Erderhitzung im Fadenkreuz
28.06.2019

Erderhitzung und Sicherheit: Warum tun die Staaten so wenig gegen die Klima-Katastrophe?

Wenn man auf den Klimawandel schießen könnte, wäre die Welt schon gerettet

Wenn ein Autor möchte, dass ihm die Leser nicht sofort abspringen, sollte er sich am Anfang eines Textes um Originalität bemühen. Ein ganz schlechter Einstieg wäre insofern der Satz: „Der Klimawandel ist eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit.“ Wir wissen schließlich längst, dass wir geradewegs auf einen Abgrund zusteuern und heizen trotzdem voll Karacho weiter.

Eine Gefahr nach dem Geschmack der Militärs

Wären es Aliens, die das Leben auf der Erde bedrohen würden, wäre unser kleiner blauer Planet vielleicht schon gerettet. Staaten würden auf ihre Differenzen pfeifen und Seite an Seite gegen die Bedrohung aus dem All kämpfen - so wie in Independence Day von Roland Emmerich. Bei der Bekämpfung der Erderhitzung scheuen die Länder vor allzu großem Gemeinsinn zurück, obwohl sich der Klimawandel um Ländergrenzen genauso wenig schert wie außerirdische Invasoren. Aliens wären eine existenzielle Bedrohung ganz nach Geschmack des Militärs, ihnen wäre noch mit guter alter Feuerkraft beizukommen. Dem Hyperobjekt Klimawandel kann man leider keine Zielscheibe umhängen.

Mindestens 100 Milliarden Euro: Soviel wird das neue europäische Kampfjetsystem Future Combat Air System (FCAS) kosten, für das die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kürzlich grünes Licht gegeben hat. Die Ministerin verspricht, das deutsch-französisch-spanische Gemeinschaftsprojekt biete Sicherheit in einer unsicherer werdenden Welt: "Es ist wichtig, dass wir gemeinsam Vorsorge treffen.“

Laut Brigadegeneral Christian Leitges ist FCAS an "künftigen Einsatzerfordernissen 2040+" ausgerichtet. Die Abwehr von Ufos zählt er vermutlich nicht zu einem solchen Erfordernis. Dass die Welt 2040+ unsicherer wird, hat andere Gründe und viele davon hängen eng mit der Erderhitzung zusammen – etwa Konflikte um Ressourcen, Lebensmittelknappheit und Flucht. Mancherorts wird der Klimawandel als Risikomultiplikator beschrieben. Auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung heißt es: „Dort wo [der Klimawandel] mit anderen Stressfaktoren, wie Bevölkerungswachstum, ökonomische Schocks [sic], Urbanisierung, Umweltdegradation und steigender Ungleichheit, zusammentrifft, kann der kombinierte Druck Gesellschaften und Staaten überfordern.“ Der Begriff Risikomultiplikator verschleiert, dass der Klimawandel selbst ein Stressfaktor und ursächlich für das Entstehen anderer Stressfaktoren ist. Das wird am Beispiel Migration und Flucht besonders deutlich: Immer mehr Menschen verlieren ihre Heimat bereits jetzt wegen klima- und wetterbedingter Katastrophen. Die Prognosen für das Jahr 2050 bewegen sich in einem breiten Korridor zwischen 25 Millionen und bis zu einer Milliarden Menschen auf der Flucht. Wie viele es letztlich werden, hängt entscheidend davon ab, was wir in den nächsten Jahren gegen die Erderhitzung unternehmen.

Ursachen bekämpfen oder Symptome behandeln?

Wir brauchen Vorsorge. Da hat Ursula von der Leyen Recht. Allerdings schwebt ihr die falsche Art von Vorsorge vor. Es gibt zwei Vorsorgekonzepte: Entweder man versucht dafür zu sorgen, dass es nicht zum Schlimmsten kommt; das ist das eigentliche Vorsorgeprinzip. Oder man macht sich auf das Schlimmste gefasst und überlegt sich, wie man darauf reagiert. Entweder man lässt sich impfen, oder man packt sich den Schrank voll mit Aspirin. Entweder man tut alles dafür, dass wir eine bewohnbare Erde behalten, oder man baut cloudbasierte Kampfjetsysteme, die uns die Unsicherheiten einer unbewohnbaren, chaotisch gewordenen Welt vom Hals halten. Die meisten Mediziner wären der Meinung, dass keine Grippe zu bekommen der nachträglichen Behandlung ihrer Symptome vorzuziehen ist. Beim planetaren Fieber handeln wir genau andersrum.

Nach dem Soziologen Ulrich Beck ist das Risikomanagement die Hauptbeschäftigung von Staaten in der postindustriellen Moderne. Aus dieser Perspektive konkurrieren beide Vorsorgekonzepte letztlich um Steuergelder, die dem Staat zum Risikomanagement zur Verfügung stehen. Jeden Euro, den ein Staat in das Militär investiert, könnte er prinzipiell auch in die Energiewende stecken. Die Ausgaben für Rüstung steigen weltweit. 1,8 Billionen Dollar haben die Staaten im Jahr 2018 ins Militär gesteckt; nur ein Sechstel dieser Summe, 0,33 Billionen Dollar, in Erneuerbare Energien. Hier lagen die Investionen acht Prozent niedriger als im Vorjahr. Der CO2-Footprint vom Pentagon war 2017 übrigens größer als der Schwedens oder Portugals.

Wenn das einzige Werkzeug, das man hat, ein Hammer ist, dann wird jedes Problem zu einem Nagel. Der Hammer, an den sich die Nationalstaaten klammern, ist ihr Militär. Auch in Deutschland gilt: Für Sicherheit sind in erster Linie die Generäle zuständig. Für das Verteidigungsministerium sind im Bundeshaushalt im laufenden Jahr 43 Milliarden Euro budgetiert, das Umweltministerium muss sich mit 2,3 Milliarden begnügen – zwanzig Mal weniger. Militärische Stärke garantiert Prestige, Wohlstand und Sicherheit – so zumindest lautet die Gleichung, die über einen langen Zeitraum eine gewisse Gültigkeit für sich beanspruchen konnte. Doch diese Gleichung wird in Zeiten der Klimakrise prekär. Die vorherrschende Sicherheitsdoktrin, die das Verhalten staatlicher Akteure bestimmt, ist nicht mehr zeitgemäß. Wenn das Ziel Sicherheit ist, wären die 100 Milliarden für das FCAS-Projekt zum Beispiel besser investiert, wenn man sie in den Ausbau der Übertragungsnetze stecken würde. In Deutschland belaufen sich die geschätzten Kosten hierfür auf 50 Milliarden Euro.

Unterkomplexe Vorstellungen

Eine Waffe gibt ihrem Besitzer subjektiv das Gefühl von Macht und Sicherheit, während sie die Bedrohungslage für alle anderen verschlechtert. Die Parallele zu CO2-Emissionen ist interessant: Mir persönlich verschafft eine Flugreise einige Annehmlichkeiten, gleichzeitig verschlimmert sie aber die Gesamtsituation. Langfristig und in der Summe führen weder Waffen noch CO2 zu mehr Sicherheit (oder mehr Annehmlichkeiten). Natürlich gibt es zwischen Waffen und Treibhausgasen auch große Unterschiede. Hinsichtlich der Wirkung ist es egal, wer das CO2 ausstößt, aber nicht, wer über die Waffen verfügt – etwa, ob es Regime sind, die systematisch Menschenrechtsverletzungen begehen. Leider sind genau diese Regime stets zahlungskräftige Abnehmer europäischer Rüstungsgüter gewesen. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass die Welt dadurch sicherer geworden ist - ebenso wenig wie einen, dass nicht auch FCAS-Kampfjets in die Hände von Diktaturen und Folter-Staaten geraten könnten.

Waffen machen die Welt nicht sicherer und die Vorstellung, dass man die Unsicherheiten der Zukunft militärisch einhegen kann, basiert auf einer einfältigen Kontrollillusion. Wie sicher wird es schon zugehen, wenn bis unter die Zähne bewaffnete Nationen um schwindende Ressourcen kämpfen und eine Milliarde Menschen ihr Zuhause verlieren? Der Roman „Die Mauer“ von John Lanchester vermittelt eine Ahnung davon, wie kalt und ungemütlich das Leben nach dem Klimakollaps in einer militarisierten Gesellschaft aussehen könnte: Hunderttausende Soldaten bewachen eine 10.000 Kilometer lange Küstenmauer, die Großbritannien vor der Außenwelt abriegelt. Die Mauerschützen haben den Befehl, Geflüchtete, die der Klimawandel zur Flucht über das Meer gezwungen hat, am Überqueren der Mauer zu hindern. Wer einen Geflüchteten lebend entwischen lässt, wird mit dem Exil bestraft und in einem Boot auf dem Meer ausgesetzt. In dieser alttestamentarisch anmutenden Welt haben Menschlichkeit und Mitgefühl keinen Platz mehr, es geht nur noch ums nackte Überleben.

Der Wind hat sich gedreht

Man sollte meinen, die Öffentlichkeit wäre mittlerweile gut über die furchterregende Theorie von Klimakipppunkten unterrichtet, die die Erde binnen kürzester Zeit in eine höllenähnliche Schwitzkammer verwandeln könnten. Zuletzt war überall zu lesen, dass der arktische Permafrostboden, in dem gewaltigen Mengen Treibhausgase eingeschlossen sind, viel schneller taut als befürchtet. Manche Leute bezeichnen solche Meldungen routinemäßig als Panikmache. Schuld an dieser Reaktion ist kognitive Dissonanz: Man blendet bei zwei unvereinbaren Vorstellungen die unbequemere einfach aus. Man liegt am Strand, betrachtet das Wellentreiben, nippt am Eistee und bildet sich ein, der Untergang der Zivilisation in 30 Jahren wäre unvorstellbar. Eines Tages wird diese Fantasielosigkeit vielleicht in Wehmut umschlagen. In "Die Mauer" erwischt Kavanagh, ein junger Grenzsoldat und Protagonist der Geschichte, seine Eltern beim heimlichen Filmgucken. Über den Bildschirm flimmert eine Surf-Doku - zu sehen sind Strände, die in der Wirklichkeit nicht mehr existieren.

Als eine Frage der Sicherheit betrifft die Klimakrise den Kernbereich staatlicher Kompetenz. Der Staat hat den Auftrag, für die Sicherheit seiner Bürger und Bürgerinnen zu sorgen. Im Tausch dafür nehmen diese die Einschränkungen gewisser Freiheiten hin, lassen sich mehr oder weniger bereitwillig aushorchen, anhalten, durchscannen und respektieren tausende größere und kleinere Verbote. Dieser Deal gilt in gewisser Weise auch für Unternehmen, die sich an Umwelt- und Gesundheitsstandards halten müssen. Dennoch reagieren ausgerechnet konservative Politiker und Politikerinnen mit Beißreflexen, wenn es darum geht, Freiheiten einzuschränken, um den Klimakollaps und das Ende von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten zu verhindern. Leidenschaftlich wehren sie Verbote ab oder verschleppen überfällige Vorhaben - zum Beispiel eine Steuer auf Kerosin.

Doch der Wind hat sich gedreht und stürmt einigen Parteien frontal ins Gesicht. Wie die Ergebnisse der Europawahl in Deutschland zeigen, können sie sich nicht länger darauf verlassen, dass die Menschen am Strand liegen und alles in Ordnung finden. Gleichwohl haben viele den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt und sehen in der Klimakrise wenig mehr als ein vorbeiziehendes Medienphänomen. Bei der Klimakrise handelt es sich aber nicht um eine neue Staffel Dschungelcamp, sondern um eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit. Tag für Tag kommen wir dem Abgrund näher. Wenn wir hinunterstürzen, wäre einzig die Gefahr aus dem Weltraum gebannt. Auf einem toten Planeten gäbe es für Aliens nichts zu holen.

Tags
Frieden

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding (*1982) hat in Frankfurt am Main Anglistik und Medienwissenschaften studiert.


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