Eisbären
Larissa Beumer
16.10.2015

Wie wir Shell aus der Arktis vertrieben haben

Und Shell bewegt sich doch!

Am 28. September 2015 verkündete Shell, in „absehbarer Zukunft“ keine Ölbohrungen in den arktischen Gewässern vor der Küste Alaskas mehr durchführen zu wollen. Diese Entscheidung ist ein riesiger Erfolg für die Millionen Arktisschützer weltweit, eine Belohnung für vier Jahre Protest gegen die Pläne des Ölkonzerns. Das Facebook-Fotoalbum zeigt daraus eine kleinen Ausschnitt:

Shell will uns glauben machen, dass die Entscheidung rein wirtschaftlich motiviert war. Niedrige Ölpreise, hohe Kosten und ergebnislose Probebohrungen haben auch sicher eine Rolle gespielt. Aber unter vier Augen haben Shell-Führungskräfte zugegeben, „dass die Proteste eine größere Rolle gespielt haben als erwartet und den Ruf des Konzerns geschädigt haben“. 

Wir sind davon überzeugt, dass sich die Kraft einer Bewegung selbst gegen die mächtigsten und finanzstärksten Gegner durchsetzen kann. Und so hat die Bewegung für den Schutz der Arktis dazu beigetragen, dass sich Shell aus der Arktis zurückzieht:

1. Unnachgiebige Überprüfung

Shell selbst hat erklärt: Ein Hauptgrund für den Rückzug aus der Arktis waren die “herausfordernden und unvorhersehbaren Umweltauflagen der Regierung“. Damit meint der Konzern die nervtötenden Bestimmungen und Anforderungen zum Schutz der Tierwelt sowie zum sicheren Betrieb der Anlagen. 

Wir haben intensiv und rigoros den Regulierungsprozess überprüft und damit sichergestellt, dass Shell nicht durch Schlupflöcher ausweichen konnte. Wir haben Protestmails an Präsident Obama geschrieben und sind gemeinsam mit anderen Umweltschutzorganisationen juristisch gegen Shells Pläne vorgegangen. In dem Zusammenhang sei an Shells "Walrusgate" erinnert: Weil Shell gesetzliche Bestimmungen zum Schutz der Walross-Population in der Region einfach „vergessen“ hatte, konnte der Konzern in diesem Jahr nur die Hälfte der geplanten Probebohrungen durchführen.  

Wir haben dafür gesorgt, dass sich Shell und die US-Regierung stets bewusst waren, dass die Augen der Welt auf sie gerichtet sind, und dass der Konzern den rechtlichen und regulatorischen Standards gerecht werden musste. 

2. Image-Schaden

Die „Save the Arctic“-Bewegung hat Shell einen hohen Imageverlust beschert, indem sie die Pläne des Konzerns ins internationale Rampenlicht zerrte. Dieser Druck und die negative öffentliche Meinung haben letzten Endes gewirkt. Firmen wie Shell können im Social Media-Zeitalter nicht mehr mit der stillschweigenden Akzeptanz der Bevölkerung rechnen und ungestört den Planeten zerstören.

Ein Spot von Greenpeace International im Rahmen der Kampagne, mit der
Lego zu einem Ende der Kooperation mit Shell bewegt wurde,

Wir haben uns gezielt die Markenkooperationen vorgeknöpft, mit denen Shell sein Image aufzumöbeln versucht. Weltweit ist ein Video von Protesten während eines Formel 1-Rennens (Sponsor: Shell) zum Viral-Hit geworden. Und der Spielzeughersteller Lego kündigte die über 50 Jahre währende Zusammenarbeit mit Shell nach einem öffentlichen Aufschrei. 

Das Image des Konzerns litt auch darunter, dass wir immer wieder an Shells peinliche und gefährliche Pannenserie (vor allem im Jahr 2012) erinnert haben, die Scheinheiligkeit von Shells Lippenbekenntnissen zum Klimaschutz aufgedeckt haben und wir die Unterstützung von einflussreichen Personen des öffentlichen Lebens gewinnen konnten. 

3. Wandel der Wahrnehmung 

Millionen von Menschen haben nicht locker gelassen und sich an Protesten gegen Shell beteiligt. Sie haben Petitionen unterschrieben, Facebook-Posts geteilt, an Greenpeace gespendet, mit Kunstwerken protestiert oder ehrenamtlich geholfen. Dadurch wurden die unverantwortlichen Vorhaben von Shell in der Arktis immer bekannter.

Portland-Protest gegen Arktis-Öl
An der St. Johns-Brücke in Portland demonstrierten Greenpeace-Aktivisten im Juli 2015 gegen das
Auslaufen des Shell-Eisbrechers Fennica, der wegen eines Schadens im Rumpf gewartet werden musste.

Die großen mutigen, direkten Aktionen einiger engagierter Arktisschützer (etwa bei den Brücken-Protesten in Portland) haben die Welle des Widerstandes gegen Shell immer größer gemacht. 

Der öffentliche Druck auf Shell hat dazu geführt, dass Ölbohrungen in arktischen Gewässern zu einem Thema für die Politik wurden. Zwei US-Präsidentschaftskandidaten, Hillary Clinton und Bernie Sanders, sprachen sich zuletzt gegen die Ölbohrungen aus. Shell war plötzlich mit der realen Möglichkeit konfrontiert, dass der bzw. die nächste PräsidentIn der USA #ShellNo sagen würde.

4. Druck auf Investoren

Shell ist seinen Aktionären gegenüber rechenschaftspflichtig. Deswegen haben wir uns unsere Botschaften auch an diejenigen gerichtet, die Entscheidungen der Manager des Konzerns beeinflussen. 

Zusammen mit anderen haben wir Investoren-Briefings verfasst, um Shells Arktis-Pläne als schlechtes Investment zu brandmarken. Mit Verbündeten aus Alaska, Mae Hank und Faith Gemmill von REDOIL, besuchten wir die Jahreshauptversammlung Shells und stellten gemeinsam mit Aktionären unbequeme Fragen.

Auch diese finanziellen Argumente zeigten Wirkung. Wie das Wall Street Journal nach Shells Rückzugs-Ankündigung feststellte: “Sowohl Investoren als auch Umweltaktivisten haben etwas zu feiern.”

5. Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen

Zuletzt noch ein paar Sätze zu einem leicht unterschätzten, aber ungemein wichtigen Schlüssel zum Erfolg, unserer Beharrlichkeit.

Emma Thompson und Aurora in London
Nach Shells Ankündigung, die Bohrungen in der Arktis einzustellen, zogen Greenpeace-
Unterstützer (unter ihnen auch die Schauspielerin Emma Thompson) die Eisbärpuppe
Aurora weg von der Shell-Zentrale in London - genau wie angekündigt.

Wir haben angekündigt, dass wir den ganzen August über – und zwar JEDEN Tag - ein Arktis-Requiem vor den Shell-Büros in London spielen würden – und genau das haben wir gemacht. Wir haben erklärt, dass “Aurora”, unsere riesige Eisbär-Puppe, so lange mahnend vor der Shell-Zentrale ausharren würde, wie Shell in der Arktis nach Öl bohrt. Und es genauso gemacht. Das sind nur zwei Beispiele aus einer jahrelangen globalen Kampagne, die von vielen verschiedenen Gruppen und Organisationen getragen wurde.

Shell hat gesehen, dass mehr als 7 Millionen Menschen überall auf der Welt #ShellNo erklärt haben und die Bewegung von Jahr zu Jahr stärker wurde. Der Konzern hat deutlich zu spüren bekommen, mit welcher Kreativität und Entschlossenheit, mit welchem Mut und persönlichem Engagement sich die Menschen für die Arktis eingesetzt haben. 

Und dann hat Shell zuerst geblinzelt. 

Letztendlich hatte die Arktisschutz-Bewegung wohl etwas, das Shell nicht hat: Ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt.

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Dieser Text orientiert sich an dem Blogbeitrag "5 Ways that People Power Helped Defeat Shell".

Unterzeichnet die Schützt die Arktis-Petition hier: www.savethearctic.org 

 

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Arktis
Format
Analyse

Larissa Beumer

Larissa Beumer

Larissa Beumer (*1987) hat Geographie in Berlin und Global Change Management in Eberswalde studiert.


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