pssst Exxons Klimaschwindel
Benjamin Borgerding
23.10.2015

Exxon weiß seit den Siebzigern vom Klimawandel

Evil Corp

UPDATE (06.11.2015): Die Staatsanwaltschaft in New York hat Ermittlungen gegen ExxonMobil eingeleitet. Es soll festgestellt werden, ob Exxon die Öffentlichkeit über den Klimawandel belogen hat und ob der Konzern Investoren über die resultierenden Risiken für's Geschäft im Unklaren gelassen hat. Exxon weiß dank eigener Forschungen, dass der Verbrauch fossiler Brennstoffe massiv gedrosselt werden muss (dazu unten mehr). Staatsanwalt Eric T. Schneiderman hat den plausiblen Verdacht, dass der Konzern das seinen Investoren so nicht eins zu eins mitgeteilt hat. Das Exxon die Anschuldigungen bereits zurückgewiesen hat, bedarf vermutlich keiner Erwähnung.

 

ORIGINALTEXT (23.10.2015): Die Ölindustrie hat kein gutes Image. Viele Menschen trauen ihr zu, die Erde bis auf den letzten Tropfen Erdöl auszusaugen und als leblose Hülle zurückzulassen. ExxonMobil (vormals Exxon) hegt und pflegt dieses Image akribisch wie ein Bonsaibäumchen. 

Wie kürzlich herausgekommen ist, erkannten Exxon-Wissenschaftler bereits 1977, dass die globale Erwärmung auf menschliches Wirken zurückgeht. Exxons eigene Forschungsabteilung unterrichtete die Unternehmensleitung bereits zu einem Zeitpunkt über den Klimawandel, als das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung noch ein absolutes Schattendasein fristete. So erklärte etwa der zu jener Zeit bei Exxon in Lohn und Brot stehende Klimaforscher James F. Black im Juli 1977:

Wissenschaftler sind sich weitgehend einig, dass Kohlendioxidemissionen aus der Verbrennung von fossilen Treibstoffen der wahrscheinlichste Weg sind, wie die Menschheit das globale Klima beeinflusst. 

(Zitiert nach klimaretter.info)

 

Die Wissenschaftler setzten das Exxon-Management auch über die möglichen Auswirkungen wie Dürren und häufigere Niederschläge in Kenntnis. Außerdem stellten sie Klimamodelle auf und rüsteten 1979 sogar einen Tanker mit Sensoren aus, um die Kohlendioxid-Konzentration über den Meeren zu messen. Die Forscherei führte zu der Erkenntnis, dass der Klimawandel ungebremst zu einem globalen Temperaturanstieg von 2 bis 3 Grad führen würde.

Exxon Shell BP-Protest in Österreich
Protest gegen die Ölkonzerne Exxon, Shell und BP auf dem Pasterze-Gletscher in Österreich im Jahr 2002. Im selben Jahr löste sich die "Global Climate Coalition" auf, mit der Ölkonzerne und Autohersteller jahrelang Anstrengungen zum Klimaschutz unterminiert hatten.

Exxon hätte die Öffentlichkeit darüber natürlich informieren können. Exxon hätte auch auf die verwegene Idee kommen können, etwas gegen das Problem zu unternehmen. Stattdessen hielt der Konzern die Ergebnisse wie kostbares Herrschaftswissen unter Verschluss und steckte Millionen Dollar in alberne Forschungsprojekte und Think Tanks, die das genaue Gegenteil beweisen sollten: Den Klimawandel gibt es gar nicht! 

 

Exxon war auch zahlendes Mitglied der berüchtigten "Global Climate Coalition", die Anstrengungen zur CO2-Minderung jahrelang torpedierte. (Teil der GCC waren neben einigen Autoherstellern auch Shell, BP und Texaco. Sonst mögen sich die Ölkonzerne spinnefeind sein, aber wenn es darum geht, den Planeten ins Verderben zu stürzen, herrscht seltene Einigkeit.)

Protest gegen Exxon-Bohrungen in der Kara-See
ExxonMobil hat bereits gemeinsam mit dem russischen Ölkonzern Rosneft in der Karasee nach Öl gesucht. Nach Sanktionen gegen Russland legte das Unternehmen die Zusammenarbeit Ende des Jahres 2014 vorläufig auf Eis.

Überaus beflissen widmete sich Exxon auch der Denksport-Aufgabe, wie sich die Lage optimal verschlimmern ließe. Das Unternehmen eruierte bereits Anfang der 1990er Jahre das "Potential" für Arktis-Ölbohrungen, das aus einer längeren eisfreien Periode im Sommer resultierte. Erst im September sprach sich ein Exxon-Sprecher erneut für Arktis-Ölbohrungen aus. Ironischerweise brach Rivale Shell sein 7 Milliarden Dollar teures Arktis-Abenteuer vor der Küste Alaskas kurz darauf ab.

 

Dass wir jetzt wissen, was Exxon damals wusste, haben wir den Recherchen der Webseite "Inside Climate News" und der Los Angeles Times zu verdanken. Es ist schwierig, über die Enthüllungen zu schreiben, ohne reflexartig in ein Traktat über das Böse abzuschweifen. Bill McKibben formuliert es im britischen Guardian so:

No corporation has ever done anything this big or bad

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Topic
Klimawandel
Format
Analyse

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding (*1982) hat in Frankfurt am Main Anglistik und Medienwissenschaften studiert.


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