Bannern gegen Glyphosat in Berlin
Dirk Zimmermann
09.11.2017

Glyphosat: Ein Pestizid stellt die Systemfrage

Es ist eine gute Nachricht: Die Wiederzulassung des Unkrautvernichters Glyphosat für den Einsatz in der EU ist erneut gescheitert. Eine Zulassung für nochmal 5, 10 oder gar 15 Jahre ist damit in weite Ferne gerückt. Der Widerstand gegen das Pestizid trägt Früchte, immer mehr Staaten lehnen Glyphosat ab.

Anfang vom Ende für Glyphosat?

Wie es jetzt weiter geht, ist noch offen. Die EU-Kommission will zwar die Wiederzulassung, hat aber die Mitgliedsstaaten in die Pflicht genommen, eine Einigung zu finden. Weder für noch gegen Glyphosat gibt es allerdings die notwendige Mehrheit. In Deutschland haben die Grünen den Glyphosat-Ausstieg vor Beginn der Sondierungsgespräche zur Bedingung für ihre Beteiligung an einer Jamaika-Koalition gemacht.

 Menschenbanner auf dem Tempelhofer Feld in Berlin
Mitglieder des NGO-Bündnisses "Stop Glyphosat" bilden ein Menschenbanner auf dem Tempelhofer Feld in Berlin.

Das alles ist viel mehr, als ich noch vor einiger Zeit zu hoffen wagte. Der öffentliche Protest hat ebenso zu der Entwicklung beigetragen wie die WHO-Einschätzung, Glyphosat sei möglicherweise krebserregend, und zuletzt die Enthüllungen um das Bundesinstitut für Risikobewertung, das große Passagen aus dem Zulassungsantrag für Glyphosat eins zu eins in seine Bewertung für die Wiederzulassung übernommen hatte. Erfreulich ist auch, dass sich die Diskussion um Glyphosat nicht mehr nur um die mögliche krebserregende Wirkung dreht, sondern endlich auch die massiven Auswirkungen auf die Artenvielfalt in den Blick nimmt.

Es geht um mehr als nur ein Ackergift

Auf der anderen Seite setzt die Agrarlobby alle Hebel in Bewegung, um eine Wiederzulassung doch noch durchzusetzen. Glyphosat ist nicht nur für Monsanto (bzw. bald Bayer, sollte die Übernahme gelingen) ein wichtiges Produkt im Portfolio der Ackergifte. Auch alle anderen Anbieter von Agrarchemie haben Roundup-Generika im Angebot. Doch für die Agrochemie-Lobby steht derzeit noch viel mehr auf dem Spiel als nur ein Wirkstoff, es geht generell um die Zukunft von Pestziden und Herbiziden und die Frage, wie Felder künftig bestellt werden:

  • Die Landwirtschaft ist (noch) abhängig von Glyphosat. Der Wirkstoff kommt auf etwa 40% der Äcker in Deutschland zum Einsatz.
  • Gleichwertige chemische Alternativen fehlen. Totalherbizide sind rar, der Einsatz von etwa Glufosinat ist in Deutschland längst nicht mehr erlaubt, das Mittel gilt als fortpflanzungsschädigend – dennoch wird es in vielen Teilen der Welt weiterhin eingesetzt.
  • …und ersetzt dort vielfach Glyphosat. Denn: Glyphosat-Resistenzen bei Unkräutern breiten sich rasend schnell aus. In den USA hat der Anbau Glyphosat-resistenter „Roundup-ready“-Gen-Pflanzen das Problem soweit verschärft, dass längst vom "Post-Glyphosate-Zeitalter" die Rede ist. Ein Problem dass im Übrigen mittelfristig auch Europa droht - mit oder ohne Gen-Pflanzen.
  • Ohne Glyphosat (und Glufosinat) bleibt kaum eine Möglichkeit, chemisch „reinen Tisch“ auf dem Acker zu machen. Es bleiben dann nur mechanische Methoden oder Kultur-Maßnahmen  - etwa die Rotation von möglichst unterschiedlichen Feldfrüchten. „Leider“ kann die Agrochemie-Industrie mit diesen Verfahren kein Geld verdienen.
  • Die Entwicklung bzw. Entdeckung neuer Herbizid-Wirkstoffe stockt. Und das seit Jahrzehnten: Neue Mittel sind trotz großen Forschungsaufwandes nicht in Sicht, „Innovationen“ beschränken sich auf neue „Formulierungen“ oder Mischungen von Uralt-Unkrautkillern. Resistenzen nehmen zu – nicht nur gegen Glyphosat.
  • Viele weitere Pestizide mit Zulassung in der EU sind in der Diskussion und müssten bei konsequenter Überprüfung und Anwendung des Vorsorgeprinzips vom Markt verschwinden. Glyphosat könnte erst der Anfang für eine Verbotsserie werden, das dürfte die Agrochemie-Industrie besonders ängstigen.

Was heißt das für die Zukunft der Landwirtschaft?

Ein Milliarden-Geschäft ist bedroht. Aber wird damit auch die Landwirtschaft gefährdet? Die Antwort lautet Nein. Es hat vor Glyphosat erfolgreichen Ackerbau gegeben, es wird ihn auch danach geben. Herbizide steigern Erträge nicht. Landwirte greifen in erster Linie zur Spritze, weil Glyphosat billig und bequem ist. Doch es gibt andere Methoden als Chemie. Die Verfügbarkeit von Glyphosat hat viel zu lange Innovationen verhindert. Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen in den Agrarmedien, als die Einschränkungen des Einsatzes von bienengefährdenden Wirkstoffen (Neonikotinoide) drohten und schließlich beschlossen wurden. Dem Abgesang auf den Raps-Anbau in Deutschland folgten unzählige Anregungen und Ideen, wie es ohne geht. Weiterhin gibt es blühende Rapsfelder in Deutschland. Und hoffentlich bald auch eine Landwirtschaft ohne Glyphosat.

Sollten sich die Interessen der Agrochemie-Lobby auf EU-Ebene am Ende doch durchsetzen und die Zulassung für Glyphosat erneuert oder „technisch verlängert“ (wie vor einem Jahr geschehen) werden, ist es an einer neuen Bundesregierung, dem sogar schon in den ersten Sondierungsgesprächen formulierten Ziel einer die Artenvielfalt schützenden und mit weniger Agrochemie auskommenden Landwirtschaft gerecht zu werden: national kann der Glyphosat-Ausstieg nämlich jederzeit geschehen.

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Analyse

Dirk Zimmermann

Dirk Zimmermann

Dr. Dirk Zimmermann ist Kampaigner im Bereich Nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace Deutschland.


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