind auch nicht Teil des Problems der Wasserverschmutzung. Uns sind keine wissenschaftlichen Studien bekannt, in denen berichtet wird, dass diese Stoffe in der Umwelt Schäden verursachen.“ 

Tatsächlich ist über die Auswirkungen von flüssigen, gel- und wachsartigen Mikrokunststoffen weitaus weniger bekannt als zum Beispiel von festen Kunststoffpartikeln. Aber die verdrehte Logik der Beiersdorf-Antwort macht mich wirklich wütend. Warum sollte es in Ordnung sein, Inhaltsstoffe einzusetzen, ohne zu wissen, welche Auswirkungen sie in der Umwelt haben?  Es muss umgekehrt sein! Inhaltstoffe sollten erst dann verwendet werden, wenn zweifelsfrei nachgewiesen ist, dass sie umweltverträglich sind – das nennt sich Vorsorgeprinzip und ist ein wesentlicher Bestandteil der Umwelt- und Gesundheitspolitik in der EU.

Die Krux: Hersteller testen Umweltverhalten und Umweltverträglichkeit der von ihnen eingesetzten Mikrokunststoffe oft überhaupt nicht oder nur unzureichend, denn sie sind gesetzlich nicht dazu verpflichtet. Und falls sie es doch tun, dann halten sie die Ergebnisse meistens unter Verschluss. Einige der Kunststoffe gelten aber sehr wohl als langlebig, giftig oder bioakkumulierend – und kommen auch in Nivea-Produkten vor.

Da geben wir Beiersdorf gerne mit ein paar Beispielen Nachhilfe:

  • Polyquaternium-16 –  ist nicht biologisch abbaubar, wird von Klärwerken nicht vollständig zurückgehalten und gilt als sehr giftig für Wasserorganismen (Produkt-Beispiel: Nivea Haarmilch Sprühkur)
  • Cyclomethicone – ist nicht biologisch abbaubar, steht unter Verdacht, sich in Wasserorganismen anzureichern, und gilt, wie andere D4 bzw. D5-Silikone, als gesundheitsschädlich (Produkt-Beispiel: Nivea Cellular Anti-Age Pflegeperlen)
  • Nylon-12 – ist nicht biologisch abbaubar und kann sich, wie viele andere Plastikpartikel, in Speisefischen und Meeresfrüchten anreichern (Produkt-Beispiel: Nivea Q10plus Anti-Falten Augenpflege)

Kläranlagen – sofern überhaupt vorhanden – halten das Plastik nicht vollständig auf

Beiersdorf gehört anscheinend auch zu jenen Unternehmen, die sich gerne darauf verlassen, dass andere die Sache für sie bereinigen – im wahrsten Sinne des Wortes. So argumentiert Beiersdorf:

„Auch wenn sie [flüssige und gelartige synthetische Polymere, Anm. d. Red.] nicht leicht biologisch abbaubar sind, können sie durch die Technologien in Kläranlagen aus dem Abwasser entfernt werden (z.B. durch Flockungsmittel).“ 

Tatsächlich können einige der Mikrokunststoffe in Kläranlagen zurückgehalten bzw. ausgeflockt werden. Aber: Wie effektiv das geschieht, hängt sehr stark von der jeweiligen Polymersorte ab – und nicht zuletzt auch von der Ausstattung jeder einzelnen Kläranlage. Oft ist diese nicht ausreichend! Erst recht nicht, wenn es keine vierte Reinigungsstufe gibt – was derzeit in Deutschland leider noch die Regel ist. Einen Eindruck davon, wie unterschiedlich die Rückhaltekapazität von Klärwerken für beispielsweise feste Plastikpartikel sein kann, verdeutlichte erst kürzlich eine Studie des Alfred-Wegener-Instituts. Und auch für flüssige, wachs- und gelartige Mikrokunststoffe gibt es verschiedene Hinweise darauf, dass sie nicht vollständig aus Abwässern entfernt werden können.

Und nicht zu vergessen: In vielen Ländern weltweit gibt es überhaupt keine Kläranlagen – aber Produkte der Weltmarke Nivea, die dort ebenfalls täglich ins Wasser gespült werden.

Die Industrie trickst, die Politik muss endlich handeln!

Auch andere deutsche Markenhersteller konventioneller Kosmetik- und Körperpflegeprodukte setzen Mikrokunststoffe ein. Da ist Beiersdorf sicherlich nicht alleine. Die meisten dieser Unternehmen sind am „Kosmetikdialog“ mit der Bundesregierung beteiligt – einem Industriedeal mit zahlreichen Schlupflöchern, der es den Herstellern letztlich ermöglicht, Produkte Mikroplastik-frei zu nennen, aber dennoch Mikrokunststoffe aller Art einzusetzen. Dieser Umgang der Kosmetikindustrie mit dem Thema Mikroplastik ist inakzeptabel! Und schlichtweg eine Verbrauchertäuschung. Gerade deshalb sollte Beiersdorf echte Verantwortung zeigen, indem es als erster Markenhersteller national und international mit gutem Beispiel vorangeht und wirklich „plastikfreie“ Körperpflege anbietet. Es ist möglich – das zeigen namhafte Hersteller zertifizierter Naturkosmetik bereits sehr erfolgreich. Wenn nicht Beiersdorf als marktführendes Unternehmen es schaffen kann, wer dann?

Letztlich muss es jedoch auf eine einheitliche, faire Lösung hinauslaufen: Wir brauchen dringend ein gesetzliches Verbot von Mikrokunstoffen in Produkten, die ins Abwasser gelangen, also eine umweltoffene Anwendung haben. Sämtliche, vor allem aber langlebige, giftige und/oder bioakkumulierende synthetische Polymere dürfen nicht mehr eingesetzt werden  – und zwar unabhängig von Polymersorte, Aggregatzustand/ Formmasse (zum Beispiel fest, suspendiert, flüssig, wachs- oder gelartig), Größenbegrenzung, Löslichkeit oder auch Funktion im Produkt. Nur so können Bundesregierung, Hersteller und nicht zuletzt auch wir Verbraucher vermeiden, dass Mikrokunststoffe nicht zum Problem unsere Flüsse und Meere werden.

Unterstütze unsere Kampagne für Meere ohne Plastikmüll

  1. Hilf uns, Beiersdorf zu überzeugen, echte Verantwortung zu tragen und als erster konventioneller Markenhersteller national und international wirklich „plastikfreie“ Körperpflege anzubieten. Nivea Deutschland erreichst du z.B. über Facebook, auf Twitter, auf Instagram oder telefonisch unter 040 / 4909 9222
  2. Fordere mit uns ein gesetzliches Verbot von Mikrokunststoffen in Produkten, die ins Abwasser gelangen können! Schick eine Protestmail an Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD)

Ihr bekommt Rückmeldung von Nivea und habt Zweifel, ob das so korrekt ist? Stellt eure Fragen an uns über die Kommentar-Funktion!

 

Quelle der Zitate: Greenpeace-Firmenabfrage 2016/2017, schriftliche Antwort von Beiersdorf; Nivea-Webseite: https://www.nivea.de/beratung/faq/mikroplastik-faq



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