Soja-Anbau in Brasilien mit Bewässerungsanlage
16.04.2020

COVID-19: Unsere Beziehung zu Natur und Lebensmitteln wieder ins Gleichgewicht zu bringen, ist wichtiger denn je

Ein Gastbeitrag von Sini Eräjää / Greenpeace EU-Unit

Keine Frage, der Ausbruch von COVID-19 richtet verheerenden Schaden in der europäischen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion an. Selbstredend müssen EU und nationale Regierungen der Branche jetzt unter die Arme greifen, um sicherzustellen, dass jede und jeder Zugang zu gesunden Lebensmitteln hat und Menschen ihre Existenzgrundlage nicht verlieren. Wie diese Hilfe jedoch konkret aussehen sollte, darüber ist bereits jetzt eine heiße Debatte entbrannt. 

Angesichts der turbulenten Lage - Distributionsprobleme und Sorgen um die Verfügbarkeit und Sicherheit von Arbeitskräften - hat die Agrarindustrie die nationalen Regierungen und die EU aufgefordert, im Überschuss produzierte Waren wie Milch und Rindfleisch aufzukaufen und zu lagern. Dies käme allerdings vor allem den großen Playern in diesem Sektor zugute.

Auch aus der Politik kam bereits der eine oder andere Ruf nach niedrigeren Umweltstandards und lockereren Vergaberegeln für Agrarsubventionen. Die Agrarindustrie und ihre politischen Verbündeten wollen auch die "Farm to Fork"-Strategie und die neue Biodiversitätsstrategie der EU hinauszögern. Dies alles mit der kurzsichtigen Behauptung, dass alle weiteren Schritte zum Schutz der Umwelt schädlich für den Agrarsektor seien.

Jedes Rettungspaket für die Agrarbranche, sowie die "Farm to Fork"-Strategie der EU und auch die Gemeinsame Agrarpolitik der EU, müssen das System Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion widerstandsfähiger gegen neue Erschütterungenmachen und dürfen keineswegs weitere Krisen erzeugen. Die Ursachen für Ausbrüche wie COVID-19 sind komplexer - es geht um mehr als nur den Wildtierhandel auf ausländischen Märkten. Bei der Reaktion auf diese Pandemie wäre es äußerst unklug, zu ignorieren, dass wir unsere Beziehung zur Natur und die Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren, dringend wieder in Balance bringen müssen.

Um künftige Ausbrüche zu verhindern, müssen wir aufhören, die Natur auszubeuten, und die Massentierhaltung beenden.

COVID-19 ist kein einzelner Vorfall und darf nicht isoliert betrachtet werden. Es ist der jüngste in einer langen Reihe von Zoonosen (Infektionskrankheiten die gleichermaßen Menschen und Tiere befallen) wie SARS, H1N1 (Schweinegrippe), H5N1 (Vogelgrippe), Ebola, Zika und sogar HIV/AIDS.

Wenn die Industrie Wälder und andere Ökosysteme zerstört, um Land und Ressourcen auszubeuten, vertreibt sie damit auch wilde Tiere weiter aus ihren angestammten Lebensräumen und erhöht das Risiko, dass Infektionskrankheiten auf den Menschen übertragen werden. Die Wissenschaft schätzt, dass 31 Prozent der Ausbrüche neu auftretender Infektionskrankheiten mit der Zerstörung von Wäldern und Ökosystemen - darunter HIV, Ebola und Zika - in Zusammenhang stehen. Der größte Treiber der weltweiten Waldzerstörung ist die industrielle Landwirtschaft mit der Produktion von Fleisch- und Milchprodukten sowie Futtermitteln.

Waldzerstörung für Pamölplantagen in West-Kalimantan

Während die aktuelle Pandemie nicht direkt mit der industriellen Tierhaltung in Verbindung zu stehen scheint, war dies beim Auftreten und der Verbreitung anderer tödlicher Infektionskrankheiten bereits der Fall. Die industrielle Landwirtschaft, in der viele genetisch ähnliche Tiere zusammengepfercht werden, schafft perfekte Brutstätten für Viren, die sich anpassen und neue Wirte finden, was die Ausbreitung massiv erhöht. Dies bleibt ein wichtiger Risikofaktor für künftige Ausbrüche. 

Wir brauchen eine widerstandsfähige Lebensmittelproduktion, um auch in Krisensituationen die Versorgung mit gesunder Nahrung zu sichern.

Die jüngsten Grenzschließungen haben gezeigt, wie abhängig das derzeitige System von der Einreise ausländischer Saisonkräfte und dem Zugang zum globalen Markt ist. Es stellt sich heraus, dass die europäischen Landwirte, insbesondere die größten und am stärksten industrialisierten, nicht nur Kühe auf dem Feld weiden lassen und Käse in der Nähe verkaufen, sondern stark vom Import von Futtermitteln für ihre Tiere und vom Export ihrer Produkte auf weit entfernte Märkte abhängig sind.

Anstatt weiterhin ausschließlich in hochgradig globalisierte Lieferketten zu investieren, die massenhaft Lebensmitteln produzieren, müssen wir auf nachhaltige und widerstandsfähige Lebensmittelsysteme umstellen. Systeme, die nicht nur darauf ausgerichtet sind, mehr Lebensmittel - und mehr Tierfutter - zu produzieren, sondern die auch die Gesundheit der Menschen und der Umwelt berücksichtigen. Systeme, die gleichzeitig die Arbeitnehmenden schützen und auch faire Preise für die landwirtschaftlichen Betriebe garantieren.

Schweine in der Massentierhaltung
Arme Schweine

Die Lektion der Pandemie: auf die Wissenschaft hören - und entsprechend handeln!

Der größte Teil der Welt ergreift nun beispiellose Maßnahmen, um die Ausbreitung des COVID-19-Virus zu stoppen, nachdem die Forschung vor den Konsequenzen des Nicht-Handelns eindringlich gewarnt hat. Unterdessen sind wir uns nach wie vor schmerzlich der Tatsache bewusst, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch davor gewarnt haben, dass die ungebremste Klimaerhitzung eine noch größere Katastrophe auslösen würde. Aber die Regierungen haben bei weitem nicht das erforderliche Maß an Maßnahmen beschlossen.

Die Tierhaltung in der Landwirtschaft ist mit eine der Hauptursachen für die Klimakrise, denn sie ist für 12 bis 17 Prozent der europäischen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die Wissenschaft ist sich einig, dass der Konsum und Produktion von Fleisch, Milchprodukten und Eiern sinken muss, um dem entgegenzuwirken (hierzu gehören auch die Studien des IPCC, der EAT-Lancet-Kommission und der RISE-Foundation). 

Wir müssen auch hier die Warnungen aus der Forschung ernstnehmen und ein Ernährungssystem aufbauen, das nicht - wie das derzeitige - zum Klimakollaps und zum ökologischen Kollaps beiträgt und zudem widerstandsfähiger gegen die unvermeidbaren Folgen der Klimakrise ist.

Die EU und die nationalen Regierungen müssen handeln

Die EU darf kein Geld zur Krisenrettung in die industrielle Landwirtschaft pumpen, das dann dem einen Prozent der europäischen Landwirte zugute kommt, die bereits jetzt schon ein Drittel der EU-Agrarsubventionen aus der GAP erhalten, und damit genau die Art der Massentierhaltung finanzieren, die das Risiko von zukünftigen Pandemien erhöhen. Jegliche Krisenfonds sollten gefährdeten kleinbäuerlichen Betrieben und ihren Arbeitskräften zugute kommen, statt weiterhin die Taschen der größten Akteure zu füllen.

Die EU sollte radikale Kürzungen im Fleisch- und Milchviehbereich zu einem expliziten Ziel ihrer "Farm to Fork"-Strategie machen. Sie sollte auch neue Gesetze  in die Wege leiten, die sicherstellen, dass die in Europa verkauften Produkte - Fleisch, Milch, Futtermittel, Holz, Palmöl - nicht im Zusammenhang mit Umweltzerstörung oder Menschenrechtsverletzungen stehen.

Europas Umgang mit Lebensmitteln und Umweltschutz darf wegen der COVID-19-Krise nicht beiseite geschoben werden, sondern er sollte beim schrittweisen Weg aus der Krise im Mittelpunkt stehen.

 

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Zur Autorin: Sini Eräjää ist Agrar- und Waldexpertin von Greenpeace EU. Ihr Textbeitrag wurde mit kleinen sprachlichen Änderungen ins Deutsche übersetzt und mit einigen Textlinks zu deutschen Quellen ergänzt. 

Sini Eräjää von der Greenpeace EU-Unit

 

 

     



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