Eis in der Arktis, nahe Spitzbergen
Larissa Beumer
06.04.2016

Auf der Suche nach dem verlorenen Eis

Unterwegs in der Arktis auf dem Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise" - Teil 1

Viele Grüße von der Arctic Sunrise! Seit einer Woche bin ich auf dem Greenpeace-Schiff in der Nähe der Inselgruppe Spitzbergen unterwegs: Wir wollen in der Arktis die rasanten Veränderungen durch den Klimawandel dokumentieren. Das heißt in erster Linie: Wir sind auf der Suche nach Eis. Eis zu finden, wird ausgerechnet in der Arktis immer schwieriger: Nie fiel die maximale Ausdehnung der arktischen Meereisfläche so gering aus wie in diesem Winter.

Nachdem wir Longyearbyen, die mit etwa 2000 Einwohnern größte Siedlung Svalbards, verlassen haben, segeln wir erst die Westküste entlang nach Norden und dann an der Nordküste gen Osten. Unser Ziel ist die Hinlopen-Straße – eine Meerespassage zwischen der Hauptinsel Spitzbergen und der Insel Nordaustlandet. Hier, so hoffen wir, werden wir stabiles Packeis finden.  

Eiskante in der Arktis
Die Lufttemperaturen über dem Arktischen Ozean lagen von Dezember bis Februar 2 bis 6°C über dem Durchschnitt. Forscher sprechen von einer Arktis im Krisenzustand.

Zunächst finden wir zwei Tage lang gar kein Eis. Offenes Meer, soweit das Auge reicht. Normalerweise ist diese Route frühestens ab Juni, oft aber auch erst im Juli schiffbar – das Packeis reicht üblicherweise bis an die Nordküste und versperrt damit jedes Durchkommen selbst für eistaugliche Schiffe. Dass die Meereisbedingungen von Jahr zu Jahr sehr variabel sind, ist normal. Wind, Meeresströmungen, Temperaturen – sie alle beeinflussen die Eisbildung und führen zu mitunter erheblichen Schwankungen. Doch die Bedingungen, die wir gerade vorfinden, sind extrem. 

Extrem ist das neue Normal in der Arktis

Normalerweise hat die Meereisfläche im Arktischen Ozean im März die größte Ausdehnung und kann bis zu 13 Prozent der gesamten Erdoberfläche ausmachen. Danach setzt der Frühling und damit die Eisschmelze ein. Das Meereis schrumpft, bis es seine niedrigste Ausdehnung im September erreicht (Meereis-Minimum). Doch seit Jahren folgt ein Negativrekord auf den nächsten – der Rückgang des arktischen Eises ist zu einem der prägnantesten Kennzeichen des Klimawandels geworden. 

Bislang schrumpfte das Eis vor allem im Sommer. Die zehn niedrigsten Werte für das Meereis-Minimum ereigneten sich alle in den letzten zehn Jahren. Die geringste Ausdehnung wurde 2012 gemessen: die Meereisfläche maß mit rund 3.5 Mio km² nur noch knapp die Hälfte des Durchschnittswertes der Jahre 1981-2010 (rund 6.5 Mio km²). Doch besonders seit letztem Jahr geben auch die Entwicklungen im Winter Grund zur Sorge.

Gerade erst wurde vom National Snow and Ice Data Center (NSIDC) in den USA bekanntgegeben, dass das Meereis in diesem Jahr am 24. März seine größte Ausdehnung erreichte – und es das Meereis-Maximum mit der geringsten Ausdehnung seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen 1978 war. Damit bricht 2016 den Negativrekord von 2015. Extrem ist inzwischen das neue Normal in der Arktis. 

Arktis ohne Fjorde ist wie Deutschland ohne Straßen

Im Winter findet die Fortbewegung hier in Svalbard – wie in den meisten Regionen der Arktis – per Hundeschlitten, Schneemobilen oder Ski statt. Die gefrorenen Fjorde sind dabei die besten und bequemsten Routen: um die wenigen anderen Siedlungen oder beliebte Ausflugsziele zu erreichen, ersparen sie einem lange Umwege über die Gletschersysteme im Inland. Wenn die Fjorde nicht zufrieren, ist das so, als würde man anfangen, in Deutschland die Straßen abzubauen. 

Noch dramatischer sind die Auswirkungen auf die Tierwelt. Fast alles Leben in der Arktis hängt vom Meereis ab. Die gesamte marine Nahrungskette – vom kleinen Plankton bis hin zu den großen Arten wie Robben, Eisbären und Walrössern – benötigt das Eis. Schwindet das Eis, schwindet ihr Lebensraum.

Eis ist nicht gleich Eis

In der Hinlopen-Straße finden wir endlich Eis – versteckt und vor Wind geschützt hinter einer kleinen Insel. Es hat etwas Meditatives wie sich unser Schiff langsam durch das Eis gräbt und die Schollen zur Seite schiebt. Die ersten Dickschnabellummen kommen gerade aus ihren Winterquartieren zurück und fliegen in kleinen Schwärmen ums Schiff herum. Ab und an grüßt uns ein Walross von einer Scholle. 

Doch das Eis hier ist nicht besonders fest – man sieht, dass es vom Wind mehrfach auseinandergebrochen und wieder zusammengetrieben wurde. Das macht es instabil und zu unsicher, um darauf zu arbeiten. Aber wir haben ja noch einen Plan B.

Arktis in der Krise: An Bord der Arctic Sunrise
Endlich ein zugefrorener Fjord. Ankunft im Woodfjord in Nord-Spitzbergen.

Nach einer weiteren Nacht auf See finden wir endlich tief im Inneren des Woodfjords an der Nordküste stabiles, glattes Eis. Wir „parken“ das Schiff, indem wir eine kleine Schneise ins Eis hineinfahren und es mit Tauen an langen Pfählen festbinden, die wir in gebohrte Löcher im Eis stecken. Das Wetter und die Szenerie sind traumhaft. Die Sonne strahlt, die schneebedeckten Berge umrahmen den Fjord wie riesenhafte Wächter und die Landschaft liegt unberührt vor unseren Augen. Kurz nach unserem Ankommen entdecken wir eine Eisbärenmutter mit ihrem einjährigen Jungen, die an der Eiskante entlang wandern – argwöhnisch beobachtet von einigen Robben im Wasser. Hier scheint die Arktiswelt noch in Ordnung zu sein. 

Ab Mitte April wird der Mittsommer einsetzen. Die Sonne wird bis Ende August nicht mehr unter den Horizont sinken. Jetzt beginnt die eigentliche Zeit der Sommer-Eisschmelze. Man kann nur hoffen, dass dieser Winter eine Ausnahme bleibt und die nächsten Winter wieder kälter und eisreicher werden. Aber die Zukunftsaussichten sind düster, wenn es uns nicht bald gelingt, das Ruder herumzureißen. 

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Topic
Arktis
Format
Analyse

Larissa Beumer

Larissa Beumer

Larissa Beumer (*1987) hat Geographie in Berlin und Global Change Management in Eberswalde studiert.


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Hallo Larissa,

wie fühlt man/frau sich, wenn Du im Winter mit dem Schiff in der Arktis unterwegs bist und das was die Arktis eigentlich ausmacht zum großen Teil fehlt.
Wenn sich einem der schnelle Fortschritt der Erderwärumg so brutal zeigt.
Ich fühle mich da schon fast machtlos.
Es ist schon 5 min nach 12.

Gruß
Hermann