Dirk Zimmermann
25.05.2016

Agrar-Monopoly mit Bayer und Monsanto

Der Chemieriese Bayer will den Pestizidkonzern Monsanto kaufen - die Verlierer stehen jetzt schon fest

Bayer will Monsanto kaufen. Als ich das gelesen habe, habe ich wie viele andere aufgehorcht. Zwar hat der US-Konzern das 62-Milliarden-Dollar-Angebot aus Leverkusen nun erst einmal abgelehnt – wohl um in „konstruktiven Gesprächen“ einen noch höheren Preis zu erzielen. Aber klar ist schon jetzt: Es geht um mehr als nur eine Randnotiz aus dem Wirtschaftsressort.

Für jede/n der/die sich im Umwelt- und Verbraucherschutz engagiert, ist die mögliche Übernahme mindestens so relevant wie für die Aktionäre der beiden Konzerne. Denn beide Unternehmen setzen auf ein Geschäftsmodell, dass über Saatgut und Pestizide auf ein Modell industrialisierter Landwirtschaft setzt, das zu Lasten von Mensch und Umwelt geht.

Mit einer möglichen Fusion könnte sich der Trend zur Konzentration der Agrarmärkte weiter verschärfen. Im vergangenen Jahr hatte bereits ChemChina den Schweizer Agrarriesen Syngenta übernommen, DuPont und Dow stehen kurz vor der Zusammenlegung ihres Geschäfts. Immer weniger Großkonzerne kontrollieren damit schon jetzt einen Markt, auf dem wegen der begrenzten landwirtschaftlichen Nutzflächen kein unbegrenztes Wachstum möglich ist. „Wachstum nur durch Übernahme“ so könnte man die aktuelle wirtschaftliche Logik beschreiben. Und die hat fatale Folgen:

  • die zunehmende Monopolisierung führt zur Fokussierung auf wenige Pflanzensorten, die Landwirtschaft wird noch abhängiger von immer weniger Anbietern, die die Preise für Saatgut und Agrarchemikalien diktieren können.
  • Die Forschungsausrichtung der Konzerne wird einseitiger. Und sie dürfte in der Pflanzenzüchtung nicht unbedingt darauf ausgelegt sein, das eigene Chemie-Geschäft in Frage zu stellen. Konzerne, die in beiden Bereichen stark aufgestellt sind, haben kaum ein Interesse daran, Lösungen wie zum Beispiel robuste Sorten zu entwickeln, die den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft reduzieren könnten.

Mit Bayer und Monsanto könnten sich nun zwei Konzerne zusammentun, deren Produktpaletten perfekt zueinander passen. Bayer ist bisher stark positioniert am Pestizidmarkt, Monsanto´s Weltmarktführerschaft am Saatgutmarkt würde via Fusion noch ausgebaut. Monsanto-Bayer wäre als Megakonzern die globale Nummer eins – für Saatgut und Agrargifte. Und diese Position würde sich sicher auch auf politische Einflussnahme auswirken, sprich: Das neue Unternehmen würde seine Macht gekonnt ausspielen.

Kauft hier ein guter Konzern einen bösen?

Manch einer hofft vielleicht, durch die Übernahme durch ein "gutes" Unternehmen würde sich das Problem "Monsanto" erledigen. Ich glaube aber, von "gut" kann bei beiden Unternehmen keine Rede sein. So kritisch man auf das Geschäftsmodell und die Praktiken von Monsanto gucken muss – auch Bayer ist alles andere als ein vorbildlicher Konzern. So hat Bayer bei bienengefährlichen Insektiziden Monsanto sogar einiges „voraus“, sonst aber viel mit dem US-Konzern gemeinsam. Nur hat man sich in Leverkusen erfolgreich aus den Gentechnik- und Patentdebatten heraushalten können.

Gegen die fuer Bienen gefaehrlichen Pestizide protestieren Greenpeace-Aktivisten bei der Aktionaershauptversammlung des Chemiekonzerns Bayer in Koeln

Monsantos mieses Image, das Bayer sich mit dem Konkurrenten ins Haus holen würde, beruht zweifelsfrei auch auf dem aggressiven Verhalten des Konzerns bei der Durchsetzung seiner Interessen. Hunderte Landwirte in den USA sind von Monsanto mit Klagen wegen der „Verletzung geistigen Eigentums“ überzogen worden - hunderte Millionen Dollar wurden eingeklagt oder sind über außergerichtliche Einigungen an Monsanto geflossen. Derartige Praktiken hat Bayer zwar bisher nicht bemüht – doch Patente auf Saatgut haben beide Konzerne. Auch die Übernahme von Monsanto-Methoden könnte in Leverkusen zum Thema werden. Bayers Ruf wäre mit der Übernahme des „unbeliebtesten Konzerns der Welt“ ohnehin schon ruiniert.

Das Brokkoli-Patent der Monsanto-Tochter Seminis wurde zum Präzedenzfall für die Frage der Patentierbarkeit von konventionellem Saatgut und Züchtungsmethoden. Mehr Infos: http://www.greenpeace.de/themen/gekoepfter-brokkoli-patent-fuer-monsanto

 

Unheilvolle Lobby für Gentechnik und Glyphosat

Monsantos Image ist untrennbar mit Gen-Pflanzen und dem meistverbreiteten Agrargift der Welt verbunden: Glyphosat. Doch auch hier ist Bayer schon aktiv: genau wie Monsanto hat Bayer Gen-Saaten im Angebot, die wie Monsanto´s „Roundup-Ready“-Pflanzen so manipuliert sind, dass sie den Konzern-eigenen Pestiziden wiederstehen. Und auch Bayer verkauft Glyphosat-haltige Spritzmittel. In einem fusionierten Bayer-Monsanto-Megakonzern würden daher auch gleiche Interessen in Sachen Gift und Gentechnik zusammengeführt und verstärkt.

... der Druck in Sachen Glyphosat dürfte steigen

Noch mehr Agrochemie- und Saatgut-Industrie vor der Haustür würde den Einfluss auf die Entscheidungsträger in Deutschland und Europa weiter wachsen lassen. Der zunehmende Lobbydruck dürfte die aktuelle Situation verschärfen, in der Teile der Bundesregierung schon heute Politik für Konzerne, und nicht im Sinne von Umwelt und Verbrauchern machen. Das war in der Vergangenheit bei Gentechnik der Fall, und wird aktuell in der Debatte über Glyphosat erneut deutlich: nur das Nein der SPD hat bisher die deutsche Zustimmung zur Wiederzulassung verhindert.

Doch nicht nur der Druck in Sachen Glyphosat dürfte steigen, wenn Monsanto nicht mehr nur der amerikanische Konkurrent der heimischen Industrie ist. Nachdem es jahrelang keine Anbauzulassungen für Genpflanzen gegeben hat, strenge Kennzeichnungsregeln und Nulltoleranz für Gentechnik-Kontaminationen im Saatgut gelten, könnte auch die Gentechnik-Debatte in der EU neue Dynamik bekommen. Noch 2015 haben Deutschland und 16 weitere Staaten den Anbau von Gen-Mais auf ihrem Gebiet vorerst verhindert, allerdings nur dank der Gnade der Gentechnik-Konzerne (unter anderem Monsanto), die zugestimmt haben, die entsprechenden Länder aus ihren Zulassungsanträgen herauszunehmen. Eine Entscheidung, die bei zukünftigen Anträgen schon ganz anders ausfallen, und bei verstärktem politischem Engagement der Gentechnik-Konzerne auch neue Anbauzulassungen wieder auf die Tagesordnung der Politik bringen könnte.

Sollten die Zeitungen demnächst tatsächlich titeln „Bayer kauft Monsanto“, wäre das eine schlechte Nachricht für die Umwelt, für die Verbraucher und für die Landwirte weltweit. Eines weiß ich schon jetzt: Der mögliche neue Großkonzern kann sich sicher sein, dass wir noch stärker als bisher für eine wirkliche Wende in der Agrarpolitik streiten werden. Die Zukunft gehört weder Bayer, noch Monsanto, sondern einer ökologischen Landwirtschaft ohne Gift und Gentechnik.

Format
Analyse

Dirk Zimmermann

Dirk Zimmermann

Dr. Dirk Zimmermann ist Kampaigner im Bereich Nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace Deutschland.


Weitere Beiträge zum Thema


Diskutiere mit uns

Bitte einloggen oder registrieren, um Kommentare zu schreiben.