16.05.2017

Fake News als Totschlagargument – eine Herausforderung auch für NGOs

Ein Blick hinter die Kulissen der Greenpeace-Arbeit / Teil 1: Greenpeace und die Wissenschaft

Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa: Die Diskreditierung von unliebsamen Fakten als Fake News. Präsident Trump macht in beängstigender Weise vor, wie das Spiel funktioniert. Ausgerechnet er, der laut der Fact Checking-Seite der New York Times an 91 seiner ersten 100 Tage im Amt mindestens eine Falschaussage verbreitet hat, brandmarkt alles, was ihm politisch nicht passt, als Fake News. Das mag man noch nicht für dramatisch halten, wenn es um so etwas geht wie die Anzahl der Teilnehmer bei seiner Amtseinführung – dazu hatte er laut seiner Beraterin ja „alternative Fakten“ vorliegen, wie sie betonte. Ernster wird es, wenn es um eine für die Zukunft des Planeten so wichtige Frage wie den Klimawandel geht. Wissenschaftler haben deshalb weltweit einen March for Science gestartet. Doch wie kann es sein, dass wir im 21. Jahrhundert plötzlich wieder die Wissenschaft verteidigen müssen, die doch seit der Aufklärung als Grundlage moderner Gesellschaften gilt? Und was heißt diese Debatte eigentlich für eine Organisation wie Greenpeace – müssen auch Umweltverbände damit rechnen, dass ihre unbequemen Beiträge für eine öffentliche Debatte einfach als Fake News beiseite gewischt werden?

Wenn es um die Glaubwürdigkeit von Institutionen geht, haben Nichtregierungsorganisationen gegenüber Parteien oder auch der Wirtschaft immer noch einen Vorteil: Sie genießen nach den meisten Umfragen größeres Vertrauen, vor allem weil die Öffentlichkeit bei ihnen keinen Eigennutz unterstellt. Doch mittlerweile gibt es einen wachsenden Teil der Bevölkerung, der ganz grundsätzlich infrage stellt, ob es noch möglich ist, sich auf eine gemeinsame Faktenbasis zu verständigen. Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach ließ im Februar 2017 in einer repräsentativen Umfrage diese Aussage bewerten: „Bei vielen Themen werden die Zusammenhänge immer komplizierter, und teilweise werden Falschmeldungen verbreitet – da kann doch keiner mehr sagen, was wahr und was falsch ist.“ Eine Mehrheit der Befragten von 55 Prozent stimmte zu.

Es ist richtig, dass viele Sachverhalte, etwa zum Klimawandel, kompliziert sind. Aber es wäre falsch, deswegen in einen Relativismus zu verfallen und zu ignorieren, dass es auch bei einer immer komplexer werdenden Welt sehr wohl möglich ist, zu faktischen Aussagen und entsprechenden Wertentscheidungen über politische Weichenstellungen zu kommen. Die überwältigende Einigkeit der Klimawissenschaftler, dass die Erderwärmung menschengemacht ist, kann sehr wohl von Trumps Auffassung abgegrenzt werden, die Chinesen hätten den Klimawandel erfunden. Die Herausforderung für die Politik und auch für NGOs besteht darin, eine immer politikverdrossenere Öffentlichkeit noch mit Argumenten zu erreichen.

Kritik muss gut begründet sein

Für Greenpeace bedeutet dies zunächst, dass wir in der Rolle der Kritiker von Regierung und Wirtschaft, in der wir uns häufig befinden, stets in der Lage sein müssen, die Kritik detailliert zu begründen. Wer der Textilindustrie vorwirft, die Umwelt und die Menschen durch hormonell wirksame und krebserregende Substanzen zu belasten, der muss dies eben auch anhand von wissenschaftlich einwandfrei erhobenen Messergebnissen nachweisen, so wie es Greenpeace in der Detox-Kampagne getan hat. Dazu gehört auch, dass Greenpeace sich an gängige Verfahrensweisen in der Wissenschaft hält: Die Labore müssen akkreditiert und für das Verfahren, soweit es sich um ein Standardverfahren handelt, auch zertifiziert sein. Seit vielen Jahren greift bei Greenpeace Deutschland zudem die Regel, dass immer dann, wenn wir Überschreitungen von Grenzwerten feststellen und wir dies in einem Kampagnenzusammenhang anprangern wollen, zwei Labore unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis gelangt sein müssen. Das soll verhindern, dass ein methodischer Fehler Dritter oder ein statistischer Ausreißer öffentliche Wirkung entfalten. Zu den Regeln gehört ferner, dass Greenpeace den Kritisierten die ausführlichen Messergebnisse zur Verfügung stellt und ihnen auf Wunsch auch alle Fragen zur Auswertungsmethode erläutert. Dies war in der Detox-Kampagne z.B. der Fall, als die Firma Gore Fragen zur Methodik eines Tests über chemische Ausdünstungen von Outdoor-Kleidung hatte. Nur wer sich dem kritischen Dialog stellt, selbst wenn es anstrengend ist, kann auf Dauer seine Glaubwürdigkeit verteidigen.

Fussballschuhe von den Herstellern Adidas, Nike und Puma werden am Bremer Umweltinstitut, einem unabhaengigen Labor, auf gefährliche Chemikalien untersucht.

Regeln für Laboranalysen

Um der selektiven Auswahl von Fakten entgegenzuwirken, gilt bei Greenpeace zudem die Regel, dass umfangreiche Analysen auch dann veröffentlicht werden müssen, wenn sie keinen Umweltskandal ergeben haben. Nicht immer kommt bei einer Studie ja das heraus, was ein Auftraggeber erwartet. Würden also nur die Untersuchungen mit Hinweisen auf Gefahren publiziert, käme es zu einem Verzerrungseffekt, der in der Wissenschaft als publication bias bekannt ist. Beispielsweise hat Greenpeace im Mai 2016 deshalb die Untersuchungsergebnisse zur Belastung von Weinen und Säften mit dem Totalherbizid Glyphosat mit allen Zahlenangaben veröffentlicht. Dabei waren die gefundenen Werte sehr weit von einer Gesundheitsgefährdung entfernt, was auch im Text deutlich gemacht wurde. Statt einer konkreten Gesundheitsgefahr belegen die Messergebnisse, wie weit sich das Spritzmittel schon verbreitet hat.

Des Weiteren kommt es bei der Interpretation von eigenen Erhebungen auch auf eine hinreichende Differenzierung an. Auch dies lässt sich am konkreten Fall erläutert: Die hohen Pestizidwerte, die Greenpeace 2015 bei Boden- und Pflanzenproben in deutschen Obstanbaugebieten gefunden hat, entfallen vor allem auf den Anfang der Vegetationsperiode. Je näher der Erntetermin rückt, desto mehr halten sich die Obstbauern mit dem Spritzen zurück – was wiederum erklärt, warum zwar der Boden belastet ist, nicht aber das Obst selbst. In diesem Zusammenhang muss Greenpeace der Öffentlichkeit auch erklären, dass es sich bei den gefundenen DDT-Spuren wohl um Altlasten handelt – nicht um ein aktuelles Ausbringen des längst verbotenen DDT. Der Verlockung, zu einer griffigen Schlagzeile zu greifen, die später zurückgenommen werden muss, sollten sowohl Journalisten als auch NGO-Mitarbeiter widerstehen.

 

Expertise in den eigenen Reihen

Zur Qualitätskontrolle gehört weiter, dass sich unter den hauptamtlichen Greenpeace-Mitarbeitern, die für die Kampagneninhalte zuständig sind, Fachexperten mit wissenschaftlicher Ausbildung befinden. Nur mit einem Grundverständnis von methodischem Arbeiten in der Wissenschaft sind eigene Analysen sinnvoll zu bewerkstelligen, selbst wenn man eng mit anerkannten Laboren zusammenarbeitet. So ist der Fachexperte für die Gentechnikarbeit ein promovierter Molekularbiologe, der in der Grundlagenforschung selbst gentechnische Methoden angewandt hat. Im Team zum Schutz der Meere arbeitet eine promovierte Meeresbiologin und der Fachmann für Atomkraft ist Kernphysiker, um nur einige Experten zu nennen. Der gute Wille, für die Rettung der Umwelt aktiv zu werden, muss durch Fach- und Methodenkompetenz unterfüttert sein. Ferner gibt es seit 1992 ein von Greenpeace International unterhaltenes Forscherteam, das Science Unit an der Universität Exeter in England, mit derzeit acht Wissenschaftlern. Diese Experten helfen Greenpeace Deutschland zwar nicht bei der Analytik, die unabhängige Labore vornehmen. Aber sie unterstützen bei methodischen Fragen, also dem Design von Untersuchungen und bei der Qualitätskontrolle.

Wissenschaftler im Greenpeace Science Lab in Exeter analysieren verschiedene Produkte auf Mikropartikel, die in Kosmetikprodukten weit verbreitet sind.

Sich der Debatte stellen

Schließlich suchen die Greenpeace-Experten auch den Austausch und die Debatte auf wissenschaftlichen Konferenzen und Fachtagungen. Denn nur wer sich der Auseinandersetzung stellt, wird auch öffentliche Anerkennung seiner Ergebnisse finden. 2016 befasste sich beispielsweise das International Symposium on Halogenated Persistent Organic Pollutants (POPs) auf seiner jährlichen Fachtagung mit den Greenpeace-Befunden zur Ausbreitung von umwelt- und gesundheitsschädlichen Chemikalien, die die Hersteller in Outdoorkleidung eingesetzen.

Greenpeace-Chemieexperten wollten auf die Ausbreitung der in der Textilproduktion eingesetzten per- und polyfluorierten Kohlenwasserstoffe aufmerksam machen. Diese Stoffe können das Immunsystem und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und zu Schilddrüsenerkrankungen führen. Das Greenpeace-Team hat in entlegenen Regionen wie der Hohen Tatra in der Slowakei, in den Goldenen Bergen des Altai in Russland oder in den Schweizer Alpen Proben genommen und untersucht. Dass Greenpeace die erschreckenden Ergebnisse zur Ausbreitung der Stoffe in einem eigenen Report veröffentlich hat, ist eine Sache. Für die Wirkung auf die Hersteller ist es aber auch entscheidend, dass sich die Wissenschaft für die Befunde interessiert und sie methodisch unangreifbar findet. Denn Glaubwürdigkeitszuschreibung funktioniert bekanntlich weniger über die Beteuerungen des jeweiligen Akteurs, sondern über anerkannte Systeme der Qualitätssicherung, wie sie die Wissenschaft entwickelt hat.

Greenpeace testet die Luft in einem geschlossenen Raum, der mit Outdoor-Kleidung und Ausrüstung verschiedener Hersteller gefüllt ist. Zwei Messgeräte sammeln und messen die PFC-Mengen in der Luft.

Den wissenschaftlichen Regeln verpflichtet

Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass man durch anerkannte Arbeitsmethoden diejenigen überzeugt, die ohnehin jede Meinung, die von ihrer eigenen abweicht,  als Fake News abqualifizieren, wie von Donald Trump praktiziert. Sonst müssten die Wissenschaftler ja nicht für die eigene Sache auf die Straße gehen, wie beim March for Science gerade geschehen. Es reicht also offensichtlich nicht, anhand wissenschaftlicher Methoden Fakten zu präsentieren, um Menschen zu überzeugen. Denn ob Fakten eine Wirkung entfalten, ist von vielen weiteren Einflüssen abhängig, seien es die individuellen Interessen und die politische Orientierung, das Werteumfeld, in dem sich jemand bewegt oder auch die emotionale Bedeutung einer Information. Auch ist es eine zweite Frage, welche politischen Schlüsse man aus wissenschaftlichen Erkenntnissen zieht: Findet man z.B. eine bestimmte Risikotechnologie tragbar oder in ihren möglichen Umweltfolgen - wie bei der Atomkraft - zu gravierend, um mit diesem Risiko als Gesellschaft zu leben? Doch bevor diese weiterreichenden Überlegungen ins Spiel kommen, muss zunächst eine Grundvoraussetzung geklärt sein: Jede Gesellschaft braucht ein von persönlichen Überzeugungen unabhängiges Instrumentarium, um sich auf Fakten zu verständigen. Dafür bietet die Wissenschaft bewährte Regeln, denen sich Greenpeace strikt verpflichtet fühlt.

 

Manfred Redelfs

 

Zur Person:
Dr. Manfred Redelfs leitet die Rechercheabteilung von Greenpeace Deutschland. Er hat in Hamburg, Washington, Berkeley und Oxford Politikwissenschaft und Journalistik studiert, über investigativen Journalismus in den USA promoviert und ist nach einer Ausbildung zum Hörfunk- und Fernsehjournalisten beim NDR sowie einigen Jahren journalistischer Arbeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu Greenpeace gewechselt. Neben seiner Tätigkeit für Greenpeace ist er als freiberuflicher Recherchetrainer tätig und hat Professuren an den Universitäten Hamburg (in Politikwissenschaft) und Leipzig (in Journalistik) vertreten. Ehrenamtlich engagiert er sich seit 16 Jahren im Vorstand der Journalistenorganisation Netzwerk Recherche.

 

Vgl. als ausführlicheren Text zur Arbeit der Recherche bei Greenpeace:
https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/Redelfs_GP-Recherche-nr2012_0.pdf

Format
Analyse

Manfred Redelfs

Dr. Manfred Redelfs leitet die Rechercheabteilung von Greenpeace Deutschland.


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Als jetzt 74-jähriger "analoger" Automatisierungstechniker habe ich gelernt nicht alles zu glauben. Unabhängig von der Gesellschaftsordnung ist die Unwarheit ein
Fake News als Totschlagargument – eine Herausforderung auch für NGOs

Als jetzt 74-jähriger "analoger" Automatisierungstechniker habe ich gelernt nicht alles zu glauben. Unabhängig von der Gesellschaftsordnung ist die einfache Behauptung ein beliebtes Mittel. Aber gefährlicher ist das bewusste "Aufsaugen" bequemer Unwahrheiten. Dies wird gern getan, da geistige Anstrengungen sehr unbequem sind. Bevor ich Greenpeace'r wurde erkundigte ich mich über diese NGO so gründlich es mir möglich war (man bezeichnet mich oft als Perfektionist). Das Ergebnis ist für mich: Greenpeace ein ist ehrlicher, unbestechlicher und wissenschaftlich fundierter Anwalt unserer Erde.
Mein Argument : Wir haben so viele Kritiker, dass jeder kleinste Fehler sofort aufkommt und wer seine Gesundheit für den Erhalt unserer Erde bereit ist zu geben, der hat keine egoistischen Vorteile.
Kurz gesagt ich bin stolz dabei zu sein. Danke an die Vorbilder, dass es Greenpeace gibt.
Rolf