Wissenschaftler und Greenpeace-Aktivist*innen mit Banner im Torfmoor des Kongo
Portrait Jannes Stoppel
02.11.2017

Bis zu den Knien im Torf

Das Torfmoor im Kongo – Eine tickende Klimabombe?

Das erste Mal traf ich Dr. Simon Lewis auf einer Klimakonferenz in Bonn. Er begeisterte seine Zuhörer in dem er erzählte, wie er und sein Team das wahrscheinlich größte zusammenhängende Torfmoor der Erde entdeckt hatten – im zweitgrößten Urwald der Welt, dem Kongo. Rund 30 Milliarden Tonnen Kohlenstoff sollen hier unterirdisch gespeichert sein. Das müsste zu den etwa 30 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die in den Wäldern überirdisch gespeichert sind, hinzugerechnet werden. Die gespeicherte Menge Kohlenstoff in dem Torf entsprechen etwa drei Jahren der weltweiten Emissionen aus Kohle, Öl und Gas. Nach seinem Vortrag redeten wir über die nötigen weiteren Schritte zur Erforschung des Torfmoores.

Fünf Monate später steigen wir zusammen in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) in ein dreißig Jahre altes Flugzeug. Uns begleitet seine Kollegin Dr. Greta Dargie. Mit dabei sind auch Professor Dr. Corneill Ewango, der langjährigste Urwaldschützer im Kongo, einige Kolleg*Innen von Greenpeace, zwanzig Journalist*Innen internationaler Medien und ein sehr lange Bohrer.

Tanzende Frauen im Kongo
Im Pygmäen Dorf Lokolama angekommen, werden wir mit einem traditionellen Tanz begrüßt.

Nach den ersten Analysen in der Republik Kongo wollen wir die Wissenschaftler unterstützen auch im Nachbarland, der DRC, erste Bodenproben zu entnehmen. Diese sollen die Ausmaße der bisherigen Kartierung der Torfmoore auch in der DRC bestätigen.

Nach der Landung in Mbandaka am Ufer des Kongo geht es drei Stunden im Konvoi über eine Buckelpiste. Die Luft riecht nach Regenwald, nach rottenden Pflanzen, nach Erde. Doch die Armut am Rande der Straße ist erschreckend. Ich bekomme das Gefühl am entlegensten Ort der Welt angekommen zu sein. Von der Straße aus sehe ich die Bäume in den Sümpfen stehen, in denen die Kinder fischen gehen.  

Bei unserer Ankunft in dem Pygmäen Dorf Lokolama, das uns als Gäste empfängt, werden wir mit einem traditionellen Tanz begrüßt. Hinter der Schule dürfen wir unsere Zelte aufschlagen. Ich ziehe meine Moskitodichte Hängematte aus dem Amazons vor, hänge sie zwischen zwei Bäume und spanne ein Tarp darüber. Wir haben in diesem Dorf in den nächsten Tagen vor, eine Geschichte von globaler Brisanz zu erzählen. Denn nicht weit von Lokolama fangen nach Simons Daten zu Folge die Torfmoore in der DRC an.

Arbeit im Torfmoor
Wissenschaftler messen die Stärke der Torfmoore im Kongo

Die Kohlenstoffmengen die in diesen Torfmooren gespeichert sein können, könnten den globalen Wert dieser Wälder um das doppelte erhöhen – vielleicht zu Gunsten der Gemeinden, die in und um die Torfmoore leben. Wenn diese Torfmoore nicht geschützt werden, könnte eine Menge des Kohlenstoffs in die Atmosphäre entweichen – für die Klimaschutzbemühungen ein Horrorszenario.

Das Dorf der Pygmäen und die Menschen im Urwald im Kongo sind wichtiger Teil der Lösung des weltweiten Klimaproblems. Sie brauchen eine Alternative zur weiteren Abholzung damit das neu erkundete Torfmoor und die umgebenen Wälder nicht zum internationalen Problem werden.

Nach dem Empfang im Dorf machen wir uns auf in die Sümpfe. Wir steigen über große Wurzeln, balancieren über Stämme, die im Wasser liegen und greifen nach Lianen. Immer wieder rutschen wir bis zur Hüfte in den Matsch. Nach einiger Zeit haben wir die Stelle auf Gretas Karte erreicht und die Wissenschaftler gehen ans Werk. Mit der Hilfe der Dorfbewohner wird der Bohrer in den tiefen Torfboden gerammt – teils hängen die drei Wissenschaftler mit drei weiteren Helfern an dem Stahlbohrer, um ihn noch ein wenig weiter in die Tiefe zu treiben - ein Knochenjob.

Wissenschaftler und Helfer freuen sich über die ersten erfolgreichen Proben.
Wissenschaftler freuen sich über die ersten erfolgreichen Proben.

Nach der ersten Probe zeichnet sich ein breites Grinsen auf den Gesichtern der drei Wissenschaftler*Innen ab. Ganz am Rande des Gebietes stoßen sie schon auf 3,5 Meter tiefen Torfboden. Für sie ein erstes Zeichen, dass sich ihre Analysen auch hier in der DRC bestätigen. Glücklich erklären sie den Kameras und den Journalisten, was diese ersten Proben bedeuten.

Unser Schiff die Esperanza ist während dessen nach einer Reise durch andere Kongo Länder in Matadi angekommen, der Hafenstadt der DRC. Hier kommen wir einige Tage später zusammen, um die Brisanz der neuen Erkenntnisse mit Vertretern aus Politik und Zivilbevölkerung zu diskutieren.

Der Umweltminister der DRC macht schnell klar: Ohne Unterstützung der internationalen Gemeinschaft zur Förderung von Alternativen, wird es für die unterentwickelte DRC schwer. Sie können den Ressourcenabbau und die forst- und landwirtschaftliche Entwicklung im Urwald nicht alleine stoppen. Doch es ist auch klar, dass die DRC einen guten Umgang von Förderung gewährleisten muss, damit internationale Klimafinanzierung seinen Zweck erfüllt.

Schützt Kongos Urwälder
Protest für den Schutz der Torfmoore im Kongo.

Die Weltgemeinschaft muss sich bei dem nächsten Klimagipfel in Bonn auf einen Entwurf für die Umsetzungsregeln des Pariser Klimaabkommens einigen. Sie sollten damit definieren, wie Geber- sowie Nehmerländer eine bessere Zusammenarbeit garantieren können. Dieses „Regelbuch“ muss für die zukünftige Klimafinanzierung stärkere Qualitätsgarantien sichern, damit wir den Klimawandel unter 1.5° begrenzen, aber dabei den Artenschutz und die Nachhaltigkeitsziele nicht außer Acht lassen.

Die Sicherung der Lebensgrundlagen und der Landrechte, Bildung, erneuerbare Energie und die Förderung von Frauen muss hier für die Unterstützung lokaler Gemeinden im Wald, wie die des Pygmäendorfes, in dem wir Gast waren, eine wichtige Rolle spielen. Auf Regierungsseite muss Transparenz und Rechtstaatlichkeit gesichert sein, damit eine Verantwortlichkeit für den Erfolg oder Misserfolg von Projekten garantiert werden kann. Dies gilt auch für die Geberländer, die für die erfolgreiche Umsetzung lösungsorientierter Klimafinanzierung im Wald- und Landsektor einen Paradigmenwechsel in der bisherigen Entwicklungszusammenarbeit einleiten müssten.

Die Kongo Torfmoore müssen für den Klimaschutz intakt bleiben. Nur wenn der Urwald und die Moorböden unangetastet bleiben, gelangen die gigantischen Mengen an Treibhausgasen nicht in die Atmosphäre. Sie helfen uns so weiterhin auf natürliche Weise bei der Speicherung von CO2.

Topic
Wälder

Portrait Jannes Stoppel

Jannes Stoppel

Jannes Stoppel, MA International Development Studies, schrieb seine Masterarbeit zu Klimaschutzinitiativen in Boliviens Wäldern.


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