Atommüll in Morsleben
Mathias Edler
05.11.2015

Explosionen in einem US-Atommüll-„Endlager“!

Was passieren kann, wenn man Atommüll einfach in der Wüste verbuddelt

Am 19. Oktober ist in der unterirdischen Atommülldeponie Beatty im US-Bundesstaat Nevada 110 Meilen nordwestlich von Las Vegas ein Feuer ausgebrochen. Ein 40-Sekunden- Video des Betreibers US Ecological (interessanter Name für eine Atomfirma!) zeigt mehrere Explosionen an der Erdoberfläche. Staub und weißer Rauch wirbeln auf. Ein stundenlanger Brand mit starker Rauchentwicklung folgt.

Sicherheitsbehörden ließen das Feuer bei starkem Wind ausbrennen, bevor sie sich dem Ort näherten und angeblich keine radioaktiven Kontaminationen feststellen konnten. Zuvor wurde der Highway Nr. 95 vollgesperrt und in zwei Schulen in Nye County der Unterricht abgesagt. Am Freitag beschreibt Associated Press das Bild, welches sich dem staatlichen Feuerinspector Martin Azevedo am Mittwoch an der havarierten Atommülldepüonie geboten hat: Unbestimmte Flüssigkeit in Gruben und Gräben, stark verrostete 200 l-Fässer und bis zu 10 Meter tiefe Explosionskrater. Zwei Fässer lagen sogar außerhalb des Zauns des 30 ha großen Geländes.

 

Laut Angaben von Sicherheitsbehörden wurden von 1962 bis 1992 in der Atommüllkippe Beatty in Nye County ca. 130.000 Kubikmeter angeblich schwachradioaktive Abfälle im Wüstenboden vergraben – ungefähr dieselbe Menge, welche in dem ebenfalls havarierten deutschen Atommüllendlager Asse bis 1978 eingelagert wurde. Dazu wurden in Nevada 22 etwa 10 Meter tiefe und 250 Meter lange Gräben ausgehoben und die dort versenkten Fässer mit Tonerde bedeckt. Die Genehmigung für diese Art des Lagers umfasst eigentlich nur schwach radioaktiv kontaminierte Werkzeuge, Schutzkleidung und Maschinenteile - hauptsächlich aus medizinischen Labors.

Was lag im Graben mit der Nummer 14?

Das Problem: Niemand weiß, was wirklich auf dem Gelände vergraben wurde. Die Katastrophenschutzbehörde konnte jedenfalls in der Woche nach dem Brand bei der Gesundheitsbehörde aufbewahrte Aufzeichnungen über den eingelagerten Müll in dem explodierten Graben mit der Nummer 14 nicht ausfindig machen. Robert List, ehemaliger Gouverneur von Nevada, der schon 1979 nach dem Brand eines Atommülltransportes am Eingang des Geländes eine Untersuchung eingeleitet hatte, bezweifelt, dass irgendjemand jemals herausbekommt, was wirklich in der Deponie vergraben wurde:

Good luck with that! What we found when we did our investigation was they had very, very skimpy records about what was there.

„They“, damit ist die Betreiberfirma Nuclear Engineering Co. gemeint. Nach zahlreichen Skandalen hat sie sich 1981 in US Ecology umbenannt und betreibt heute 15 Deponien für Atom- und Giftmüll im ganzen Land. 2010 musste die Firma 500.000 Dollar Strafe zahlen, nachdem Inspektoren leckende Container und Betriebsprotokolle gefunden hatten und giftige Rauchemissionen rechtswidrig einfach in die Umwelt abgelassen wurden. Ein Firmensprecher betonte, dass das Unternehmen „voll mit der Umweltbehörde" kooperiert und versichert: „Wir sind überzeugt, dass es keine Auswirkungen auf Gesundheit oder Umwelt gegeben hat.“ Die Worthülsen zur Beruhigung der Bevölkerung sind auf der ganzen Welt exakt dieselben. 

Aktion gegen Atommüllager Asse
5. November 2008: Mit einer Aktion auf dem Förderturm des Atommüll-Lagers Asse II fordern 40 Greenpeace-Aktivisten die Rückholung des radioaktiven Materials. In dem ehemaligen Salzschacht lagern Brennelemente. Aus zum Teil stark beschädigten Fässern tritt Radioaktivität aus.

Der frühere US-Senator und Gouverneur Richard Bryan erinnert sich an eine „andauernde Serie von Problemen“ in Beatty. Woran er sich nicht erinnern kann, ist, dass die Betreiberfirma oder die zuständige  Behörde jemals davon gesprochen haben, dass dort auch brennbare Stoffe vergraben wurden. Judy Treichel, Vorsitzende der Umweltschutzorganisation Nuclear Waste Task Force und  langjährige Gegnerin des in Yucca Mountain, ebenfalls Nevada, geplanten Endlagers für hochradioaktive Abfälle, hält die staatlichen Behörden deshalb nicht für die richtigen, um die Explosionen aufzuklären. Dem Staat gehört das Land, auf dem sich die Atommülldeponie befindet. Treichel:

The state is on the hook if there are big costs.

Dass die gleichen Akteure aus der unrühmlichen Atommüll-Vergangenheit der 1970er und 80er Jahre (oder ihre direkten Nachfolger) auch in Deutschland heute noch an den Planungen zur „Endlagerung“ von Atommüll beteiligt sind, dürfte ein entscheidender Grund für den Vertrauensverlust von Firmen und staatlichen Institutionen bei Bürgern in der Atommüllfrage sein. Laut einer von der Atomkraftbetreiberlobby Deutsches Atomforum in Auftrag gegebenen und gestern veröffentlichten Studie wollen 56 Prozent der Deutschen kein Endlager vor der eigenen Haustür haben.

Atommüll schnell und tief verbuddeln

Die Bilder aus Beatty sind wie das havarierte Endlager Asse kaum dazu geeignet, dieses Vertrauen zurück zu gewinnen. Die deutsche Politik ist sich mit den Stimmen der Grünen einig, dass der Atommüll auf jeden Fall schnell und tief verbuddelt werden soll – auch und „insbesondere“ die hochradioaktiven Abfälle (§1 Standortauswahlgesetz).

Dazu erarbeitet eine Kommission in Berlin derzeit schon mal die Kriterien und Mindestanforderungen für ein deutsches Endlager im Untergrund. Ohne die ernsthafte Prüfung von Alternativen, ohne die Aufarbeitung der eigenen ebenso desaströsen Atommüllgeschichte, die nötig wäre, um wissenschaftliche, technische, strukturelle und organisatorische Fehler wie sie in Beatty oder der Asse offensichtlich erfolgt sind, überhaupt zu erkennen.

Dass mit den hochradioaktiven Abfällen jetzt auch schwach- und mittelradioaktive Abfälle wie die von Beatty in einem Endlager mitvergraben werden sollen, weil der Platz für diesen Müll in der Eisenerzgrube Schacht Konrad bei Salzgitter bei weitem nicht ausreicht, ist gerade vor dem Hintergrund der Vorfälle in Beatty ein Skandal. Widerstand der Bevölkerung - und nicht nur der betroffenen Bevölkerung am Ort des geplanten Lagers - dürfte auch in Deutschland so vorprogrammiert sein.

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Analyse

Mathias Edler

Mathias Edler

Wenn es um das Thema Atommüll geht, ist Mathias Edler bei Greenpeace der Ansprechpartner.


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