Das C und das DU
Greenpeace Gastautor
21.11.2019

Das C sagt Tschüß: Warum ich es mit dem DU nicht mehr ausgehalten habe

Ein offener Abschiedsbrief

Liebes DU,

warum ich unsere Beziehung beende, hast du gefragt. Ich werde es dir erklären. Und mir selbst auch, denn manchmal frage ich mich, wie ich mich nur so in dir täuschen konnte. Du hast mir so viel versprochen! Ein ehrbares Leben. Wir wollten mit Werten und Haltung gemeinsam alt werden. Stets sollte ein höheres Ziel unser Antrieb sein: Die Bewahrung der Schöpfung. Nichts weniger haben wir uns als gute Christen versprochen. Aber als es galt, dieses Versprechen einzuhalten, hast du mich immer wieder vertröstet, mich hingehalten. 

Lange genug habe ich weg geschaut, auf Besserung gehofft, deinen Beschwichtigungen geglaubt. Aber mehr und mehr habe ich mich gefragt: Was bedeutet dein Wort überhaupt noch? Wenig, muss ich leider feststellen.

Und deshalb verlasse ich dich jetzt!

Früher wollten wir die Schöpfung bewahren, aber heute hast Du nur noch Kohle und Autos, eben nur kurzfristige Konzerninteressen im Blick, du siehst nur bis zur nächsten Wahl. Die Zukunft dieses Landes interessiert dich nicht mehr. Wo sind deine Prinzipien, deine Werte geblieben? Hast du unser Versprechen vergessen? Oder ist es dir nicht mehr wichtig?
Wir haben Pläne gemacht, erinnerst du dich noch, als wir sie zusammen aufgeschrieben haben. Hier zum Beispiel:

 Wir orientieren uns am christlichen Bild vom Menschen und seiner unantastbaren Würde und davon ausgehend an den Grundwerten Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit.

So wollten wir durchs Leben gehen. Diese Prinzipien sollten uns leiten. Wir haben ja sogar aufgeschrieben, was das für uns konkret bedeutet:

Nach christlichem Verständnis sind Mensch, Natur und Umwelt Schöpfung Gottes. Sie zu schützen, ist unser Auftrag. Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist fester Bestandteil christlich demokratischer Politik: Wir wollen unseren Nachkommen eine Welt bewahren und hinterlassen, die auch morgen noch lebenswert ist. Die nachfolgenden Generationen haben ein Recht auf wirtschaftliche Entwicklung, sozialen Wohlstand und eine intakte Umwelt.

Hast du das alles vergessen? Wir wollten die Welt verändern, sie zu einem besseren Ort machen! Ich kann nicht glauben, dass dir das alles egal ist! Spätestens jetzt, wo schon Schulkinder auf die Straßen gehen, weil sie um ihre Zukunft bangen, muss dir doch klar sein, dass es nicht so weiter geht! Ich dachte, wir wären ein Team! Doch was ist davon geblieben?!

Betrogen von leeren Versprechen

Ein lächerliches Klimapäckchen ist geblieben, das den Namen nicht verdient. Alle Klimawissenschaftler haben uns gesagt, dass es nicht ausreicht. Und die Kirchen haben uns auch immer gemahnt, dass wir mehr tun müssen. Sogar der Papst hat uns gemahnt: Er hat gesagt, das sofortige Handeln gegen die Klimakrise sei die humanitäre Verantwortung aller Christen und ruft dabei zur “Verteidigung der Mutter Erde” auf.

Seinen Worten hätten wir folgen sollen. Stattdessen ist das Klimapäckchen eine Beruhigungspille geworden, die du mir und allen, die sich für Klimaschutz stark machen, verabreichen wolltest, um dein Versagen und deine Mutlosigkeit zu kaschieren. Ich fühle mich von Dir betrogen. 

Ich fühle mich betrogen - von Deinen leeren Versprechen, von den gierigen Kohlebaggern, die dem Hambacher Wald die Wurzeln wegfressen und Dörfer zerstören - ja noch nicht mal vor Kirchen halt machen. Als gute Christen hätten wir das stoppen müssen, ich war bereit dazu, aber du hast immer denen, die mit der Klimazerstörung Geld verdienen, nur noch mehr in den Rachen geschmissen.

Ich fühle mich betrogen - von deinem Autowahn, Deiner Sucht nach Diesel und Benzin. Hauptsache mit Vollgas im SUV über die Autobahn - ohne Rücksicht auf Verluste. Diejenigen, die damit Geld verdienen und betrogen haben, die hast Du geschützt. Aber was ist mit denen die unter der mit Abgasen vergifteten Luft besonders leiden? Kinder, ältere Menschen? Was ist mit all den Verkehrstoten, dem Leid der Angehörigen?

Ich fühle mich betrogen - von Deinem Umgang mit der Schöpfung. Mit all den Tieren, die sich in engen Ställen quälen, würdelos auf Gittern und in ihren eigenen Exkrementen stehend dahinsiechen bis sie jemand mit dem Tod erlöst. Glaubst Du, dass Gott das gutheißen würde? Deine Kaltherzigkeit macht mich nicht nur traurig, sondern auch wütend.

Was ist nur aus uns geworden?

Schau dir an, was aus uns geworden ist. Was Du aus uns gemacht hast. Diese Beziehung ist  nur noch eine hohle Phrase. Sie hat keine Zukunft – weil du dich nicht mehr an unsere Werte hältst.

Ich wünsche dir ehrlich, dass du an der Trennung wächst und deinen Weg findest. Ich wünsche dir, dass du dich in Zukunft nicht wegduckst, wenn Haltung gefragt ist. Dass du deinen Werten treu bleibst und dafür auch steinige Wege auf dich nimmst.

Und eins noch, liebes DU: Ich habe Dich wirklich geliebt.

In Trauer & Wut

Dein C

 

Tags
Klima
Topic
Klimawandel

Greenpeace Gastautor

Gastautor

Gastautoren aus der Greenpeace-Welt schreiben über die Kampagnen, für die sie sich in ihren Ländern einsetzen.


Weitere Beiträge zum Thema


Diskutiere mit uns

Bitte einloggen oder registrieren, um Kommentare zu schreiben.